Rolf Fröhlings Reisereportagen
Essen (NRW)
KULTUR AN DER RUHR
Was ist eigentlich Kultur? Mit dieser schwierigen Frage musste sich die Europäische Kulturhauptstadt-Kommission befassen, als es darum ging, ob Essen stellvertretend für das gesamte Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas 2010 werden sollte. Ist Kultur gleichbedeutend mit Kunst – oder muss man den Begriff großzügiger auslegen?
Die Kommission kam zu dem Schluss: Kultur steht auch für Wandel. Und nirgendwo sonst kann man den Wandel einer Industrielandschaft zur Dienstleistungsregion besser nachvollziehen als im Ruhrgebiet. Deshalb erhielt Essen den Vorzug vor anderen deutschen Bewerbern wie zum Beispiel Köln, Lübeck, Görlitz oder auch Kassel. Und tatsächlich ist der Wandel nicht zu übersehen. Statt qualmender Essen, den Fabrikschloten, von denen viele irrtümlich dachten, sie hätten bei der Namensgebung der Stadt Pate gestanden, bestimmen heute gläserne Bürotürme die Skyline. Kaum eine andere deutsche Großstadt hat so viele Grünflächen. In Essen gibt es die älteste Fußgängerzone und das höchste Rathaus Deutschlands. Und noch viele, viele Attraktionen mehr, die eine Städtereise lohnenswert machen – nicht nur im Kulturhauptstadtjahr 2010!
Reportagen (Radio hr4, 02.01.2010; hr-iNFO, 16.03.2010; gekürzte Zusammenfassung in BR2, 17.01.2010):
BERGBAU IN ESSEN
mit dem Steiger durch die Zeche Zollverein
Kultur durch Wandel zeigt sich im Ruhrgebiet am deutlichsten da, wo früher Bergbau betrieben wurde. Etwa 3000 Zechen gab es einmal in der Region, rund 1000 allein in der Stadt Essen. Heute gibt es noch ganze vier im gesamten Ruhrpott, in Essen keine einzige. Der Steinkohleabbau lohnt sich nicht mehr, im Ausland wird billiger produziert. Auch die Essener Zeche Zollverein – mit dem größten Kohleschacht der Welt (gemessen an der Fördermenge pro Tag) – wurde 1986 stillgelegt. Doch im Gegensatz zu fast allen anderen verschwand sie nicht von der Bildfläche, sondern wurde als Industriedenkmal unter Schutz gestellt. 2002 hat die Unesco sie sogar als Weltkulturerbe anerkannt. Der ehemalige Förderturm von Schacht XII ist zum neuen Wahrzeichen von Essen geworden.
Heute kann man die oberirdischen Anlagen der Zeche Zollverein besichtigen – ein Pflichtprogramm für jeden, der die ganz besondere Kultur an der Ruhr erleben will. Zwar ist es aus Sicherheitsgründen nicht möglich in die Grube einzufahren, aber auch bei einer "Steigerführung mit Püttgeschichten" (immer am Freitagabend) erfahren die Besucher viel über die Arbeit der Bergleute, bevor hier Schicht im Schacht war.
Reportage (Radio hr4, 02.01.2010):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo-Ton: Günter Stoppa]
"Schönen guten Abend oder auch Glückauf! Ich möcht' Sie im Namen der Stiftung Zollverein recht herzlich begrüßen. Mein Name ist Günter Stoppa, ich war hier auf dem Bergwerk tätig bis zur Stilllegung."
Der Steiger im Ruhestand hat sein halbes Leben auf der Zeche Zollverein verbracht, einige Jahre davon auch unter Tage. Bevor wir zu unserem Rundgang starten, muss er uns noch mit dem Jargon der Bergleute vertraut machen.
[O-Ton: Günter Stoppa]
"Im Bergbau gibt es keine Luft. Luft heißt Wetter. Deshalb haben wir eben diese Wetterschächte und so weiter. Im Bergbau gibt es keine Steine. Steine heißen Berge. Im Bergbau hieß jede Bewegung, die getätigt wird, fahren. Wenn man unten sich bewegt, fährt man – mit den Füßen, mit der Lokomotive, 'ne Leiter rauf, 'ne Leiter runter, alles heißt fahren."
- Und was ist der Steiger eigentlich?
"Von dem Ursprung isses eben so, dass man ja früher auch durch Leitern in die Grube eingefahren ist, und dann war eben der erste, der runter ist, war der Steiger, aber von der Ausbildung her ist der Steiger eigentlich der Bergingenieur."
[Atmo: Warnglocke]
Immer, wenn diese Glocke erklang, ging’s hinunter in die Tiefe – oder besser: "Teufe", wie der Bergmann sagt – der Auftakt zu einem wahren Knochenjob:
[O-Ton Günter Stoppa:]
"Wir hatten hier eine Durchschnittsflözmächtigkeit von unter 1,50 Meter. Die meiste Kohle, die abgebaut worden ist, im Liegen, Sitzen, Knien. Also, wir haben angefangen mit dem Handabbau bei ungefähr 50 Zentimeter. Das waren früher die niedrigsten Flöze. Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie da 'rein müssen und da die ganze Schicht drunter wegholen, das war beschwerlich. Dann natürlich die Wärme, die unten war, der Staub, der sich auftat, das war natürlich, was dem Bergmann schon so'n bisschen abverlangte."
Ein "bisschen abverlangte" ist sicher stark untertrieben. Vor allem der Steinstaub war nicht nur lästig, er setzte sich in der Lunge fest, viele Bergleute gingen daran elendig zugrunde.
[Atmo-Ton Günter Stoppa:]
"Ist natürlich dann auch schnell abgeschafft worden. Dieses Trockenbohren wurde verboten. Man hat dann diese Bohrstangen, wie Sie hier schon sehen, benutzt. Da wurde Wasser mit 'reingedrückt, sodass man mit Wasser bohrte. Aber als man dem Kumpel diese Bohrstangen an die Hand gab, musste er zu dem Pressluftschlauch noch 'n Wasserschlauch mit transportieren, hat ihm auch nicht gepasst, und stand dann in der Matsche, wenn er gebohrt hat."
1941 gab es in der Zeche Zollverein ein schweres Unglück. Bei einer Grubengasexplosion kamen 28 Kumpel ums Leben.
[O-Ton Günter Stoppa:]
"In der früheren Zeit war das Aufspüren dieses Gases eigentlich ziemlich schwierig. Heute sind diese Schlagwetterexplosionen – man kann eigentlich nie 'nie' sagen – aber unwahrscheinlich, weil man ganz andere Messmethoden hat und Methoden eben, sofort dagegen anzugehen."
Dennoch sind sich alle Teilnehmer an der Steigerführung am Ende einig: Der Job des Bergmanns, das wäre nichts für uns.
(O-Ton Teilnehmer:)
"Zu gefährlich, zu anstrengend, zu ungesund!"
Dann doch lieber gemeinsam ein Schnäpschen trinken und die Steigerführung mit Püttgeschichten gemütlich ausklingen lassen:
[Atmo-Ton Günter Stoppa und Teilnehmer:]
"Zum Wohl, Glückauf!"
"Glückauf!"
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NATUR IN ESSEN
auf dem Sonnendeck über den Baldeneysee
Wen es nach dem Besuch des Industriedenkmals Zeche Zollverein mit viel Stahl, Beton und Kohlenstaub mehr zur Natur hinzieht, der kommt auch da in Essen voll auf seine Kosten. Denn – wie eingangs erwähnt – hat die Ruhrmetropole viel Grün zu bieten. Vor allem im Süden, am Baldeneysee, der fast rundum von Wald umgeben ist.
Der größte Stausee der Ruhr ist nahezu acht Kilometer lang und wurde 1932 angelegt, als Absatzbecken für Schwebstoffe. Durch die geringere Fließgeschwindigkeit konnten sich Sedimente ablagern, das Wasser wurde auf natürliche Weise gereinigt. Inzwischen haben Kläranlagen diese Aufgabe weitgehend übernommen. Heutzutage dienen der See und seine Umgebung hauptsächlich als Naherholungsgebiet. Ausflugsboote wie die "Stadt Essen" laden von Anfang April bis Anfang Oktober zu Rundfahrten ein. Auf dem Sonnendeck können Einheimische wie Besucher die Natur genießen und sich fernab der Großstadt fühlen.
Reportage (Radio hr4, 02.01.2010):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Schiffssirene]
Ein kräftiges Tuten und die "Stadt Essen" sticht in See. Von der Anlegestelle im Stadtteil Kupferdreh geht es in westlicher Richtung bis zur Staumauer bei Essen-Werden und dann wieder zurück. Um uns herum wimmelt es von Segelbooten, auch viele Ruderer sind unterwegs. Doch auf unserem Ausflugsdampfer überholen wir sie alle.
[O-Ton Marco Schwedt:]
"Wir haben hier eine Deutz-Maschine drin mit acht Zylindern, elf Liter Hubraum, eine Dieselmaschine. Die hat nur 167 PS, reicht aber allemal, um hier auf'm Wasser unsere 300 Personen zu befördern."
Kapitän Marco Schwedt schippert schon seit Jahren über den Baldeneysee, aber er zeigt keine Ermüdungserscheinungen. Im Gegenteil, sein Job bereitet ihm, wie er sagt, einen Riesenspaß. Vor allem wegen der meist netten Passagiere.
[O-Ton Marco Schwedt:]
"Hier fällt auch ganz, ganz selten mal ein böses Wort – Ausnahmen gibt’s immer mal – aber ansonsten sind die Leute hier so was von freundlich und glücklich. Und das mitten im Ruhrgebiet, wo doch früher so viel Kohle war."
Dass hier viel Kohle war, ist allerdings auch auf unserer Bootstour unübersehbar. Am Nordrand des Sees ragt ein alter Förderturm aus dem Wald heraus.
[O-Ton Marco Schwedt:]
"Das ist der Förderturm der Zeche Carl Funke. Die war in Betrieb bis Anfang der 70er Jahre, und dort wurde Magerkohle gefördert. Jetzt nicht Magerkohle, weil da so magere Leute gearbeitet haben, sondern der Fettgehalt der Kohle war ziemlich mager."
Unweit der Zeche machen wir Station am Schloss Baldeney. Das alte Gemäuer, das von hohen Bäumen fast verdeckt wird, stammt aus dem 13. Jahrhundert und hat dem Stausee seinen Namen gegeben.
[O-Ton Marco Schwedt:]
Momentan wird da ein Käufer gesucht. Also, sollten Sie genug auf dem Konto haben, können Sie das erwerben. Den Preis weiß ich nicht, ist aber sehr, sehr schön gelegen, und dann können Sie auch sagen, Sie haben den größten Swimming-pool – das ist dann der Baldeneysee."
Weiter geht die Fahrt am Strandbad des Seaside Beach Clubs vorbei in Richtung Regattastrecke. Hier liefern sich Ruderer und Kanuten regelmäßig Wettkämpfe. Heute aber sitzen auf der Tribüne nur ein paar müde Spaziergänger und winken uns zu. Ja, wir sind schon ein wenig zu beneiden, das finden auch die anderen Passagiere auf dem Sonnendeck.
[O-Töne Passagiere:]
"Ich lauf' hier eigentlich immer um den See, und jetzt von dem See mal die andere Seite zu sehen, das ist schon sehr interessant."
"Das Wetter ist optimal dafür, also wirklich schön. Als Kind hab' ich diese Fahrt mal gemacht hier, und jetzt wollt' ich mal meinen Kindern zeigen, wie es ist, über den Baldeneysee zu fahren."
"Mir gefällt es auch sehr gut. Ich komme nicht aus Essen – aus Herford. Also, ich muss sagen, das Ruhrgebiet: sehr schön!"
Von der Regattastrecke sind es nur noch wenige Meter bis zum Stauwehr, der Wendemarke unserer Rundfahrt. Eigentlich wollten wir hier aussteigen und die ehemalige Krupp-Villa oberhalb des Sees besichtigen. Aber spontan entscheiden wir uns um und fahren mit zurück nach Kupferdreh. Die Villa Hügel läuft nicht weg, aber ob das Wetter morgen noch so schön ist – wer weiß das schon?
[Atmo: Schiffssirene]
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Neben der Kohle hat auch der Stahl lange Zeit eine überragende Rolle in Essen gespielt – und die Stahlproduktion ist untrennbar mit dem Namen Krupp verbunden. Bis zu 130.000 Menschen waren zeitweise bei der Firma beschäftigt, ganze Stadtteile wurden extra für die Mitarbeiter errichtet. Die Industriellenfamilie selbst lebte Jahrzehnte lang in einem kleinen Häuschen mitten auf dem Werksgelände, bis Firmenchef Alfred Krupp genug davon hatte. Anfang der 1870er Jahre ließ er einen repräsentativen Familiensitz auf einem Hügel über der Ruhr erbauen. Diese Villa Hügel, wie er sie nannte, soll im Grundbuch als "Einfamilienhaus" eingetragen worden sein, erzählt man sich in Essen. Tatsächlich handelte es sich um einen wahren Palast mit 269 Zimmern, der dem Selbstverständnis des reichsten und mächtigsten Unternehmers seiner Zeit Ausdruck verlieh.
Schon seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt die Familie Krupp nicht mehr dort, dafür stehen Teile der Villa Hügel zur Besichtigung offen. Neben der Zeche Zollverein ein weiteres Muss für alle, die Essen und seine Kultur verstehen wollen.
Reportage (Radio hr4, 02.01.2010; hr-iNFO, 16.03.2010):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Geräusch: Stahlproduktion]
"Hart wie Krupp-Stahl" ist noch heute ein geflügeltes Wort. Und was für sein Produkt galt, traf auch auf den Firmenpatriarchen selbst zu. Alfred Krupp war hart gegen seine Konkurrenten, aber auch hart gegen sich selbst. Mit stählernem Willen ging er seinen unternehmerischen Weg, machte aus der kleinen Stahlschmiede seines Vaters einen Stahlkonzern von Weltrang. Und er war stolz darauf. Davon zeugt sein prächtiges Arbeitszimmer, davon zeugt die gesamte Villa Hügel, deren Pracht eines Fürsten würdig wäre:
[O-Ton Mark Stagge:]
"Er sagte: 'Lieber der erste Unternehmer als der letzte Adelige des Reiches.' Er hat Nobilitierungen, also Verleihung von Adelstiteln, mehrfach abgelehnt und war insofern dezidiert bürgerlich, hat aber natürlich mit diesem Haus auch den Anspruch schon dokumentiert, den Unternehmer in der Zeit durchaus hatten, gesellschaftlich."
Mark Stagge vom Historischen Archiv Krupp beginnt seine Führung im ehemaligen Gästetrakt der Villa. Hier dokumentiert eine Dauerausstellung die Firmengeschichte. Ein Blickfang sind drei Eisenbahnradreifen aus Gussstahl, die zum Firmenlogo wurden. Solche nahtlosen und damit bruchsicheren Radreifen exportierte Krupp in die ganze Welt.
[O-Ton Mark Stagge:]
"Das war das Hauptstandbein eigentlich für die ganz rasche Expansion der Firma in den 1850er, 60er und auch 70er Jahren. Die Rüstung kam dann später hinzu, hat aber diese überragende Bedeutung, die ihr oft zugeschrieben wird für die Firma, eigentlich nur selten gehabt."
Hauptsächlich wegen ihrer Kanonen allerdings hatten Alfred Krupp und seine Nachfolger Beziehungen zu den allerhöchsten Kreisen. Selbst der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war in der Villa Hügel häufiger Gast.
Solch hoher Besuch wurde allerdings nicht im Gästetrakt untergebracht, sondern – standesgemäßer – im Haupthaus. Platz genug war ja vorhanden, selbst bei einer großen Familie wie den Krupps.
[O-Ton Mark Stagge:]
"Der Erbauer, Alfred Krupp, hat mit seiner Frau und seinem Sohn hier gelebt und nicht so sehr vielen Angestellten. Später dann, vor dem 1. Weltkrieg, waren bis zu 600 Angestellte auf dem ganzen Gelände der Villa Hügel und dem Park beschäftigt, und auch die Familie ist stark angewachsen. Bertha Krupp von Bohlen und Halbach und ihr Mann hatten dann sieben Kinder, die hier groß geworden sind, sodass der Haushalt an sich dann größer geworden ist als zu Beginn."
Dennoch empfand der letzte Alleininhaber des Imperiums, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, die Villa wohl als zu kalt, zu überdimensioniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte er selbst dort nicht mehr wohnen. Sie gehört jetzt der von ihm gegründeten Krupp-Stiftung. Seit den Fünfziger Jahren wird das Haus für unterschiedlichste Zwecke genutzt:
[Atmo: Wochenschau-Ausschnitt]
"Die Villa Hügel in Essen war der glanzvolle Rahmen für eine märchenhafte Modenschau vor einem illustren Publikum. Tausend geladene Gäste sahen hundert neue Modelle von Christian Dior."
Vor allem hochkarätige Kunstausstellungen wurden zum Markenzeichen. Aber auch Bilanzpressekonferenzen des Thyssen-Krupp-Konzerns finden hier statt. Und selbst wenn der riesige Schreibtisch im Arbeitszimmer der Villa Hügel längst verwaist ist – der unternehmerische Geist von Alfred Krupp weht noch heute durch die 269 Räume.
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Der Ortsname Essen kommt weder von den einstmals rauchenden Fabrikschloten, noch gibt es einen Zusammenhang mit dem gleich lautenden Begriff für die menschliche Nahrungsaufnahme. Die Wissenschaft führt den Namen vielmehr auf Eschen (also auf die Laubbäume) zurück.
Nichtsdestotrotz wird natürlich auch in Essen gegessen – und zwar auf allerhöchstem Niveau. Für alle Geschmäcker und für jeden Geldbeutel wird das Passende geboten. Die Bandbreite reicht vom einfachen Stehimbiss mit Currywurst und Pommes "rot-weiß" bis hin zum edlen Feinschmeckerlokal mit regionalen und internationalen Spezialitäten. Wer nach einem langen Tag voller Besichtigungen und Rundfahrten ordentlich Hunger verspürt, hat die freie Wahl. Also, 'ran ans Büfett! Denn nicht nur Gourmets und Gourmands werden der Behauptung beipflichten: Auch essen hat etwas mit Kultur zu tun – und in diesem Fall mit echter Ruhrgebietskultur!
Reportage (Radio hr4, 02.01.2010):
[Musik: "Currywurst" von Herbert Grönemeyer]
Gehse inne Stadt,
Wat macht dich da satt?
'Ne Currywurst…
Die Currywurst ist Kult im Ruhrpott – zwar eigentlich in Berlin als Bockwurst erfunden, aber im Revier zur Bratwurst verfeinert. Und kaum irgendwo sonst schmeckt sie so gut wie bei "Xaver" in Essen-Holsterhausen. Beim Wettbewerb eines Fernsehsenders kam der kleine, unscheinbare Stehimbiss auf den zweiten Platz bundesweit. Im Kulturhauptstadtjahr feiert er sein 50-jähriges Jubiläum. Das Erfolgsgeheimnis klingt ganz einfach:
[zum Anhören klicken: O-Ton Imbiss-Köchin Simone Rezik]
[O-Ton Simone Redzik:]
"Die Qualität und die Frische von der Wurst und auch von der Soße, von der Rezeptur, das ist eigentlich schon alles. Ich denk' mal, das Wichtigste ist, dass die Zutaten frisch sind und dass die vernünftig hergestellt ist, und dann schmeckt's auch."
[Musik: "Currywurst" von Herbert Grönemeyer]
Kommse vonne Schicht,
Wat Schönret gibt et nicht
Als wie Currywurst…
Die Kundschaft steht Schlange, kommt nicht nur aus Essen "Zum Xaver", sondern aus dem ganzen Ruhrgebiet und teils von noch weiter her:
[O-Töne Kunden:]
"Jetzt hab' ich heute sogar meine Schwester aus Kanada dabei und bin extra wegen der Currywurst hier."
"Das is' das Beste, wo's gibt, hier. Egal, was man isst – Currywurst, Hähnchen, Schaschlik, Haxe – besser geht's nicht."
[Musik: "Currywurst" von Herbert Grönemeyer]
Mit Pommes dabei,
Ach, dann gebense gleich zweimal Currywurst.
Das Kultgericht Currywurst sucht man im Restaurant "Nero" vergeblich auf der Karte. Der Gourmet-Tempel auf Schloss Hugenpoet steht für Essener Esskultur ganz anderer Art. Seine Kundschaft gelüstet es eher nach exquisiten Delikatessen wie Langusten, erzählt Erika Bergheim. Die Spitzenköchin zaubert erlesene Gaumenfreuden, die auch nebenan im "Hugenpöttchen", dem kleinen Bruder des "Nero", auf den Tisch kommen.
[O-Ton Erika Bergheim:]
"Wir haben heute Tandoori-Ente in der Empfehlung. Das klingt indisch, das wird aber gemischt mit Knödeln, die mit Brombeeren gefüllt sind, und Mangold gibt es dazu."
"Kreative Landhausküche" nennt Erika Bergheim ihre ganz eigene Mischung aus regionalen und exotischen Zutaten. Ihnen verdankt das "Hugenpöttchen" in der alten Remise des Wasserschlosses seinen erstklassigen Ruf. Vor der noblen Kulisse parken Mercedes-Sportcoupés und sogar ein Rolls Royce. Aber der Eindruck täuscht. Die Preise seien fair, betont die Küchenchefin:
[zum Anhören klicken: O-Ton Küchenchefin Erika Bergheim]
"Ich hab' zum Beispiel Schweinekoteletts von meinem Biobauern, das kostet halt 'ne Kleinigkeit, so'n Schwein aufzuziehen. So teuer ist das dann nicht, wenn ich dafür 16,50 Euro verlange. Also, ich finde das nicht teuer."
Na, dann guten Appetit. Es muss ja nicht immer Currywurst sein – denn die ist zwar billiger, hat aber auch so ihre Tücken:
[Musik: "Currywurst" von Herbert Grönemeyer]
Auf'm Hemd, auffer Jacke,
Kerl, wat is' dat 'ne K…
Alles voller Currywurst.
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Ruhrpott-Tristesse und Hollywood-Glamour, das scheint überhaupt nicht zusammen zu passen (wenngleich der Ruhrpott keineswegs überall trist und Hollywood nicht überall glamourös ist). Und dennoch verbreitet die Essener "Lichtburg" einen Hauch von Glitzerwelt voller Stars und Sternchen. Deutschlands größtes Filmtheater mit 1250 Plätzen war in den 50er und 60er Jahren das deutsche Premierenkino schlechthin, und auch heute noch flimmern vor allem viele heimische Produktionen zuallererst über die Essener Riesenleinwand. Zu den glanzvollen Premierenfeiern reisen Schauspieler, Regisseure und viele prominente Gäste an. Für ein paar Stunden zumindest wird die Ruhr-Metropole zur Hauptstadt der (inter-)nationalen Filmszene.
1928 eröffnet, verkörpert die "Lichtburg" schon seit mehr als 80 Jahren Essener Kinokultur. Man kann dort aber nicht nur allabendlich die Vorstellungen besuchen. Immer am letzten Samstag im Monat gewährt das Filmtheater einen Blick hinter die Kulissen. Bei einer Führung begegnet man vielen bekannten Leinwand-Größen, und die goldenen Zeiten des Kintopps werden wieder lebendig.
Reportage (Radio hr4, 02.01.2010):
[Musik: "Sag', warum willst du von mir gehen?" von Bruce Low aus dem Film 12 Uhr mittags]
Schlagerbarde Bruce Low, Interpret der deutschen Titelmelodie aus 12 Uhr mittags – High Noon, ritt im Cowboy-Dress auf einem Schimmel durch die Kettwiger Straße in Essen. So rührte er die Werbetrommel für die deutsche Erstaufführung des Western-Klassikers im Mai 1953 – mit Hollywood-Star Gary Cooper. Die Stadt an der Ruhr stand Kopf.
Aber vor allem die Lieblinge des deutschen Nachkriegskinos gaben sich in der "Lichtburg" ein Stelldichein: von Hans Albers über Horst Buchholz und Romy Schneider bis hin zu Zarah Leander.
Auch in jüngerer Zeit war viel Prominenz zu Gast. Als "Das Wunder von Bern" Premiere feierte, kamen die echten WM-Helden Horst Eckel und Ottmar Walter – und natürlich Regisseur Sönke Wortmann mit seinen Kickern aus dem Leinwand-Epos:
[O-Ton: Bernhard Wilmer:]
"Dann ging nach dem Film der Vorhang auf, und dann standen die plötzlich da. Das war Gänsehaut pur. Wir hatten die Buddenbrooks, richtig groß, mit Bundespräsident. Das, was für uns aber die Premiere ist, wo wir wirklich von schwärmen, war Der amerikanische Neffe."
Theaterleiter Bernhard Wilmer erinnert sich noch gut an den Auftritt von Pierce Brosnan, der in dem irischen Film die Hauptrolle spielte. Der James-Bond-Darsteller musste während der Vorstellung per Hubschrauber zur Harald-Schmidt-Show nach Köln geflogen werden.
[zum Anhören klicken: O-Ton Bernhard Wilmer]
"Er kam pünktlich zurück, Moderator auf die Bühne, vorgestellt – Pierce Brosnan. Alle standen auf, stehende Ovationen, er kriegte 'n Mikrofon und sagte: 'Dear people from Cologne'. Es ging ein Raunen durchs Publikum, bis ihm dann von dem Moderator gesteckt wurde, wo er denn eigentlich sei. Dat war für den alles eins – ob Essen oder Köln. Und dann fiel er auf die Knie: 'Please, forgive me, I'm Irish', schmiss seinen Blumenstrauß ins Publikum und hatte gewonnen."
In der "Lichtburg" laufen meist nicht die so genannten Blockbuster – Massenware für ein Massenpublikum – sondern viele deutsche Produktionen, auch anspruchsvollere Filme, die trotzdem gute Kinounterhaltung versprechen. Einmal im Monat gibt's auch eine Seniorenvorstellung.
[O-Ton Bernhard Wilmer:]
"Es gibt nicht Kaffee und Kuchen hinterher, sondern es gibt 'n Glas Sekt vorher. Das ist einfach 'ne andere Atmosphäre. Wir zeigen Nordwand: Das ist ja eigentlich kein typischer Seniorenfilm, und trotzdem haben wir den ganz gezielt, ganz bewusst dafür eingesetzt. Und da werden auch 700, 800 Leute hier sein, da bin ich sicher."
Bernhard Wilmer zeigt uns die Bühne hinter der Leinwand, er gewährt Einblicke in den Vorführraum und in die Filmbar. Am beeindruckendsten aber ist der große Saal mit seinen 1250 Plätzen. Im Stil der 50er Jahre gehalten, erinnert er mehr an ein Opernhaus als an ein Kino. Für Nachwuchsschauspieler Daniel Brühl, bekannt aus Good Bye, Lenin!, ist die "Lichtburg" nicht nur das größte, sondern auch das schönste Kino Deutschlands. Zum 80-jährigen Jubiläum schrieb er:
[Auszug Grußwort von Daniel Brühl:]
"Die imposante Größe des Saals, das Licht, der wunderschöne schwere Vorhang und das leise Geräusch, wenn er sich öffnet. Die bequemen roten Sitze, von denen man sich einen im Parkett oder aber oben auf der Tribüne ergattern kann, all das macht ein Kinoerlebnis magisch, das ist der Unterschied zu Multiplex und Heimkino, das ist der Grund, warum mir als Jugendlicher der Wunsch kam auch mal einen Film fürs Kino zu drehen."
[Musik: "Sag', warum willst du von mir gehen?" von Bruce Low aus dem Film 12 Uhr mittags]
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