Rolf fröhlings reisereportage
Augsburg (Bayern)
VON MARIONETTEN UND STRIPPENZIEHERN
- wo Kultur (nicht nur) am seidenen Faden hängt
Wenn städtische Kultur am seidenen Faden hängt, liegt das meistens an knappen öffentlichen Kassen. In Augsburg dagegen ist es ganz unabhängig davon, wie sparsam im Rathaus gewirtschaftet wird. Denn das kulturelle Aushängeschild der Stadt ist das berühmte Marionettentheater, die Augsburger Puppenkiste. Hier werden fast täglich die Strippen gezogen – auf ebenso virtuose wie unterhaltsame Weise. Aber Augsburger Kultur beschränkt sich nicht nur auf Puppen am seidenen Faden. Die mehr als zweitausendjährige Geschichte seit Gründung der Stadt unter dem römischen Kaiser Augustus hat schon andere Strippenzieher hervorgebracht, und sie alle haben kulturelle Spuren hinterlassen.
Reportagen (Radio hr4, 10.08.2013):
ENE, MENE, MISTE – WAS ZAPPELT IN DER KISTE?
Urmel und seine Freunde im Puppenkisten-Museum
Sie ist ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte. Die Augsburger Puppenkiste wurde 1948 von Walter Oehmichen gegründet. Fast genauso lange sind Urmel, Jim Knopf & Co. im Fernsehen zu bewundern. Die Inszenierungen für den Hessischen Rundfunk, die bereits 1953 unter der Regie von Fritz Umgelter begannen, haben das Marionettentheater weltberühmt gemacht. Die Vorstellungen im ehemaligen Heilig-Geist-Spital sind oft lange im Voraus ausverkauft. Spontan an Karten zu kommen, ist deshalb schwierig. Weil viele Menschen von außerhalb in der Vergangenheit enttäuscht wieder nach Hause fahren mussten, hat die Theaterleitung im Jahr 2000 ein Museum eröffnet. Da wenigstens können alle Puppenkisten-Fans ihre Lieblinge das ganze Jahr über sehen. Und wer frühzeitig Karten online bestellt hat, kann vielleicht doch eine Aufführung mit den kleinen "Zappel-Philippen" live miterleben.
Reportage (Radio hr4, 10.08.2013):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Der "Räuber Hotzenplotz" ist ein Klassiker im Repertoire der Augsburger Puppenkiste. Seit 40 Jahren schon wird er gespielt. Die Stücke aus den Fernsehinszenierungen dagegen standen nie auf dem Theaterprogramm. Dafür ist die Bühne viel zu klein. Stattdessen wurden im Foyer riesige Kulissenlandschaften aufgebaut. Zum Beispiel Jim Knopfs Insel Lummerland mit dem legendären "Meer" aus Plastikfolie, erzählt Puppenkisten-Autor und -Regisseur Peter Scheerbaum.
[O-Ton Peter Scheerbaum:]
"Es war ursprünglich nur ein großes Loch in der Bühne, das mit blauem Stoff ausgeschlagen war, und irgendjemand kam dann an und hatte wirklich ganz normale Frischhaltefolie, und plötzlich hatte man dann in der Kamera diesen lebendigen Effekt drin, und es war einfach so, dass immer diejenigen, die nix zu tun hatten, standen an der Seite und haben ganz einfach mit den Händen auf und ab bewegt, die große Folie, dass die immer lebendig ist."
[Musik: Lummerland-Lied – "Eine Insel mit zwei Bergen und 'nem tiefen blauen Meer..."]
Im Puppenkisten-Museum ist es nachgebaut, das Folienmeer, dazu ganz Lummerland mit Lukas dem Lokomotivführer, Herrn Ärmel und König Alfons dem Viertelvorzwölften. Zu sehen sind dort natürlich auch alle anderen Stars aus dem Fernsehen: Bill Bo und seine Kumpane, die Blechbüchsenarmee, der Löwe, das Sams und viele mehr. Wenn man aber Besucher nach ihren Lieblingsfiguren fragt, werden nur zwei Namen genannt:
[Umfrage:]
"Spontan fällt mir da eigentlich Jim Knopf ein."
"Urmel, Urmel aus dem Eis."
"Jim Knopf."
"Urmel, immer Urmel, von Anfang an."
Dass gerade das Findelkind Jim Knopf und Urmel, der kleine lebenslustige Dino, so beliebt sind, erklärt sich Peter Scheerbaum mit dem Beschützerinstinkt, den sie in uns wach rufen. Und besonders im Falle Urmeli hatte sicher auch die Stimme des Puppenspielers großen Anteil:
[Musik: Urmel-Lied – "Alle Mamis sagen immer, Kindlein, gib fein acht…"]
[O-Ton Peter Scheerbaum:]
"Das war Max Bößl, der wirklich eine so einprägende einmalige Stimme hatte und selber so ein bissel ein naiver Typ war und das wirklich 1:1 in seine Rolle weitergeben konnte. Auf der Bühne spricht er bei uns im Räuber Hotzenplotz den Seppl, völlig naiv, zum Totlachen. Ich denk', das hat auch die Puppenkiste, ihren Charme, einfach ausgemacht."
Viele Besucher im Puppenkisten-Museum sind mit ihren Lieblingen älter geworden. Aber das besondere Flair des Marionettentheaters begeistert auch noch jüngere Generationen, selbst die technikverwöhnten Kids des 21. Jahrhunderts.
[O-Ton Peter Scheerbaum:]
"Was für uns wirklich ganz toll zu beobachten ist – Kinder, die vor der Vorstellung im Foyer sitzen, die einen Gameboy dabei haben, die nehmen den vielleicht noch mit rein in den Zuschauerraum, aber in dem Moment, wenn das Stück anfängt, es ist dunkel, ich geb' Ihnen 20 Sekunden und keiner schaut mehr auf sein Handy oder was auch immer."
Na, dann, liebe Puppenkistler, wünschen wir weiterhin toi, toi, toi! Und auf Wiedersehen.
[Ausschnitt aus "Urmel aus dem Eis" der Augsburger Puppenkiste:]
"Tschüss!"
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Video:
Blick hinter die Kulissen – Szene aus dem "Räuber Hotzenplotz", gefilmt hinter der Bühne
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LEBENDIGE HOLZKÖPFE
- wie die Marionetten entstehen
Sie wirken so lebendig und bestehen doch nur aus Holz – aus Lindenholz, um genau zu sein. Die Marionetten der Augsburger Puppenkiste sind kleine Meisterwerke der Schnitzkunst. Theatergründer Walter Oehmichen hat diese Kunst beherrscht und offenbar an seine Tochter Hannelore Marschall weitervererbt. Jahrzehnte lang war sie die Chefin des Hauses und schnitzte alleine mehr als 6.000 Puppen.
Andere Mitglieder des Ensembles waren und sind für das Nähen der Kostüme zuständig, für das Knüpfen der Perücken usw. Schließlich müssen die Puppen noch aufgeschnürt werden, damit sie sich bewegen. Alles in allem dauert es etwa 40 Stunden, bis eine Puppe fertig ist.
Die ganze Entwicklung einer Marionette vom groben Holzklotz bis hin zur bühnenreifen Figur zeigt 2013 eine Sonderausstellung im Puppenkisten-Museum.
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NICHT NUR KINDERPROGRAMM
- das Kabarett in der Puppenkiste
Berühmt geworden ist die Puppenkiste weit über Augsburg hinaus mit ihren Stücken für Kinder. Aber nicht nur nachmittags öffnet sich die Kiste für Theaterbesucher, auch abends (außer montags). Dann stehen Stoffe für Erwachsene auf dem Programm: Goethes "Faust" zum Beispiel, Mozarts "Zauberflöte" oder "Die Entführung aus dem Serail".
Von Silvester bis Ende Juni/Anfang Juli gibt es zudem allabendlich ein Kabarett mit politischer Satire, gespielten Witzen und Tanznummern – natürlich mit eigens dafür angefertigten Marionetten. Da ist dann z.B. eine hölzerne Kanzlerin Angela Merkel zu sehen, eine Claudia Roth und ein Gregor Gysi ebenso wie die "Rolling Stones" Mick Jagger und Keith Richards. In den Pausen dürfen die Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen werfen, wo die Puppen fein säuberlich aufgehängt sind und die Puppenspieler bereitwillig Fragen beantworten.
Leider ist auch das Kabarett meist ausverkauft. Deshalb Karten unbedingt im Voraus bestellen!
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WIEDERGEBURT DER RENAISSANCE
ein Stadtbummel durch das "Goldene Zeitalter"
Es war Augsburgs Goldenes Zeitalter, als Kaiser und Kurfürsten hier prunkvolle Reichstage abhielten, als Handel und Handwerk blühten und sich Bürgerstolz in prächtigen Bauwerken ausdrückte – es war das Zeitalter der Renaissance. Reiche Kaufleute wie Fugger und Welser hatten den italienischen Stil von ihren Handelsreisen mitgebracht. Mit seiner Rückbesinnung auf die Antike prägte er im 16. und frühen 17. Jahrhundert Kunst und Architektur der Stadt. Große Zerstörungen hat der Zweite Weltkrieg in Augsburg angerichtet, aber längst strahlen die Schätze des Goldenen Zeitalters wieder in altem Glanz. Bei einem geführten Stadtbummel erlebt man sie auf Schritt und Tritt, die Wiedergeburt der Renaissance. Aber aufgepasst, in der Heimat der Puppenkiste können sich schon mal ungebetene Gäste dazugesellen.
Reportage (Radio hr4, 10.08.2013):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Ausschnitt aus "Bill Bo und seine Kumpane" von der Augsburger Puppenkiste:]
"Bill Bo und seine Bande zieh'n lang schon durch die Lande..."
Oh je, die wilde Räuberbande! Die muss wohl ausgebüxt sein, um auf Beutezug zu gehen, und da kommt der "Goldene Saal" des Rathauses gerade recht. Aber Gästeführerin Regina Thieme lässt sich nicht beirren. Der Saal, erklärt sie ungerührt, stammt aus der Renaissance, und da gab es in Augsburg mehr Goldschmiede als Bäcker.
[O-Ton Regina Thieme:]
"Wenn man hier rein kommt durch diese große Seitentür, dann sieht man auf einmal diese große goldene Decke, die dort aufgehängt ist – und zwar in 14 m Höhe, aufgehängt an 27 Ketten ins hölzerne Dachgebälk."
Mehr als 500 Quadratmeter Malereien, eingebettet in vergoldetes Nussholz. Ein Anblick, der Räuberhauptmann Bill Bo glatt umhaut:
[Ausschnitt aus "Bill Bo und seine Kumpane" der Augsburger Puppenkiste:]
"Bomben, Granaten, Element, Blitz, Plotz, Donnerwetter, Sapperment noch mal!"
Apropos Bomben und Granaten, im Zweiten Weltkrieg wurde die goldene Rathausdecke völlig zerstört.
[O-Ton Regina Thieme:]
"Die krachte also runter, brennend, und brach noch durch diesen Marmorfußboden. Das war alles ausgebrannt, sah furchtbar aus, und man sah praktisch vom ersten Stock den Himmel sozusagen, und da können Sie sich vorstellen, was da wieder an Aufbau- und Restaurierungsarbeit geleistet wurde."
Eine Rundumerneuerung hat auch die Unterstadt erlebt. Wie in der Renaissance durchziehen das Viertel wieder Kanäle, die vorher teils zugeschüttet waren.
[Ausschnitt aus "Bill Bo und seine Kumpane" der Augsburger Puppenkiste:]
"Ja, und wie komme mir über des Bächle? I bin Nichtschwimmer."
"Ich kann auch nicht schwimmen über Donau, bitteschön."
"Des isch doch der Rhein, du Simpel!"
Von wegen. Das ist der Lech beziehungsweise einer der Lechkanäle. Und zum Rüberkommen gibt es unzählige Brücken und Brückchen. Manche bezeichnen das Lechviertel sogar als Klein-Venedig. Aber das findet Regina Thieme unpassend:
[O-Ton Regina Thieme:]
"Diese Kanäle, die dienten den Handwerken, die hier waren, die Wasser brauchten, und sie haben Mühlräder angetrieben. In diesem Gebiet lebten sehr viele Gerber, auch Kürschner, die auch Wasser brauchten. Wo der Stadtgraben ist, da lebten die Schlosser zum Beispiel, da stoben die Funken. Also, in Venedig, da kann man sich zurücklehnen auf einer Gondel, hier wurde gearbeitet."
Nach Meinung von Experten hat die Augsburger Wasserwirtschaft das Zeug zum Weltkulturerbe. Neben den Kanälen zählen dazu historische Wasserkraftwerke, Wassertürme und die Renaissance-Brunnen. Allen voran der Augustusbrunnen.
[O-Ton Regina Thieme:]
"Wir haben hier vier Brunnenfiguren, zum Beispiel den 'Vater Lech', der auch nach Osten blickt. Im Haar hat er Fichtenzapfen, und er ist mit einem Wolfsfell bekleidet. In der Hand hat er ein Flößerruder."
Ähnlich fantasievoll sind auch die anderen Figuren gestaltet. Doch Bildhauer-Kunst lässt unsere Räuberbande offenbar kalt.
[Ausschnitt aus "Bill Bo und seine Kumpane" der Augsburger Puppenkiste:]
"Männer, is des da dribbe net e Wirtshaus?"
"Da kennte mer vielleicht e Schälchen hääße Milch begommen."
"Und e Bier."
"Und e Viertele Rote."
"Des is allwei e gude Weinmonat."
"Oh, Ungarland!"
Gott sei Dank, die sind wir los! Aber nach so viel Wasser ein Bier oder ein Viertel Rotwein ist eigentlich gar keine schlechte Idee…
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MARTIN LUTHER
- der unbequeme Reformator
Die Zeit der Renaissance war auch die Zeit der Reformation. Sie brachte große Umwälzungen in Deutschland und ganz Europa. Die Stadt Augsburg ist eng mit den damaligen Entwicklungen verbunden. So wurde auf dem Reichstag 1555 der "Augsburger Religionsfriede" geschlossen. Er beendete die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten in Deutschland zumindest für die nächsten sechs Jahrzehnte.
Ausgegangen war die Reformationsbewegung von Martin Luther, der 1517 seine berühmten Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hatte. Seine Kritik am kirchlichen Ablasshandel und am Papsttum verbreitete sich wie ein Lauffeuer und fand rasch viele Anhänger. Um einen Flächenbrand zu verhindern, bestellte Papst Leo X. 1518 Luther zum Reichstag nach Augsburg, wo ihn Kardinal Thomas Cajetan verhören sollte. Ziel war es, dass Luther seine "ketzerischen" Thesen widerrief. Aber der blieb standhaft, obwohl ihm der Scheiterhaufen drohte.
In der evangelischen Kirche St. Anna in Augsburg hängt nicht nur das berühmte Luther-Porträt von Lucas Cranach dem Älteren. Dort ist auch eine umfangreiche Dokumentation über Luther und die Reformation zu sehen. U.a. kann man Auszüge aus dem nachgestellten und sehr emotional geführten Disput zwischen Luther und Cajetan hören:
[zum Anhören klicken: Disput zwischen Luther und Cajetan]
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EIN GULDEN UND DREI HALLELUJA
500 Jahre soziales Wohnen in der Fuggerei
Schon vor 500 Jahren hielt ein Augsburger die Fäden in der Hand. Der Kaufmann und Bankier Jakob Fugger galt als reichster und damit mächtigster Mann seiner Zeit. Kaiser, Könige, sogar Päpste, buhlten um seine Gunst und um sein Geld. Aber Jakob Fugger war auch ein frommer Christ mit einem sozialen Gewissen. Anno 1514 beschloss er deshalb eine Siedlung für Bedürftige zu bauen. Für eine Jahresmiete von einem Rheinischen Gulden sollten in Not geratene Augsburger dort billig wohnen können. Der Betrag entsprach dem Wochenlohn eines Maurers oder dem Gegenwert von 36 Hühnern. Darüber hinaus mussten sich die Bewohner verpflichten täglich drei Gebete für das Seelenheil des Stifters zu sprechen.
Jakob Fuggers Sozialsiedlung, die Fuggerei, besteht bis heute, und die Miete wurde nie erhöht. Sie beträgt noch immer umgerechnet einen Gulden, nämlich 88 Cent, pro Jahr. Kein Wunder, dass die Wohnungen sehr begehrt sind. Kein Wunder auch, dass viele von Nah und Fern nach Augsburg kommen, um dieses Kuriosum zu besichtigen. So hat sich die Fuggerei zur meistbesuchten Touristenattraktion der Stadt entwickelt, und ein wenig fühlt man sich dort um 500 Jahre zurückversetzt.
Reportage (Radio hr4, 10.08.2013):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Viel hat sich nicht verändert seit den Zeiten von Jakob Fugger. 52 Häuschen, alle einheitlich ockergelb verputzt, schmiegen sich in mehreren Reihen eng aneinander. In den Vorgärten blühen Blumen und Sträucher, im Zentrum der Siedlung sprudelt ein Springbrunnen. Eine fast ländliche Idylle inmitten der Großstadt. Und vor 500 Jahren geradezu ein Paradies:
[O-Ton Sabine Darius:]
"Augsburg war eine sehr volle Stadt, es war alles sehr beengt. Derjenige, der arm geworden ist, krank geworden ist, bedürftig geworden ist, konnte letztendlich nur ins Armenhaus gehen. Im Armenhaus war der Tagesablauf streng reglementiert, man hatte keine Privatsphäre, es war sehr eng, und dann baut Jakob Fugger diese Fuggerei, wie wir sie heute noch sehen, mit dieser Gassenbreite und mit Wohnungen, wo jeder seine eigene Haustüre hat und seinen eigenen Eingang hat, nicht einmal den mit jemand teilen muss, der wohnt wie im eigenen Haus, so ist es heute noch."
[Atmo: Türöffner und Begrüßung]
Stiftungsmitarbeiterin Sabine Darius schaut kurz bei Friederike Heimann rein. Die alte Dame lebt seit 2005 in der Fuggerei. Zwei Zimmer, Küche, Bad, WC – das ist ihr kleines Reich. Mittlerweile hat sie die Achtzig überschritten, und die Treppe bereitet ihr zunehmend Mühe, aber trotzdem fühlt sie sich hier wohl, und die Leute in der Stadt beneiden sie sogar ein wenig:
[O-Ton Friederike Heimann:]
"Die schaun mi immer an als wenn i von em andern Stern komm [lacht]. Die sagen immer, mei, das is ja toll in d' Fuggerei, wenn ma da wohne kann. Hab i gsagt, ja, doch, des is scho schön herin."
Auch wenn es nicht ganz so billig ist, wie es zunächst klingt. Die Nebenkosten müssen die Mieter nämlich größtenteils selbst tragen.
[O-Ton Friederike Heimann:]
"Da kommt ja no Dings dazu, Strom, Heizung, Telefon, dann hab i Straßenbahn-Abo. Es bleibt im Ganzen no von der Rente, i krieg 450 Rente, un da bleiben dann no 170 übrig. I krieg zwar Grundsicherung vom Sozialamt, aber da wird dann die Krankenkasse abzogn un Heizung. Wenn i des alles zahlen müsst von der Rente, kennt i wirkli net leben."
Na, wenigstens kostet das Beten nichts. Denn auch das wird nach wie vor von den Bewohnern erwartet. Da hat sich seit Jakob Fuggers Zeiten nichts geändert.
[O-Ton Sabine Darius:]
"Und zwar sind die drei Gebete das 'Vater unser', das 'Ave Maria' und das 'Glaubensbekenntnis'. Das war ihm sehr wichtig, das war die Denkweise des ausgehenden Mittelalters. Es war sehr wichtig, dass, wenn man dann gestorben ist, dass für einen gebetet wird."
Ob sich wirklich alle Bewohner daran halten, kann und will Sabine Darius zwar nicht kontrollieren, aber zumindest Frau Heimann beteuert, dass sie jeden Abend die drei Gebete spricht. Nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern auch aus Dankbarkeit. Denn es ist schon ein Privileg, in der Fuggerei zu wohnen.
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JAKOB FUGGER DER REICHE
- ein "König Midas" des Renaissance-Zeitalters
Er war sozusagen ein Midas des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Wie bei dem griechischen Sagenkönig wurde alles zu Gold, was er anfasste. Als Jakob Fugger die Leitung des Familienunternehmens übernahm, war es eines der bedeutendsten in Augsburg, als er starb, war es das bedeutendste der damaligen Welt.
Jakob Fugger wurde 1459 als jüngster Sohn der Tuchhändlerfamilie in Augsburg geboren. Eigentlich war ihm eine kirchliche Laufbahn zugedacht, aber schon in jungen Jahren entschied er sich für den Kaufmannsberuf. Mit 14 ging er für die Firma nach Venedig, Florenz und Rom, lernte dort alles, was ein guter Kaufmann wissen musste. Als er Jahre später nach Augsburg zurückkehrte, leitete offiziell sein Bruder Ulrich das Unternehmen, aber Jakob nahm nach und nach das Szepter in die Hand. Er gründete Niederlassungen in vielen europäischen Handelszentren wie zum Beispiel Köln, Mailand, Wien und Krakau. Zu Tuchproduktion und -handel kamen neue Geschäftszweige hinzu, vor allem Bankwesen und Kupferbergbau. Da bieß es dann: nicht kleckern, sondern klotzen! Speziell im Kupferhandel stieg Jakob Fugger sozusagen zum "Global Player" auf, er beherrschte den damaligen Weltmarkt.
Zu seinen wichtigsten (Bank-)Kunden zählte Papst Julius II., der ihn mit der Organisation des Ablasshandels in Deutschland und weiteren Ländern betraute. Dafür durfte er die Hälfte der Einnahmen behalten, die andere Hälfte floss nach Rom. Ein weiterer guter Kunde war Kaiser Maximilian I., der sich gerne Geld bei den Fuggern borgte und sich erkenntlich zeigte, indem er seine schützende Hand über das Unternehmen hielt und Jakob Fugger in den Adelsstand erhob. Im Gegenzug sorgte der Augsburger Bankier mit horrenden Summen dafür, dass die Kurfürsten Maximilians Enkel, den Habsburger Karl von Spanien, zu dessen Nachfolger wählten. Damit stand auch der neue Kaiser Karl V. in der Schuld der Fugger. Seiner Frömmigkeit zum Trotz kassierte Jakob Fugger für gewährte Kredite übrigens hohe Zinsen, obwohl er damit gegen ein Verbot der Kirche verstieß. Nur eine Vermutung ist allerdings, dass ihm dies Gewissensbisse verursachte und er auch deshalb die Bewohner der Fuggerei verpflichtete für sein Seelenheil zu beten.
Zum Zeitpunkt seines Todes 1525 hatte Jakob Fugger das Familienvermögen vervielfacht. Sein Neffe Anton führte die Geschäfte weiter und arbeitete eng mit Kaiser Karl V. zusammen, finanzierte dessen Kriege gegen Franzosen, Osmanen und Protestanten in Deutschland. Aber der habsburgische Monarch, der nicht nur über Deutschland, sondern auch über Spanien herrschte, konnte die Kredite irgendwann nicht mehr zurückzahlen. Der spanische Staatsbankrott 1557 unter Karls Sohn, König Philipp II., kostete die Fugger ein Vermögen und brachte sie in arge Bedrängnis. Antons Nachfolger Johann Jakob Fugger war auch persönlich hoch verschuldet und musste die Firma auf Druck seiner Brüder verlassen, um das Ansehen nicht weiter zu beschädigen. Er verkaufte seine gesamte Habe, am Ende auch seine wertvolle Bibliothek an Herzog Albrecht V. von Bayern, der damit den Grundstock für die Bayerische Staatsbibliothek legte. Diesem Umstand verdankt Johann Jakob Fugger sein imposantes Denkmal auf dem Augsburger Fuggerplatz. Dennoch steht sein Name auch für den Niedergang des Hauses Fugger. Endgültig den Garaus machte dem einstigen Weltunternehmen der Dreißigjährige Krieg (1618-48), der den gesamten Handel in Deutschland zum Erliegen brachte. 1658 wurde die Firma aufgelöst. Damit war das Lebenswerk Jakob Fuggers des Reichen zerstört. Mit dem "König-Midas"-Gen und damit der Gabe, alles zu Gold werden zu lassen, was man anfasst, waren seine Erben offenbar nicht gesegnet.
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VON ST.ULRICH ÜBER LEOPOLD MOZART BIS BERT BRECHT
- große Söhne (und Töchter) der Stadt
Die Frage nach dem größten Sohn Augsburgs müsste ich als bekennender Fan von Eintracht Frankfurt eigentlich mit Armin Veh beantworten. Der Erfolgstrainer nämlich hat am 1. Februar 1961 in Augsburg das Licht der Welt erblickt. Aber so berühmt, dass man ihm in seiner Geburtsstadt ein Denkmal oder gar ein Museum gewidmet hätte, ist er dann offenbar doch (noch) nicht. Da haben andere Herrschaften deutlich die Nase vorn:
Einer der ersten, die als große Söhne Augsburgs durchgehen können, war der Heilige Ulrich (geb. anno 890), der als Bischof im Jahr 955 entscheidenden Anteil am Sieg Ottos des Großen in der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die Ungarn hatte. Die Schlacht gilt als eine der entscheidendsten in der deutschen Geschichte (und wurde wohl nur vom WM-Sieg 1954 gegen Ungarn getoppt ). Nach St. Ulrich sind gleich zwei Kirchen in Augsburg benannt, eine katholische und eine evangelische, die noch dazu direkte Nachbarn sind. Die größere von beiden, die katholische Basilika St. Ulrich und Afra, ist eines der Wahrzeichen von Augsburg. Ihr markanter, 93 m hoher, Zwiebelturm überragt die südliche Altstadt.
Über die Stadtgrenzen hinaus bekannter klingt allerdings der Name Mozart. Nein, nicht Wolfgang Amadeus, sondern Leopold Mozart, der Vater (geb. 14. November 1719). Wie sein noch berühmterer Sohn war er Musiker und Komponist. Er entdeckte auch die große Begabung seines Sohnes und förderte sie nachhaltig. Die Familie Mozart stammte aus dem schwäbischen Umland von Augsburg. Einer der Vorfahren, Hans Georg Mozart, machte sich beispielsweise als Baumeister des Domkapitels einen Namen. An Leopolds Großvater, den Maurermeister Franz Mozart, erinnert eine Gedenktafel in der Fuggerei, wo er zeitweise gelebt hat.
Dass Wolfgang Amadeus Mozart heute als österreichischer Komponist gilt, ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass sein Vater Leopold zum Vize-Hofkapellmeister des Salzburger Fürstbischofs berufen wurde und sein Sohn deshalb nicht im heimatlichen Augsburg, sondern in Salzburg zur Welt kam.
Im Geburtshaus von Leopold in der Frauentorstraße ist ein Museum eingerichtet, das die Geschichte der Familie dokumentiert, ihren musikalischen Werdegang und die Auslandsreisen, bei denen Leopold Mozart seinen Sprössling vor einflussreichen Leuten und sogar vor gekrönten Häuptern stolz präsentierte.
Zu Ehren der Musiker-Familie lässt außerdem das Glockenspiel auf dem Perlachturm neben dem Rathaus zweimal täglich Mozart-Melodien erklingen.
Noch nicht sehr lange als großer Sohn Augsburgs angesehen ist der Dichter und Dramatiker Bertolt Brecht (geb. 10. Februar 1898). Seine Vaterstadt hat sich über Jahrzehnte schwer getan mit dem unbequemen Querdenker und überzeugten Kommunisten. Erst in jüngerer Zeit gestand man ihm den Stellenwert zu, den er verdient hat. Brecht ist der weltweit meistgespielte deutsche Theater-Autor. Besonders seine "Dreigroschenoper" wurde zum Klassiker und Dauerbrenner international.
Eugen Berthold Brecht, wie sein bürgerlicher Name war, entdeckte schon als Schüler ein großes Interesse für das Theater und war Stammgast an der städtischen Bühne. Allerdings gefiel ihm selten, was er dort sah, und im Lokalblatt schrieb er vernichtende Kritiken. In Augsburg fand Brecht auch seine Jugendliebe Paula Banholzer. Deren Eltern aber missbilligten die Beziehung, und als Paula ein uneheliches Kind von Brecht erwartete, wurde sie aufs Land geschickt, um einen Skandal zu vermeiden. Ihr Liebster kehrte Augsburg ebenfalls den Rücken und zog nach Berlin.
Bert Brechts Geburtshaus im Lechviertel ist inzwischen umfunktioniert worden zu einem Museum. Dort werden Leben und Werk des Dichters gebührend gewürdigt. Und am Obstmarkt gibt es den weltweit einzigen "Brecht-Shop", der Bücher, Tonträger und Souvenirs verkauft.
Zu den drei genannten Herren kämen natürlich noch zahlreiche weitere gebürtige Augsburger hinzu, die eine ausführliche Würdigung verdient hätten. Wenigstens kurz erwähnt werden sollen folgende Personen:
* Agnes Bernauer (geb. um 1410), die bürgerliche Geliebte des bayerischen Herzogs Albrecht III., die ihre unstandesgemäße Liebe mit dem Tod bezahlen musste. Sie ist auch die Heldin des Dramas "Agnes Bernauer" von Friedrich Hebbel.
* Hans Holbein der Ältere (geb. 1470), ein Maler und Bildhauer, der auch den Weingartner Altar im Augsburger Dom geschaffen hat.
* Hans Holbein der Jüngere (geb. um 1497), Sohn des oben genannten und Hofmaler König Heinrichs VIII. von England.
* Magda Schneider (geb. 17. Mai 1907), Schauspielerin und Mutter von Romy Schneider.
* Hans Sachs (geb. 26. Februar 1912), Oberstaatsanwalt und Ratefuchs im legendären TV-Quiz "Was bin ich?" mit Robert Lembke.
* Jürgen Möllemann (geb. 15. Juli 1945), FDP-Politiker, Bundesminister und bei einem Fallschirmsprung tödlich verunglückt.
* Bernd Schuster (geb. 22. Dezember 1959), als "blonder Engel" bekannt gewordener Fußballer, der u.a. für den 1. FC Köln und Real Madrid kickte und als Trainer mit den "Königlichen" spanischer Meister wurde.
Nein, nicht vergessen an dieser Stelle wurde der Kaufmann und Bankier Jakob Fugger der Reiche (geb. 6. März 1459). Mehr zu ihm gibt's unter Augsburg 3 zu lesen.
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