Rolf Fröhlings Reisereportagen
Argentinien
TANGO, GLETSCHER, PINGUINE
Für Argentinien, das "Silberland", sind die goldenen Zeiten seit fast hundert Jahren vorbei. Die Rinderzucht wirft schon lange nicht mehr viel ab. Aber seinen Stolz hat das Land im Süden Südamerikas deshalb trotzdem nicht verloren. Und der gründet sich nicht nur auf den Gewinn der Fußball- Weltmeisterschaft. Stolz sind die Argentinier auch auf ihre Kultur und auf die beeindruckende Größe ihres Landes: Rund 4.000 Kilometer misst es von Nord nach Süd – vom tropischen Dschungel über sandige Wüsten und staubige Pampas bis hin zum ewigen Eis. Eine Reise durch Argentinien wird damit fast zu einer kleinen Weltreise. Stationen sind unter anderem Tango-Lokale, kalbende Gletscher und watschelnde Pinguine.
Reportagen (Radio SDR1, 1994; hr3, 1994):
Kaum eine Musik ist so eng mit ihrem Ursprungsland verbunden wie der Tango. Argentinien und der Tango gehören untrennbar zusammen wie Spanien und der Flamenco. Vor allem in der Hauptstadt Buenos Aires begegnet man der Tango-Musik auf Schritt und Tritt. Wenn auch die Jugend Argentiniens sich längst anderen Rhythmen zugewandt hat, so wird der Tango doch zumindest für die zahlreichen Touristen am Leben erhalten. Von Amateuren auf den Straßen und Plätzen, von Profis in den einschlägigen Tango-Lokalen.
Reportage (Radio SDR1, 1994; hr3 1994):
[Musik: Tango-Musik des Sexteto Mayor]
Das Sexteto Mayor ist eine der bekanntesten argentinischen Tango-Kapellen. Seine Musik bildet den Höhepunkt einer Show im Tango-Lokal "Michelangelo". Und wenn dann noch zu seinen Klängen gesungen und getanzt wird, sind die Besucher hingerissen. Liebe und Eifersucht, Zärtlichkeit und Temperament - das alles drücken die Musiker mit ihren Instrumenten, die Sänger mit ihren Stimmen und die Tänzer mit ihren Bewegungen aus. Und der Tango weckt auch bei den Zuschauern Emotionen.
[O-Töne Touristen:]
"Natürlich erotische, weil es ein erotischer Tanz ist."
"Einfach das Feeling von Buenos Aires und seinen Leuten."
"Find' ich toll. Was soll ich sagen? Einfach faszinierend. Das ist rhythmisch – wahnsinnig. Also, unsere Tangos, das was man bei uns spielt, das kann man nicht vergleichen. Das is' natürlich original."
Original ist zumindest der Schauplatz. Das "Michelangelo" liegt wie die meisten Tango-Lokale mitten in San Telmo, dem Viertel von Buenos Aires, wo der Tango vor etwa hundert Jahren geboren wurde. Ursprünglich lebten dort viele schwarze Sklaven aus dem südlichen Afrika und der Karibik, besonders aus Kuba. Sie verbanden ihre traditionellen Rhythmen mit dem andalusischen Tanguillo. Aus diesen Komponenten entwickelte sich der Tango. Bis er aber seine große Popularität erreichte, war es noch ein langer Weg.
[O-Ton Stadtführerin Monica:]
"As the tango was born ...
Weil der Tango in San Telmo geboren wurde, erzählt Stadtführerin Monica, in einem Viertel also, wo viele Schwarze und arme Leute wohnten, boykottierten ihn die Reichen von Buenos Aires. Nur die Leute von San Telmo hörten die Tango-Musik. Erst Carlos Gardel, der berühmteste Tango-Sänger überhaupt, brachte den Erfolg. Und es heißt, dass der Tango zuerst in Paris Erfolg hatte, dann in New York und dann erst zu Hause in Argentinien.
... in New York and then in Argentina."
Und inzwischen hat er von seiner Popularität wieder einiges eingebüßt. Das Show-Publikum im "Michelangelo" besteht überwiegend aus Touristen. Porteños, wie die Bürger von Buenos Aires genannt werden, sucht man hier meist vergebens. Die berühmte Tango-Bar "Viejo Almacén" musste wegen Besuchermangels schließen, und auch in vielen anderen Bars spielen die Kapellen vor eher spärlicher Kulisse. Die Jugend von Buenos Aires geht lieber in Spielhallen und hört dröhnende Rock-Musik. Der Tango gerät ins kulturelle Abseits. Darüber kann auch der gut besuchte Tango-Markt im heutigen Künstlerviertel San Telmo nicht hinwegtäuschen.
[Atmo: Grammophon-Musik]
Eigentlich ist er ein Antiquitätenmarkt, doch Tango-Musik kommt nicht nur aus alten Grammophonen, die dort angeboten werden, Tango spielen auch die Straßenmusikanten, die den Marktplatz säumen. Ein gut inszeniertes Spektakel, doch eher originell als original. Und die Besucher sind wiederum fast ausschließlich Touristen. Dennoch hat der Tango auch unter den Einheimischen noch eine kleine Fangemeinde – eine grau-melierte zwar, aber umso treuere. Sie trifft sich zum Beispiel in der "Confiteria Ideal".
[Atmo: Hammond-Orgel-Musik]
Die alten Caféhäuser von Buenos Aires – wie die "Confiteria Ideal" – pflegen die Tradition. Live-Musik gehört so selbstverständlich dazu wie die stilecht schwarz-weiß gewandeten Kellner. Hier sind die Touristen noch in der Minderheit. Und doch sollte keiner der Hauptstadt den Rücken kehren, ohne ein solches Caféhaus besucht zu haben. Denn das Ambiente erinnert noch an die gute alte Zeit um die Jahrhundertwende, als der Tango geboren wurde und Argentinien zu den reichsten Ländern der Welt gehörte.
[O-Töne Touristen:]
"Man könnte meinen, dass hier die Großgrundbesitzer mal früher gewesen wären oder dass es auch ein Café gewesen wäre für Offiziere. Auch die Deckenlampen, die Deckenmosaike zum Teil, erinnern mich etwas an Jugendstil."
"Ja, also, wenn man zunächst 'rein kommt, fühlt man sich an ein Wiener Caféhaus erinnert. Aber bei näherer Betrachtung ist es dann doch nicht so gemütlich. Es hat nicht diesen Zuckerbäckerstil, stammt offenbar aus dem Beginn des Jahrhunderts, ist sehr dunkel, sehr kühl – die ideale Oase, wenn's draußen heiß ist und man sich irgendwo zurückziehen will und in Ruhe einen Kaffee oder ein Getränk zu sich nehmen will."
Wer also das alte Buenos Aires sucht, der findet es auch. Und was speziell den Tango betrifft, so kann noch nicht alles verloren sein, so lange der Sänger Carlos Gardel selbst Jahrzehnte nach seinem Tod noch mindestens ebenso populär ist wie Fußballstar Diego Maradona. Und Musiker wie das Sexteto Mayor tun allabendlich ihr Bestes, damit die Erinnerung an ihn und seine Musik lebendig bleibt.
[Musik: Tango-Musik des Sexteto Mayor]
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Der Kontrast könnte nicht größer sein: von der Urbanität der Millionenstadt Buenos Aires in die einsame Steppenlandschaft Patagoniens, in das kleine Provinznest Calafate am Fuße der Anden. Es ist eine menschenfeindliche Gegend – trocken und meist kalt. Ein unangenehmer Wind wirbelt den staubigen Boden auf. Doch hier, ganz im Süden des südamerikanischen Kontinents, offenbaren sich seine vielleicht schönsten Naturwunder – die Gletscherriesen rund um den Lago Argentino.
Reportage (Radio SDR1, 1994; hr3, 1994):
[Geräusch: Donnergrollen]
Mit Donnergetöse stürzen sie bis zu 80 Meter tief in den Lago Argentino: tonnenschwere Eisbrocken von der Kante des Moreno-Gletschers. Der Gletscher kalbt, sagen die Fachleute. Das warme Sonnenlicht bringt das Eis zum Schmelzen und ist Ursache für ein Naturschauspiel, das die Besucher aus nächster Nähe miterleben können. Eine von blühenden Sträuchern bewachsene Landzunge, die in den See hineinragt, gewährt den Logenblick auf das einzigartige Spektakel.
[O-Töne Touristen:]
"Es ist überwältigend, einzigartig. Man wird stumm."
- Wie geht's Ihnen?
"Mir natürlich ähnlich. Obwohl ich schon mal nach Grönland, Labrador bis Ost-West-Passage gesegelt bin und so was in ähnlicher Form kenne, nich? Wenn auch vielleicht nicht in diesen Dimensionen wie sie hier jetzt gerade sind, nich?"
"Das wird nicht alle Tage geboten. Und zwar kenn' ich die Gletscher von den Alpen in Europa. Die sind also nicht in einer so großen Dimension... also und auch in der Höhe nicht. Das, wie es heißt, kann man zu den 8. Weltwunder zählen."
Und das sieht die UNO ähnlich. Drum hat sie den Moreno-Gletscher, benannt nach dem Forscher Perito Moreno, als Naturschatz der Menschheit unter besonderen Schutz gestellt. Schließlich gehört der weiße Riese nicht nur zu den höchsten und schönsten seiner Art, er ist auch einer der wenigen Gletscher auf der Welt, die immer noch wachsen. Wenn Reiseleiterin Fabiana das Phänomen zu erklären versucht, klingt das allerdings nach Fachchinesisch.
[O-Ton Reiseleiterin Fabiana:]
"Der Moreno-Gletscher hat wahrscheinlich einen tiefen Abhang, deshalb rutscht er noch vorwärts. Denn in der letzten Zeit hat er ja nicht zugemacht an der Magallanes-Halbinsel. Das heißt, dass er nicht so arg vorwärts schubst wie vor sechs Jahren ungefähr. Also, bis zum letzten Durchbruch ging's noch. Da sagte man, er hat 33 Zentimeter am Tag gewachsen, nich? Aber jetzt, äh, sagen sogar die letzten Forscher, die hier kamen – das waren Japaner – dass der Gletscher nicht mehr zumachen wird, also nicht dicht-, äh, zumachen wird und dass es keinen Abbruch mehr geben wird oder keinen Durchbruch mehr geben wird."
Einfacher ausgedrückt: Nichts Genaues weiß man nicht, die Experten rätseln noch. Am kühlen Klima allein jedenfalls kann es nicht liegen, denn alle anderen Gletscher Patagoniens haben ebenfalls den Rückzug angetreten. Beeindruckende Naturschauspiele bieten sie trotzdem. Vor allem der 60 Kilometer lange und 6 Kilometer breite Uppsala-Gletscher, einer der größten der Welt. Man erreicht ihn nach einer zweistündigen Bootsfahrt über den Lago Argentino. Und je mehr man sich dem Gletscher nähert, desto häufiger treiben tiefblau gefärbte Eisberge auf dem See.
[O-Ton Reiseleiterin Fabiana:]
"Die Vorderseite des Uppsala-Gletschers schwimmt auf dem See. Und der See reißt mit Flut und Ebbe so riesengroße Stücke ab, weil er eben nicht auf'm Grund liegt. Nur die Vorderzunge des Gletschers, ungefähr 10 Kilometer, schwimmen auf dem Wasser."
Die Eisberge können dem Ausflugskatamaran zwar nicht gefährlich werden, wohl aber der stürmische Wind, der über den See fegt, sodass sich die Passagiere an Deck gut festhalten müssen, um nicht über Bord zu gehen. Trotzdem hält es kaum einen im Innenraum des Bootes, denn die schneebedeckten Andengipfel, die Eisberge und Gletscherzungen fordern zum Fotografieren geradezu heraus. Für viele Patagonien-Reisende ist die Uppsala-Expedition das herausragende Erlebnis.
[O-Töne Touristen:]
"Wir haben schon Gletscher gesehen, aber in dieser Größe und in dieser bizarren Form wie hier eigentlich noch nie."
"Es hat uns sehr gefallen, und ich finde es ganz grandios. Das kann man auf gar keinen Fall vergleichen mit allem, was ich von Europa kenne."
"Auch die Organisation, die Sauberkeit des Bootes, alles tipptopp. Auch das Essen war sehr gut hier am Lago Ornelli, und ich bin restlos begeistert. Von Deutschland reichlich weit weg, aber ich find', es lohnt sich."
Die Tagestour mit dem Katamaran bietet einen Einblick in die unzugängliche Gletscherwelt Patagoniens, der nur vom Boot aus möglich ist. Drei große Gletscher sowie ungezählte mittlere und kleine – alles an einem Tag. Trotzdem keine Übersättigung, denn jeder Gletscher ist anders. Manche der bizarren Gebirge aus Eis scheinen wie von Bildhauerhand geschaffen. Sie regen die Fantasie an. Und nur ein Banause denkt dabei, wie geschehen, sehnsüchtig an die Hotelbar und einen Martini on the rocks.
[Geräusch: klimpernde Eiswürfel]
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Schneebedeckte Berge thronen über der Ebene Patagoniens. Sie sind bei weitem nicht so hoch wie die Anden-Gipfel weiter nördlich, aber dennoch berühmt-berüchtigt. Vor allem der Monte Fitzroy, auch "K 2 der südlichen Hemisphäre" genannt, und der Cerro Torre, Schauplatz des Bergsteiger-Dramas "Der Schrei aus Stein" von Werner Herzog. Der Film hat die steinerne Nadel auch in Europa weithin bekannt gemacht. Die beiden Gipfel locken Bergsteiger aus aller Herren Länder nach Patagonien, denn sie zählen zu den schwierigsten der Welt.
Reportage (Radio SDR1, 1994; hr3, 1994):
[Musik: "El condor pasa"]
Die Bergwelt um Fitzroy und Cerro Torre ist das Reich des Kondors oder Königsgeiers, des größten Vogels der Welt. Stundenlang kreist er über den Gipfeln der Dreitausender und hält mit seinen unglaublich scharfen Augen Ausschau nach Aas. Immer häufiger aber erspäht er zweibeinige Wesen in bunten Anzügen, die versuchen in sein Reich einzudringen. Und er wird sich manchmal die gleiche Frage stellen wie der Journalist Ivan in Werner Herzogs Film.
[Film-Ausschnitt:]
"Was treibt uns Menschen auf Berge? – Als wäre das Dasein in der Ebene nicht schon höllisch genug. Martin hatte mir mal gesagt, seine Art zu klettern ähnele dem Schachspiel. Nur sei er Spieler und Figur zugleich. Und Roger? Wollte er nur die Schmach des verlassenen Liebhabers wettmachen? Oder wollte er beweisen, dass er immer noch der Größte war?"
Im kleinen Café von Chaltén sitzt eine vierköpfige Gruppe von Bergsteigern aus Österreich und der Schweiz und starrt gelangweilt auf den Fernseher. Dort wird wie jeden Nachmittag das Video "Schrei aus Stein" abgenudelt. Ihr Schrei aus Stein ist der Nachbar des Cerro Torre, der Fitzroy. Seit gut vier Wochen sitzen sie hier herum und warten, dass das Wetter besser wird und dass sie endlich den Aufstieg wagen können. Es ist lausig kalt draußen. Mitten im Hochsommer. Und die Gipfel ringsum hüllen sich in Wolken. Aber keiner denkt an Abreise. Nicht, bevor sie ihn bezwungen haben: den Fitzroy – und sonst keinen!
[O-Töne Bergsteiger:]
"Es is' natürlich der Name, net? Des Bekannte, dass er eben sehr schwierig is' und sehr schwer zu besteigen is'. Und es is' hauptsächlich eben so, dass mer zu Hause sicherlich schöne Berge hat, genug Berge, aber es lockt natürlich e bissl 's Abenteuer. Und dann isses natürlich auch e bissl e Selbstbestätigung, net? Wenn mer da oben g'stand'n is', dann grüßen's einen und sag'n: Des hast's super g'macht."
"Herg'fahr'n bin i, weil des Patagonien einfach ein' Reiz ausmacht, net? Des Wort allein, wennst Berichte liest von gewissen Tour'n un' so, dann willst halt da a amol bergsteig'n. Aber wennst dann do bist, kapierst schnell amol, dess d'net nur weg'm Bergsteig'n daher kommen kannst, weil dir passier'n kann, dass d' drei Monate da hockst un' nie auf'm Berg unterwegs sei' kannst, weil aafach 's Wetter immer so schlecht is'. Des s' eigentlich des Abenteuer, was des Ganze ausmacht."
Zur Not warten sie weitere vier Wochen. Matterhorn und Eiger-Nordwand haben sie längst hinter sich. Der Monte Fitzroy stellt weit höhere Anforderungen an das bergsteigerische Können. Mit knapp 3.500 Metern ist er vergleichsweise niedrig – und auch die rundum senkrecht aufragenden Felswände allein machen ihn nicht zum "K 2 der südlichen Hemisphäre". Es ist vor allem das meist schlechte und unvorhersehbare Wetter.
[O-Ton Bergsteiger:]
"Es geht a irrsinniger Wind dort oben, ne? Und wenn des Wetter net mitspielt, dann kannst einfach net rauf, ne? Dann kannst einfach nix machen. Dann kannst noch so gut klettern, dann geht's einfach net."
Also müssen sie weiter warten und Kaffee trinken. Und sie sind nicht die einzigen. Jeden Tag kommen Busse aus Calafate und spucken Dutzende von Touristen aus, die mit Bergsteigen gar nichts am Hut haben. Doch der Felsenkegel des Fitzroy zieht sie trotzdem in Scharen hier herauf. Und auch die tief hängenden Wolken schrecken sie nicht ab. Sie wollen so lange bleiben, bis sie ihn mit eigenen Augen gesehen haben.
[O-Ton Touristin:]
"Auf den Bildern hat er eine wunderschöne Ausstrahlung für mich. Es ist ein Berg, der einfach von der Form her fasziniert. Er ist sehr majestätisch. Er hat ganz steile, aufragende Wände und thront - zumindest auf den Bildern halt jetzt - hoch über der Landschaft. Und das ist einfach was... ja, was Wildes, was Erhabenes, wenn man ihn sieht."
Und das Warten wird häufig belohnt. Über Nacht können die Wolken verschwunden sein. Dann ist das Café von Chaltén plötzlich wie leergefegt. Alles strömt in Richtung Berg. Die einen, um endlich den Aufstieg zu wagen. Die andern, um ihn aus nächster Nähe zu bestaunen. Herrliche Wanderwege führen hinauf zu den Basislagern der Andinisten. Vorbei an Wildbächen, Wasserfällen und Bergseen. Eine kaum berührte Natur, in der noch immer der Kondor regiert. Und um den kreisen zu sehen, braucht man, Gott sei Dank, nicht bis auf den Gipfel. Den sieht man auch vom Fuß des Berges.
[Musik: "El condor pasa"]
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Wer die Gletscher und steilen Gipfel im südlichen Patagonien gesehen hat, glaubt, dass diese Eindrücke kaum noch zu überbieten sind. Und trotzdem dringen die meisten Argentinien-Reisenden noch weiter in den Süden vor. Bis ans "Ende der Welt" – fin del mundo: nach Feuerland! Denn von dort ist die Antarktis "nur" noch tausend Kilometer entfernt. Der überwiegende Teil der Insel jenseits der Magellan-Straße gehört zwar zu Chile, doch die südlichste Stadt der Welt, Ushuaia, liegt im argentinischen Teil von Feuerland. Einst ein abgelegenes Nest, hat der Tourismus ihr einen bescheidenen Wohlstand gebracht. Und das obwohl der Winter hier fast das ganze Jahr über dauert.
Reportage (Radio SDR1, 1994; hr3, 1994):
Auf dem Flugplatz von Ushuaia herrscht reger Betrieb. Außer der kleinen Maschine aus Calafate ist gerade ein Düsenjet aus Buenos Aires gelandet. Vom Rollfeld aus überblickt man den Hafen. Ein deutsches Kreuzfahrtschiff liegt dort vor Anker. So viele Touristen hier am "Ende der Welt"? Immerhin zeigt das Thermometer 13 Grad plus. So bitter kalt ist es gar nicht. Und dass der kurze Sommer nicht nur Feuerlands Natur zum Blühen bringt, sondern auch seine Wirtschaft, merkt man spätestens, wenn man über Ushuaias Einkaufsmeile schlendert. Was zieht all diese Menschen hierher?
[O-Töne Touristen:]
"Ich hab' mir einfach gedacht, gut, das is' mal so'n Gefühl, mal so weit in den Süden zu fahr'n mit der Nähe halt zur Antarktis, das muss 'ne tolle Gegend sein und muss eben ganz anders sein. Das hatt' ich mir so'n bisschen vorgestellt."
"Ich hab' früher viel von den Seefahrern gehört, auch von Magellan zum Beispiel und später dann von Charles Darwin, der seine naturkundlichen Reisen gemacht hat. Und das is' also wirklich so die Verwirklichung von einem Traum: dass ich ganz weit weg fahr'n kann, in 'ne Gegend, die noch sehr naturbelassen is', wo man wirklich noch Wildnis finden kann – und das is' halt eben das Ende der Welt."
Wie schaut es nun aus, das "Ende der Welt"? Eigentlich wie eine ganz normale argentinische Kleinstadt. Mit den typischen flachen Häuschen, im Schachbrettmuster angeordnet. Es gibt jede Menge Hotels, Restaurants und Geschäfte. Hinter der Stadt eine überwiegend kahle Bergkette mit schneebedeckten Gipfeln. Im Vordergrund der dunkelblaue Beagle-Kanal, eine Meerenge, die Feuerland von der vorgelagerten Isla Navarino trennt. Um die Abgeschiedenheit dieser Gegend richtig zu ermessen, muss man 'raus aus Ushuaia, hinein in die Natur – und auch hier am besten mit dem Boot.
[O-Ton Touristin:]
"Gerade wenn man so entlang dieses Beagle-Kanals fährt, da sieht man doch noch weite Areale, die praktisch unbesiedelt sind, wo wunderschöner Urwald is'. Und auch die Tierwelt hier ist faszinierend: mit Albatrossen und Pinguinen und Seelöwen. Also, es is' schon ungeheuer eindrucksvoll."
Zumal die Boote bis unmittelbar an die Klippen mit den Pinguinen oder Seelöwen heranfahren. Fast kann man sie streicheln, die Robbenbabys. Sie sind so nah wie im Zoo, leben aber dennoch sozusagen in freier Wildbahn. Ein Wunder, dass die Tiere nicht Reißaus nehmen, wenn sie täglich von fotografierwütigen Touristen heimgesucht werden. Doch sie wissen offenbar, dass sie hier unter Schutz stehen. Genau wie die Tiere im Nationalpark Tierra del Fuego, den man von Ushuaia aus per Bus erreichen kann. Sogar der sonst so scheue Biber zeigt sich dort von den menschlichen Besuchern unbeeindruckt
[O-Ton Tourist:]
"Plötzlich is' er an uns vorbeigepaddelt. So als wär'n wir ständige Besucher und wär'n gut Freund mit ihm. Das war schon toll, so hautnah mit 'nem Biber so auf zwei, drei Meter Entfernung, das zu erleben und zu sehen, was er so alles treibt. Das war schon toll."
Doch die Biber machen den Feuerländern auch große Sorgen. Von Menschen eingeführt, leben sie hier ohne natürliche Feinde. Sie vermehren sich ungehindert, bauen Dämme über Dämme, setzen das Land unter Wasser und die Wälder sterben ab. Ein anderes Problem, mit dem die Feuerländer leben müssen, ist das Ozonloch. Durch die starke UV-Strahlung sollen schon Schafe erblindet sein. Doch die Einheimischen wie die Deutschstämmige Verena Linker nehmen die Gefahr nicht allzu ernst.
[O-Ton Verena Linker:]
"Es ist bei uns nicht so warm, dass man sehr viel draußen sich sonnt. Das im Sommer gibt es nicht. Es sind sehr wenig Tage, wo es schön warm ist. Sonst läuft man normalerweise auch im Sommer mit 'nem Pulli oder 'ner Jacke. Und, äh, vielleicht wenn man mittags draußen is', dann zieht man einen Hut an. Aber sonst isses nicht so schlimm."
Dazu kommt, dass die meisten Touristen nur wenige Tage am "Ende der Welt" bleiben, bevor es sie wieder nach Norden zieht, in wärmere Gefilde. Oder noch weiter nach Süden, wo es richtig kalt ist. In Ushuaia nämlich starten die Touren zu den Pinguinen der Antarktis. Wahlweise mit dem großen Dampfer oder der kleinen Segelyacht. Immer mehr Menschen wollen auch noch das letzte Refugium der Natur erobern. Dabei sind die Fahrten zu den Südpolargebieten extrem teuer – und Pinguine gibt's in Feuerland schließlich auch!
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