rolf fröhlings reisereportagen
Rumänien
VAMPIRE, BÄREN, PELIKANE
- Entdeckungsreise im Reich des Grafen Dracula
Am besten schon mal Knoblauch und Kruzifix bereithalten, denn jetzt geht die Reise ins Reich des Grafen Dracula. Der legendäre Vampir kommt vielen als erstes in den Sinn, wenn das Stichwort Rumänien fällt. Dass er nur eine Romanfigur ist, wird dabei meist vergessen oder verdrängt. Der Mythos des "Untoten" ist nicht totzukriegen, und er wirkt wie ein Magnet auf Touristen aus aller Welt. Deshalb (und nur deshalb) halten die Rumänen ihn in Ehren. Dabei hat ihr Land viel mehr zu bieten als den alten Blutsauger: unter anderem wilde Berglandschaften in den Karpaten, wo sich noch ebenso wilde Bären tummeln; das weite Donaudelta mit Europas größtem Vogelreservat; mittelalterliche, von den Siebenbürger Sachsen geprägte Städte; und nicht zuletzt die Metropole Bukarest, die bei Kulturreisenden längst mehr ist als ein Geheimtipp.
Reportagen (Radio hr4, 27.09.2014; rbb-INFOradio, 01.11.2014; SWR4 RP, 25.07.2021):
DER SCHLUPFWINKEL DES BLUTSAUGERS
Besuch im "Dracula-Schloss" von Bran
Dann begeben wir uns doch mitten hinein in die Höhle des Löwen bzw. das Schloss des Vampirs. Es liegt an einer alten Passstraße über die Karpaten und wurde früher Törzburg genannt, heute Schloss Bran. Die Siebenbürger Sachsen haben die Feste im Mittelalter gebaut, als Zollstation für Kaufleute, die aus der Walachei herüberkamen, um in Kronstadt ihre Waren zu verkaufen. Im Urzustand wies die Törzburg deutliche Ähnlichkeiten mit dem Dracula-Schloss aus Bram Stokers Roman auf. Deshalb sind viele überzeugt, sie habe dem irischen Schriftsteller als Vorbild gedient. Und so ist das transsilvanische Städtchen Bran längst zum Mekka für Dracula-Fans aus aller Welt geworden. In Scharen pilgern sie zu dem vermeintlichen Schlupfwinkel des Blutsaugers, auf der Suche nach dem ultimativen Grusel-Faktor.
Reportage (Radio hr4, 27.09.2014; rbb-INFOradio, 01.11.2014; SWR4 RP, 25.07.2021:)
[Musik: Titelmelodie aus dem Film "Tanz der Vampire"
Von Ferne wirkt Schloss Bran schon ein wenig mystisch, besonders bei Regenwetter, wenn es von tiefhängenden Wolken umhüllt wird. Aber aus der Nähe entpuppt es sich als romantisches Märchenschloss. Vor knapp hundert Jahren wurde die ehemalige Törzburg aus- und umgebaut. Und der Stil trägt unverkennbar eine weibliche Handschrift.
[zum Anhören klicken: O-Ton Tourguide Manuela Fozocos]
"It's actual shape comes from Queen Maria ...
Seine heutige Form erhielt das Schloss unter Königin Maria. Sie war die zweite Königin von Rumänien und verwandelte die alte Burg in eine Residenz, einen Ort, wo sie etwas Ruhe und Frieden finden konnte. Bran wurde zu einer der modernsten Burgen in Europa mit elektrischem Strom, fließend Wasser und Heizung – obwohl die Heizung selten benutzt wurde, weil es eine Sommerresidenz war.
... it was a summer residence."
Manuela, unser Tourguide, ist nur eine von vielen, die an diesem Vormittag Besuchergruppen durch das historische Gemäuer führen. Die Touristenmassen kommen vor allem aus den USA, aus Fernost und aus Russland. Aber statt Särgen mit schlafenden Vampiren kriegen sie die rustikal eingerichteten Wohnräume der königlichen Familie zu sehen. Ein klein wenig Grusel vermittelt allenfalls der dunkle Geheimgang, in dem Geisterforscher eine "energetische Präsenz" gemessen haben sollen.
[O-Ton Manuela Fozocos:]
"Evidence for ghosts, not necessarily ...
Ein Beweis für Geister, nicht unbedingt für Vampire. Es könnten Vampire sein, es könnte Königin Marias Geist sein, es könnte alles Mögliche sein. Eine energetische Präsenz eben – das kann alles bedeuten.
... that could mean everything."
Vielleicht war es ja der Geist von Vlad III. Drăculea. Dieser grausame Herrscher hat seine Feinde gepfählt und qualvoll verbluten lassen. Bram Stoker, heißt es, hatte ihn im Sinn, als er die Figur des Grafen Dracula erfand. Und eine historische Quelle besagt, dass er zumindest einmal auf der Törzburg übernachtet hat.
[(O-Ton Manuela Fozocos:]
"Vlad the Impaler came here often ...
Vlad der Pfähler kam oft hier in die Gegend, um sein Heer zu organisieren, wenn Feinde versuchten in sein Land einzudringen. Er hat auf der Burg Station gemacht, aber niemals hier gelebt.
... but he never lived here."
Warum sie Bram Stoker trotzdem als Schauplatz seines Dracula-Romans gewählt hat – und ob überhaupt – kann Manuela nicht beantworten. Es sei sogar unklar, ob der Autor jemals Transsilvanien besucht hat und die Törzburg aus eigener Anschauung kannte.
[O-Ton Manuela Fozocos:]
"But in my personal opinion ...
Aber nach meiner persönlichen Meinung muss er hier gewesen sein, weil er die Gegend so genau beschrieben hat; er muss davon inspiriert worden sein. Es gibt einfach zu viele Ähnlichkeiten mit dem echten Transsilvanien. Dass er der Realität so nahe gekommen ist, kann kein Zufall sein.
... to coincide the reality so much."
Auch Erzählungen über Vampire könnte Stoker hier aufgeschnappt haben. Der Glaube daran sei sogar heute noch weit verbreitet, sagt Manuela. Vor allem wenn ein paar Alte nachts zusammen am Feuer säßen, machten derlei Gruselgeschichten die Runde.
Schloss Bran aber scheint dafür nicht der richtige Ort. Wirklich gruselig sind hier nur die vielen Dracula-Souvenirstände hinter dem Ausgang.
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DIE HERRIN AUF DEM "DRACULA-SCHLOSS"
- wer genau war Königin Maria?
Auf den Bildern, die im Schloss Bran hängen, sieht sie sehr hübsch aus, zart und anmutig. Und ausgerechnet dieses reizende Geschöpf hat den Schlupfwinkel des Blutsaugers Dracula zu seinem Sommersitz erkoren, könnte man verwundert sagen. Mutig, mutig! Doch als Königin Maria 1920 die Törzburg von der Stadt Kronstadt geschenkt bekam, brachte noch niemand das alte Gemäuer mit dem "König der Vampire" in Verbindung. Der Hype um das angebliche "Dracula-Schloss" ist erst wenige Jahrzehnte alt. Zu Marias Lebzeiten war es einfach eine in die Jahre gekommene Zollburg, die sie vielleicht sogar ein bisschen an ein verwunschenes Dornröschen-Schloss erinnerte. Ob die Königin allerdings Grimms Märchen gelesen hatte, ist leider nicht überliefert. Unbedingt voraussetzen muss man es nicht. Bei ihrer Hochzeit mit dem damaligen Kronprinzen Ferdinand, 1893, war sie zwar offiziell eine Prinzessin von Sachsen-Coburg-Gotha, aber dennoch keine "richtige" Deutsche.
Als Enkelin von Königin Victoria wurde sie 1875 in Großbritannien geboren und wuchs in Malta auf. Ihrem Vater Alfred, zweitgeborener Sohn der Queen und des deutschen Prinzgemahls Albert, war erst kurz zuvor die Coburger Herzogswürde von seinem verstorbenen Onkel zugefallen. Ein "richtiger" Deutscher war dafür ihr Bräutigam, der rumänische Kronprinz und spätere König Ferdinand I. Er stammte wie schon sein Adoptivvater Karl I. aus dem Fürstenhause Hohenzollern-Sigmaringen (siehe dazu auch meine Reportage "Die junge Donau 1"). Maria mochte ihn nicht und soll sich sogar vor ihm geekelt haben. Bei vier ihrer sechs Kinder wird die Vaterschaft Ferdinands angezweifelt. In ihrer Ehe war sie es offenbar, die die Hosen anhatte. So wird auch vermutet, dass Maria die Hände im Spiel hatte, als König Ferdinand im Ersten Weltkrieg – seiner deutschen Herkunft zum Trotz – Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Rumänien jedenfalls gehörte am Ende zu den Siegern und konnte sein Staatsgebiet deutlich ausweiten. Ungarn musste Siebenbürgen an das Nachbarland abtreten, auch Kronstadt und die Törzburg wurden damit rumänisch. Nur deshalb konnte Königin Maria Herrin auf Schloss Bran werden. Nach dem Umbau wurde es zu ihrem liebsten Aufenthaltsort bis zu ihrem Tod 1938. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der kommunistischen Machtübernahme ging das Schloss in den Besitz des rumänischen Staates über. Heute (2014) gehört es Marias Enkel Dominic Habsburg, der 2009 das Museum eröffnete und Schloss Bran damit der Öffentlichkeit zuägnglich machte. Dass die Menschenmassen hauptsächlich wegen Graf Dracula herbeiströmen und nicht wegen seiner royalen Oma, dürfte dem Schlosserben ziemlich egal sein.
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DIE KÖNIGE DER KARPATEN
Bärenbeobachtung in der Nähe von Kronstadt
Vampir-Sichtungen sind wohl meistens auf überschäumende Fantasie oder übermäßigen Alkoholgenuss zurückzuführen, Bären-Sichtungen dagegen sind in Rumänien sehr real und gehören fast schon zum Alltag. Etwa 6.000 Exemplare gibt es nach Schätzungen im Land, die meisten davon in den dichten Wäldern der Karpaten. Manche dringen auch bis an die Ränder der Städte vor und suchen in Mülltonnen nach Nahrung. Wenn also Touristen einen rumänischen Bären sehen möchten, können sie sich hinter einer Mülltonne verstecken und geduldig abwarten – irgendwann kommt vielleicht einer vorbei. Oder sie besuchen einen der Hochstände, die von der Forstverwaltung für die Bärenbeobachtung vorgehalten werden. Allein sieben sind es in der Umgebung von Kronstadt (rumänisch: Braşov). Ganz gefahrlos kann man dort den Königen der Karpaten auf den Pelz rücken. Die Wahrscheinlichkeit Bären zu sichten, liegt bei 99 Prozent, denn die Tiere werden extra für die Touristen angefüttert. Im Mülltonnenversteck ist die Erfolgsquote deutlich geringer.
Reportage (Radio hr4, 27.09.2014; rbb-INFOradio, 01.11.2014; SWR4 RP, 25.07.2021):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Leise, ganz leise, müssen wir sein auf dem Hochstand. Denn Bären sind zwar groß und kräftig, aber sie sind auch sehr scheu. Am besten sie merken gar nicht, dass wir hier sind, meint Katharina Kurmes, eine der besten Bären-Kennerinnen in der Region. Seit vielen Jahren lebt die Siegerländerin im Karpatendorf Măgura, und seit vielen Jahren ist sie fasziniert von den Königen des Waldes:
[O-Ton Katharina Kurmes:]
"Am Anfang war natürlich erst mal ein sehr großer Respekt und auch ein bisschen Angst, vor allem wenn man im Wald Bären begegnet, aber im Lauf der Zeit hab ich gelernt, dass Bären keine aggressiven Tiere sind, im Gegenteil, Bären versuchen Kontakt zu den Menschen zu vermeiden und verschwinden, wenn wir ihnen zu nahe kommen, was eigentlich für die Größe des Tieres ungewöhnlich ist."
Trotzdem müssen wir nicht lange warten, bis Meister Petz sich auf die Lichtung hervorwagt. Vorsichtig blickt er sich um. Dann aber scheint der Duft des Futters doch unwiderstehlich. Und er bleibt nicht der einzige, der sich von Honig, Nüssen und anderen Leckereien verführen lässt. Katharina Kurmes kennt die meisten von ihnen, einige sogar mit Namen.
[O-Ton Katharina Kurmes:]
"Das sind dann manchmal Spitznamen oder nach der Besonderheit, die sie aufweisen, wie zum Beispiel der eine, der eben hier war, der heißt 'Komma', weil er weiße Flecken hat, die wie ein Komma aussehen. Oder einer heißt 'Bärtchen', weil er einen relativ langen Bart unter dem Kinn hat."
Früher, erzählt sie, wurden die Bären auch von diesem Hochstand aus bejagt, dann kämpfte sie zusammen mit anderen Tierschützern dafür, dass statt der Jäger nur noch Touristen herkommen dürfen. Zuerst lachte man sie aus, doch schließlich erkannte die Forstverwaltung, dass mit der Bärenbeobachtung sogar mehr Geld zu verdienen ist als mit der Bärenjagd, und rüstete den Hochstand entsprechend um.
[O-Ton Katharina Kurmes:]
"Wir haben große Fenster, aus denen alle Touristen sehen können, auch fotografieren können, es sind mittlerweile Bänke hier, wie im Theater ansteigend, sodass auch jeder die Chance hat was zu sehen."
Wir kriegen an diesem Abend sogar weit mehr Bären zu sehen als erwartet, insgesamt 13 verschiedene: männliche, weibliche, braune, schwarze, junge und alte. Nur das erklärte Lieblingstier von Katharina Kurmes ist diesmal leider nicht dabei:
[O-Ton Katharina Kurmes:]
"Das ist ein sehr blonder Bär. Der hat so ein schönes Fell, das glänzt immer so schön golden."
Erst als die Nacht hereinbricht und die Futtertröge leergefressen sind, ziehen sich die Könige der Karpaten wieder in die Tiefen des Waldes zurück. Die Faszination, die sie auf Katharina Kurmes ausüben, hat sich längst auf uns übertragen. Und wir können nur hoffen, dass die Bären auch anderswo keinem Jäger vor die Flinte laufen.
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Rumänien ist im Vergleich zu Deutschland ein dünn besiedeltes Gebiet mit vielerorts noch intakter Natur. Das gilt nicht nur für die Gebirgswelt der Karpaten, sondern ganz besonders auch für das Donaudelta. Im Grenzgebiet zur Ukraine wurde ein weitläufiges Biosphärenreservat eingerichtet, das größte Vogelschutzgebiet Europas.
Neben den drei Hauptarmen der Donau umfasst das Delta ein Labyrinth von unzähligen kleinen und kleinsten Nebenarmen, Teichen und Seen. Dort brüten Wasservögel aller Art, allein Tausende von Pelikanen. Sie sind sozusagen die Könige des Reservats – und dabei längst nicht so scheu wie die "Könige der Karpaten". Am besten erkundet man das Delta auf einer Bootsfahrt von der Stadt Tulcea aus. Die Palette reicht von mehrstündigen Touren im modernen Schnellboot bis hin zu mehrtägigen Touren im einfachen Fischerkahn. Dann also: Leinen los! Pelikan und Co., sie warten schon.
Reportage (Radio hr4, 27.09.2014; rbb-INFOradio, 01.11.2014; SWR4 RP, 25.07.2021):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Bootsgeräusch]
In gemächlichem Tempo bahnt sich die "Lolita" ihren Weg durch das Gewirr von Wasserstraßen. Als Ortsunkundiger würde man sich hier nie zurechtfinden, aber der Käpt'n kennt den Weg. Vom Motorgeräusch unseres Kutters abgesehen, ist das Delta eine Oase der Ruhe. Damit wir sie genießen können, wird der Motor hin und wieder abgestellt. Dann herrscht um uns herum nur noch Gezwitscher und Gepiepe.
An den schilfgesäumten Ufern entdecken wir Graureiher, Silberreiher und Seidenreiher, Schwärme von Kormoranen fliegen vor uns auf. Das größte Naturschauspiel aber bieten die Pelikane, wenn sie sich majestätisch in die Lüfte erheben. Davon bleibt kein Tour-Teilnehmer unberührt:
[O-Ton Tour-Teilnehmer]
"Mir hat am besten gefallen, dass es so viele Pelikane sind. Ich mein', man kann in den Zoo gehen, da sieht man vielleicht zwei, drei Pelikane, aber hier hat es Hunderte, und diese ganzen Geräusche, dieses Flattern, das ist ganz eindrücklich."
Die Pelikane lassen sich von uns menschlichen Eindringlingen nicht weiter stören. Weder von den vielen Touristen noch von den vielen Anglern. Sie fühlen sich hier augenscheinlich wohl. Und Vasile Folea, unser Kapitän, hat dafür eine ganz einfache Erklärung:
[O-Ton Vasile Folea, rumänisch:]
Sie genießen die Freiheit hier, sagt er. Es gibt genug Futter, ein Überangebot von Fischen. Außerdem sind sie hier im Reservat sicher. Drüben, in der Ukraine, werden sie gejagt. Die Fischer sehen die Pelikane als Konkurrenz an und schießen auf sie. Nur hier auf der rumänischen Seite sind sie sicher.
Fische gibt es schließlich genug im Delta. Da besteht kein Anlass für gegenseitigen Futterneid. Und so treffen wir Pelikane sogar in unmittelbarer Nähe eines der wenigen Dörfer. Es ist nur mit dem Boot zu erreichen, und es hat nicht mal einen richtigen Namen. "Mila Douăzeci şi trei" wird es genannt – nach der Flussmeile 23.
Hier übernachten wir in einer kleinen Pension. Zum Abendessen gibt es Donaukarpfen, direkt von der Angel frisch auf den Tisch.
[O-Ton Anişoara Chitai, rumänisch:]
In jeder Familie gibt es einen Fischer, erzählt Anişoara Chitai, unsere Wirtin, drum wird viel Fisch gegessen. Das Leben hier draußen ist zwar manchmal etwas einsam, aber ich bin hier geboren, und ich mag dieses Leben. Ich würde nie in eine Großstadt wie Bukarest ziehen. Hier ist es super okay.
Zwar haben auch in der Abgeschiedenheit des Deltas moderne Errungenschaften wie Internet und Flachbildfernseher Einzug gehalten, dennoch leben die Bewohner im Einklang mit der Natur. Und selbst wenn ihnen die Pelikane manchen Fisch vor der Nase wegschnappen, so haben die meisten doch erkannt, dass die Vögel ihnen am Ende mehr nützen als schaden.
[Atmo: Vogelstimmen]
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Video:
Vogelwelt im Donaudelta
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DAS KULTURERBE DER SACHSEN
Führung durch das Zentrum von Hermannstadt
Der hierzulande wohl bekannteste Siebenbürger Sachse ist Peter Maffay. Als Kind wanderte er mit seinen Eltern nach Deutschland aus. Von den ehemals rund 300.000 Sachsen sind nur etwa 20.000 in Rumänien geblieben. Ihre Vorfahren wurden im 12. Jahrhundert vom ungarischen König angeworben, um das Land im Karpatenbogen zu kultivieren. Die Siedler, die mehrheitlich gar nicht aus Sachsen kamen, sondern aus dem moselfränkischen Raum, gründeten Städte und Dörfer, bauten Burgen und Kirchen, drückten der Region bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts ihren kulturellen Stempel auf. Erst in der Folge des Zweiten Weltkriegs wurden die Siebenbürger Sachsen systematisch verschleppt, vertrieben, an den (west-)deutschen Staat verkauft. Der überwiegende Rest verließ Rumänien nach dem Sturz des kommunistischen Regimes 1989.
Die wenigen Verbliebenen jedoch erfahren in jüngster Zeit zunehmende Wertschätzung. So führt die Stadt Sibiu neben dem rumänischen auch wieder ganz offiziell ihren deutschen Namen Hermannstadt. Das Kulturerbe der Siebenbürger Sachsen wird mit Hingabe gepflegt. Und so gibt es natürlich auch Stadtführungen in deutscher Sprache.
Reportage (Radio hr4, 27.09.2014; SWR4 RP, 25.07.2021:)
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
"Erstmal herzlich willkommen in Hermannstadt. Mein Name ist Mihai Haşegan." – "Wie bitte?" – "Mihai Haşegan." – "Michael." – "Michael auf Deutsch, genau."
Nein, unser junger Stadtführer ist zur Überraschung vieler Teilnehmer kein Siebenbürger Sachse, sondern ein Rumäne, der das deutschsprachige Gymnasium besucht hat, eine der ältesten Schulen in Siebenbürgen. Sie wurde 1380 gegründet, liegt gleich gegenüber der evangelischen Kirche und gilt heute als Elitegymnasium.
[O-Ton Mihai Haşegan:]
"Es ist wie gesagt eine Schule in deutscher Sprache, in der Sprache der deutschen Minderheit, eine Schule mit sehr viel Tradition, die Schüler sind zu 99 Prozent Rumänen, die dann die deutsche Sprache als Muttersprache lernen, man organisiert jedes Jahr noch das jährliche Fasching, man hat ein Jahrbuch, man hat viele Traditionen, die man dann weiterführt in der Zukunft."
Damit die Eliteschüler nach dem Abitur nicht ins Ausland abwandern, versucht die Stadt ihnen eine Perspektive zu bieten. Vor allem durch die Förderung des Tourismus. So ist der historische Kern um den Großen und Kleinen Ring aufwändig saniert worden: das Rathaus, die katholische Pfarrkirche und der Brukenthal-Palast erstrahlen wieder in barockem Glanz. Auch an Hotels und Restaurants herrscht kein Mangel mehr.
[O-Ton Mihai Haşegan:]
"Vor zehn Jahren konnten Sie auf diesem Ring nicht so einen Cappuccino trinken, also heute hat man Caféhäuser, die auch Geld in die Stadt bringen. Das ist das alte Konzept von Cäsar, Brot und Spiele für die Leute, nur ein bisschen umgewandelt. Man versucht durch Spiele Brot für die Leute zu schaffen."
Zum Thema Spiele passt auch das internationale Theaterfestival im Frühsommer. Es lockt Tausende von Besuchern an und unterstreicht die kulturellen Ambitionen der Stadtväter.
[O-Ton Mihai Haşegan:]
"2007 wurde Hermannstadt Kulturhauptstadt Europas, und das war dann so ein wichtiges Ereignis unserer Stadt. Wir haben unseren Bürgermeister, der ist jetzt vorbeigegangen, der Herr Klaus Johannis, er überquert jetzt den Platz, und ja, er hat sehr viel mitgemacht in dieser Kulturhauptstadt, der Motor der Entwicklung würd' ich sagen."
Und dieser deutschstämmige "Motor" weiß seine Hermannstädter hinter sich, auch die rumänische Mehrheit. Dass er und sein Stadtrat das sächsische Erbe so stark betonen, stört kaum jemanden – und die zahlenden Gäste aus Deutschland sowieso nicht:
[O-Töne Touristen:]
"Mir gefällt es einfach, dieses Ensemble, wie das wiederaufgebaut ist, mir gefällt es einfach. Und es ist ja doch auch ein Stück deutsche Kultur, die da noch festgehalten wird irgendwie."
"Viele alte Bausubstanz, freundliche Aufnahme, die Leute sind liberal in unserem Sinne, also man kann sich hier wohlfühlen."
"Es gibt hübsche kleine Restaurants, und ja, eine alte Stadt, die man gerne besucht."
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VOM STADTOBERHAUPT ZUM STAATSOBERHAUPT
- die erstaunliche Karriere des Klaus Johannis
Einer nationalen Minderheit anzugehören, bedeutet nicht zwangsläufig im politischen und gesellschaftlichen Abseits zu stehen. Bestes Beispiel dafür ist der Deutschstämmige Klaus Johannis, bei meinem Besuch im Juni 2014 noch Bürgermeister von Hermannstadt/Sibiu, seit November 2014 Präsident von Rumänien. Der Siebenbürger Sachse schaffte, was kaum einer für möglich gehalten hatte, und gewann die Stichwahl gegen den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Victor Ponta, der im ersten Wahlgang noch einen deutlichen Vorsprung gehabt hatte.
Johannis wurde am 13. Juni 1959 in Hermannstadt geboren. Sein Vater Gustav Heinz war Techniker, seine Mutter Susanne Krankenschwester. Angeblich waren die deutschen Vorfahren der Familie vor 850 Jahren nach Siebenbürgen eingewandert. Der junge Klaus studierte Physik und unterrichtete anschließend an verschiedenen Schulen in Hermannstadt, u.a. am Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium. Nach der rumänischen Revolution 1989 wanderten seine Eltern und seine Schwester nach Deutschland aus, er selbst blieb und trat in das neugegründete "Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien" ein, die politische Vertretung der deutschen Minderheit.
Im Jahr 2000 stellte ihn seine Partei als Bürgermeisterkandidaten auf, und obwohl die deutsche Minderheit in Hermannstadt nur noch zwei Prozent (!) der Bevölkerung ausmachte, wurde er mit 69 Prozent (!) der Stimmen gewählt. Bei seiner Wiederwahl vier Jahre später erhielt er sogar fast 89 Prozent (!). Im Stadtrat arbeitete Johannis mit den Sozialdemokraten zusammen. Er sorgte für wirtschaftlichen Aufschwung, indem er Kontakte zu Investoren aus dem deutschsprachigen Raum knüpfte, und erreichte, dass Hermannstadt 2007 Kulturhauptstadt Europas wurde.
Der Erfolg, den Klaus Johannis in seiner Heimatstadt hatte, führte schließlich dazu, dass ihn das Parteienbündnis Christlich-liberale Allianz als Kandidaten für die rumänische Präsidentschaftswahl 2014 nominierte. Der Wahlkampf glich einer Schlammschlacht: Seine Gegner warfen ihm vor, er habe auf betrügerische Weise Immobilien erworben und öffentliche Gelder veruntreut. Es hieß sogar, er habe Kinder an ausländische Organhändler verkauft. Am Ende überzeugte er dennoch die rumänische Wählerschaft.
Als Präsident kämpfte Johannis vor allem gegen die Korruption in seinem Land und legte sich dabei mehrfach mit der Regierung von Ministerpräsident Grindeanu an. Sie wollte 2017 das Antikorruptionsgesetz ändern und eine Amnestie für kleinere Verstöße durchsetzen (wohl um einen Parteigenossen vor Strafverfolgung zu schützen). Johannis schloss sich sogar öffentlichkeitswirksam einem Protestmarsch gegen die Pläne der Regierung an.
Im November 2019 trat der ehemalige Bürgermeister von Hermannstadt erneut bei der Präsidentschaftswahl an und war erneut erfolgreich. Diesmal setzte er sich in einer Stichwahl gegen die Sozialdemokratin Viorica Dăncilă durch.
[Quelle: Wikipedia]
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DAS MONUMENT DES GRÖSSENWAHNS
Rundgang im Parlamentspalast von Bukarest
Die rumänische Hauptstadt schmückt sich gerne mit dem wohlklingenden Beinamen "Paris des Balkans". Tatsächlich gibt es in Bukarest einen Triumphbogen, einen nach Charles de Gaulle benannten Platz (wenn auch an unterschiedlichen Orten) und viele breite Boulevards, die schon ein wenig an die Weltmetropole Paris erinnern – allen voran der Boulevard Unirii, der an Länge sogar die Avenue des Champs-Elysées übertrifft. Rumäniens kommunistischer Diktator Nicolae Ceauşescu liebte es protzig. Und so ließ er am westlichen Ende des Boulevards einen neoklassizistischen Palast errichten, der als zweitgrößtes Verwaltungsgebäude der Welt gilt und nur vom Pentagon in Washington übertroffen wird. Seine Maße: 275 m lang, 235 m breit, eine Grundfläche von 65.000 qm (das sind etwa 9 Fußballfelder). Ceauşescu selbst ist längst Geschichte, aber das Monument seines Größenwahns hat ihn überdauert. Heute beherbergt es beide Kammern des Parlaments, Museen und Konferenzsäle. Zumindest Teile des Palasts können bei einem Rundgang besichtigt werden.
Reportage (Radio hr4, 27.09.2014; rbb-INFOradio, 01.11.2014; SWR4 RP, 25.07.2021:)
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Am Eingang gibt es Gepäckkontrollen wie am Flughafen. Es könnte ja sein, dass jemand den Protzpalast in die Luft sprengen will. Nicht auszudenken! Dabei gab es 1989, nach der rumänischen Revolution, Überlegungen, genau das zu tun. Ganz offiziell. Dann aber besann man sich doch eines besseren. Schließlich hatte der Bau schon Milliarden verschlungen und war noch nicht mal ganz beendet, erzählt Palastführerin Elena Corina.
[O-Ton Elena Corina:]
"You've probably heard that this building ...
Sie haben sicher schon gehört, dass dieses Gebäude auf Verlangen von Nicolae Ceauşescu gebaut wurde. Er kam nicht mehr dazu es zu benutzen oder im vollendeten Zustand zu sehen. Die Bauarbeiten begannen 1984, und es wurde zehn Jahre später fertiggestellt. Um in so kurzer Zeit fertig zu werden, brauchten sie ein Team von 20.000 Arbeitern, die in drei Schichten 24 Stunden am Tag beschäftigt waren. Und sie hatten ein Team von 700 Architekten unter der Leitung von Anca Petrescu. Sie war erst 28 Jahre alt, als sie mit dem Projekt begann.
... when she started this project."
Und die junge Architektin folgte dem Prinzip: nicht kleckern, sondern klotzen. Geld spielte offenbar keine Rolle. Leuchtendes Beispiel dafür die 270 Kronleuchter. Der größte hängt im hauseigenen Theatersaal.
[O-Ton Elena Corina:]
"It weighs about five tons ...
Er wiegt ungefähr fünf Tonnen. Er besteht aus natürlichem Kristall aus der rumänischen Stadt Mediaş – wie überhaupt 99 % aller Materialien in diesem Palast aus dem Land selbst stammen. Das war die Bedingung: nur rumänische Materialien und nur rumänische Arbeiter.
... Romanian materials and Romanian workers."
Ceauşescus Vorbild für sein Bauprojekt war der Präsidentenpalast in Nordkorea. Aber es sollte noch größer und schöner werden. Drum machte er es zur Chefsache und achtete peinlich genau darauf, dass alles seinen Vorstellungen gemäß ausgeführt wurde
[O-Ton Elena Corina:]
"It is said that this pair of staircases ...
Man sagt, dass diese beiden Treppen sieben Mal neu gebaut wurden, weil sie Ceauşescu nicht gefielen. Ich weiß nicht sicher, ob das stimmt, aber ich kann es mir vorstellen, weil Ceauşescu die Bauarbeiten überwachte, und wenn ihm etwas nicht gefiel, wies er die Architekten an, es wieder abzureißen.
... to erase everything that they've done."
In der Heimat von Graf Dracula empfanden viele Rumänen ihren Diktator als den wahren Blutsauger. Das sündhaft teure Monument seines Größenwahns stand jedenfalls im krassen Gegensatz zum Lebensstandard seiner Untertanen.
[O-Ton Elena Corina:]
"People were kind of starving ...
Die Menschen mussten hungern – oder nicht wirklich hungern, aber es herrschte große Armut im Land. Deshalb waren sie wohl nicht sehr glücklich damit, was hier passierte. Dabei waren sie schon informiert, weil natürlich viele Menschen hier arbeiteten, da kann man schon annehmen, dass sie es wussten.
... you can assume that they knew about it."
Doch damals wagte keiner dagegen aufzubegehren. Und heute sind die meisten Bukarester sogar ein bisschen stolz auf ihren Parlamentspalast. Immerhin hat er es ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Am Ende unseres Rundgangs können wir das sogar irgendwie verstehen. Elena Corina hat ihren Anteil dazu beigetragen:
[O-Ton Elena Corina:]
"If you feel a little bit tired ...
Wenn Sie ein bisschen müde sind, sollten Sie bedenken, dass Sie anderthalb km gelaufen sind. Dabei haben Sie nur 5 % des Gebäudes gesehen. Da können Sie sich vorstellen, wie groß es ist. Danke für Ihre Aufmerksamkeit., Ich hoffe, die Tour hat Ihnen Spaß gemacht, und vielleicht kommen Sie ja wieder.
... enjoyed the tour and maybe you'll come back again."
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