Anstoßen mit Müller-Thurgau

rolf fröhlings reisereportagen

Thurgau (Schweiz)

             


ALLES MÜLLER ODER WAS?
- kulinarische Geschichten aus der Ostschweiz

Ein gewisser Hermann Müller hat den Thurgau weltbekannt gemacht. Der in der Ostschweiz geborene Weinkundler kreuzte im 19. Jahrhundert eine Riesling- mit einer Silvaner-Rebe und schuf damit die äußerst populäre Rebsorte "Müller-Thurgau". Der Weinbau hat eine lange Tradition in Müllers Heimat und ist noch heute ein bedeutendes Standbein der dortigen Landwirtschaft. Längst werden im Thurgau auch andere Sorten angebaut, die höchsten Ansprüchen genügen. Überhaupt hat sich der Schweizer Bodensee-Kanton mehr und mehr zu einer Feinschmecker-Region entwickelt. Spezialitäten sind u.a. frischer Bodensee-Barsch (Egli), knusprige Brathähnchen (Güggeli) und verführerisch süße Waffelröllchen (Hüppen) – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die schönsten kulinarischen Geschichten aber ranken sich um herzhaft-würzigen Käse und saftig-süße Äpfel.

Anstoßen mit Müller-Thurgau
Titelfoto: "Zum Wohl" mit einem Müller-Thurgau
Thurgau Ottenberg Weingut Broger
Besuch auf dem Weingut Broger in Ottenberg bei Weinfelden
Thurgau Ottenberg Michael Broger im Weinberg
Thurgauer Winzer Michael Broger bei der Arbeit
Thurgau Rotweintrauben
Nicht nur Müller-Thurgau wird angebaut, auch Rotweine
Thurgau Geschnetzeltes mit Rösti und Weintrauben
Thurgauer Spezialität: Geschnetzeltes mit Rösti und Weintrauben
Thurgau Mammern Schild Güggeli
Gasthof "Adler" in Mammern, wo es knusprige Brathähnchen gibt, genannt "Güggeli"
Thurgau Gottlieber Hüppen Produktion
Produktion der "Gottlieber Hüppen" - feinen Waffelröllchen mit Schokolade überzogen
Thurgau Gottlieber Hüppen auf Fließband
"Gottlieber Hüppen" am Fließband
Thurgau Gottlieber Hüppen nah
Zarte Versuchungen aus Gottlieben
Thurgau Gottlieber Hüppen in Geschenkverpackung
Süße Versuchungen aus der Manufaktur "Gottlieber"
Thurgau Gottlieben Fachwerk
Schönes Fachwerkhaus in Gottlieben
Thurgau Gottlieben Rheinufer
Rheinufer in Gottlieben
Thurgau Ermatingen Fachwerk
Fachwerkhäuser in Ermatingen
Thurgau Ermatingen Seegarten Schild
Fischrestaurant in Ermatingen
Thurgau Ermatingen Boote im Hafen
Bootshafen in Ermatingen
Thurgau Ermatingen Rheinufer Abend
Abendstimmung am Untersee in Ermatingen

Reportagen (Radio hr4, 06.10.2012/19.01.2013; hr1, 24.03.2013):

APFEL-GESCHICHTEN

wo der Barthel den Most holt

Thurgau Atnau Apfelhof Äpfel nah
Titelfoto: Apfelhof bei Altnau

                     

 

 

Bedeutsamer noch als Trauben sind Äpfel für den Thurgau. Ob traditionelle Streuobstwiesen oder moderne Plantagen – Apfelbäume dominieren das Landschaftsbild im Schweizer Bodensee-Kanton. Und ihre roten, grünen oder gold-gelben Früchte sind vielseitig verwendbar. Die meisten werden als Tafelobst vermarktet oder zu Most verarbeitet. Doch darüber hinaus kennt der Einfallsreichtum der Thurgauer keine Grenzen, wenn es um ihr liebstes landwirtschaftliches Kulturgut geht.

Thurgau Altnau Apfelplantage
Apfelplantage bei Altnau
Thurgau Altnau Apfelhof Barth Baumpatenschaft
Baumpatenschaft auf dem Apfelhof Barth
Thurgau Altnau Apfelhof Barth Ferienwohnung innen
Ferienwohnung auf dem Apfelhof Barth
Thurgau Altnau Apfelhof Barth Ferienwohnung Sitzecke außen
Gemütliche Sitzecke vor der Ferienwohnung
Thurgau Mammern Esther Schäfer-Meier Tröpfel in Gläsern
Esther Schäfer-Meier serviert ihren alkoholfreien "Tröpfel" als Apéritif
Thurgau Mammern Tröpfel in Flasche groß
Alkoholfreier Sekt aus Trauben und Äpfeln
Thurgau Arbon Apfelkelterei Möhl außen
Apfelkelterei Möhl in Arbon
Thurgau Arbon Apfelkelterei Möhl Apfelwaschanlage
Apfelwaschanlage in der Kelterei Möhl
Thurgau Arbon Apfelkelterei Möhl Führung
Rundgang durch die Kelterei Möhl
Thurgau Arbon Apfelkelterei Möhl Apfelsaft
Wo (Apfel-)Saft draufsteht, ist (Apfel-)Wein drin
Thurgau Arbon Apfelkelterei Möhl Apfelgetränke in Flaschen
Apfelgetränke aller Art

Reportage (Radio hr4, 06.10.2012):

[Geräusch: Armbrust-Schießen]

Der Pfeil saust durch die Luft – und patsch! – ist der Apfel mitten entzwei. "Walterle-Schießen" nennt Apfelbäuerin Rita Barth den beliebten Freizeitsport auf ihrem Ferienhof bei Altnau.

Originalton 0:21

[zum Anhören klicken: O-Ton Rita Barth]

"Das Walterle-Schießen, das ist eine Puppe, die den Sohn von Wilhelm Tell darstellt, und der Wilhelm Tell hat seinem Sohn ja einen Apfel auf den Kopf gelegt und mit einer Armbrust auf den Apfel geschossen. Dann können die Gäste mit der Armbrust und dem Pfeil diesen Apfel probieren zu treffen."

Sehr beliebt auf dem Apfelhof sind auch die Baumpatenschaften. Sie kosten 100 Franken pro Jahr. Und schon mehr als 100 Bäume tragen die Plakette mit dem Namen eines stolzen Paten.

[O-Ton Rita Barth:]
"Dann kann man nachher im Herbst die Äpfel ernten, und man kann das ganze Jahr kommen und seinen Baum besuchen – sei es während der Blüte oder während dem Wachstum. Und das Plätzchen Erde, wo der Baum steht, gehört für dieses Jahr, wo der Baum bezahlt ist, diesen Baumpaten."

Thurgau Altnau Apfelhof Rita Barth
Apfelbäuerin Rita Barth
Thurgau Mammern Ester Schäfer-Meier Tröpfel in Geschenkverpackung
E. Schäfer-Meier und ihr "Tröpfel"
Thurgau Steinebrunn Apfelwein Beiz
Apfelwein-Beiz in Steinebrunn

Eine weitere Apfel-Erfolgsstory hat Esther Schäfer-Meier aus Mammern geschrieben. Trauben und Äpfel (schwyzerdütsch: Truube und Öpfel) werden bei ihr zu "Tröpfel" – einem alkoholfreien Schaumwein. Den Korken zum Knallen brachte eine Freundin:

[O-Ton Esther Schäfer-Meier:]
"In 2005 kam sie auf mich zu und sagte, hör' mal, ich hab' da was vor. Ich such' schon länger was auf dem alkoholfreien Sektor, was Spannendes, apéritifmäßig. Ich hab' da eine Idee: Ihr habt ja genügend Trauben, und sie haben viele Hochstammbäume. Und so kam es, dass wir ganz spontan sagten einfach, ja, wir machen das."

Inzwischen produzieren die beiden Frauen drei verschiedene "Tröpfel" aus Müller-Thurgau-Trauben und 20 (!) Apfelsorten. Schon mehrere Preise haben sie gewonnen und können die Nachfrage kaum stillen.

[Atmo: klingende Sektgläser]

Auch wer statt Schaumwein lieber einen herzhaften Apfelwein trinken möchte, ist im Thurgau goldrichtig. Am besten genießt man ihn in einer urigen "Beiz". Doch aufgepasst! Bei den Begrifflichkeiten gehen die Uhren in der Schweiz ein wenig anders.

Thurgau Arbon Apfelkelterei Möhl Äpfel werden entladen
Mosterei Möhl in Arbon
Thurgau Arbon Apfelkelterei Markus Möhl
Markus Möhl
Thurgau Apfelsaft in Flasche
Saft = Apfelwein

Originalton 0:11

[zum Anhören klicken: O-Ton Markus Möhl]

"Wenn ich reinkomme, bestell' ich einen Saft. Bei euch bekomme ich wahrscheinlich 'n Orangensaft oder so. Bei uns ist das 'n Apfelwein. Also, wir sagen zu dem Apfelwein 'n Saft!"

Markus Möhl ist Mitinhaber einer Großkelterei in Arbon. Unser Apfelsaft, erklärt er, heißt im Thurgau Apfelmost. Und es gibt noch mehr Unterschiede:

[O-Ton Markus Möhl:]
"Wir haben heute drei Viertel Apfelwein ohne Alkohol. Das ist eine Spezialität von unserem Betrieb. Wir machen noch traditionellen Apfelwein und enziehen ihm nachher auf der Anlage mit Vakuum und Wärme den Alkohol, und ich glaube kaum, dass jemand, der ab und zu 'n Apfelwein trinkt, den Unterschied kennt zwischen mit und ohne Alkohol."

Ob mit oder ohne – Apfelwein ist in der Schweiz wieder total "in". Der Absatz steigt. Nicht nur bei der Mosterei Möhl. Den Thurgauer Apfelbauern wie Rita Barth kann das nur Recht sein!

[Atmo: Apfelwein wird in Glas gefüllt]

 

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KÄSE-GESCHICHTEN

wo der Tilsiter eine neue Heimat fand

Thurgau Tilsit Ortsschild
Titelfoto: Das neue "Tilsit" im Thurgau

                        

 

 

Emmentaler-Käse kommt aus dem Emmental, Edamer aus Edam und Tilsiter aus Tilsit – sollte man meinen. Ist aber nicht unbedingt so. All diese Käsesorten sind keine geschützten Marken. Sie können überall produziert werden. Und werden sie auch. Tilsiter zum Beispiel kommt aus dänischen Käsereien, aus deutschen und auch aus schweizerischen. Im ehemals ostpreußischen Tilsit, dem heute russischen Sowjetsk, ist die Käseproduktion sogar völlig zum Erliegen gekommen.
Im 18. Jahrhundert hatten Schweizer Melker das Käsemachen nach Ostpreußen gebracht. Inzwischen ist es wieder an seinen Ursprungsort zurückgekehrt. Und mehr noch: Im Thurgau gibt es jetzt ein neues Tilsit, wo wieder "echter" Tilsiter-Käse hergestellt wird. Aber das ist eine lange, beinahe märchenhafte, Geschichte.

Thurgau Tilsit Käserei Otto Wartmann
Otto Wartmann in seiner Käserei
Thurgau Tilsit Käselaib
"Echter" Tilsiter aus der Schweiz
Thurgau Tilsit Käserei Laden
Im Hofladen der Käserei
Thurgau Tilsit Käsehäppchen
Feine Käsehäppchen zum Probieren
Thurgau Tilsit Probierhäppchen
Tilsiter-Verkostung auf dem Holzhof
Thurgau Tilsit Otto Wartmann mit Ortsschild
Das Ortsschild ist schon ausgetauscht ...
Thurgau Tilsit Werbeplakat mit Kühen
... und das verwirrt sogar die Kühe
Thurgau Tilsit Kühe auf der Weide
Diesen Thurgauer Kühen ist der Namenswirrwarr um Tilsit wahrscheinlich völlig egal

Reportage (Radio hr4, 19.01.2013; hr1, 24.03.2013):

Es war einmal ein junger Käser aus dem Thurgau. Otto Wartmann hieß er, und er wollte wissen, wie man richtig guten Käse macht. Drum zog er vom heimatlichen Holzhof bei Weinfelden in die weite Welt hinaus.

[O-Ton Otto Wartmann:]
"Auf einer Reise kam er bis nach Ostpreußen, in die Stadt Tilsit, und er hat dort eine Weile gearbeitet und den Tilsiter Käse kennen gelernt. Zu jener Zeit war das eine blühende Region, also die Land- und Milchwirtschaft war dort auf einem sehr hohen Niveau, auch die Milchverarbeitung. Er kam dann 1893 zurück hier auf den Holzhof und hat als erste Käserei in der Schweiz mit der Tilsiter-Fabrikation begonnen."

Otto Wartmann – so heißt auch der Urgroßneffe des Thurgauer Tilsiter-Pioniers. Und er schrieb die Familiengeschichte fort. Seit dem Besuch seines Vorfahren in Ostpreußen hatte sich dort viel verändert: Tilsit hieß nun Sowjetsk, die einstmals blühende Region war verarmt, und Käse wurde auch keiner mehr gemacht. Das ließ Wartmann und seinen Kollegen von der Erzeugergemeinschaft "Tilsiter Switzerland" keine Ruhe.

[O-Ton Otto Wartmann:]
"Wir hatten dann das Gefühl, weil es auf der ganzen Welt kein Tilsit mehr gibt, dass wir ein neues Tilsit gründen, und 2007 haben wir das dann gemacht. Anlässlich eines Bauern-Brunches am 1. August haben wir mit 1.400 Personen ein neues Tilsit gegründet."

Mit dabei bei der Gründungsfeier waren eine russische Delegation aus Sowjetsk und Vertreter des Vertriebenenverbands "Stadtgemeinschaft Tilsit."

Thrugau Tilsit Käserei Schmelztiegel
Tilsiter-Herstellung auf dem Holzhof
Thurgau Tilsit Otto Wartmann mit Käselaib
Otto Wartmann
Thurgau Tilsit Ortsschild groß
Aus "Holzhof" wurde "Tilsit"

Originalton 0:21

[zum Anhören klicken: O-Ton Otto Wartmann]

"Das Erstaunliche für uns war, dass das sehr positiv aufgenommen wurde. Wir rechneten da mit Widerstand, dass die überhaupt nicht dafür sind, dass da ein neues Tilsit entsteht. Aber das stieß auf sehr große Begeisterung, und die waren also wirklich voller Freude über das, was jetzt hier passiert, und haben uns da unterstützt und geholfen, dass man das machen konnte."

Die offizielle Anerkennung durch die Schweizer Behörden fehlt zwar noch, aber das neue Ortsschild "Tilsit" ist längst aufgestellt.

Und dieser Name steht für richtig guten Käse – aus frischer Milch von glücklichen Kühen der Region. 6.000 Liter pro Tag werden hier verarbeitet.

Thurgau Tilsit Käserei Käselaibe im Regal
126 Laibe pro Tag
Thurgau Tilsit Probierhäppchen groß
Tilsiter made in Switzerland
Thurgau Tilsit glückliche Kühe
Glückliche Kühe der Region

Das macht 600 Kilogramm Käse oder 126 Laibe. Der Tilsiter aus dem Thurgau schmeckt ein wenig anders als der deutsche, aber keineswegs schlechter.

Originalton 0:10

[zum Anhören klicken: O-Töne Touristen]

"Lecker und herzhaft."
"Er ist sehr viel intensiver, würziger, gepflegter, würd' ich sagen. Also jemand, der würzigen Käse mag, ist hier bestens bedient mit."

Und dieser würzige Käse soll, wenn es nach Otto Wartmann und seinen Kollegen geht, bald auch wieder am Originalschauplatz gemacht werden. Die Thurgauer Tilsiter wollen dabei helfen, im heutigen Sowjetsk eine Schaukäserei aufzubauen.

 

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Hinweis:

Seit Oktober 2016 ist der Tilsiter tatsächlich wieder an seinen Ursprungsort im ehemaligen Ostpreußen zurückgekehrt. Die EU-Sanktionen gegen Russland haben einen Wäschereibesitzer aus Ragnit/Njeman, einem Nachbarort von Tilsit/Sowjetsk, dazu gebracht in einem alten Gasthaus eine Käsemanufaktur einzurichten. Dort stellt er jetzt Schweizer Käse her.
Mehr unter: https://www.nzz.ch/panorama/russen-machen-schweizer-kaese-ld.1462879

 

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