Usedom Heringsdorf Strand mit Strandkörben

rolf fröhlings reisereportagen

Usedom, Ostsee-Insel


DIE KAISERLICHE SOMMERFRISCHE
- Deutschlands Sonneninsel Nr. 1

Mit mehr als 1.900 Sonnenstunden pro Jahr ist Usedom statistisch gesehen das sonnenreichste Fleckchen Erde in ganz Deutschland. Das wusste schon der alte Kaiser Wilhelm zu schätzen und stattete der Insel an der vorpommerschen Ostsee-Küste regelmäßig seinen Besuch ab. In der "guten alten Zeit", Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, strömten alle Berliner mit Rang und Namen zur Sommerfrische auf Deutschlands zweitgrößte Insel. Als "Badewanne Berlins" wurde Usedom damals scherzhaft bezeichnet. Nach der Wende 1989 haben die Menschen in der Hauptstadt ihre Badewanne wieder entdeckt. Und diesmal nicht nur die Reichen und Schönen. Unterkünfte auf Usedom sind inzwischen in allen Preisklassen erhältlich. Die Ostsee-Insel steht bei den Berlinern auch deshalb so hoch im Kurs, weil sie in wenigen Stunden mit Auto oder Bahn erreichbar ist. Seit Mai 2009 ist Usedom aber auch für Urlauber aus dem westdeutschen und süddeutschen Raum näher gerückt. Denn immer wieder samstags startet die Airline OLT*) von sechs Destinationen aus – darunter auch von Frankfurt am Main – in Richtung Heringsdorf auf Usedom. Schon nach rund anderthalb Stunden Flug locken Badespaß und mehr auf der Sonneninsel Nr. 1.

Usedom Heringsdorf Strand mit Strandkörben
Titelfoto: Ostseestrand von Heringsdorf auf Usedom
Usedom Flugplatz Ankunft OLT
Ankunft auf dem Flugplatz von Usedom
Usedom Ahlbeck Dünenstraße
Dünenstraße im Kaiserbad Ahlbeck
Usedom Ahlbeck Standuhr
Historische Uhr an der Seebrücke von Ahlbeck
Usedom Ahlbeck auf der Seebrücke
Auf der Seebrücke in Ahlbeck
Usedom Ahlbeck Seebrücke mit Schiff
Ausflugsschiff an der Seebrücke von Ahlbeck
Usedom Ahlbeck Fahne mit Berliner Wappen
Blick von der Ahlbecker Seebrücke auf den Ort
Usedom Ahlbeck Strand mit Blick auf Seebrücke
Strand von Ahlbeck
Usedom Ahlbeck Seebrücke Abendlicht
Ahlbecker Seebrücke Abendsonne
Usedom Bansin Uferpromenade Radfahrer
Fahrradtour nach Bansin
Usedom Bansin Hotel Ostseeblick außen
"Strandhotel Ostseeblick" in Bansin
Usedom Bansin Strandpormenade Umkleidehäuschen
Strandpromenade von Bansin
Usedom Bansin Ortsmitte
In der Ortsmitte von Bansin
Usedom Bansin Hotel Kaiser Wilhelm außen
Hotel "Kaiser Wilhelm" in Bansin
Usedom Trassenheide Haus auf dem Kopf außen
"Das erste auf dem Kopf stehende Haus in Deutschland" im Ort Trassenheide
Usedom Trassenheide Haus auf dem Kopf innen
Alles steht Kopf
Usedom Luftaufnahme
Usedom aus der Luft

Reportagen (Radio hr4, 09.05.2009; hr-iNFO, 06.06.2009):

HERINGSDORF

der mondäne Glanz der Gründerzeit

Usedom Heringscorf Villa Staudt Kaiser Wilhelm Denkmal
Titelfoto: Villa Staudt in Heringsdorf

                        

 

 

Kaiser Wilhelm II. war häufiger Gast, aber beileibe nicht der erste Hohenzollernherrscher auf Usedom. Schon sein Urgroßvater Friedrich Wilhelm III. von Preußen besuchte 1820 mit Familie ein damals namenloses Fischernest an der Ostseeküste. Der örtliche Gutsbesitzer bat den mitgereisten Kronprinzen alleruntertänigst, dem Dorf einen Namen zu geben. Wegen des strengen Geruchs, der in der Luft lag, sagte der Prinz: "Nennen wir es doch einfach Heringsdorf."
Schon wenige Jahrzehnte später hatte sich das trostlose Fischernest zum schmucken Seebad gewandelt, in dem sich die feine preußische Gesellschaft ein Stelldichein gab. Viele ließen sich stattliche Villen bauen, manche als originalgetreue Kopie ihres Berliner Domizils. Von dem gewaltigen Aufschwung profitierten auch die Heringsdorfer Nachbarorte Bansin und Ahlbeck. Es entstand die längste Strandpromenade Europas (8,5 km). Heute sind alle drei unter dem Dach der Gemeinde Heringsdorf zusammengefasst. Fast vollständig restauriert, haben sie vom mondänen Glanz der Gründerzeit nichts verloren – im Gegenteil.

Usedom Heringsdorf Strand Strandkörbe
Strand mit Blick auf die moderne Seebrücke von Heringsdorf
Usedom Heringsdorf Menschen sitzen am Strand
Menschen am Strand
Usedom Heringsdorf Strandpromenade Radfahrer
Längste Strandpromenade Europas in Heringsdorf
Usedom Heringsdorf Jugendherberge
Jugendherberge in einer historischen Bädervilla
Usedom Heringsdorf Villa Caprivi außen
Villa Caprivi an der Strandpromenade
Usedom Heringsdorf Eva John im Strandkorb
Gästeführerin Eva John an der Strandpromenade
Usedom Heringsdorf rote Villa
Rote Villa an der Strandpromenade
Usedom Heringsdorf Villa im Backsteinstil
Noch 'ne Villa an der Strandpromenade

Reportage (Radio hr4, 09.05.2009; hr-iNFO, 06.06.2009):

Originalton 3:06

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

An der neuen Seebrücke, mitten in Heringsdorf, treffen wir Stadtführerin Eva John. Ausgerechnet hier, im Schatten zweier mächtiger Betonklötze aus DDR-Zeiten, starten wir zu einem Bummel auf den Spuren der prächtigen Bäderarchitektur. Doch nur ein paar Meter neben den neuzeitlichen Bausünden steht eines der architektonischen Highlights – die Villa Staudt. Sie gehörte einst einem reichen Kaufmann, und Seine Majestät, der Kaiser, kam häufig zum Tee. Auch in Bansin und Ahlbeck hatte er seine Lieblingsplätze.

[O-Ton Eva John:]
"Diese oftmaligen Besuche Kaiser Wilhelms des Zwoten haben uns also bewogen, diese Badeorte, die heutigen Seeheilbäder, gleich nach der Wende zu vermarkten als die Kaiserbäder oder auch Die kaiserlichen Drei."

Wahre Paläste sind es denn auch, die Aristokraten, Bankiers und Industrielle vor allem in Heringsdorf selbst hinterließen. Davon können wir uns auf unserem Bummel überzeugen. Neo-Renaissance, Neo-Barock, Jugendstil – ein Architektur-Mix, wie ihn heute wohl kein Bauamt mehr genehmigen würde. Leider! Besonders prägend war der Klassizismus. Eva John zitiert den Dichter Heinrich Mann:

Usedom Heringsdorf Seebrücke
Seebrücke
Usedom Heringsdorf Stadtführung
Stadtführerin Eva John
Usedom Heringsdorf Strand Totale
"Nizza der Ostsee"

[O-Ton Eva John:]
"In Heringsdorf gibt es viele Säulen an den Häusern, auch der flache Giebel spielt eine Rolle. Für ein Seebad von Rang muss sich dieser Stil als der geeignetste erwiesen haben, denn er ist stattlich und beschaulich zugleich. Er passt in das idyllische Grün der Gärten und steht überaus repräsentativ im Angesicht des Meeres."

Repräsentieren war oberstes Gebot. Wer zur Sommerfrische in Heringsdorf weilte, wollte sehen und gesehen werden. Das galt auch und vor allem für die Damen.

[O-Ton Eva John:]
"Einige ganz mutige von ihnen gingen auch auf dieser tollen Naturpromenade mit einem Sonnenschirm spazieren. Man war ängstlich darauf bedacht seine vornehme Blässe nur ja nicht gegen eine gesunde Bräune einzutauschen. Die Bademoden waren auch anders, sie mussten hochgeschlossen sein. Und die Herren durften sich damals der Damenbadeanstalt nur auf eine Entfernung von bis zu 75 Metern nähern."

Usedom Heringsdorf Villa Hintze
Villa Hintze
Usedom Heringsdorf Villa Oppenheim
Villa Oppenheim
Usedom Heringsdorf Villa Oechsner
Villa Oechsner

Heute ist das Publikum bunt gemischt: Männer und Frauen, gut Betuchte und weniger gut Betuchte – im doppelten Sinne – hocken Seite an Seite in den Strandkörben. Die Zeiten haben sich geändert, aber die mondäne Kulisse ist geblieben. Ein Heringsdorfer Ortschronist hat das Wort vom "Nizza der Ostsee" geprägt. Mehr als hundert Jahre ist das her, doch seine Begründung erscheint noch heute aktuell:

[O-Ton Eva John:]
"Nizza der Ostsee, weil hier stets vom Frühjahr bis tief in den Herbst hinein eine weiche und milde Luft herrscht. Dazu kommen der herrliche Strand und die blaue See."

Und um das alles zu genießen, braucht man in den Kaiserbädern heute, Gott sei Dank, kein reicher Bankier zu sein, auch kein Aristokrat und schon gar kein Kaiser!

 

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ACHTERLAND

das malerische Herz der Insel

Usedom Rankwitz Bootsanleger
Titelfoto: Rankwitz am Peenestrom im Achterland

                        

 

 

Die meisten Urlauber kommen nach Usedom wegen des ausgedehnten Ostseestrands von Heringsdorf, Ahlbeck & Co. Aber immer mehr beginnen auch das Hinterland zu entdecken: Sie wandern oder radeln durch die sanfte Hügel- und Seenlandschaft der "Usedomer Schweiz", fahren Kanu oder angeln in der weiten Bucht des "Achterwassers". In der ruhigen und beschaulichen Landschaft findet man noch viele reetgedeckte Bauern- und Fischerkaten, schattige Alleen, mittelalterliche Kirchen, historische Schlösser und Windmühlen, dazu viel, viel Natur. Das so genannte Achterland hat auch Künstler inspiriert – wie den deutsch-amerikanischen Maler Lyonel Feininger. Mit seinen Gemälden und Zeichnungen machte er so manches Motiv auf Usedom weltberühmt.

Usedom Achterland Benz
Das Dorf Benz im Achterland
Usedom Benz Haus mit Reetdach
Reetgedecktes Haus in Benz
Usedom Benzer Mühle Flügel nah
An der Benzer Mühle
Usedom Mellenthin Schloss außen
Schloss Mellenthin
Usedom Mellenthin Schloss Gaststätte innen
Erlebnis-Gastronomie im Schloss Mellenthin
Usedom Mellenthin Storchennest auf Dach
Haus mit Storchennest in Mellenthin
Usedom Mellenthin Kirche außen
Dorfkirche in Mellenthin
Usedom Achterland Alleestraße
Allee im Achterland
Usedom Morgenitz Dorfstraße
Dorfstraße in Morgenitz
Usedom Rankwitz Schiff Alte Liebe
Ausflugsschiff im Hafen von Rankwitz
Usedom Achterwasser Motorboot
Kleine Motoryacht im Achterwasser
Usedom Achterwasser Motorboot Stingray
Sportboot im Achterwasser
Usedom Balm See Hotel außen
Balmer See Hotel

Reportage (Radio hr4, 09.05.2009; hr-iNFO, 06.06.2009):

Originalton 2:47

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Sie steht auf einem Hügel hoch über dem Dorf Benz und scheint eher nach Holland als nach Pommern zu gehören. Die Benzer Windmühle ist eine Art Wahrzeichen der Usedomer Schweiz und Höhepunkt der "Feininger Rad-Tour" auf den Spuren des Bauhaus-Expressionisten.

[O-Ton Martin Meenke:]
"Feininger ist zufällig hier gewesen, 1910, und hat den letzten Windmüller bei der Arbeit erwischt sozusagen und hat die Mühle aus nördlicher Richtung gezeichnet für eine Naturnotiz. Aus der hat er später noch 'ne Lithographie hergestellt, hat dann diese Notiz nicht weiter verwendet, aber für uns ist die wichtig, weil er unbewusst sicherlich damals technische Details festgehalten hat, die sonst keiner mehr rekonstruieren konnte, weil’s Fotografien aus der Zeit nicht gibt. Insofern ist diese Naturnotiz für uns ein Schatz."

Feininger-Kenner Martin Meenke berichtet noch von einem anderen Maler, Otto Niemeyer-Holstein, der die Mühle zu DDR-Zeiten gekauft und restauriert hat – mit Hilfe der Zeichnung von Lyonel Feininger. Heute ist die Holländer-Windmühle von 1830 wieder in bestem Zustand. Auch im Innern gibt es viel Interessantes zu sehen.

Usedom Benz Martin Meenke
Feininger-Zeichnung der Mühle
Usedom Mellenthin Schloss
Wasserschloss Mellenthin
Usedom Mellenthin Schloss Molle
Essen in der "Molle" serviert

[O-Ton Martin Meenke:]
"Der Weg vom Korn zum Mehl. Und zwar auf zweierlei Art: einmal auf elektrische Weise und dann ganz konventionell mit Windkraft. Ich sag' immer, wir haben eine Hybrid-Mühle, eine, die beide Antriebe hat, den auch schon denkmalgeschützten Elektroantrieb mit Transmissionsriemen und oben den großen Windmotor mit den wuchtigen 22 Meter langen Flügelruten."

Nicht von Lyonel Feininger auf Leinwand gebannt, aber dennoch malerisch, liegt das Wasserschloss Mellenthin inmitten des Usedomer Achterlands. 1575 im Stil der Renaissance erbaut, hat es häufig den Besitzer gewechselt, diente in der DDR sogar vorübergehend als Kindergarten. Heute gehört das Schloss der Familie Fidora aus Nordrhein-Westfalen. Sie hat das alte Gemäuer mit ihrer Erlebnis-Gastronomie wiederbelebt. Das Essen wird in einer großen Schüssel aus Holz, der so genannten Molle, serviert – ganz rustikal.

[O-Ton Jan Fidora:]
"Jeden Freitag gibt’s die Fischmolle bei uns noch zusätzlich. Oder montags das Räubermollen-Essen. Dienstags und mittwochs ist bei uns immer das Ritterbüfett mit Live-Musik und Gauklern. Und jeden Donnerstag gibt’s bei uns Piratenschmaus, dazu eine kleine Piraten-Show und auch mit Live-Musik und Show."

[Geräusch: Klapperstorch]

Usedom Benzer Mühle
Benzer Mühle
Usedom Storchennest nah
Storchennest
Usedom Benz Kirche Schmollensee
Benzer Kirche und Schmollensee

Auf einem Hausdach unmittelbar vor dem Schlosstor hat sich ein Storchenpaar eingenistet. Kein Einzelfall. Gerade selten gewordene Vogelarten fühlen sich in der Stille des Achterlands offenbar wohl. Dietmar Jaßmann, der Usedom kennt wie seine Westentasche, weiß auch warum:

[O-Ton Dietmar Jaßmann:]
"Die Natur ist unberührt und die Tiere können dort geschützt brüten. Und so haben sich natürlich die Gelege erweitert. In der Nähe Achterwasser ja die Insel Böhmke, die so einiges zulässt, wo die Lachmöwe, die Silbermöwe, auch die Seeschwalbe die besten Voraussetzungen hat, und sogar auch der Weißkopfadler ist tatsächlich auf Usedom mit einigen Brutpaaren, und das lockt natürlich Ornithologen, aber auch viele Leute an, die Interesse haben an Landschaft, Flora, Fauna, Natur."

Natur und Kultur – von beidem ließ sich Lyonel Feininger inspirieren. Und wer auf seinen Spuren wandelt, greift vielleicht selbst zum Zeichenstift – zumindest aber zum Fotoapparat.

[Geräusch: Klicken einer Kamera]

 

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PEENEMÜNDE

die geheime Wiege der Raumfahrt

Usedom Peenemünde Kraftwerk Totale
Titelfoto: Blick auf das ehem. Kraftwerk in Peenemünde

                        

 

Der weltweit bekannteste Ort auf Usedom ist Peenemünde. Allerdings hat er seinen Ruhm auf eher unrühmliche Art erlangt. Hier nämlich entwickelten deutsche Forscher im Zweiten Weltkrieg den ersten Marschflugkörper (von der NS-Propaganda "V 1" genannt) und die erste Weltraumrakete ("V 2"). Mit diesen so genannten Vergeltungswaffen versuchten die Nazis den schon verlorenen Krieg doch noch zu gewinnen. Vergeblich, wie wir heute wissen.
In den streng geheimen Produktionsstätten schufteten Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Viele verloren dabei ihr Leben. Einige der Wissenschaftler aus Peenemünde allerdings setzten ihre Karrieren nach dem Krieg ungehindert fort. Sie traten in die Dienste des sowjetischen bzw. des amerikanischen Militärs. Allen voran Wernher von Braun, der maßgeblich an den Apollo-Missionen der NASA zum Mond beteiligt war.

In Peenemünde selbst findet man heute fast nur noch Ruinen. Ein Museum aber arbeitet die Geschichte auf. Und es will beides zeigen: Fluch und Segen der einstigen "Wunderwaffen"-Schmiede auf der Ostsee-Insel.

Usedom Peenemünde Kraftwerk nah V2
Teile der V2-Rakete vor dem ehem. Kraftwerk der Raketenfabrik, wo heute das Museum untergebracht ist
Usedom Peenemünde V1
V1-Marschflugkörper auf dem Außengelände von Peenemünde
Usedom Peenemünde Museum Karikatur mit Adenauer
Karikatur im Museum von Peenemünde
Usedom Peenemünde Museum Flugzeuge
Militärflugzeuge und -hubschrauber auf dem Außengelände
Usedom Peenemünde Schiff Hans Beimler
Museumsschiff "Hans Beimler" im Hafen von Peenemünde

Reportage (Radio hr4, 09.05.2009; hr-iNFO, 06.06.2009):

Originalton 3:21

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Es wirkt wüst und irgendwie trostlos. Ein paar alte Militärflugzeuge stehen herum, ein paar Raketenteile. Wer hier eine Art deutsche Version von Cape Canaveral erwartet hat, wird herb enttäuscht. Die ehemalige Heeresversuchsanstalt der Wehrmacht an der Mündung des Peenestroms wurde bei einem Bombenangriff 1944 fast völlig zerstört. Der Rest, erzählt Kai Hampel vom Historisch-technischen Informationszentrum, ging nach dem Krieg verloren.

[O-Ton Kai Hampel:]
"Das Kraftwerk ist heute das einzige große Gebäude, was noch steht von dieser einstigen Forschungsanlage. Alles andere wurde abgetragen. Aufgrund des Potsdamer Abkommens musste das also zerstört werden. Im Prinzip ist es nur noch dieses Kraftwerk. Im Ortskern gibt es noch die Ruine vom Sauerstoffwerk. Und dann haben wir auf dieser Denkmallandschaft von Peenemünde, gibt's also so'n Rundwanderweg zu ein paar authentischen Orten, zum Beispiel ein KZ von der Luftwaffe, da wurde eine Baracke freigelegt, die ehemalige Hauptwache wurde so'n bisschen freigelegt. Da kann man sich verschiedene authentische Orte auch angucken, aber von den wirklich großen Gebäuden sind wirklich nur noch diese beiden übrig."

Im Backsteinkoloss des ehemaligen Kraftwerks ist eine Dauerausstellung untergebracht. Hier wird in Wort, Bild und Ton die Geschichte der Raketenfabrik wieder lebendig. Ein historisches Filmdokument beispielsweise zeigt den ersten Start einer V2-Rakete im Oktober 1942. Der erste Flugkörper überhaupt, der bis ins All vordrang. Unstreitig eine technische Meisterleistung und Initialzündung für die Raumfahrt insgesamt. Aber die Macher des Museums betreiben keine Heroisierung, sondern zeigen auch die Kehrseite.

[O-Ton Kai Hampel:]
"Diese Technologie ist natürlich toll. Wenn man sie zivil nutzt, kann man tolle Sachen damit machen, aber dafür wurde sie ja hier nicht entwickelt. Das war eine rein militärische Entwicklung, und das war auch nur möglich, weil hier KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ausgebeutet wurden, weil sie hier ihr Leben und ihre Gesundheit eingebüßt haben. Das sind immer diese zwei Seiten, die Ambivalenz, an der man nicht vorbeikommt, auch hier im Museum nicht. Das versuchen wir eben so darzustellen."

Usedom Peenemünde Museum Außengelände
Alte Militärmaschinen
Usedom Peenemünde Museum Start V2
"V 2"-Start in Peenemünde
Usedom Peenemünde Museum Foto Mondlandung
Wernher von Brauns Apollo-Mission

Eine der zentralen Figuren der Ausstellung ist der ehemalige technische Leiter der Heeresversuchsanstalt, Wernher von Braun. Als "Vater der V 2" hat er hier in Peenemünde begonnen, als "Vater der Mondlandung" wurde er Jahrzehnte später in den USA gefeiert. In einem Dokumentarfilm kommen auch Zeitzeugen zu Wort:

[Atmo-Ton Zeitzeuge:]
"Ich habe Professor von Braun in verschiedenen Fällen auf dem Prüfstand liegen und auch in anderen Fällen persönlich erlebt und würde ihn nach meiner subjektiven Darstellung als einen ausgesprochen faustischen Menschen charakterisieren..."

Ein geradezu fanatischer Wissenschaftler also, der seine Seele dem Teufel verkauft hat? Kai Hampel würde es so nicht ausdrücken. Für ihn war der Mensch von Braun ebenso ambivalent wie seine ganze Forschung:

[O-Ton Kai Hampel:]
"Er hat ja mal als junger Mensch davon geträumt zum Mond zu fliegen und hat dann aber als junger Mann sich vom Militär anwerben lassen und hat seine Militärraketen gebaut. Es gibt eine Biografie über ihn, die heißt Dreamer Of Space, Engineer Of War. Das trifft's eigentlich ganz gut. Wernher von Braun war ein Opportunist. Er hat also aus dem NS-Regime, aber später auch in den USA, seine Vorzüge gezogen, um seine Raketen bauen zu können. So kann man's vielleicht ganz grob mal umreißen."

In jedem Fall war er eine faszinierende Persönlichkeit. Und diese Faszination wirkt in Peenemünde bis heute nach. Nicht zuletzt wegen des weltberühmten Raketenforschers verirren sich zehntausende Besucher alljährlich in diesen nordwestlichsten Winkel der Ostsee-Insel. Auch wenn sie hier definitiv kein zweites Cape Canaveral vorfinden.

 

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NEUE POMMERSCHE KÜCHE

die feinen Genüsse des Meeres

Usedom Heringsdorf 1901 Frank Thiel
Titelfoto: "1901"-Küchenchef Frank Thiel

                       

 

 

Usedom ist – wie es sich für eine Insel gehört – ringsum von Wasser umgeben: Ostsee, Stettiner Haff, Achterwasser und die beiden Mündungsarme der Oder, der Peenestrom und die Swine. Traditionell haben sich die Inselbewohner deshalb von Fischen und Meeresfrüchten ernährt. Bis heute dominieren Fischspezialitäten die Speisekarten. Ein kulinarisches Aushängeschild ist das Restaurant "1901"*) an der Strandpromenade von Heringsdorf. Hier hat der Küchenchef gemeinsam mit seinem Vorgänger die "Neue Pommersche Küche" kreiert. Das Rezept: alte, historische Gerichte (meist Fischgerichte) aus Archiven wiederzuentdecken und sie dem modernen Geschmack anzupassen. Das Ergebnis: Große Kochkunst zu kleinen Preisen.

Usedom Heringsdorf Restaurant 1901 außen Abendlicht
Restaurant "1901" an der Strandpromenade von Heringsdorf am Abend
Usedom Heringsdorf Restaurant 1901 außen Morgensonne
Restaurant "1901" am Morgen
Usedom Karlshagen Yachthafen Segelboot Pearl Grey
Hafen von Karlshagen mit Blick auf das Restaurant "Veermaster"
Usedom Karlshagen Restaurant Veermaster außen
Restaurant "Veermaster" in Karlshagen
Usedom Karlshagen Restaurant Veermaster innen
Im Restaurant "Veermaster"
Usedom Karlshagen Restaurant Veermaster Fischplatte
Leckere Fischplatte im Restaurant "Veermaster"

Reportage (Radio hr4, 09.05.2009; hr-iNFO, 06.06.2009):

Originalton 2:22

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

"Heringsfilet Altpommern in einer Senf-Kräuterkruste gebraten, angerichtet mit süß-saurem Kohl, Estragonbutter und Kartoffeln" – für 10,50 Euro.
Klingt lecker und bezahlbar, was Küchenchef Frank Thiel da auf den Teller zaubert. Und anders als in manchem Gourmet-Tempel wird man im Restaurant "1901" sogar satt. Schon der Vorspeisenteller, der so genannte Kidasch, ist prall gefüllt mit vielen kleinen Köstlichkeiten.

[O-Ton Frank Thiel:]
"Das ist einmal mariniertes Krebsfleisch, dann einmal Schafskäse, dann haben wir so Rettich mariniert, eingelegte Champignons, schwarze Nüsse, die in Zuckercouleur konserviert werden, dann haben wir Honiglachs, der richtig mit Kräutern und Honigkruste so eingelegt wurde, und dann hätten wir jetzt noch die kleinen Lachspralinen, die gefüllt sind mit einer kleinen Creme – Sahnecreme."

Als Zutaten benutzt Frank Thiel vor allem einheimische Kräuter wie Wiesenkerbel und Koriander. Dazu heimische Fischsorten wie den Steinlachs, auch Schnepel genannt, der in der Peene wieder angesiedelt wurde. Schon vor Jahrhunderten haben ihn die Fischer auf Usedom gefangen und gegessen. Zu den traditionellen und wiederentdeckten Gerichten aber gehört vor allem auch: "Zander-Stroh".

[O-Ton Frank Thiel:]
"Das ist Zanderfilet, was früher von den Fischern auf gebundenem Stroh gedünstet wurde, und das haben wir auch übernommen. Da machen wir jetzt ein Zanderfilet, richtig auf Haferstroh gedünstet, mit Kräuter und alles. So eine Spezialität des Hauses, was von den alten Fischern überliefert wurde."

Usedom Heringsdorf Restaurant 1901 Kidasch
"Kidasch" mit Krebsen und Lachs
Usedom Heringsdorf Restaurant 1901 Zander Haferstroh
Zander auf Haferstroh
Usedom Heringsdorf Restaurant 1901 innen
Restaurant "1901"

Und damit der Zander auch ein Augenschmaus ist, wird er nicht nur auf Stroh gedünstet, sondern auch auf Stroh serviert. Die Kreationen des Küchenchefs kommen bei den Gästen gut an.

[O-Töne Gäste:]
"Erfrischend und, ich würde sagen, köstlich."
"Der Fisch ist sehr lecker, sehr vielseitig. Die Kidasch war auch mal interessant zu sehen, die vorpommersche Tapas-Variante – sollte man mal erlebt haben."
"Ich muss sagen, es war für den hohen Norden absolut kreativ, hat gut geschmeckt, war bunt und war auch nicht schwer." 

Übrigens – auch wer keinen Fisch mag, braucht im Restaurant "1901" nicht zu hungern. Die Speisekarte hält alte Neue Pommersche Gerichte auch für den Fleischesser parat: "Honig-Krustenbraten – das wendische Hofgericht zu Wolgast an einer Schwarzbiersauce, süß-saurem Kohl und Serviettenknödel" für 11,50 Euro.

Na, dann guten Appetit!

 

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Hinweis:

Das Restaurant "1901" wurde leider geschlossen, aber wie bei www.tripadvisor.de zu lesen ist, bietet auch das benachbarte Restaurant "1900" pommersche Gerichte an.

 

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Hinweis:

*) Die Ostfriesische Lufttransport GmbH (OLT) musste 2013 Insolvenz anmelden und den Flugbetrieb einstellen. Dafür fliegt Lufthansa von Frankfurt nach Usedom, Eurowings von Dortmund und Stuttgart sowie Swiss von Zürich (Stand 2020).

 

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