Texas San Antonio Alamo

rolf fröhlings reisereportagen

Texas (USA)

                            


DER MAINZER ADELSVEREIN UND SEIN GELOBTES LAND

Wer Texas hört, der denkt zumeist an Cowboys, die riesige Rinderherden über endlose Prärien treiben. Oder an Ölbarone, die in gläsernen Palästen ihre Millionengeschäfte abwickeln. Klischees, die sowohl richtig als auch falsch sind. Denn das alles gibt es in Texas, aber der zweitgrößte Staat der USA weist auch manche Überraschung auf: Zum Beispiel im Hill Country, westlich der Hauptstadt Austin. Hier sind Cowboys eher selten anzutreffen und Ölbarone völlig unbekannt. Hier fallen die Rinderherden kleiner und die Geschäfte bescheidener aus. Statt endloser Prärien gibt es bewaldete Hügel, die ein wenig an unsere Mittelgebirge erinnern. Statt gläserner Paläste findet man schmucke Landhäuser – manche sogar im Fachwerkstil. Eine untypische Gegend also mit ebenso untypischen Ortsnamen – wie Blumenthal, Luckenbach oder Boerne. Sie alle wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts von Deutschen gegründet. Echte Pioniere, angeworben vom Verein zum Schutze deutscher Auswanderer in Texas, im Volksmund "Mainzer Adelsverein" genannt. Um diese Menschen, die zu einem großen Teil aus dem heutigen Rheinland-Pfalz kamen, geht es hier – und um ihre Nachfahren, von denen sich viele noch immer mit der alten Heimat verbunden fühlen.

Texas San Antonio Alamo
Titelfoto: Das Alamo-Gebäude in San Antonio
Texas Fredericksburg St. Mary außen
Alte und neue katholische Kirche St. Mary's in Fredericksburg
Texas Fredericksburg Otto Kolmeier Hardware
Historische Eisenwarenhandlung Otto Kolmeier in Fredericksburg
Texas Fredericksburg National Museum of the Pacific War außen
National Museum of the Pacific War in Fredericksburg
Texas New Braunfels Schlitterbahn außen
Wasserrutschenpark "Schlitterbahn" in New Braunfels
Texas San Antonio Villa außen
Historische Villa in San Antonio
Texas San Antonio Flussufer bunte Sonnenschirme
San Antonio River
Texas San Antonio River Bootstour
Bootsfahrt auf dem San Antonio River Vol. 1
Texas San Antonio River mit Ausflugsboot
Bootsfahrt auf dem San Antonio River Vol. 2
Texas San Antonio Fluss
Bootsfahrt auf dem San Antonio River Vol. 3

Reportagen (Radio SWR4 RP, 13.01.2003):

WILLKOMMEN ZUM WURSTFEST

deutsche Gemütlichkeit in New Braunfels

Texas New Braunfels Wurstfest Festzelt innen
Titelfoto: Wurstfest in New Braunfels

                          

 

 

Von allen texanischen Orten mit deutschen Wurzeln ist New Braunfels der bedeutendste. Er hat gut 30.000 Einwohner und liegt eine halbe Autostunde nordöstlich der Millionenstadt San Antonio. Auf den ersten Blick sieht New Braunfels aus wie die meisten amerikanischen Kleinstädte: Riesige Reklametafeln entlang der Autobahn, Fast-food-Restaurants und Supermärkte beherrschen die Szenerie. Aber das Zentrum mit seiner Vielzahl von historischen Gebäuden und seiner Vielzahl von deutschen Namen im Straßenbild unterscheidet New Braunfels doch ein wenig von anderen amerikanischen Kleinstädten. Und einmal im Jahr, Anfang November, stellen die Bewohner ihre deutsche Vergangenheit unübersehbar zur Schau – dann nämlich feiern sie ihr traditionelles "Wurstfest". Es gilt als das größte deutsche Volksfest in den USA, und Ähnlichkeiten mit dem Münchner Oktoberfest sind durchaus beabsichtigt.

Reportage (Radio SWR4 RP, 13.01.2003):

[Atmo Festzelt:]
"Liebe Damen und Herren, wellkommen Sie alle zu unsere 42. Wurschtfest. Wir hoffen, Sie ham 'ne gute Zeit und ham viel Spass."

Zehn Tage lang geht’s hier im wahrsten Sinne des Wortes um die Wurst. Rund 150.000 Besucher werden erwartet – zu allem, was man hier mit "German Gemütlichkeit" verbindet. Dazu gehören Blasmusik, Polka-Tanzgruppen, bayerisches Weißbier und natürlich nicht zuletzt: die Wurst.

Ich frag' mal an einer Würstchenbude nach. "Wursthaus Edelweiß" steht da dran und innen steht ein Herr mit Tirolerhut und einer schwarzen Lederhose. "Welche Wurstsorten bieten Sie denn an – what kind of wurst do you offer?" – "Munich Bratwurst und geräuchert' Bratwurst – smoked Bratwurst." – "Which is your favourite one – welche mögen Sie am liebsten?" – "Munich Bratwurst." – "Have you ever been to Munich?" – "Yes, I'm from Landshut."

(Atmo: Blasmusik)

Die meisten Wurststände sind im "Marktplatz“ untergebracht. Das ist eine große Halle. Da befindet sich ein Wurststand neben dem anderen. Die Halle ist voller Menschen. Viele von ihnen tragen bayerische Lederhosen, die Frauen Dirndl. Und gleich nebenan, da ist die große "Wursthalle". Das war früher mal ein Lagerhaus für Baumwolle. Diese Halle ist jetzt voll mit Menschen. Es mögen etwa 2.000 bis 3.000 sein. Also ein wirklich großes Fest.

[Atmo: Blasmusik]

Es ist natürlich kein Zufall, dass ein solches großes Fest gerade hier in New Braunfels stattfindet. Die Stadt hat ihren Namen von Prinz Carl zu Solms aus Braunfels an der Lahn. Der Prinz war Abgesandter des Mainzer Adelsvereins und er hat die Stadt 1845 gegründet. Dieser Adelsverein wollte damals eine Art deutsche Kolonie in Texas gründen, das noch fast menschenleer war. Im Auftrag des Vereins hat der Prinz Land angekauft, um deutschen Auswanderern eine neue Heimat im Wilden Westen zu geben. Tausende sind damals diesem Ruf gefolgt.

Texas New Braunfels Wurstfest Schild Wurst in Taschen
"Wurst in Taschen"

Der Vorsitzende des Mainzer Adelsvereins war Herzog Adolf von Nassau. Deshalb kamen besonders viele Siedler aus dem heutigen Rheinland-Pfalz nach Texas. Nassau umfasste damals das Gebiet von Westerwald und Taunus. Allerdings ging der Verein ziemlich schnell pleite, und nix war's mit der deutschen Kolonie. Prinz Solms ging wieder zurück in die Heimat, aber viele Auswanderer sind geblieben und ihre Nachfahren halten noch heute ihr deutsches kulturelles Erbe hoch. Das Wurstfest ist nur ein Beispiel dafür.

[Atmo: Blasmusik]

Tja, wie sich das sonst noch verhält mit der deutschen Kultur und der deutschen Tradition hier in New Braunfels, diese Frage gebe ich jetzt an Helgard Hollis weiter, von der Deutsch-texanischen Gesellschaft.

"In Neu-Braunfels gibt es auch einen Schützenverein – und zwar seit ungefähr 1850. Es ist der älteste Schützenverein in den Vereinigten Staaten. Und jährlich haben sie noch ein Schützenfest. Außerdem, was noch typisch deutsch wäre, ist, dass es hier noch Leute gibt, die gerne kegeln mit neun Kegeln. Und es wird auch noch sehr oft Skat gespielt ..."
- Was aber auch zur Kultur gehört, das ist ja die Sprache. Man trifft hier nicht allzu viele Leute, die noch Deutsch sprechen. Woran liegt das denn?
"Ja, leider durch die Weltkriege. Nach dem Ersten Weltkrieg war es natürlich nicht so beliebt Deutsch zu sprechen. Und nach dem Zweiten Weltkrieg war es fast verboten, vor allen Dingen in den Schulen war es verboten."

Trotz allem trifft man hier auch auf dem Wurstfest vereinzelt ein paar deutsche Touristen.

- Wie gefällt’s Ihnen denn hier?
"Ja, ich find’ es überraschend und mir gefällt’s ganz gut."
- Was haben Sie denn erwartet?
"Ich hab’s mehr kommerzieller erwartet wie’s is’ und ich find’s sehr schön aufgemacht."

Und sie werden bestimmt noch viel Spaß haben. Das Fest geht, wie gesagt, zehn Tage lang. Und bis dahin zumindest ist New Braunfels fest in deutscher Hand.

[Atmo: "Ein Prosit der Gemütlichkeit ..."]

 

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ALLER ANFANG IST SCHWER

deutsche Auswanderer in Not

Texas Fredericksburg Wüste mit Kakteen
Titelfoto: Wüste nördlich von Fredericksburg

                     

 

 

1841, also lange vor Karl May, erschien in Deutschland ein Roman über Texas, der eine Welle der Begeisterung entfachte. "Das Kajütenbuch" von Charles Sealsfield malte das Bild von einem Paradies auf Erden. Texas war bald in aller Munde: ein junger, aufstrebender Staat, gerade unabhängig geworden von Mexiko und noch nicht in die USA eingegliedert. Dazu kaum besiedelt und so scheinbar wie geschaffen für eine deutsche Kolonisation. Auch junge Edelmänner wie der bereits erwähnte Prinz zu Solms-Braunfels oder die Grafen zu Castell und Leiningen-Westerburg ließen sich von der Begeisterung anstecken. Gemeinsam mit 18 weiteren Standesgenossen gründeten sie am 25. März 1844 in Mainz den "Verein zum Schutze deutscher Auswanderer in Texas".

Reportage (Radio SWR4 RP, 13.01.2003):

"Ein Verein hat sich gebildet, dessen Zweck es ist, die deutsche Auswanderung, so viel als möglich nach einem einzigen, günstig gelegenen Punkte hinzuleiten, die Auswanderer auf der weiten Reise zu unterstützen und nach Kräften dafür zu wirken, dass ihnen jenseits des Meeres eine neue Heimat gesichert werde."

So lautete die satzungsgemäße Begründung. Die Mitglieder des Mainzer Adelsvereins ließen sich einerseits von ideellen Motiven leiten. Sie wollten Armut und Not im damaligen Deutschland begegnen und den Menschen neue Hoffnung geben. Andererseits aber hatten sie auch materielle Ziele. Mit einer deutschen Kolonie in Texas sollten neue Absatzmärkte für die heimische Wirtschaft eröffnet werden. Und das war ihr Plan: Land in großem Stil ankaufen und den Auswanderern kostenlos zur Verfügung stellen. Nur für geringfügige Auslagen sollten sie selbst aufkommen. Die angebotenen Verträge gingen weg wie warme Semmeln.

"Der mitunterzeichnete Christian Schlaudt bescheinigt hierdurch, dass ihm von oben genanntem Verein 90 Gulden und 30 Kreuzer zu seiner Übersiedelung nach Texas vorgeschossen worden. Indem derselbe über den Vertrag quittiert, verpflichtet er sich ... so lange auf die Besitzergreifung und das Eigentumsrecht des ihm von dem Verein geschenkten Landes zu verzichten, bis obige Schuld durch Dienstleistungen für den Verein ... in Texas abverdient wird."

Nach fast zehnwöchiger Fahrt über den stürmischen Atlantik kamen im Frühjahr 1845 die ersten 200 Familien in Texas an. Doch Carl zu Solms, der Generalkommissar des Vereins, empfing sie mit leeren Händen. Das erworbene Siedlungsgebiet lag in unerreichbarer Entfernung von der Küste, es war von Indianern bewohnt und nicht vermessen – somit praktisch wertlos. In seiner Verzweiflung kaufte der Prinz deshalb mit dem letzten Geld ein kleines Fleckchen Erde auf halber Strecke und nannte es Neu-Braunfels. Damit konnte er zumindest einige Siedler fürs Erste vertrösten. Der Westerwälder Christian Kaiser zum Beispiel schrieb an seine Familie daheim:

"Wir haben ... unsere 320 Morgen Land ... noch nicht erhalten, sondern einen halben Morgen als Stadtplatz und neuneinhalb Morgen Land, was etwas entfernt davon liegt; dies soll ein Geschenk sein für uns als die ersten Colonisten, und wir sollen die 320 Morgen später bekommen."

Texas Enchanted Rock
Schönes, aber wertloses Land
Texas Landschaft mit Bach
"Durchaus gutes Land und sehr gesund"
Texas Landschaft mit Blumen
"Immer so warm wie im Sommer"

Diese Hoffnung aber ging nicht in Erfüllung. Baron von Meusebach, der Nachfolger des glücklosen Solms, übernahm einen Scherbenhaufen. Viele Auswanderer, die das nötige Geld hatten, kehrten enttäuscht nach Deutschland zurück. Und ihre Berichte über schlechte Organisation, über Versorgungsprobleme und Seuchen machten schnell die Runde. Dazu kam, dass Texas noch 1845 den Vereinigten Staaten beitrat. Damit war der Traum von einer deutschen Kolonie ausgeträumt. Ein Fiasko für den Mainzer Adelsverein, der schließlich, wie erwähnt, im Bankrott endete.

Aber die Auswanderer, die allen Widrigkeiten zum Trotz in Texas blieben, schlossen ihre neue Heimat offenbar schnell ins Herz. In einem Brief von Johann Weyel an die Verwandten im Westerwald heißt es:

"Jedes Jahr wird zweimal geernt’t, besonders Mais, Baumwolle, süße Kartoffeln, Tabak und allerlei Gartengewächse werden hier gepflanzt, weil dies ein durchaus gutes Land ist und sehr gesund. Wir haben diesen Winter ohne Schnee gelebt, immer so warm wie bei uns, wo wir in Deutschland waren, im Sommer."

Und Ludwig Vogel wurde gar zum Poeten. In seinem Brief an den Geschäftsführer des Adelsvereins, Graf Karl zu Castell, in Mainz schrieb er:

"Wahrlich, was das Land betrifft, entspricht es allen unseren Erwartungen. Herrliche Wälder, welche die Natur mit wilden Weinranken, Nüssen und anderen Früchten gesegnet hat, und unsere Wiesen prangen mit dem üppigsten Grün, worin der Flora selbst der Brautkranz gewunden, und man trifft einzelne Partien, die so schön, um unsere Jüngslingsideale zu verwirklichen – als habe man schon als Knabe dort gespielt."

 

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STOLZ AUF DIE TRADITION

deutsches Erbe in Fredericksburg

Texas Fredericksburg Vereinskirche außen
Titelfoto: Vereinskirche in Fredericksburg

                      

 

 

Ottfried Hans von Meusebach erbte von seinem Vorgänger eine leere Vereinskasse und 4.000 Neuankömmlinge. Deshalb nahm er einen Kredit auf und gründete 1846 westlich von Neu-Braunfels eine weitere Siedlung. Er nannte sie Friedrichsburg – nach Prinz Friedrich von Preußen, dem ranghöchsten Mitglied des Adelsvereins. Heute heißt die Stadt Fredericksburg. Doch trotz des englischen Namens ist die deutsche Vergangenheit hier sehr lebendig. Vor rund 20 Jahren haben die Stadtväter das kulturelle Erbe als Magnet für den Tourismus entdeckt und sie pflegen es wie nirgendwo sonst in Texas. Das wird bei einem Rundgang durch Fredericksburg nur allzu deutlich.

Reportage (Radio SWR4 RP, 13.01.2003):

[Atmo: "Das Kufsteiner Lied"]

Volkstümliche Klänge dringen aus dem Biergarten bis hinaus auf die Straße. "Der Lindenbaum" ist nur eines von vielen Lokalen in Fredericksburg, die mit deutscher Küche und deutschem Gerstensaft werben. "German Gemütlichkeit" wird überall groß geschrieben, denn die Bürger sind stolz auf ihre Geschichte. Im Zentrum steht die achteckige Vereinskirche als steinernes Zeugnis des Mainzer Adelsvereins. In der Grünanlage um das Wahrzeichen herum beginnt Ronnie Pue ihre Führungen in deutscher Sprache.

(O-Ton Ronnie Pue:)
"Heute ist es natürlich ein sehr schöner Park in dem Sinn. Das ist unser Pionierpark, wo wir verschiedene Monumente aufgebaut haben. Natürlich auch wunderschöne Blumen und Pflanzen. Aber damals war das alles Wald, hauptsächlich Eichen oder 'juniper' und Zeder,  so 'ne Art Lorbeerwald."

Und sie versucht deutlich zu machen, welche Leistung die Pioniere vollbracht haben, um dieses Land der Natur abzuringen. Es gab keine Verkehrswege; die nächste Siedlung war viele Tagesreisen entfernt. Deshalb mussten die ersten Friedrichsburger mit den wenigen Werkzeugen und Geräten auskommen, die sie aus der Heimat mitgebracht hatten.

Texas Fredricksburg Der Lindenbaum außen
"Der Lindenbaum"
Texas Fredricksburg Schild Hauptstrasse
"Hauptstrasse"
Texas Fredricksburg Schild Der Alte Fritz
"Der Alte Fritz"

[O-Ton Ronnie Pue:]
"Zum Beispiel 1853, also sieben oder acht Jahre, nachdem die Deutschen ankamen, hat ein Deutscher bei dem Namen von Hilmar Günther hier die erste Mühle gebaut. Und es war einfacher für ihn, seinen Eltern in Deutschland zu schreiben, um ihm einen Mühlstein zu schicken, als hier einen in Texas zu bekommen. So, dieser Mühlstein kam dann von Frankreich, wurde über den Ozean nach Texas gebracht und hier in der Mühle aufgebaut."

Der Bau der Mühle war allerdings auch ein Zeichen dafür, dass die Siedler ihre ersten reichen Ernten eingefahren hatten und dass es aufwärts ging mit Friedrichsburg. Der unermüdliche Einsatz unter großen Entbehrungen machte sich bereits nach wenigen Jahren bezahlt.

[O-Ton Ronnie Pue:]
"In einer relativ kurzen Zeit ging es dann wirklich von Armut und Hungersnot zu einem gewissen Reichtum. Deshalb haben wir auch die besonderen Gebäude, die Kalksteingebäude, die Sie da hinter uns sehen, die nach 1850 gebaut wurden, die dann auch von einem gewissen Reichtum sprechen – und was außergewöhnlich ist für den amerikanischen Westen. Im amerikanischen Westen die Städte sind alle ganz schnell über Nacht mit Holz gebaut worden und dann auch verlassen und dann ging man zu der nächsten Gegend, aber hier sind dann die Leute geblieben."

Texas Fredricksburg Denkmal Meusebach und Santa Anna
Denkmal für den Friedensvertrag
Texas Fredricksburg Grabsteine von ermordeten Deutschen
Trotz Friedensvertrag ermordet
Texas Fredricksburg Friedhof Grabstein
Noch ein Opfer der Komantschen

Dass Friedrichsburg ungestört wachsen und gedeihen konnte, hatten die Siedler auch ihrem Stadtgründer zu verdanken. Denn Baron von Meusebach schloss 1847 ein Friedensabkommen mit den benachbarten Komantschen, angeblich der einzige Vertrag zwischen Rot und Weiß, der niemals gebrochen wurde. Eine Skulptur neben der Vereinskirche erinnert an den historischen Moment. Sie zeigt Meusebach und den Indianer-Häuptling Santa Anna beim Rauchen der Friedenspfeife.

[O-Ton Ronnie Pue:]
"Dieses Denkmal wurde 1997 erstellt, weil es das 150. Jahr des Vertrages war. Und jedes Jahr kommen die Komantschen noch, und wir haben dann zu unserm Gründungstag im Mai, haben wir dann draußen in unserm alten Fort Martin Scott die großen Powwows, also die Indianertänze."

Einigen Siedlern aber hat der Friedensvertrag offenbar nichts genützt. Davon kann man sich auf dem Friedhof von Fredericksburg überzeugen. Auf dem Grabstein eines gewissen Heinrich Arhelger beispielsweise ist zu lesen: "von Indianern ermordet". Und gleich nebenan liegt ein gewisser Heinrich Itz. Er wurde kurz nach der Ankuft in Texas von einer Gangster-Bande getötet – gerade mal 19 Jahre alt. Zum Glück leben die Nachfahren der ersten Siedler heute deutlich weniger gefährlich als die Pioniere.

 

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deutsche Verwandtschaft im Westerwald

Texas Fredericksburg Farmer George Vogel auf Quad
Titelfoto: Deutsch-Texaner George Vogel

                       

 

 

Die Stadt Fredericksburg ist noch heute Anziehungspunkt für deutsche Auswanderer und ein beliebter Alterswohnsitz für Deutschstämmige aus allen Teilen der USA. Die meisten der 9.000 Einwohner aber sind direkte Nachfahren der ersten Siedler, die durch den Mainzer Adelsverein nach Texas kamen. Viele von ihnen leben wie ihre Vorväter von der Landwirtschaft, vom Wein- und vor allem: vom Pfirsichanbau. So auch die Familie Vogel, deren Vorfahren einst aus dem Westerwald ins Gelobte Land gezogen waren.

Reportage (Radio SWR4 RP, 13.01.2003):

George und Nelda Vogel leben in einem gemütlichen Farmhaus etwa 15 Meilen außerhalb von Fredericksburg. Hier genießen sie ihren Ruhestand; um die Pfirsiche kümmert sich inzwischen hauptsächlich der jüngste Sohn. Beide sprechen noch fließend Deutsch (mit starkem Westerwälder Einschlag) und beide wollten immer schon mehr über ihre Ururgroßeltern und deren alte Heimat erfahren. Um aktiv zu werden, bedurfte es aber eines eher traurigen Anlasses.

[O-Ton George Vogel:]
"Ich hatt' zwei Onkels, die waren nicht verheirat'. Die sind 1987 gestorben und da sin mir durchs Haus und da ham mir Papiere gefunne, wo gestanne hat, die Vogel-Familie kam von Niederelbert bei Montabaur."

Eine heiße Spur, der die Vogels folgten. 1991 machten sie sich auf die weite Reise in den Westerwald, nach Niederelbert, und forschten direkt an der Quelle nach. Dort begegneten sie vielen hilfsbereiten Menschen wie beispielsweise Gerhard und Inge Wick, aber keinen Nachfahren des seligen Johann Vogel. Für Ururenkel George also ein enttäuschendes Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen.

[O-Ton George Vogel:]
"Der eine hat in die Zeitung geschrieben, da wär 'ne Vogel-Familie hier, die däten vor die Wurzeln suche' von frieher, aber da hat sich keiner gemeld'."

Seine Frau Nelda hatte da wesentlich mehr Glück. Ihre Vorväter waren aus Breitscheid bei Herborn nach Texas ausgewandert. Nachkommen der Daheimgebliebenen leben noch heute dort. Und so kam es tatsächlich zur großen Familienzusammenführung. Den herzlichen Empfang, sagt Nelda, wird sie niemals vergessen. Es sei fast so gewesen, als hätten sie sich immer gekannt.

Texas Fredricksburg George und Nelda Vogel
George und Nelda Vogel

[O-Ton Nelda Vogel:]
Oh, die sin' so liebe, liebe Leut'. No, das war für uns grad' – mir hätten nie gedacht, dass mir so Leut' finden däten, un' überhaupt Verwandtschaft, wenn's auch weiter wech is, Verwandtschaft."

Für das Ehepaar Vogel ist der Westerwald, die alte Heimat, inzwischen fast zur zweiten Heimat geworden. Schon etliche Male waren sie wieder zu Besuch. Am Anfang wunderten sie sich noch, warum ihre Vorfahren dem Ruf des Mainzer Adelsvereins gefolgt waren und diese schöne Gegend verlassen hatten, doch inzwischen verstehen sie sehr gut, wie es zu der Massenauswanderung kam:

[O-Ton Nelda Vogel:]
"Die was hierher kamen, die kamen, weil die wollten was Besseres finden, besser leben un' so was. Es war hart für sie und doch ham se gut getan, ham etwas Land gekricht und so und ham hart gearbeit'. Aber es war doch etwas besser für se, wie wenn se da drieben geblieben wärn."

Auch für George hat sich die Ahnenforschung letztlich gelohnt. Denn wenn er schon keine Verwandten in Niederelbert gefunden hat, so doch viele Freunde. Gerhard Wick zum Beispiel gründete nach seiner Begegnung mit den Vogels eine deutsch-texanische Gesellschaft. 1994 entstand daraus eine offizielle Städtepartnerschaft zwischen der Verbandsgemeinde Montabaur und Fredericksburg. Und diese Partnerschaft wird gepflegt wie kaum eine andere. Die gemeinsame Geschichte und die engen persönlichen Kontakte schaffen eine Verbundenheit, der auch die enorme Entfernung nichts anhaben kann.

 

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