rolf fröhlings reisereportagen
Ruanda
SANFTE RIESEN, SANFTER TOURISMUS
- Gorillas und mehr im Osten Afrikas
"Ein Land, wo Milch und Honig fließt, wo Vieh- und Bienenzucht blüht und der kultivierte Boden reiche Erträge bringt. Ein Bergland, dicht bewohnt, von hoher landschaftlicher Schönheit, mit unvergleichlich frischem und gesundem Klima." – So schilderte Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg bei seiner Expedition 1909 das damalige Königreich Ruanda, Teil der deutschen Kolonie Ostafrika.
Die Beschreibung des Herzogs trifft großenteils noch heute, ein Jahrhundert später, zu. Milch und Honig fließen zwar nicht mehr so reichlich – das "Land der tausend Hügel" gehört zu den ärmsten Nationen des schwarzen Kontinents – aber die dichte Besiedlung, die schöne Landschaft und das gesunde Klima blieben erhalten. Deshalb versucht die ruandische Regierung zunehmend Touristen ins Land zu holen, um es aus der Armut herauszuführen. Als größte Attraktion gelten die in der Welt einzigartigen Berggorillas, die von der amerikanischen Forscherin Dian Fossey liebevoll als "sanfte Riesen" bezeichnet (und übrigens auch von einem Deutschen, Friedrich Robert von Beringe, 1902 als bis dahin unbekannte Spezies entdeckt) wurden. Im Park der Vulkane, wo die Menschenaffen beheimatet sind, wird seit Jahren ein sanfter Tourismus betrieben, von dem Menschen wie Affen gleichermaßen profitiert haben. Das bewährte Konzept "Klasse statt Masse" soll Vorbild sein für die touristische Erschließung auch anderer Regionen dieses kleinen, aber feinen, afrikanischen Landes.
Reportagen (SWR4 RP, 20.11.2009; hr4, 12.06.2010):
Die amerikanische Primatenforscherin Dian Fossey wird sich vermutlich im Grabe umdrehen angesichts der Touristen in "ihrem" Gorilla-Revier. Fast zwei Jahrzehnte lang hat sie die "sanften Riesen" im Gebiet der Virunga-Vulkane beobachtet und ihr Verhalten studiert, ehe sie 1985 von Unbekannten ermordet wurde. Nicht zuletzt ihrem unerschrockenen Einsatz gegen Wilddiebe ist es zu verdanken, dass die Berggorillas in der Grenzregion Ruanda/Kongo/Uganda nicht weiter dezimiert oder sogar ganz ausgerottet wurden. Doch zeitlebens versuchte Dian Fossey jegliches Gorilla Watching im Volcanoes National Park von Ruanda zu verhindern. Diesen Kampf hat sie verloren. Heute erhalten sieben der fünfzehn Gorilla-Familien täglich Besuch von Touristen – und das trotz des astronomischen Eintrittsgeldes von 500 US-Dollar! Für die Begegnungen zwischen Menschen und Menschenaffen gelten allerdings strenge Regeln. Nur maximal acht Personen sind zugelassen, und die dürfen höchstens eine Stunde lang die Gorillas beobachten. Fosseys Befürchtungen zum Trotz, die Tiere könnten Schaden nehmen, ist deren Zahl von weniger als 200 auf rund 300 gestiegen. Die Wilderei dagegen ging stark zurück, weil für den Tourismus die Patrouillen verstärkt und für die Anwohner des Nationalparks neue Einnahmequellen erschlossen wurden. Zudem wächst mit jedem Besucher die weltweite Lobby für die "sanften Riesen". Denn der ungeheuren Faszination, die von diesen engen Verwandten des Menschen ausgeht, kann sich keiner entziehen. Sie sind eben affengeil!
Reportagen (SWR4 RP, 20.11.2009; hr4, 12.06.2010):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo-Ton Oliver Nzabonimana:]
"When we stay with the gorillas … for our safety."
Oliver Nzabonimana, unser Guide, gibt noch letzte Verhaltensregeln bekannt, bevor wir zu unserer Wanderung aufbrechen: Wenn wir bei den Gorillas sind, sollen wir leise sein und als Gruppe immer zusammen bleiben zu unserer eigenen Sicherheit.
Dann bahnen sich die beiden Spurenleser mit ihren Macheten den Weg durch das dichte Gestrüpp am Vulkan Sabyinyo. Oliver, sein Kollege Placide und wir fünf Touristen folgen ihnen vorsichtig. Eine Gorilla-Wanderung kann bis zu mehreren Stunden dauern, weil die Tiere täglich ihren Standort wechseln. Aber wir haben großes Glück – schon nach fünf Minuten entdecken wir ein braunes Häufchen – frischer Gorilla-Kot. Sie sind also ganz in der Nähe. Und kurz darauf hören wir ein Rascheln im Gebüsch.
[Atmo: Grunzen]
Ein Spurenleser ahmt das wohlige Grunzen der Gorillas nach, gibt ihnen so zu verstehen, dass wir in friedlicher Absicht kommen. Und schon streckt der erste seinen Kopf durch das Geäst. Wir halten den Atem an, aber Angst haben wir keine.
[O-Töne Touristen:]
"No, not yet, just thrilled."
"Not at all, oh, it’s wonderful."
[O-Ton Oliver Nzabonimana:]
"This is one of the juvenile …
Das ist einer von den Jugendlichen. Sein Name bedeutet übersetzt 'Vision' und er ist fünf Jahre alt. Vom Charakter her ist er sehr verspielt, entspannt, er benimmt sich ordentlich.
… and he’s behaving well."
Nach und nach lassen sich immer mehr Familienmitglieder blicken – ein Baby, seine Mutter und schließlich der Patriarch, der so genannte Silberrücken.
[O-Ton Oliver Nzabonimara:]
"His name is Gohonda ...
Sein Name ist Gohonda, das bedeutet 'schlagen', weil er als junger Bursche gerne mit den Fäusten auf seine Brust getrommelt hat. Er ist einer der größten Silberrücken im Park, 38 Jahre alt und 220 Kilo schwer.
... and 220 kilos."
Ein schwarzer, haariger Koloss, und doch hat Gohonda nichts von einem Ungeheuer à la King Kong. Ganz friedlich knabbert er an einer Bambusstange und lässt sich dabei von dem Baby die Läuse aus dem Fell picken. Das alles können wir aus kürzester Entfernung miterleben.
[O-Töne Touristen:]
"Es ist sehr phantastisch, ja. Ich seh’s zwar zum zweiten Mal, aber es ist immer wieder sehr, sehr interessant."
"Es is' schon beeindruckend – kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Man muss einfach nur gucken, es is' toll."
Zwei bis drei Jahre, erzählt Oliver, werden die Tiere an den Umgang mit Menschen gewöhnt, erst dann dürfen Touristen in ihre Nähe. Jetzt scheinen sie kaum mehr Notiz von uns zu nehmen, lassen uns als Zaungäste an ihrem Familienleben teilhaben. Doch nach genau sechzig Minuten bläst unser Guide zum Aufbruch, will den Gorillas ihre Mittagsruhe gönnen. Trotzdem finden wir alle, es war die 500 Dollar wert:
[O-Ton Touristin:]
"It was twice that much. It’s magical, very, very emotional, you just want to cry."
Es ist sogar doppelt so viel wert, meint sie. Es war zauberhaft, sehr anrührend, man möchte weinen.
[O-Ton Tourist:]
"Without a doubt and I'm really pleased that we'll be coming tomorrow and we'll have another opportunity."
Zweifellos, sagt er, war es das Geld wert. Und er will sogar am nächsten Tag wiederkommen, um unsere "Verwandten" ein zweites Mal zu besuchen.
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Hinweis:
Nach einem Zeitungsbericht werden die Gorilla-Touren in Ruanda noch einmal teurer. Ab 1. Juni 2012 kosten sie dann 750 US-Dollar pro Person. Als Grund nennen die ruandischen Behörden die Anstrengungen, die das Land für den Schutz der Tiere und der Nationalparks unternimmt. Fünf Prozent der Einnahmen sollen den Dörfern rund um den Nationalpark zugute kommen.
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Video:
Wenn der kleine Hunger kommt – Gorilla knabbert Bambus
Video:
"Müde bin ich, geh' zur Ruh" – Gorilla bettet sich zum Verdauungsnickerchen, aber ein Betthupferl muss sein
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ARTENREICH
die Flora und Fauna im Nyungwe-Nebelwald
Neben dem Park der Vulkane in Nordwesten des Landes hat Ruanda noch zwei weitere Nationalparks zu bieten. Da ist zum einen der Akagera im Nordosten, am gleichnamigen Quellfluss des Nils gelegen. Dort gibt es natürlich Nilpferde, dazu typische Savannentiere wie Giraffen, Zebras und Antilopen; sogar Löwen wurden schon gesichtet. Insgesamt aber steht der relativ kleine Akagera N.P. etwas im Schatten der großen Tierreservate in den Nachbarländern wie etwa der Serengeti in Tansania. Ruandas dritter Nationalpark, der Nyungwe im Südwesten, ist zwar nicht größer als der Akagera, aber dafür als Bergnebelwald wegen seines Artenreichtums im östlichen Afrika einmalig. Im Nyungwe N.P. leben allein 75 Säugetierarten, 275 Vogelarten und mehr als 1.500 Pflanzenarten, darunter an die 200 verschiedene Orchideen. Viele davon findet man nirgendwo sonst auf der Welt.
Reportage (Radio hr4, 12.06.2010):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Eberhard Fischer ist der "Herr der Orchideen" im Nyungwe-Nationalpark, ein – im positivsten Sinne – verrückter Professor aus Koblenz. Der Biologe begleitet unsere Reisegruppe bei einer Wanderung durch den Nebelwald. Auf dem schmalen Pfad zum Wasserfall Kamiranzovu bleibt er immer wieder stehen und deutet auf ein zartes Pflänzchen, das wir ohne ihn glatt übersehen hätten.
[Ton Eberhard Fischer:]
"Wir haben hier rangeris muscicula, eine von Nachtfaltern bestäubte Orchidee, die typisch als Epiphyt hier in Ostafrika weit verbreitet ist. Man sieht also hier die Blüten mit dem langen Sporn, und nachts gehen die Nachtfalter dort hin und trinken mit Hilfe ihres Rüssels aus dem Sporn den Nektar, der sich am Ende des Sporns befindet."
Seit einem Vierteljahrhundert durchstreift Professor Fischer den Bergnebelwald auf der Suche nach immer neuen Arten. Allein zwölf Orchideen-Weltneuheiten hat er bereits entdeckt. Für ein solches Exemplar bringt er nun eigens ein Hinweisschild an.
"Hier auf diesem Baum ist das einzige Vorkommen einer Orchidee, 'liparis harketii', die wir 2007 entdeckt und beschrieben haben und die bisher eben außerhalb des Nyungwe und außerhalb dieses Baumes noch nicht gefunden wurde. Deshalb also das Schild, um hier zu dokumentieren, dass hier eine Besonderheit wächst."
Was der Botanik-Freak dezent verschweigt – das Blümelein wurde auch nach seinen Entdeckern benannt: Liparis harketii heißt nämlich mit vollem Namen liparis harketii Killmann & E. Fischer. Ehre, wem Ehre gebührt!
Die Begeisterung des Professors ist aber nicht auf Orchideen beschränkt, der gesamte Pflanzenreichtum des Nyungwe hat es ihm angetan.
[O-Ton Eberhard Fischer:]
"Hier, ich hab' jetzt mal überschlagen, sind etwa fünf verschiedene Farnarten und sicherlich so fünfzehn bis zwanzig verschiedene Moose drauf, auf diesem Ast nur, der gerade mal nur so drei, vier Meter lang ist. Das ist 'ne ungeheure Vielfalt."
Und bei einer so üppigen Flora will die Fauna natürlich nicht zurückstehen. Auch davon weiß Fischer Erstaunliches zu berichten.
[O-Ton Eberhard Fischer:]
"Der Nyungwe-Wald ist afrikaweit berühmt für die Anzahl von Primatenarten – dreizehn Primatenarten, das ist Afrikarekord. Darunter die Schimpansen, die Colobus-Affen, auch kleinere Primatenarten, wie irgendwelche Buschbabys beispielsweise."
Da fehlen eigentlich nur noch die Gorillas. Trotzdem braucht man offenbar ein geschultes Auge, um die Affen zu erblicken.
[O-Ton Eberhard Fischer:]
"Die sind natürlich hier überall, aber durch das dichte Blätterwerk ist es hier fast unmöglich, vom Boden her die Affen zu beobachten. Es gibt aber andere Stellen, an denen man eben hier die Baumkronenregion am Hang beispielsweise durchaus sichtbar hat. Und es gibt ja auch vom Nationalpark geführte Touren, zumindest zu den Schimpansen, den Colobus-Affen, die hier übrigens die größten Populationen in Afrika haben. Also, hier zum Wasserfall zu laufen ist eher eine szenische Tour, um die Naturschönheiten zu sehen, aber Affen wird man hier kaum bemerken."
Wenigstens den Wasserfall kriegen wir noch zu Gesicht, bevor wir wegen der einbrechenden Dunkelheit umkehren müssen. Erst tags darauf entdecken wir vom Bus aus am Straßenrand ein paar Äffchen. Da aber ist der Professor wahrscheinlich längst wieder auf der Pirsch nach neuen Orchideen.
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Neben Tieren und Pflanzen faszinieren natürlich auch die Menschen Ruandas. An die 10 Millionen Einwohner zählt das kleine Land, rund 400 pro Quadratkilometer – das ist ein Spitzenwert in Afrika. Die Bevölkerung wächst rapide, und das schafft auch Probleme. Beim Bauen von Schulen beispielsweise kommt die Regierung kaum nach. Doch mit Rheinland-Pfalz hat Ruanda einen treuen Partner, der immer wieder einspringt, wenn die Not am größten ist. Seit 1982 bereits pflegt das deutsche Bundesland mit der ehemaligen deutschen Kolonie eine so genannte Graswurzel-Partnerschaft, die nicht nur von staatlicher Seite getragen wird, sondern auch von Kirchen, Vereinen und vielen kleinen Gruppen, die nichts anderes wollen als helfen. So ließen sich die Rheinland-Pfälzer nicht lange bitten, als im Februar 2008 ein Erdbeben Teile von Ruanda erschütterte und große Schäden anrichtete. Fast eine halbe Million Euro aus Landesmitteln und Spenden wurden für die Wiederaufbauhilfe geleistet. Etwa ein Zehntel der Summe kam der großenteils zerstörten Primarschule Ntura im Distrikt Rusizi zugute. Im Oktober 2009 konnte die Schule wiedereröffnet werden. Zur Einweihung kamen nicht nur die 1.700 Schüler mit ihren Eltern, auch Vertreter des Partnerlandes waren zu dem fröhlichen Fest geladen.
Reportage (Radio hr4, 12.06.2010):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: singende Schüler]
Hunderte von Kindern stehen an der holprigen Piste Spalier, als die Delegation aus Rheinland-Pfalz heranrollt. Die Dankbarkeit der Ruander ist groß. Zum Empfangskomitee gehört auch der Staatssekretär im Bildungsministerium.
[O-Ton Mathias Harebamungu:]
"We do sincere congratulate …
Wir gratulieren und danken unseren deutschen Freunden, auch dafür, dass Sie verstanden haben, worum es uns geht – nämlich Bildung für alle. Wir freuen uns sehr über den Besuch aus Rheinland-Pfalz. Er zeigt, dass das ganze Land uns bei unseren Schulprogrammen unterstützt.
… is supporting our programme."
Die Primarschule Ntura Protestant bestand bisher aus einer Ansammlung von einfachsten Holzhütten ohne Fenster, auf dem nackten Erdboden errichtet. Kein Wunder, dass einige dem Beben der Stärke 5,0 nicht standhalten konnten. Deshalb musste unbedingt eine stabilere Lösung her, meint der rheinland-pfälzische Delegationsleiter, Staatssekretär Roger Lewentz:
[O-Ton Roger Lewentz:]
"Wir haben hier wieder zwei Schulgebäude aufgebaut, wir haben Klassenräume neu errichtet, wir haben Latrinen errichtet, wir haben mitgeholfen, dass dieses ganze Gelände eine Stück weit auch erosionssicherer wird – und vor allem, wir haben uns bemüht, erdbebensichere Schulgebäude zu bauen."
Die neuen Räume aus Beton, Glas und Kunststoff sind nach europäischem Maßstab immer noch eher schlicht, hier in der afrikanischen Provinz aber wirken sie geradezu luxuriös. Und ganze 44.000 Euro haben die Rheinland-Pfälzer dafür investieren müssen. Während andere Länder wie China Hunderte von Millionen in den Straßenbau stecken, setzen die deutschen Partner Ruandas auf kleinere Projekte:
[O-Ton Roger Lewentz:]
Wir wollen die Schulen bauen, damit die Kinder Bildung lernen, damit sie eine bessere Chance für die Zukunft von Ruanda darstellen. Bildung ist die große Chance, die dieses Land hat, und von dem her konzentrieren wir uns auf Schulen, auf Sozialstationen, auf Krankenstationen. Also, wir wollen den Menschen auf dem Land, außerhalb der Zentren, eine direkte Hilfestellung geben."
Dafür gibt es viel Lob von den ruandischen Offiziellen. Zur Feier des Tages werden reichlich Reden geschwungen …
[Atmo: Rede des Bürgermeisters von Rusizi]
... aber auch traditionelle Tänze aufgeführt.
[Atmo: Tänze zu traditioneller Musik]
Und zum Abschluss ertönt die Nationalhymne Ruandas aus vielen, vielen großen und kleinen Kehlen.
[Atmo: Nationalhymne]
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Video:
"Merci, dass es euch gibt" – musikalisches Dankeschön der Schüler des Centre Scolaire Nyarusange im Distrikt Rwamagana für die finanzielle Unterstützung aus Rheinland-Pfalz
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RUSIZI UND RWAMAGANA
- Was es mit den "Distrikten" auf sich hat
Warum wird weder im Antext zur Reportage noch in der Bildunterschrift zum Video der Name der Ortschaft genannt, in der sich die jeweilige Schule befindet? Stattdessen ist nur vom "Distrikt" Rusizi bzw. Rwamagana die Rede. Das liegt daran, dass es in Ruanda kaum Städte und Dörfer gibt, wie wir sie aus Europa kennen. Stattdessen ist das Land weitgehend zersiedelt. Lehmhütte mit Gärtchen drumherum reiht sich an Lehmhütte mit Gärtchen. Die Menschen auf dem Lande in Ruanda sind fast alle Selbstversorger. Sie ziehen ein bisschen Gemüse für den täglichen Bedarf. Vielleicht halten sie noch ein paar Hühner oder gar eine Ziege. Für mehr reicht das Einkommen meist nicht aus. Ihre "Dörfer" haben oft eine Ausdehnung wie bei uns eine mittlere Großstadt. Ein Ortskern bzw. Dorfzentrum ist aber kaum zu erkennen. Irgendwo an der Landstraße mag ein kleiner Laden sein, der die nötigsten Utensilien zum kargen Leben verkauft, aber selten sind es mehrere Läden nebeneinander. Zum Wasserholen, zum Einkaufen oder gar zur Schule müssen die Menschen oft viele Kilometer täglich laufen. Statt in Gemeinden und Landkreise ist Ruanda in Sektoren, Distrikte und Provinzen unterteilt.
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TATENDURSTIG
die Tourismus-Förderung aus Rheinland-Pfalz
Der Fremdenverkehr ist im rohstoffarmen Ruanda der Wirtschaftsfaktor Nr. 1 – und dennoch bisher nur ein zartes Pflänzchen. So verzeichnete das ostafrikanische Land im Jahr 2007 knapp 40.000 Gäste*). Im Partnerland Rheinland-Pfalz waren es im gleichen Zeitraum mehr als siebeneinhalb Millionen! Bisher haben die Rheinland-Pfälzer vor allem Schulen, Krankenhäuser und Sportstätten gefördert, jetzt wollen sie ihrem Partner auch zunehmend beim Aufbau und Ausbau des Tourismus helfen. Aber "sanft" soll er sein und nachhaltig – darauf legen beide Seiten großen Wert. Die Natur darf nicht weiter zerstört werden, denn sie ist Ruandas wertvollster Schatz. Deshalb setzt der rheinland-pfälzische Tatendurst genau hier an. Dabei kann er auch auf die langjährige Zusammenarbeit der Universitäten Mainz und Koblenz-Landau mit der ruandischen Partner-Uni in Huye (vormals Butare) bauen.
Reportage (Radio SWR4 RP, 20.11.2009):
Lässig lehnt Dieter König an einem schnell wachsenden Regenschirmbaum. Hier, auf dem Agroforst-Versuchsgelände der Uni Huye, betreibt der Geographie-Professor aus Koblenz Langzeitforschung in Sachen nachhaltiger Bodennutzung. Der Ertrag soll gesteigert und die Erosion gestoppt werden.
[zum Anhören klicken: O-Ton Prof. Dieter König]
"Wir tragen mit diesen Agroforst-Systemen, die versuchen landwirtschaftliche und forstliche Produktion zu integrieren, natürlich auch zum Schutz des Bergnebelwaldes bei. Das Holz, das wir hier in unseren Agroforst-Systemen auf den landwirtschaftlichen Parzellen direkt produzieren können, das muss nun nicht mehr durch Raubbau aus den Wäldern geholt werden."
Gerade der Bergnebelwald im Nyungwe-Nationalpark ist eine der größten Sehenswürdigkeiten Ruandas. Deshalb leisten Professor König und sein Team indirekt auch einen Beitrag für den Tourismus. Und das kommt an:
[zum Anhören klicken: O-Ton Umweltstaatssekretär Vincent Karega]
"This project from Germany ...
Dieses Projekt aus Deutschland ist sehr ermutigend, lobt Umweltstaatssekretär Vincent Karega. Wir schätzen alle Bemühungen, den Nyungwe-Wald zu schützen, der für unsere natürlichen Ressourcen enorm wichtig ist – nicht nur für Ruanda, sondern für ganz Ostafrika. Darum freuen wir uns ganz besonders über diese Partnerschaft und über diese Hilfe.
... partnership and this support.
Manchmal wird der Tatendurst allerdings gebremst. So hat der Zweckverband Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal bislang erfolglos angeboten sein touristisches Know-how zur Verfügung zu stellen. Der Verbandsvorsitzende Bertram Fleck nennt als Beispiel die Werbung.
[O-Ton Bertram Fleck:]
"Wir könnten in unseren Faltblättern und Broschüren auf dieses Gorillagebiet hinweisen, auf die Nationalparks hinweisen. Wir können Verbindungen schaffen zur Gastronomie. Man könnte, wenn die Sprache einigermaßen stimmt, Leute zur Ausbildung einladen. Das sind so drei, vier kleine Punkte, bei denen wir schon lange auf eine Reaktion warten."
Die Afrikaner gehen eben nicht immer mit dem gleichen Elan vor wie die Europäer. Aber in der Sache ist man sich offenbar einig. Christophe Bazivamo jedenfalls, der Minister für kommunale Entwicklung, begrüßt das Hilfsangebot.
[O-Ton Christophe Bazivamo:]
"I am sure, tourism authorities …
Ich bin sicher, dass unsere zuständigen Behörden wie die Ruandische Organisation für Tourismus und Nationalparks in die gleiche Richtung denken und prüfen, wie sie von dem Angebot der Rheinland-Pfälzer profitieren können. Wir sind jedenfalls zu Gesprächen bereit, dann wird man sehen, ob Vereinbarungen getroffen werden können.
… fasten these opportunities."
Vor allem wünscht sich der Minister, dass möglichst viele Rheinland-Pfälzer sein schönes Land besuchen. Und da wiederum hat er die volle Unterstützung des hiesigen Partnerschaftsvereins und dessen Vorsitzenden Richard Auernheimer:
[zum Anhören klicken: O-Ton Richard Auernheimer]
Es ist ein Land mit landschaftlichen Höhepunkten, mit vielen Möglichkeiten auch einen gezielten und richtigen Urlaub zu verbringen. Natürlich müssen manche Strukturen noch geschaffen werden, aber die Strukturen, die schon heute da sind, die reichen zunächst aus für die Anfangssituation. Und der Partnerschaftsverein wird sich auch dafür einsetzen, dass wir diese Idee 'Tourismus in Ruanda' weitergeben."
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WER NOCH NICHT DA WAR, HAT WAS VERPASST
- Interview zum Tourismus in Ruanda, das Radio SWR4 RP mit mir geführt hat (20.11.2009)
Ein Land, gebeutelt von einem langen Bürgerkrieg. Was ist denn da an touristischer Infrastruktur in Ruanda schon vorhanden, der einem Standard entspricht, den Touristen aus den reichen Ländern heute erwarten?
Da gibt es ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land. In der Hauptstadt Kigali gibt es gleich mehrere Hotels, die absolut europäischem Standard entsprechen. An einigen touristischen Orten wie zum Beispiel am Kiwusee oder auch in Ruhengeri, in der Nähe des Gorilla-Nationalparks, gibt es auch entsprechende Hotels, ansonsten auf dem flachen Land wird es da schon eher eng. Aber man muss dazu sagen, dass Ruanda auch ein sehr kleines Land ist, man kann auch viele Ausflüge von Kigali aus machen und am Abend wieder in die Hauptstadt zurückkehren.
Wie steht es um die Sicherheit für Touristen?
Die Sicherheit ist besser als in vielen anderen afrikanischen Ländern ...
[zum Anhören klicken: komplettes Radio-Interview]
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*) Die Entwicklung des Tourismus ist in den zehn Jahren seit meiner Reportage 2009 positiv verlaufen. Jahr für Jahr ging es mit den Zahlen bis 2018 ständig bergauf. 2019 zeigte die Statistik seither erstmals eine leicht rückläufige Tendenz. Laut www.laenderdaten.info kamen dann immer noch ca. 2 Millionen ausländische Gäste in das ostafrikanische Land. Als Tourist gilt hierbei jeder, der mindestens eine Nacht im Land verbringt, dort aber nicht für länger als 12 Monate lebt. Insofern die Erhebung auch den Zweck der Reise beinhaltete, wurden Geschäftsreisen und andere Reisezwecke, die nicht dem Tourismus galten, bereits herausgefiltert. Reist die selbe Person innerhalb eines Jahres mehrfach ein und aus, so zählt jeder Besuch erneut.
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In Ruanda herrschen seit Jahren stabilere politische Verhältnisse als in manchen Nachbarländern. Trotzdem kommt der Tourismus nur schleppend in Gang, nicht zuletzt weil das Image seit dem Völkermord von 1994 arg ramponiert ist. Damals kamen Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen ums Leben. Der Jahrzehnte lange Konflikt zwischen den Volksgruppen der Hutu und der Tutsi war zu einem grausamen Massaker eskaliert, bei dem Soldaten der Hutu-Regierung, Milizionäre und radikalisierte Zivilisten Angehörige der Tutsi-Minderheit und gemäßigte Hutu wahllos abschlachteten. Statt einzugreifen, schaute die Weltöffentlichkeit betreten weg. Beendet wurde der Genozid erst durch den militärischen Sieg der Tutsi-Rebellenarmee.
Deren Partei, die FPR, ist seither in Ruanda an der Regierung und betreibt eine Politik der Aussöhnung. Bislang mit Erfolg. Inzwischen wurden auch mehrere Gedenkstätten eingerichtet, die an den Völkermord erinnern und vor einem Wiederaufflammen der ethnischen Konflikte warnen sollen. Eine davon ist die ehemalige Kirche in Nyamata, eine knappe Autostunde südlich der Hauptstadt Kigali. Wo heute Totenstille herrscht, wurden am 15. April 1994 an die 10.000 Menschen auf grauenhafte Weise getötet.
Reportage (Radio hr4, 12.06.2010):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Kirchenglocke]
Das Läuten der Glocke kommt von nebenan. Die alte Kirche von Nyamata wird seit dem Massaker von 1994 nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Über dem Eingang hängt ein Transparent, auf dem in ruandischer Sprache zu lesen ist:
[Atmo-Ton Dolmetscherin:]
"Iyo uza kwimenya nanjye ukamenya ntuba waranyishe."
Das, erklärt unsere Dolmetscherin, bedeutet: "Hättest du dich selbst gekannt und auch mich gekannt, hättest du mich nicht getötet." Der Satz ist wahlweise als Frage oder als Aussage zu verstehen. Und er zeigt die ganze Fassungslosigkeit der Nachwelt über das massenhafte sinnlose Töten von Unbekannten ebenso wie von ehemaligen Freunden – einzig und allein weil das Wort "Tutsi" in ihren Pass gestempelt war.
[O-Ton André Kamana auf Kinyarwanda:]
"In die Kirche hatten sich bis zu 10.000 Menschen geflüchtet", berichtet der Zeitzeuge André Kamana. "Sie hatten gehofft, wenn sie alle zusammenstehen, dass ihnen nichts passieren kann, aber es ist dann doch anders gekommen."
Der wütende Mob zündete Granaten und sprengte den Eingang frei. Die Breschen in der Mauer und die Einschläge der Granatsplitter sind heute noch zu sehen. Dann stürmte die Mörderbande die Kirche und schlug mit Macheten einen nach dem anderen tot.
[O-Ton André Kamana auf Kinyarwanda]
"Nur zwei Kinder, die unter eine Kirchenbank gefallen waren, überlebten. Nur zwei Menschen von zehntausend. Die beiden wurden nicht aus Mitleid verschont, sondern man hat sie ganz einfach übersehen."
Nicht nur in der Kirche richteten die Mörder ein Blutbad an. Insgesamt kamen in Nyamata und Umgebung etwa 70.000 Menschen um. André Kamana kam nur deshalb mit dem Leben davon, weil er sich in den Sümpfen vor der Stadt versteckt hatte.
Über die Kirchenbänke sind heute Tausende von Hosen, Hemden und Röcken verteilt – jedes Kleidungsstück ein Symbol für einen Ermordeten. Und in einer Grabkammer neben der Kirche wurden die Schädel der Opfer aufgereiht, einzelne mit eingeritztem Namen, die meisten anonym. Für uns Besucher ist der Anblick so beklemmend, dass wir erst Stunden später darüber reden können.
[O-Töne Besucher:]
"Das erschüttert einen. Man stellt sich das kaum vor, aber es war halt Realität, mit welcher Grausamkeit Nachbarn, nur weil sie einer anderen Ethnie angehörten, über Nacht dann hingemetzelt wurden."
"Es hat mich sehr berührt, auf diesem Boden zu stehen, auf dem diese Grausamkeiten passiert sind. Ich hab’ so was noch nicht erlebt, und ich werd’ das bestimmt nicht vergessen."
Auch in Ruanda bleiben die Geschehnisse unvergessen. Doch von dem gegenseitigen Hass ist kaum noch etwas zu spüren. Das mag auch damit zusammenhängen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung unter fünfzehn Jahre alt ist, zum Zeitpunkt des Völkermords also noch gar nicht geboren war. Und die jungen Leute fühlen sich immer weniger als Hutu oder Tutsi, sondern immer mehr als Ruander.
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