rolf fröhlings reisereportagen
Yorkshire (England)
DAS LAND DER WEISSEN ROSE
- zu Gast bei englischer Tradition und Lebensart
"Mein Königreich für ein Pferd!", soll er laut Shakespeare gerufen haben, als sich die Niederlage in seiner Schicksalsschlacht abzeichnete. Richard III. war der letzte König von England aus dem Hause York. 1485 verlor er die entscheidende Schlacht gegen die Mannen des Hauses Lancaster. Zuvor hatten die beiden Adelsgeschlechter in den sogenannten Rosenkriegen dreißig Jahre lang um die Krone gekämpft. Die Weiße Rose, das Wappen des Hauses York, unterlag schließlich der Roten Rose, dem Wappen von Lancaster. Noch heute ist die Weiße Rose das Symbol der Grafschaft Yorkshire im Nordosten Englands. Seine politische Bedeutung hat Yorkshire zwar in den Rosenkriegen eingebüßt, aber seine landschaftliche Schönheit und seine kulturelle Bedeutung keineswegs. Zwar liegt die Region etwas abseits der großen Touristenströme, aber darum ist sie nicht weniger attraktiv. Wer englische Tradition und Lebensart liebt, ist im Land der Weißen Rose genau an der richtigen Adresse.
Reportagen (Radio hr4, 28.06.2008; hr-iNFO, 19.07.2008):
York ist die älteste Stadt Großbritanniens. Sie wurde schon im dritten Jahrhundert nach Christus von den alten Römern gegründet. Im frühen Mittelalter machten die Wikinger sie zur Hauptstadt ihres Reiches in England. Heute ist York eine mittlere Großstadt mit knapp 200.000 Einwohnern, aber mit rund vier Millionen Besuchern pro Jahr das touristische Zentrum von Yorkshire. Malerisch am Fluss Ouse gelegen, hat York sein historisches Stadtbild weitgehend bewahrt: eine fast komplett erhaltene Stadtmauer und viele enge Gassen mit windschiefen Häusern und kleinen Geschäften laden zum Bummeln ein. Die (im Wortsinne) überragende Sehenswürdigkeit jedoch ist das Münster aus dem 13. Jahrhundert. Es gilt als größte gotische Kirche nördlich der Alpen. Vom 65 Meter hohen Mittelturm des Münsters hat man einen weiten Blick über die Stadt und über die Grafschaft Yorkshire. 275 Stufen führen hinauf – wahrhaftig eine Treppe zum Himmel.
Reportage (Radio hr4, 28.06.2008; hr-iNFO, 19.07.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Glocke St. Peter]
Weithin schallt die Glocke St. Peter über das Häusermeer von York. Und noch viel weiter schweift der Blick aus himmlischer Höhe – besonders wenn die Luft rein ist nach einem kräftigen Schauer. Und das ist in England nun wirklich keine Seltenheit.
[O-Ton Barry Harper:]
"The Pennines and the Dales are over there ...
Da drüben sind die Bergkette der Pennines und die Dales in der Ferne. Dort ist das North Yorkshire Moor, das bis nach Whitby und Scarborough an der Küste reicht. An einem guten Tag sieht man sogar das Weiße Pferd von Kilburn, eine riesige Skulptur, die in den weißen Fels gehauen ist.
... the cliffs by a white stone."
Turmwächter Barry Harper kann das Panorama jeden Tag genießen, aber auch die zahlreichen Besucher haben den mühsamen Aufstieg nicht bereut. Der Blick sei spektakulär, so das allgemeine Urteil.
[O-Töne Touristen:]
"Oh, certainly it was worth it. The view is spectacular. Yeah, I really like the view."
"Yes, it was worth it. Good view. And not everybody can manage it. So it's some place not everybody's been."
Er freut sich, dass er etwas sieht, was nicht jeder zu sehen bekommt – weil mancher eben doch vor den 275 Stufen zurückschreckt. Doch nicht nur der Blick in die Ferne beeindruckt, auch der auf die gewaltigen Ausmaße des Münsters selbst.
[O-Ton Jonathan Draper:]
"The span of the nave and the choir ...
Die Spannweite des Kirchenschiffs und des Chors ist zu groß, um gefahrlos mit Stein überspannt zu werden, erzählt der Kanoniker Jonathan Draper. So hat man das Deckengewölbe aus Holz gemacht, hölzerne Streben halten es zusammen. Danach wurde das Holz weiß gestrichen, damit es aussieht wie die steinernen Mauern. Aber wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie den Unterschied. Steinerne Streben wären ein bisschen runder, damit sie den Druck und das Gewicht aushalten.
... to take the pressure and the weight."
Berühmt ist das Münster auch für seine Buntglasfenster, die an Größe und Alter in England ihresgleichen suchen. Die ältesten stammen noch aus dem frühen Mittelalter. Zum Glück wurden sie nie zerstört. Sogar die marodierenden Truppen Oliver Cromwells, die im 17. Jahrhundert das königstreue York belagerten und schließlich einnahmen, ließen die Kirchenfenster unberührt.
[O-Ton Jonathan Draper:]
"Oliver Cromwell's general, a man called ...
Oliver Cromwells General Fairfax war aus York und wollte nicht, dass seine Truppen das Münster zerstörten. So konnte das meiste Buntglas für immer erhalten werden, denn auch danach hat es niemand angerührt.
... done that kind of thing since."
[Atmo: Orgelmusik]
Die Fenster sind eine Augenweide, die Orgel sozusagen eine Ohrenweide.
[O-Ton Jonathan Draper:]
"It's a very big organ ...
Das ist eine sehr große Orgel. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts komplett erneuert. Ein Mann namens Jonathan Martin, der Orgelmusik nicht besonders mochte, legte ein Feuer. Und bei diesem schlimmsten Brand überhaupt wurde das Dach des Chors zerstört und viele andere Dinge. Die heutige Orgel ist riesig und hat einen gigantischen Klang. Unsere Organisten sagen, sie ist die drittgrößte in England.
... third biggest in England."
Und so ist das Münster von York allein schon eine Reise wert. Denn eines steht fest: dem Himmel hat es uns heute ein kleines Stückchen näher gebracht.
[Atmo: Glockengeläut]
__________________________________________________
ALL CREATURES GREAT AND SMALL
der Viehdoktor aus dem Wensleydale
Yorkshire ist eine ländliche Region. Besonders in den Dales, eine von kleinen Flüssen durchzogene Hügellandschaft ganz im Westen der Grafschaft. Hier dominieren Schafherden das Bild, grüne Wiesen und die typischen Natursteinwälle, die als Weidezäune dienen. Durch die millionenfach verkauften Bücher des Tierarztes James Herriot wurden die Yorkshire Dales weltbekannt. Die Fernsehserie "All Creatures Great And Small" – in der deutschen Version: "Der Doktor und das liebe Vieh" – flimmerte jahrelang über die Bildschirme rund um den Globus. Im richtigen Leben hieß James Herriot Alfred Wight und praktizierte in der Kleinstadt Thirsk. Weil ihm als Mediziner aber jegliche Eigenwerbung untersagt war, schrieb er seine Geschichten unter einem Pseudonym und verlegte sie in den fiktiven Ort Darrowby in den Yorkshire Dales – eine Landschaft, die er über alles liebte. Und wer die Gegend heute besucht, fühlt sich mitten in die Serienhandlung hineinversetzt.
Reportage (Radio hr4, 28.06.2008):
[Musik: Titelmelodie aus "Der Doktor und das liebe Vieh"]
[Filmausschnitt:]
"Ein Glück, hier leben zu dürfen. Aber ich glaube, das muss ich Ihnen nicht sagen."
"Viele finden diese Landschaft zu kahl und wild, besonders im Winter. Sie bekommen Angst vor ihr, aber ich liebe sie."
Liebe auf den ersten Blick sozusagen. Nicht nur zwischen James Herriot und seiner späteren Ehefrau Helen, sondern auch zwischen seinem Alter Ego Alf Wight und den Yorkshire Dales.
[O-Ton Jim Wight:]
"He liked it enormously because my father ...
Er mochte sie sehr, erzählt Jim Wight, der Sohn des verstorbenen Viehdoktors. Er war ja in der Großstadt Glasgow aufgewachsen. Als er die offene Landschaft zum ersten Mal sah, fand er sie fantastisch. Er liebte sie vom ersten Tag an und wusste sofort, dass er hier den Rest seines Lebens verbringen wollte.
... the rest of his life here."
Jim Wight führt uns durch die ehemalige Tierarztpraxis Kirchgasse 23 in Thirsk. Das Haus ist heute ein James-Herriot-Museum. Alles wurde originalgetreu nachgestellt, wie es damals in den 1940er und -50er Jahren hier aussah. Sogar der Viehdoktor selbst und einige seiner Romanfiguren sind als lebensechte Puppen in die Szenerie eingefügt. Denn sie alle hat es wirklich gegeben – nur unter anderem Namen.
[O-Ton Jim Wight:]
"Some people say: Has James Herriot written fiction? ...
Einige Leute fragen: Hat James Herriot alles frei erfunden? Ganz im Gegenteil! Seine Geschichten haben sich nicht unbedingt genau so zugetragen, wie er sie beschrieben hat, aber alle basieren auf Tatsachen. Und das ist das Geheimnis seines Erfolges. Er hat nicht nur über sich geschrieben, nicht nur über Tierärzte, sondern über menschliche Emotionen.
... human emotions and everything."
[Filmausschnitt:]
"Es ist wundervoll, findest du nicht?"
"Es ist sehr schön. Ich liebe dich."
"Ich liebe dich."
"Dann heirate mich."
"Ja, gut."
Echte Emotionen vor echter Kulisse. Die romantische Burg, auf der James Herriot seiner Helen einen Heiratsantrag macht, ist Bolton Castle im Wensleydale. Gerade hier finden die Fans der Fernsehserie noch viele weitere Schauplätze. Auch das Dorf Askrigg, in dem die TV-Produzenten Herriots "Darrowby" wiedererkannten.
[zum Anhören klicken: O-Ton Jim Wight]
"I think he had Askrigg ...
Ich glaube, mein Vater hatte Askrigg im Sinn, als er seine Bücher schrieb. Wenn Sie sie lesen, redet er über die engen Gassen, den Marktplatz, die kleinen Höfe – das ist Thirsk. Aber wenn er über die Hügel und Berge schreibt, über die Steinmauern bis hinunter zu dem kleinen grauen Dorf – das ist Askrigg. Es war einfach perfekt und er hatte beim Schreiben tatsächlich Askrigg im Sinn.
... when he was writing this."
"Der Doktor und das liebe Vieh" spielt zwar in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber in Yorkshire ist vieles noch wie damals, meint Jim Wight, der wie sein Vater Tierarzt geworden ist.
[O-Ton Jim Wight:]
"We used to have possibly 150 ...
Wir hatten ungefähr 150 oder sogar 200 kleine Farmen. Heute sind es noch etwa 40. Wir behandeln fast nur noch Hunde und Katzen statt Kühe. Aber die Landschaft ist geblieben wie sie war. Wenn Sie in die Yorkshire Dales hinaufgehen, werden Sie sehen, dass sie sich kaum verändert haben.
... changed very, very little."
[Musik: Titelmelodie aus "Der Doktor und das liebe Vieh"]
__________________________________________________
IT'S TEATIME, SIR
das Caféhaus Betty's in Harrogate
Wenn man von englischer Tradition und Lebensart spricht, darf der Fünf-Uhr-Tee natürlich nicht fehlen. Der ist zwar auch schon etwas aus der Mode gekommen, aber in Yorkshire lebt die gute alte Teatime fröhlich weiter. Vor allem in der Kurstadt Harrogate. Hier (wo übrigens 1982 Nicole mit "Ein bisschen Frieden" den bis dahin einzigen deutschen Sieg beim Grand Prix Eurovision de la Chanson holte) gründete ausgerechnet ein Schweizer vor fast 100 Jahren eine Teestube, die mittlerweile in ganz England gerühmt wird. "Betty's Café and Tearooms" ist eine Institution geworden. Nicht nur wegen des Tees, sondern auch wegen zahlreicher süßer Leckereien und der gediegenen Atmosphäre.
Reportage (Radio hr4, 28.06.2008; hr-iNFO, 19.07.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Klaviermusik]
Dezente Klaviermusik zu Tee und Gebäck. In Betty's Café geht es stilvoll zu. Das Personal trägt weiße Schürzen, bedient ebenso dezent wie aufmerksam. Und die Gäste kommen zahlreich. Oft von weither – sogar der britische Thronfolger hat schon den hauseigenen Tee des Familienunternehmens gekostet.
[O-Ton Victor Wild:]
"Prinz Charles hat gesehen, wie wir die Teemischungen machen hier, und er war sehr erfreut über das alles. Er war sehr interessiert an unserem ganzen Geschäft, und seither weiß er, dass wir auch mit Mehl und Mühlen, dass wir da zurückgehen zu den alten Methoden. Und kürzlich ist er auch wieder auf einem Bauernhof gewesen, wo wir das Mehl kaufen. Da war Prinz Charles auch dort. Wir haben also eine fortwährende Beziehung mit Prinz Charles.
Seniorchef Victor Wild spricht immer noch hervorragend deutsch, obwohl der alte Herr schon vor mehr als 70 Jahren von der Schweiz nach England ging. Der Neffe des Firmengründers Fritz Bützer achtet darauf, dass die Schweizer Tradition in dem englischen Teehaus gepflegt wird. So gibt es zum Beispiel ein großes Sortiment an Berner Bären aus Schweizer Schokolade.
[O-Ton Victor Wild:]
"Der Bär ist natürlich das Wappentier von Bern und drum haben wir gewisse Vorteile, dass Bären sehr beliebt sind. Wir machen Bären aller Art, kleine, große, und die sind sehr beliebt."
Als Victor Wilds Onkel 1907 nach England kam, waren Pralinés und andere süße Leckerlis dort noch weitgehend unbekannt. Fritz Bützer, der junge Konditor aus dem Kanton Bern, füllte also eine Marktlücke. Und dass ausgerechnet Yorkshire in den Genuss seiner Schweizer Schoki-Spezialitäten kam, war reiner Zufall.
[O-Ton Victor Wild:]
"Er stieg in den falschen Zug, da er kein Wort Englisch konnte, und kam dann nach Harrogate. Und Harrogate war verhältnismäßig schön gegenüber den anderen Industriestädten, und da dachte er, er werde hier in Harrogate das Geschäft gründen."
Und es wurde ein Riesenerfolg. Mittlerweile betreibt Betty's Café auch Filialen in York und anderen Städten der Region. Zum Erfolgsgeheimnis gehört wohl die richtige Mischung im Sortiment.
[O-Ton Victor Wild:]
"Hier sind viele Schweizer Produkte eigentlich. Das sind so Blätterteigherzen mit Erdbeeren drin. Der Blätterteigboden wird zuerst noch mit Schokolade bedeckt. Das sind Cheesecake. Und das ist zum Beispiel ein Yorkshire Cheese, das ist sehr englisch. Sie sehen also in dieser kleinen Ausstellung hier schon eine Mischung von Schweizer und englischen Produkten."
Na, dann laden wir uns doch mal den Kuchenteller voll. Dazu eine schöne Tasse heißen Tee. Und dann entspannt genießen wie weiland Prinz Charles nach bester schweizerisch-englischer Tradition. Die Leute, die auf einen freien Tisch warten, sollen sich ruhig noch etwas gedulden.
[Atmo: Klaviermusik]
__________________________________________________
HARRY POTTER EXPRESS
mit der Dampfeisenbahn durch das Moor
Eisenbahn-Romantik wird in Yorkshire großgeschrieben. In der Stadt York gibt es das größte Eisenbahnmuseum Großbritanniens mit vielen historischen Lokomotiven und Waggons aus aller Welt. Spätestens nach einem Besuch des Museums wächst die Lust auf eine nostalgische Fahrt mit einer alten Dampfeisenbahn. Im Norden Englands gibt es mehrere Strecken, auf denen solche Dampfrösser verkehren. Die wohl bekannteste und beliebteste führt von Pickering Richtung Whitby durch den North York Moors National Park – eine reizvolle Landschaft mit liebevoll restaurierten Bahnhöfen. Einer davon kam sogar zu Kino-Ehren: als "Hogsmeade Station" in den Harry-Potter-Filmen.
Reportage (Radio hr4, 28.06.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: anrollende Dampfeisenbahn]
Unter Volldampf verlassen wir den Bahnhof von Pickering. Pünktlich um 11 Uhr wie der Hogwarts Express. Aber nicht von Gleis neundreiviertel, sondern von Gleis eins. Auch unser altes Dampfross sieht etwas stromlinienförmiger aus als in den Harry-Potter-Filmen. Es trägt den Namen "Sir Nigel Gresley" und ist das Paradepferd im Fuhrpark der North Yorkshire Moors Railway.
[O-Ton Phil Bustard:]
"Sir Nigel Gresley is known as ...
'Sir Nigel Gresley', der Name steht für eine Lokomotive der Pazifik-Klasse, erklärt uns Phil Bustard von der Eisenbahngesellschaft. Sie wurde 1937 gebaut und gehörte zu einer Flotte von 25 Loks. Nigel Gresley hatte sie speziell für den Einsatz auf der Strecke London-Schottland konstruiert. Großbritanniens erste Intercity-Expresszüge. Und diese Lokomotiven spiegeln den Stil und den Glanz der Dreißiger Jahre wider.
... the glamour of the 1930s."
Aber auch der ehemalige Intercity kommt auf der kurvigen Strecke durch den Nationalpark nur im Bummelzugtempo voran. Zunächst dampft er durch ein enges Tal und dichten Wald. Etwa nach der Hälfte des Weges geht die Szenerie mehr und mehr in offenes Moorland über. Die Gegend ist kaum besiedelt. Nur ab und zu ein paar Schafe und eine Farm. Eine gemütliche Fahrt, die wir so richtig genießen. Und unsere Mitreisenden ebenso.
[O-Ton Touristin:]
"Because it's a step back into the past, an old-fashioned train, it's something a bit special."
Es ist wie ein Trip in die Vergangenheit, meint sie. Und er freut sich, mal Zug zu fahren, während er sonst meist mit dem Auto unterwegs ist.
[O-Ton Tourist:]
"We don't get on a train very often, most in a car. And that is nice, a nice change."
Als wir etwa zwei Drittel der Strecke hinter uns gebracht haben, läuft der Zug in den Bahnhof von Goathland ein. Die Herzen der Harry-Potter-Fans schlagen höher. Denn im Film war hier "Hogsmeade", die Endstation für den jungen Zauberlehrling und seine Freunde auf dem Weg in die Zauberschule "Hogwarts". Auf den ersten Blick aber ist die Filmkulisse kaum wiederzuerkennen.
[O-Ton Phil Bustard:]
"The guys came along and ...
Die Typen kamen hierher und wandelten den Bahnhof um. Sie haben natürlich vieles gelassen, wie es war, einiges aber auch umgestaltet. Sie richteten neue Mauern auf, damit es ein bisschen anders aussah. Und sie brachten eine Lok mit, die grell-rot angestrichen war, und machten sie zum 'Hogwarts Express'. Das war für uns natürlich eine tolle Sache. Es brachte uns viele Touristen, die hier aussteigen, um 'Hogsmeade Station' zu besuchen und den Harry Potter Trail.
... Hogsmeade Station and the Harry Potter Trail."
Aber nicht nur Harry-Potter-Fans und Eisenbahn-Romantiker sind unter den Fahrgästen.
[O-Ton Phil Bustard:]
"People come here to combine this ...
Die Leute kommen, um die Fahrt mit einer Wanderung auf dem Land zu kombinieren, manche bringen ihre Räder mit, und immer mehr fahren bis nach Whitby an der Nordseeküste, um dort einen schönen Tag mit der Familie zu verbringen.
... out at the seaside."
Wir aber verlassen den Harry-Potter-Express in Grosmont und erkunden die zauberhafte Gegend zu Fuß. Wir sind ja im Urlaub und nicht auf der Flucht. Es reicht, wenn wir erst in zwei Stunden nach Whitby weiterdampfen.
[Geräusch: Dampflokomotive]
__________________________________________________
"26. August 1768, 2 Uhr nachmittags. Segel gesetzt und in See gestochen. An Bord sind 94 Personen, darunter Offiziere, Seeleute, Adlige und Bedienstete." – Mit diesem kurzen Logbucheintrag begann eine der längsten und abenteuerlichsten See-Expeditionen der Weltgeschichte. Captain James Cook brach auf zu seiner ersten Reise um den Globus, bei der er zahlreiche Südseeinseln und die Ostküste Australiens entdecken sollte. Zwei weitere solcher Reisen trat er an. Bei der letzten wurde er von hawaiianischen Eingeborenen getötet. Cook war in dem kleinen Dorf Marton in Yorkshire geboren. In dem Küstenstädtchen Whitby erlernte er das Seemannshandwerk. Dort wurde auch sein Schiff gebaut, die "Endeavour", mit der er seine erste Weltumsegelung unternahm. Heute hält Whitby die Erinnerung an den wohl bedeutendsten Seefahrer und Entdecker seit Christoph Kolumbus wach – und zwar auf vielfache Weise.
Reportage (Radio hr4, 28.06.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Mit entschlossener Miene blickt er aufs offene Meer hinaus. Die Bronzestatue von James Cook über der Hafeneinfahrt von Whitby weckt Fernweh. Sie wurde 1911 feierlich errichtet und lässt erahnen, dass Cook kein gewöhnlicher Seemann war.
[O-Ton Harry Collett:]
"He was very, very courageous ...
Er war sehr sehr mutig, erzählt Stadtführer Harry Collett. Und ich denke, er war ziemlich ehrgeizig. Als er seinen Lehrmeister John Walker verließ, wollte er den Rest der Welt sehen. Er hatte Gönner, die ihn unterstützten und seine Karriere förderten. Aber er hatte auch enorme Fähigkeiten.
... but he had tremendous ability."
Vor allem als Landvermesser und Kartograph machte sich der junge James Cook einen Namen. Für die Admiralität in London war er somit der ideale Mann, um unbekannte Gebiete im Südpazifik zu erforschen und für die britische Krone in Besitz zu nehmen.
[Historisches Dokument:]
"Wir haben Grund zu der Annahme, dass dort im Süden ein Kontinent großen Ausmaßes zu finden ist. Hiermit erteilen wir Befehl in See zu stechen und diesen Kontinent zu entdecken."
Im Captain Cook Museum kann man alles über den großen Entdecker und seine Abenteuer erfahren. Es ist im ehemaligen Haus von Cooks Lehrmeister John Walker untergebracht, wo der junge James in der Dachstube lernte und studierte. Das Museum liegt direkt am Hafen. Gegenüber war früher eine Werft.
[O-Ton Harry Collett:]
"That is where the original ...
Hier wurde das Original, die 'Earl of Pembroke', gebaut. Eigentlich als Kohlenfrachter. Aber die Admiralität kaufte sie, gab ihr den Namen 'Endeavour' und rüstete sie um. Damit James Cook mit ihr nach Tahiti fahren konnte, um den Venus-Transit, eine seltene Himmelserschienung, zu beobachten und nach dem vermuteten Südkontinent zu suchen, von dem man glaubte, dass er für die Balance der Erdkugel sorgte.
... balance of the Earth."
Die "Endeavour", made in Whitby, war ideal für eine so weite Seereise. In ihrem dicken Bauch konnte viel Proviant verstaut werden, mit ihrem flachen Kiel kam sie gut über die Korallenriffe. Ein Nachbau der "Endeavour" im Maßstab 1:3 kreuzt heute mit Touristen durch den Hafen und an der Küste entlang.
[Atmo: Shanty-Musik]
Mit Shanty-Klängen schippern wir durch die Hafeneinfahrt hinaus auf die Nordsee. Kaum zu glauben, dass Cook es mit einem solchen schaukelnden Kahn bis in die Südsee geschafft hat. Fast drei Jahre war er bei seiner ersten Reise unterwegs. Ein hartes Leben, auch für seine Mannschaft. Normalerweise behandelte Cook seine Leute fair, aber ein Matrose hat die "Neunschwänzige Katze" zu spüren bekommen.
[O-Ton Harry Collett:]
"Cook brought him on deck ...
Cook brachte ihn an Deck, versammelte die Crew und band ihn am Mast fest. Er riss ihm das Hemd vom Leib und sagte zum Bootsmann: 'Lass die Katze aus dem Sack.' Das war eine Peitsche mit neun Riemen und Knoten dran. Und der Mann bekam fünf Hiebe von links und fünf von rechts.
... and five from the right.
Dabei hatte der arme Kerl sich nur geweigert, das verhasste Sauerkraut zu essen, das Cook in riesigen Mengen mitführte. Damit wollte er den Skorbut vermeiden, die unter Seeleuten gefürchtete Krankheit, die durch Mangel an Vitamin C hervorgerufen wird. James Cook hatte Erfolg mit seiner Methode. Trotzdem werden wir ein nettes Fischrestaurant aufsuchen, wenn wir wieder von Bord gehen. Sauerkraut gibt's auch zu Hause in Deutschland.
__________________________________________________
MY HOME IS MY CASTLE
das Barockschloss Howard bei York
Charles Howard, der dritte Earl of Carlisle, war ein steinreicher Erbe, der sich in den Kopf gesetzt hatte, einen repräsentativen Familiensitz in Yorkshire zu bauen. In seinem Londoner Club traf er den Bohemien John Vanbrugh, der fast alles ausprobiert hatte in seinem Leben – nur als Architekt war er bis dahin nicht aufgefallen. Doch ausgerechnet diesem Herrn vertraute der junge Earl seinen Lebenstraum an. Und er sollte es nicht bereuen. Vanbrugh entwarf ihm ein Schloss im damals völlig neuartigen Barockstil, das an Pracht und Prunk alles übertraf, was es in England bisher gegeben hatte. Im Jahr 1700 war Baubeginn, und es dauerte mehr als hundert Jahre, bis es komplett fertig gestellt war. Noch immer ist Castle Howard im Familienbesitz, und noch immer ist es eines der imposantesten Schlösser auf der Insel. Es liegt ca. eine halbe Autostunde nordöstlich von York, und bis auf die Privatgemächer der Familie können alle Räume besichtigt werden – ebenso wie der 4.000 Hektar große Park.
Reportage (Radio hr4, 28.06.2008; hr-iNFO, 19.07.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Springbrunnen]
Der Vergleich mit französischen Königsschlössern drängt sich auf, wenn man vom Schlosspark über die Wasserspiele hinweg auf die Südfront von Castle Howard schaut. Sie ist fast 100 Meter breit. Eine markante Kuppel in der Mitte setzt der Silhouette die Krone auf. Sie ist sozusagen das Meisterstück von John Vanbrugh. Die Idee dazu soll ihm in Paris gekommen sein.
[O-Ton Kay Inman:]
"While he was in the Bastille …
Als er in der Bastille einsaß, wegen Spionage, erzählt Schlossführerin Kay Inman, begann sein Interesse für Architektur und er machte Zeichnungen von Gebäuden. Am meisten fasziniert sei er von einem Gebäude mit einer Kuppel gewesen, schreibt er in seinem Tagebuch. Wir wissen nicht welches, aber nach meinen Recherchen war es wohl der Invalidendom.
… it’s probably Les Invalides."
[Atmo: barocke Orgelmusik]
Innen ist die Kuppel von Castle Howard reich mit Fresken ausgemalt. Auch hier erwies es sich als Glücksfall, dass der Bauherr, Charles Howard, den Architekten ausgewählt hatte, der eigentlich kein Architekt war. Denn John Vanbrugh hatte beste Beziehungen zum Künstlermilieu. Für die Deckengemälde des Schlosses beauftragte er zwei italienische Maler, die er in London kennen gelernt hatte.
[O-Ton Kay Inman:]
"Antonio Pellegrini painted the frescoes ...
Antonio Pellegrini malte die Fresken in der Großen Halle und in einigen Räumen, die später bei einem Feuer zerstört wurden. Und Marco Ricci bemalte die Flächen über den Eingängen. Sie waren fast drei Jahre hier und sehr beliebt. Marco Ricci wurde nur 'Mister Marco' genannt. Und sie schrieben ihren Freunden, dass das Essen sehr gut sei in Castle Howard.
... very good at Castle Howard."
Die Fresken unter der Kuppel der Großen Halle sind nur EIN künstlerischer Leckerbissen. Das ganze Schloss hängt voller Gemälde von berühmten Meistern wie Holbein dem Jüngeren, Gainsborough und Canaletto. Vor allem Henry Howard, der vierte Earl of Carlisle, war ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Er lebte lange Zeit in Rom. Von ihm stammt auch eine stattliche Kollektion von antiken Statuen aus Pompeji und Herculaneum.
[O-Ton Kay Inman:]
"When his father died he brought …
Als sein Vater starb, brachte er vier Schiffsladungen von Artefakten mit nach Hause. Darunter die Statuen, die wohl nur als Ballast mitgenommen wurden. Aber auch Gemälde und Möbel. Und er verteilte seine Mitbringsel auf Castle Howard und zwei andere Häuser der Familie in London und in Cumberland.
… the third home in Cumberland."
Heute stellt das Schloss in Yorkshire manches Museum und manche Gemäldegalerie in den Schatten – so üppig ist es mit Kunstwerken ausgestattet. Inzwischen ist ein gewisser Simon Howard Herr über all die barocke Pracht. Den Titel eines Earl of Carlisle führt er nicht mehr, aber das Erbe seiner Vorfahren will er der Familie und der Nachwelt möglichst lange erhalten.
__________________________________________________
__________________________________________________