rolf fröhlings reisereportagen
Venezuela
ARMES REICHES LAND AN DEN UFERN DES ORINOCO
Eigentlich ist Venezuela ein reiches Land. Die gewaltigen Erdölvorkommen haben in den Sechziger Jahren einen wahren Boom ausgelöst. Der nördlichste Staat Südamerikas suchte Anschluss an die sogenannte Erste Welt. Aber Korruption und Misswirtschaft treiben Venezuela zusehends in den Ruin. Die Erdölmilliarden versickern in dunklen Kanälen. Heute ist es ein armes Land – reich nur noch an wunderbarer Landschaft, wunderbarer Natur und auch an wunderbaren Menschen. Im Norden die Strände der Karibik, im Osten das Hochland von Guayana mit seinen Tafelbergen und Wasserfällen, im Süden die Urwälder des Amazonas-Gebiets, im Westen die Bergriesen der Anden und mittendurch der Orinoco-Strom, der das Land auf mehr als zweitausend Kilometer durchfließt. Der preußische Naturforscher Alexander von Humboldt war einer der ersten Ausländer, die Venezuela kreuz und quer bereist haben. Vor gut 200 Jahren war das. Heute kommen kaum noch Touristen ins Land. Dabei gibt es nach wie vor viel zu entdecken.
Reportagen (Radio hr1, 19.02.2006, 11.06.2006; hr-iNFO, 11.04.2006; SWR3, 15.10.2006):
SCHÄUMENDE KASKADE
Expedition zum höchsten Wasserfall der Welt
Die Wasserfälle von Iguazu an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien gelten als die größten ihrer Art weltweit. Aber der höchste Wasserfall der Erde liegt in Venezuela: Der Salto Angel im Bergland der Gran Sabana stürzt fast einen Kilometer ungebremst in die Tiefe. 976 Meter genau – etwa zehnmal so tief übrigens wie die Victoria-Fälle in Afrika. Kein Wunder, dass er zu den größten Attraktionen zählt, die das Land zu bieten hat. Einziger Haken: Der Salto Angel liegt so tief im Urwald, dass man nur mühsam hin kommt. Schon der nächstgelegene Ort Canaima ist nur mit dem Flieger zu erreichen. Von dort werden Expeditionen per Einbaum angeboten, die mindestens einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Entspannter ist es, mindestens eine Übernachtung in einem Hängematten-Camp einzuplanen. Doch der schnellste Weg zum Fall der Fälle führt durch die Luft.
Reportage (2005 produziert für Radio hr1, nicht gesendet):
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[Atmo: Motor einer Cessna]
Hoffentlich kriegen wir ihn überhaupt zu sehen. Der Flug mit der kleinen Sportmaschine war nicht ganz billig. Und beim Start in Ciudad Bolívar konnte uns keiner sagen, wie das Wetter ist am Salto Angel. Gibt er sich heute freizügig oder hüllt er sich in Wolken – wie so oft? Doch die Sorge ist unbegründet. Als wir den Fall der Fälle erreichen, tut sich die Wolkendecke auf und er strahlt im Licht der Morgensonne. Ein unvergesslicher Anblick:
[O-Töne Passagierinnen:]
"Auf jeden Fall. Das war so grandios!"
"War spitze. Ich fand's ganz, ganz toll. Ich bin begeistert."
Denn es ist ja nicht die schäumende Kaskade allein, die so beeindruckt. Es ist fast noch mehr die grandiose Landschaft drumherum mit ihren gewaltigen Tafelbergen, den Tepuis. Wie steinere Monumente ragen sie aus dem Urwald heraus. Nach indianischer Überlieferung ein Werk der Götter.
[O-Ton Julio, spanisch:]
"Es ist immer noch schön, obwohl ich schon Hunderte Male drübergeflogen bin, sagt Julio, unser Pilot. Es ist einfach zu schön. Das muss man gesehen haben."
Ein paar Tage später kommen wir mit dem Boot zurück zum Salto Angel. Nachdem wir ihn von oben gesehen haben, wollen wir ihn nun auch von unten anschauen. Nach einer mehrstündigen Flussfahrt und einem beschwerlichen Fußmarsch durch den Dschungel taucht er plötzlich direkt vor uns auf. Einfach berauschend.
[Atmo: Wasserfall]
[O-Töne Touristen:]
"Der Wasserfall ist schon gigantisch, vor allen Dingen diese Farbenpracht, wenn die Sonne draufscheint. Das ist einfach das Naturspektakel schlechthin."
"Diese Gischt, die hier durch die Luft wabert, das ist schon 'n tolles Naturschauspiel, und wir haben Glück, dass er viel Wasser hat, der Salto Angel."
"Supertoll, er sieht wirklich beeindruckend aus. Es ist supergeil!"
Manche meinen ja, man sieht ihm die enorme Fallhöhe gar nicht an, wenn man so dicht davorsteht. Aber die 976 Meter sind verbrieft. Ob er damit allerdings wirklich der höchste Wasserfall der Welt ist, steht nicht hundertprozentig fest. Oliver Schmitz, unser deutscher Reiseleiter, meldet Zweifel an.
[O-Ton Oliver Schmitz:]
"Wir haben unten beim Sarisarinama und unten beim Cerro Neblina – das sind einige Tepuis, die ganz unten im Süden liegen, die wenig erforscht sind, wo erst eine echte Expedition unten war – und die haben vermutet, dass ein Wasserfall, den sie gesehen haben, wesentlich höher ist, wobei man nicht weiß, ob der das ganze Jahr Wasser führt und wie hoch er wirklich ist. Er ist nie vermessen worden."
Auch der Salto Angel wurde erst 1935 entdeckt – von dem amerikanischen Abenteurer Jimmy Angel. Auf der Suche nach Gold fand er einen noch viel größeren Schatz. Und der hat bis heute nichts an Wert verloren. Wir campieren am Flussufer zu seinen Füßen. Unzählige Fotos werden geschossen. Und der Fall der Fälle hält unseren Blick gefangen, bis die Sonne hinter dem Tafelberg verschwindet.
[Atmo: Zikaden]
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Die Urwaldregionen Südamerikas werden von uns "gringos" oft als Grüne Hölle bezeichnet. Ein schier undurchdringliches Dickicht von Schlingpflanzen, in dem wilde Tiere lauern und wilde Eingeborene mit Giftpfeilen um sich schießen – so stellen sich viele den Dschungel vor. Und tatsächlich leben ganz im Süden Venezuelas, am Oberlauf des Orinoco, Indianerstämme, die bisher keine oder kaum Kontakte mit der so genannten Zivilisation hatten. Sie jagen noch auf die traditionelle Art mit Blasrohren und Curare. Und tatsächlich gibt es Jaguare, Giftschlangen und Skorpione, mit denen nicht zu spaßen ist. Aber wer ein bisschen aufpasst, die Gesetze des Dschungels respektiert, für den kann die Grüne Hölle auch zum Garten Eden werden.
Reportage (2005 produziert für Radio hr1, nicht gesendet):
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[Musik: Indianer-Chor]
Die meisten Indianer haben den Lendenschurz längst abgelegt. Sie wohnen in festen Hütten aus Wellblech und jagen mit dem Gewehr. Die vermeintlichen Wilden haben Missionsschulen besucht und sprechen besser Englisch als der Großteil ihrer Landsleute in Caracas. Und dennoch würden sie niemals in die Großstadt ziehen.
[O-Ton José, spanisch:]
"Für mich hat der Urwald nichts Bedrohliches, erzählt José, ein Indio vom Stamme der Kamarakota. Er ist mehr wie ein Supermarkt. Da findet man alles, was man zum Leben braucht. Man holt sich was zu essen, man geht auf die Jagd. Da holt man sich Baumaterial und die Heilpflanzen für unsere Medizin. Für mich ist es das Natürliche, das Normale."
José ist im Dschungel geboren und aufgewachsen. Er kennt die Gefahren und weiß damit umzugehen. Aber für uns ist schon der nächtliche Gang zum Toilettenhäuschen ein mittleres Abenteuer.
[O-Töne Touristen:]
"Man hat doch ein bisschen Respekt im Dunkeln und erwartet eben auch, dass man von Schlangen gebissen wird oder dass einem da was über den Weg läuft, und man guckt schon, wenn man die Toilettentür aufmacht in jeder Ecke, ob da nicht irgendwo was sitzt. Aber, Gott sei Dank, nichts!"
"Im ersten Moment erwartet man sicherlich, dass viele Tiere auf einen herabfallen, an einem nagen, knabbern oder Ähnliches. Aber eigentlich ist gar nichts passiert, und man kann wirklich gut im Urwald überleben."
Die meisten Tiere, sagt Oliver Schmitz, unser Reiseleiter, haben vor uns mehr Angst als wir vor ihnen. Selbst vor Raubkatzen müsse man sich nicht allzu sehr fürchten.
[O-Ton Oliver Schmitz:]
"Natürlich gibt's 'n Jaguar, aber 'n Jaguar wird im Normalfall keinen Menschen anfallen. Wenn er nicht krank ist oder verletzt, wird er sich lieber was Einfacheres suchen als 'n Menschen – und einen, der besser riecht! Ich kenn' keinen einzigen Fall, wo ein Jaguar Menschen angegriffen hat."
Realer ist die Gefahr, die von den kleinen, scheinbar harmlosen Tieren ausgeht. Da gibt es Ameisen, deren Biss höllische Schmerzen und Fieberanfälle auslöst. Da gibt es Würmer, die sich in die Fußsohlen bohren und dort ihre Eier ablegen. Und es gibt Moskitos, die Malaria und andere Krankheiten übertragen. Die lästigsten Plagegeister aber sind die "puri puris" – winzige Sandfliegen, deren Durst nach Blut kaum zu stillen ist.
[O-Ton Touristin:]
"Die kommen pünktlich zum Frühstück. Wenn wir unser Frühstück einnehmen, nehmen die auch ihr Frühstück ein und kommen in der Abenddämmerung zu Hunderten. Also, sehr unangenehm, jucken wahnsinnig. Also, die bringen einen echt zur Verzweiflung."
Und kratzen ist streng verboten, sonst bilden sich dicke, eitrige Pusteln auf der Haut. Aber gegen die "puri puris" scheint kein Kraut gewachsen. Einreiben zur Vorbeugung bringt so gut wie nichts.
[O-Ton Tourist:]
"Ansonsten hilft eigentlich nur lange Sachen, lange Hosen, Hosen in die Socken stopfen, eventuell noch lange Hemden anziehen trotz der Riesenhitze und Schwüle und es einfach ausschwitzen."
Schon Alexander von Humboldt hat unter ihnen gelitten. Trotzdem setzte er seine Entdeckungsreisen durch die Grüne Hölle unbeirrt fort. Und am Ende kam er heil wieder heraus. Wenigstens das haben wir mit dem großen Forscher gemeinsam.
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BISSIGE LECKERBISSEN
Piranhas von der Angel frisch auf den Tisch
Auch in den Flüssen Venezuelas tummeln sich diverse Viecher, denen man nicht allzu nahe kommen möchte. Krokodile, Anakondas und Zitteraale gehören dazu, vor allem aber Piranhas. Im Orinoco und seinen Nebenflüssen wimmelt es von den kleinen gefräßigen Biestern. Ein ganzes Pferd, heißt es, kann ein Piranha-Schwarm in Minutenschnelle abnagen bis auf die Knochen. Aber bissig, wie sie sind, gelten sie selber auch als Leckerbissen. Und weil ihr Appetit anscheinend nicht zu stillen ist, sind sie für Angler ein gefundenes Fressen. Man braucht nur einen Köder ins Wasser zu halten und schon beißen sie an. Das funktioniert immer – zumindest in der Theorie.
Reportage (Radio hr1, 11.06.2006; SWR3, 15.10.2006):
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[Atmo: Motorboot]
In einem schmalen Boot mit Außerborder fahren wir flussaufwärts. Der Rio Apure, einer der größten Nebenflüsse des Orinoco, ist hier breit wie der Niederrhein. Gerne würde man mal die Hand ins Wasser strecken, aber hier soll es ja so viele Piranhas geben. Also besser nicht. Nach ein paar Kilometern biegen wir in einen namenlosen Zufluss des Rio Apure ein. Der ideale Platz für einen großen Fischzug, meint Oliver Schmitz, Reiseleiter und Piranha-Experte:
[Atmo-Ton Oliver Schmitz:]
"Ihr nehmt ganz einfach 'n bisschen rohes Fleisch, spießt's auf den Angelhaken, reinhängen, und sobald man merkt, dass es zuckt, zuckt man gegen und dann ist das Fleisch gefressen wie jetzt."
Nicht mal eine Angel braucht man, eine Schnur mit einem Haken genügt. Die Piranhas sind nicht wählerisch. Oder doch?
[Atmo:]
"Haste einen?"
"Da war was."
"Halt, wir haben einen – und wieder ab. Das gibt's doch nicht. Die wollen heute nicht richtig."
Und dann zappelt doch einer am Haken. Leider nicht mal handtellergroß. Aber dennoch mit Vorsicht zu behandeln.
[Atmo-Ton Oliver Schmitz:]
"Wenn ihr ihn rausnehmt, müsst ihr höllisch aufpassen, dass er nicht beißt. Und wenn man ihn abmacht, immer hinter die Kiemen, dass man ihn sicher hat. Die sind sehr rutschig. Schaut mal, was der hier an Zähnen hat. Guckt mal her, die kleinen Zähnchen hier unten. Die sind wie Rasiermesser."
Also, bitte nicht schaukeln! Das Boot könnte kentern. Und wir haben keine Lust, mit diesen schwimmenden Rasiermessern Bekanntschaft zu machen. Aber Olli verteilt verbale Beruhigungspillen. So gefräßig seien die Piranhas nun auch wieder nicht.
[O-Ton Oliver Schmitz:]
"Wenn du also nicht wirklich blutest, dann beißt dich der auch nicht, aber wenn es jetzt natürlich anfängt, die Flüsse überall runterzugehen, es bleiben Lagunen, wo die zurückbleiben, dann kriegt er also riesengroße Wärme da drin, und da fehlt natürlich Sauerstoff. Und wenn der Sauerstoff fehlt, dann geht er auch im Kopf 'n bisschen kaputt, und sie sind alle auf einem Haufen und werden aggressiv untereinander, und dann kann man eben das Problem haben, dass sie doch mal beißen."
Deshalb sollte man immer sein Pferd vorausschicken, wenn man einen Fluss durchqueren will, lautet die Empfehlung. Leider haben wir kein Pferd zur Hand. Nur Geflügelhäppchen. Und die scheinen sie nicht wirklich zu mögen – bis Nelson, der 15-jährige Bootsjunge, sein Anglerglück versucht. Er ist Profi, das sieht man gleich, und er zieht einen relativ dicken Brocken aus dem trüben Wasser.
[Atmo-Ton Oliver Schmitz:]
"So, schaut mal her. Das ist jetzt also wirklich der mit dem roten Bauch, den ich eigentlich haben wollte. Das ist auch 'n schönes Tier. Der hat schon seine 300 Gramm. Die können so 600 bis 700 Gramm kriegen. Das ist also schon essbar."
[Atmo: brutzelndes Fett]
Und zusammen mit zwei kleineren Kameraden schmurgelt er am Abend in der Pfanne. Die Zubereitung ist denkbar einfach, meint Hiroma, unsere indianische Köchin.
[O-Ton Hiroma, spanisch]
Man nimmt einfach den Piranha, muss ihn ausnehmen, muss ihn fein einschneiden an der Seite und lässt ihn schön durchbraten, dass man die Gräten mitessen kann.
[O-Töne Touristen:]
"Schmeckt 'n bisschen wie Forelle, wie Forelle Müllerin-Art."
"Eigentlich wie jeder Fisch – ohne dass er auffällig nach Piranha geschmeckt hat, das muss ich sagen."
Für die Einheimischen sind Piranhas ein Grundnahrungsmittel. Auf den Märkten werden sie körbeweise angeboten. Aber für uns sind sie wegen der vielen Gräten noch gewöhnungsbedürftig. So ein Fischfilet aus der Tiefkühltruhe, wie wir es von zu Hause kennen, hat eben doch seine Vorzüge.
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Zu einem richtigen Urlaub gehören natürlich auch Sonne und Meer. Und von beidem hat Venezuela reichlich zu bieten. Mit einer Küstenlinie von rund 3.000 Kilometern grenzt das Land im Norden an die Karibische See. Da gibt es felsige Steilküsten, einsame Buchten und feine Sandstrände, geradezu ideal für die klassischen Badeferien. Dennoch ist Massentourismus kaum verbreitet. Statt großer Hotelburgen findet man meist landestypische "posadas" mit drei bis vier Zimmern, oder urige Hütten mit Dächern aus Palmwedeln. So wie an der Lagune von Tacarigua, etwa drei Autostunden östlich der Hauptstadt Caracas. Ein Geheimtipp für alle, die Sonne und Meer lieben, aber auch die Natur. Dort können Karibik-Träume wahr werden.
Reportage (Radio hr-iNFO, 11.04.2006):
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[Atmo: Merengue-Musik]
Heiße Merengue-Rythmen im Ohr, ein kühler Drink in der Hand. So lässt es sich leben. Nur eine Handvoll Leute am Strand. Kein morgendlicher Kampf um die Liegestühle. Einfach nur relaxen. Entspannung pur. Das tut gut, vor allem nach einer zwar hochinteressanten, aber manchmal doch recht strapaziösen Rundreise. Schon die Vorfreude auf die Karibik war groß. Und jetzt sind wir endlich hier an unserer Blauen Lagune angekommen. Da könnte man doch eigentlich rundum zufrieden sein. Oder?
[O-Töne Touristen:]
"Sonne, Strand, Meer, Caipirinhas und 20 Kilometer langer Sandstrand, also das ist schon so Postkartenmotiv."
"Dieser Strand, da fehlt nur noch dieser schöne weiße Sand wie in Mexiko, dann wär' das optimal."
"Das Wasser hab' ich mir, ehrlich gesagt, etwas blauer vorgestellt, aber es ist schon sehr schön hier."
"Unter Karibik-Traum stell' ich mir so die Bounty-Insel vor, aber es kommt der Sache schon recht nah".
[Atmo: Merengue-Musik]
Vielleicht gibt es schönere Strände in der Karibik. Aber die Laguna de Tacarigua hat ja noch andere Qualitäten. Hinter der schmalen Landzunge mit dem kilometerlangen Sandstrand liegt ein Naturschutzgebiet mit schier endlosen Mangrovenwäldern. Ein Refugium für viele bedrohte Tierarten.
[O-Ton Oliver Schmitz:]
"Zwischen diesen Mangroven leben natürlich sehr viele Krebse, Kleinkrebse, was wiederum das Ökosystem in Gang hält. Es sind sehr, sehr viele Fische drin, was wiederum zur Folge hat, dass wir auch sehr viele Wasservögel haben. Wir haben sogar Flamingos hinten drin, wir haben auch die Spitzkrokodile noch 'ne größere Menge hier, die sonst eben fast ausgestorben sind an den meisten Küsten in der Karibik. Und das macht das eben so interessant, diese Vielfalt an Tieren in dieser Küstenregion hier."
Eine ganz besondere Attraktion sind die Roten Ibisse. Das Gefieder dieser kleinen Störche ist knallrot gefärbt. Angeblich durch die Krebse, von denen sie sich ernähren. Zu Tausenden nisten sie in den Mangroven der Lagune. Bei einer Bootstour kann man beobachten, wie ganze Schwärme in der Abenddämmerung zu ihren Schlafbäumen fliegen. Ein einzigartiges Naturschauspiel. Aber eben nur was für stille Genießer. Wer Remmi-Demmi will, ist woanders besser aufgehoben. Olli Schmitz empfiehlt in diesem Fall die Isla de Margarita, Venezuelas Urlaubsklassiker.
[O-Ton Oliver Schmitz:]
"Margarita ist das Hauptziel, auch für die Venezolaner. Da stellt man sich mit dem Auto auf den Strand, lässt die Türen auf, wird voll beschallt und trinkt seinen Whiskey dazu. Das ist wirklich, was Venezolaner erleben wollen. Oder zum Beispiel in der Nähe von Caracas, so zweieinhalb Stunden mit dem Auto, da ist Choroní und Puerto Colombia, das ist 'n altes kleines Kolonialstädtchen mit 'nem Hafen. Und da unten am Strand ist auch 'ne Menge Leben, wo auch mehrere Rucksacktouristen immer hinkommen."
Aber wir brauchen kein Remmi-Demmi. Die Abgeschiedenheit der Laguna de Tacarigua ist uns doch irgendwie lieber. Okay, der Sand könnte vielleicht ein bisschen weißer und das Wasser ein bisschen blauer sein. Aber bei einem kühlen Drink und heißer Musik lässt es sich wunderbar aushalten!
[Atmo: Merengue-Musik]
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Von tierischen Gefahren, die in Venezuela auf arglose Opfer lauern, war schon viel die Rede. Aber nicht nur im Urwald muss man sich in Acht nehmen, auch der Dschungel der Großstadt kann tückisch sein. Dort allerdings hat man es eher mit menschlichen Gefahren zu tun. Das Gefälle zwischen Reich und Arm ist groß. Kritiker der sozialistischen Regierung von Präsident Hugo Chávez meinen sogar, es sei größer geworden, seitdem sie im Amt ist. Auch die Kriminalität sei spürbar gewachsen. Jedenfalls gehören Raubüberfälle und Taschendiebstähle in Caracas und anderen großen Städten zum venezolanischen Alltag. Touristen sind nicht stärker gefährdet als Einheimische, aber auch sie gehören gelegentlich zu den Opfern von Straßenräubern, Langfingern und sonstigen kriminellen Elementen.
Reportage (Radio hr1, 19.02.2006):
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[Atmo: Feuerwerksböller]
Es hört sich an wie eine wilde Schießerei, was uns in Caracas morgens aus dem Schlaf reißt. Erschrocken schauen wir aus dem Hotelfenster, aber es ist nichts zu sehen. Später erfahren wir, es waren nur Böller, die irgendein Witzbold gezündet hat. Kommt angeblich häufig vor. Dennoch erinnert mich die Knallerei an einen Überfall, den ein Kollege vor ein paar Jahren in Venezuela erlebt hat. Er saß mit anderen Touristen im Innenhof einer Pension:
(O-Ton Tourist:]
"Auf einmal sind von drei oder vier Seiten bewaffnete Jungs, so mit Pumpgun und Pistole, auf uns zugesprungen. Einer hat gerufen: 'Dinero!' – Geld! Ein Bekannter hat noch verstanden: 'Te quiero!' – Ich liebe dich. Und dann hat er erstmal mit dem Gewehrkolben einen über die Augenbraue gekriegt. Das hat dann geblutet, wir waren natürlich super geschockt und dann wollten die Geld haben."
Die Beute beschränkte sich auf insgesamt zwanzig, dreißig Mark, weil keiner mehr einstecken hatte. Und das war goldrichtig. Wertsachen sollte man nie mit sich herumtragen – schon gar nicht offen zur Schau stellen. Dies schärft uns auch Olli Schmitz, unser Reiseleiter, ein. Und er gibt noch weitere Sicherheitshinweise:
[O-Ton Oliver Schmitz:]
"In größeren Städten einfach nicht dahin, wo man sich nicht auskennt, bei Nacht sowieso nicht ausgehen, Einheimische fragen, wo geht man lieber nicht hin, keine Seitengassen, natürlich nicht in die 'barrios', das ist eigentlich schon das Wichtigste."
Mit gemischten Gefühlen bummeln wir anschließend durch die Altstadt von Caracas. In jedem, der uns begegnet, wittern wir den potenziellen Verbrecher, der uns nach Leib und Leben trachtet. Erst allmählich stellen wir fest, dass die Leute eigentlich alle sehr freundlich sind, unaufdringlich, kaum Notiz von uns nehmen. Keiner wird ausgeraubt, keiner wird beklaut. Die Angst schwindet rasch dahin.
[O-Töne Touristen:]
"Das Unsicherheitsgefühl hier in Caracas, in der Fußgängerzone, hab' ich überhaupt nicht. Das ist wahrscheinlich Hysterie."
"Ich hab' hier das Gefühl, so sicher zu sein, wie in jeder anderen Großstadt auch."
"Bis jetzt ist es okay. Aber wer weiß, wie es wird, wenn es dunkel wird."
Denn ganz aus der Luft gegriffen sind die Warnungen gewiss nicht. Viele Grundstücksmauern sind zusätzlich mit Stacheldraht oder Elektrozäunen gesichert. Vor jedem besseren Geschäft, vor jedem Hotel, stehen Security-Leute mit Schusswaffen. Und nicht nur hier in der Hauptstadt. Sogar in der Ferienanlage Hato Nuevo auf dem Land läuft ein bewaffneter Wachmann mit einem Furcht einflößenden Rottweiler herum. Nicht unbedingt beruhigend.
[O-Töne Touristen:]
"Das Sicherheitsgefühl wird nicht erhöht. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl, wenn man so Leute in 'ner Ferienanlage rumlaufen sieht."
"Ich weiß nicht, wo die Kriminalität hier herkommen soll. Ich glaub' nicht, dass irgendwelche Banden von den Städten hierherfahren und versuchen, die Touristen auszurauben."
Ein bisschen Macho-Gehabe ist also wohl auch dabei. Wir sind schließlich in Lateinamerika. Aber eines steht fest: Venezuela ist kein Platz für Susi Sorglos. Grund zur Panik besteht trotzdem nicht. Von tödlichen Übergriffen auf Touristen ist in den letzten Jahren nichts bekannt geworden. Wer durch die Straßen der Städte schlendert, sollte eben auf sich und seine Sachen aufpassen. Und selbst wenn es irgendwo an der Ecke knallt, handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen harmlosen Böller.
[Atmo: Feuerwerksböller]
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REKORD-EISDIELE
- die "Heladería Coromoto" in Mérida
Die Städte wie Caracas gehören sicher nicht zu den größten Attraktionen Venezuelas. Aber auch da gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Mérida am Rande der Anden im Westen des Landes ist so eine. Schöne alte Gebäude aus der Kolonialzeit, Kirchen, Parks – die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats mit gut 300.000 Einwohnern ist durchaus einen Abstecher wert. Die meisten Touristen kommen wegen der imposanten Seilbahn zum 4.700 m hohen Pico Espejo – sie galt zumindest bis 2008 als höchste der Welt. Und noch einen anderen Rekord kann Mérida für sich reklamieren: die Eisdiele mit den meisten Sorten der Welt. Sie steht sogar im Guinness-Buch der Rekorde. 593 (!) waren es, als die "Heladería Coromoto" 1996 erstmals in das Verzeichnis aufgenommen wurde. Seither hat sich der Inhaber Manuel da Silva Oliveira immer neue Geschmacksrichtungen einfallen lassen. 2017 waren es schon 870 (!). Neben den Klassikern Vanille, Erdbeer und Schokolade gibt es exotische wie Knoblauch, Schinken oder Spaghetti mit Käse. Einige haben phantasievolle Namen: "Miss Venezuela", "Ewige Liebe" oder "Jurassic Park". Wer genau wissen will, was sich dahinter verbirgt, muss sich eben ein Herz fassen und einfach ausprobieren. Allerdings sind nicht alle Sorten immer vorrätig. Meist nur 50 verschiedene gleichzeitig. Täglich wird die Angebotspalette neu zusammengestellt. Wegen der vielen wirtschaftlichen Krisen, die Venezuela in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, war es oft schwierig alle nötigen Zutaten zu beschaffen. Sogar Milch ist häufig knapp. Deshalb musste die "Heladería Coromoto" immer mal wieder vorübergehend schließen, aber bald darauf wurde sie wiedereröffnet. Ihr kreativer Besitzer hat niemals aufgegeben. Allerdings ist er nicht mehr der Jüngste. Manuel da Silva Oliveira geht auf die 90 zu. Wenn sich kein geeigneter Nachfolger findet, sind die Tage der Rekord-Eisdiele von Mérida wohl gezählt.
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