rolf fröhlings reisereportagen
Peloponnes (Griechenland)
WO DIE GÖTTER URLAUB MACHEN
Sie wohnten und thronten hoch oben auf dem Olymp im Norden Griechenlands. Aber wenn die Götter von dort herabstiegen, besuchten sie (sofern man den mythologischen Erzählungen glauben darf) immer wieder den Peloponnes. Zeus, Apollon, Athene & Co. liebten offenbar die Halbinsel im Süden, die nur durch den schmalen Isthmus von Korinth mit dem Rest des Landes verbunden ist. Kein Wunder, denn die zauberhafte Landschaft mit schroffen Gebirgen und lieblichen Tälern voller Olivenhaine und Obstplantagen, mit ausgedehnten Stränden, einsamen Buchten und malerischen Fischerdörfern, sie hat schon etwas Göttliches. Das können Urlauber dort heute noch erleben – und vieles mehr, denn mit der Antike war die wechselvolle Geschichte des Peloponnes längst nicht zuende: Byzantiner, Venezianer und Osmanen, sie alle herrschten zeitweise über die griechische Halbinsel, hinterließen Burgen, Kirchen und Moscheen. Die Kulturen von mehr als als 3.000 Jahren ziehen am Auge des Betrachters vorbei. Kaum irgendwo sonst in Europa ist das möglich. Und den alten Göttern begegnet man auf Schritt und Tritt.
Reportagen (Radio hr4, 28.07.2007; hr-iNFO, 11.08.2007; rbb-INFOradio, 14.06.2008):
ZU EHREN DES ZEUS
bei den antiken Helden von Olympia
Die Götter spielten eine entscheidende Rolle im Leben der alten Griechen. Sie bestimmten das ganze Leben. Deshalb taten die Menschen alles, um ihre Götter milde zu stimmen – besonders Allvater Zeus, den Herrscher des Olymp. Ihm widmeten sie auch das Heiligtum von Olympia in der Provinz Elis, im Westen des Peloponnes. Zu Ehren des Zeus wurden die Olympischen Spiele der Antike veranstaltet. Von 776 vor Christus bis 393 nach Christus, also mehr als ein Jahrtausend lang, traten Wettkämpfer aus allen Teilen Griechenlands alle vier Jahre gegeneinander an. Die Sieger konnten sich des Wohlwollens des Göttervaters gewiss sein. Heute ist die alte Kultstätte die meistbesuchte Touristenattraktion auf dem Peloponnes. Viele der historischen Tempel und Sportstätten wurden zwar bei einem Erdbeben zerstört. Die Überreste aber wurden auch mit Hilfe deutscher Archäologen freigelegt. Bei einer Führung werden die Helden der Antike wieder lebendig – und es zeigt sich, dass es bei den Olympischen Spielen damals nicht viel anders zuging als heute.
Reportage (Radio hr4, 28.07.2007; hr-iNFO, 11.08.2007; rbb-INFOradio, 14.06.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Musik: Olympia-Fanfare]
Von Fanfaren begleitet zogen schon die antiken Wettkämpfer in das Stadion ein. Seit 1961 ist es wieder so hergerichtet, wie es einmal war: rund 200 Meter lang, drumherum mit Gras bewachsene Wälle, die 45.000 Zuschauern Platz boten. Selbst die Schwellen an Start und Ziel blieben erhalten. Manche Besucher können nicht widerstehen und legen gleich mal einen Wettlauf hin. Diese Umgebung wirkt irgendwie anregend.
[O-Töne Touristinnen:]
"Wir haben uns den Spielplatz angeguckt, also quasi da, wo sie einlaufen durch das Tor, und das muss schon überwältigend gewesen sein. Und dann die Berge im Hintergrund ..."
"Also, ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass da einiges sich abgewickelt hat, also diese Arena, die ist ja so rechteckig, und dass die Leute sich da ganz schön abplagen mussten – vor allem in der Hitze!"
Dafür gingen sie splitterfasernackt an den Start. Alles Männer, Frauen durften nicht mal zuschauen. Auch hier im Stadion, dem Schauplatz der Leichtathletik – schon in der Antike das Herz der Olympischen Spiele. Vor allem die Laufdisziplinen begeisterten die Massen, erzählt Elena Aggeli, Archäologin und Fremdenführerin:
[O-Ton Elena Aggeli:]
"I mentioned about the sprints ...
Da waren zunächst die Sprints, einmal durch das Stadion, dann zweimal, vor und zurück, oder sogar 24 mal vor und zurück, also niemals im Kreis. Und wir hatten den so genannten Waffenlauf, bei dem man zwei Stadien in voller Rüstung laufen musste. Der Marathonlauf aber, den wir heute kennen, also über rund 42 Kilometer, der ist eine moderne Disziplin.
... is a modern game."
Neben der Leichtathletik, die auch Weitsprung, Diskus- und Speerwurf umfasste, gab es Ringkämpfe, Boxkämpfe und Wagenrennen. Medaillen erhielten die Sieger damals nicht. Wer bei Olympia triumphierte, wurde mit Ölzweigen bekränzt, er durfte seine Statue im Heiligen Bezirk aufstellen und erhielt zahlreiche Privilegien.
[O-Ton Elena Aggeli:]
"He would be fed at public expense ...
Er wurde auf öffentliche Kosten gespeist, sagt Elena, und von allen Steuern befreit, er bekam den Ehrenplatz neben dem König bei allen öffentlichen Versammlungen, und die allerberühmtesten Olympiasieger wurden nach ihrem Tod als Halbgötter verehrt.
... would be worshipped as semi-gods."
Eine Ikone des Sports zu sein, hat sich also ausgezahlt. Da verwundert es nicht, dass mancher Athlet schon damals mit unerlaubten Mitteln kämpfte, um seine Gegner zu bezwingen.
[O-Ton Elena Aggeli:]
"Of course, we have examples of bribing ...
Natürlich haben wir Beispiele von Bestechung, von Betrug und sogar von Doping: mit irgendwelchen Kräutern oder mit Stierblut – sozusagen das 'Red Bull' der Antike. Das war weit verbreitet zu der Zeit.
... very common at that time."
Ob das dem alten Zeus wohl gefallen hat? Schließlich war er der Schirmherr der Spiele. Ein ganzer Tag war ihm geweiht mit Opferfeiern und einem abschließenden Festmahl. Im größten Tempel des Heiligtums stand seine überdimensionale Statue – ganz aus Gold und Elfenbein. Sie gehörte zu den Sieben Weltwundern der Antike. Aber im Zuge der Christianisierung Griechenlands kam Zeus ebenso unter die Räder wie seine Olympischen Spiele. Erst 1896 hat Pierre de Coubertin sie wiederbelebt. Auch der Franzose bekam in Olympia seine Statue, denn ihm ist es zu verdanken, dass alle vier Jahre die Fanfaren wieder ertönen.
[Musik: Olympia-Fanfare]
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WANDERER, KOMMST DU NACH SPARTA
auf zum höchsten Gipfel im Taygetos-Gebirge
"Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl." – So übersetzte einst Schiller die Inschrift eines Grabsteins für die spartanischen Krieger, die in der Schlacht an den Thermopylen gefallen waren. Das antike Sparta exisitiert längst nicht mehr. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Stadt wiedergegründet. Wegen ihrer Nähe zum Taygetos-Gebirge ist sie heute Zentrum für Wanderfreunde aus aller Welt. Der rührige Bergsteiger-Verband in Sparta unterhält Schutzhütten und sorgt für ausreichende Beschilderung. Deshalb stehen dem Wanderer von heute viele Wege zur Auswahl. Eine der beliebtesten Touren führt auf den Profitis Ilias, mit 2407 Metern der höchste Gipfel des Peloponnes. Der "Prophet Elias" – wie die deutsche Übersetzung lautet – thront über der südlichen Provinz Lakonien. Seine Spitze sieht aus wie eine Pyramide; schon von weitem ist sie zu sehen. Und wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss der Prophet eben zum Berg kommen.
Reportage (Radio hr4, 28.07.2007; hr-iNFO, 11.08.2007; rbb-INFOradio, 14.06.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Schnell noch mal die Ausrüstung checken: Vor allem auf Sonnenschutz, eine Kopfbedeckung und genügend Wasser kommt es an. Sogar hier oben am Beginn des Aufstiegs zum Profitis Ilias, auf gut 1.600 Metern, ist es sommerlich heiß. Schon früh am Morgen. Und von nun geht's nur noch bergauf.
[O-Ton Manto Sinodinou:]
"There are two ways to go to the top ...
Es gibt zwei Wege hinauf auf den Gipfel, verkündet Manto Sinodinou, unsere Bergführerin. Der normale und ein anderer direkt an der Wand der Pyramide entlang. Da muss man klettern und die Hände zu Hilfe nehmen. Der ist schwieriger. Der normale ist leichter.
... the usual path, it's more easier."
Na, dann nehmen wir doch lieber den normalen Pfad, der in einem weiten Zickzack hinaufführt. Das wird anstrengend genug bei den Temperaturen. Zum Glück führt die erste Etappe vom Parkplatz an der Schutzhütte aufwärts noch durch bewaldetes Gebiet. Die dunklen Tannen erinnern sogar ein bisschen an den Schwarzwald und lassen fast vergessen, dass wir uns auf dem Peloponnes befinden.
[Atmo: Schritte]
Behutsam schreiten wir voran. Auf dem steinigen Untergrund kommt man leicht ins Rutschen. Nach ungefähr einer halben Stunde haben wir die Baumgrenze erreicht. Der Bewuchs wird spartanischer. Es gibt nur noch Sträucher und Blumen. Viele davon, erklärt uns Manto, kommen nur in dieser Gebirgsregion vor. Schon jetzt sind wir nass geschwitzt, aber glücklicherweise hat sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Das macht den mühsamen Aufstieg erträglicher. Wieso zieht der Profitis Ilias wohl so viele Wanderer in seinen Bann?
[O-Ton Manto Sinodinou:]
"The path is easy enough ...
Der Weg ist nicht allzu schwer, meint unsere Bergführerin, man braucht nur etwa drei Stunden hinauf. Die Aussicht ist hervorragend – und es ist eben der höchste Berg des Peloponnes. Das ist wohl der Grund.
... that's the reason why, I think."
Tatsächlich wird die Aussicht immer besser, je höher wir kommen. Tief unter uns können wir in der Ferne die Dächer von Sparta ausmachen. Und der wunderbare Blick gibt immer wieder einen guten Vorwand ab, um eine kurze Rast einzulegen. Doch die drei Stunden sind noch nicht ganz vorüber, als wir schließlich den Gipfel der Pyramide erreichen.
[Atmo: Zischen beim Öffnen der Getränkedose]
Jetzt erst einmal eine kühle Limo zur Belohnung. Ein älteres Ehepaar aus Norwegen, das wir hier oben treffen, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die beiden kennen das Gefühl. Der Aufstieg war anstrengender, als sie dachten, sagen sie. Aber es hat sich gelohnt.
[O-Töne Touristen:]
"We have been in Greece ...
Wir waren schon oft in Griechenland, in Kardamili, und da haben wir diesen Gipfel jedesmal vom Strand aus gesehen. Und schon vom ersten Mal an wollten wir hier rauf.
... to go to the top."
"We saw three fingers ...
Wir haben die drei Finger des Peloponnes gesehen, Kardamili, Kalamata und das Meer. Es war wunderschön.
... it was beautiful."
Kaum drei Stunden später stehen wir wieder unten auf dem Parkplatz vor der Schutzhütte des Bergsteiger-Clubs. Mit leichten Schmerzen in Knien und Waden. 800 Höhenmeter rauf und wieder runter stecken uns in den Knochen. Der Profitis Ilias hat es eben in sich. Das weiß auch Manto. Und deshalb bedankt sie sich bei uns zum Abschied – gar nicht lakonisch – in ihrer Muttersprache:
[Atmo-Ton Manto Sinodinou, griechisch:]
Es war ein schöner Tag, sagt sie, und ich hoffe, auch für euch. Und natürlich hoffe ich, dass wir uns irgendwann wiedersehen, hier im Taygetos-Gebirge.
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DER SCHATZ DES AGAMEMNON
auf Schliemanns Spuren in Mykene
Wer kennt sie nicht, die Tragödie von Agamemnon, dem Anführer der Griechen im Kampf um Troja? Als er nach zehn Jahren siegreich ins heimatliche Mykene zurückkehrte, wurde er von seiner Frau Klytämnestra und deren Liebhaber Ägisthos im Bade erdolcht. Seine Tochter Elektra und sein Sohn Orestes rächten den Vater, indem sie ihrerseits die Mutter und deren Geliebten töteten. Alles nur Legende aus grauer Vorzeit? Oder hat es Agamemnon und seine Sippe, die Atriden, wirklich gegeben? Heinrich Schliemann, der Amateur-Archäologe aus Mecklenburg, glaubte fest daran. Durch die sensationelle Entdeckung von Troja gestärkt, wandte er sich 1869 nach Mykene im Nordosten des Peloponnes, um seine Theorie zu beweisen. Dort, in der Provinz Argolis, feierte er seinen zweiten großen Triumph und hob einen Goldschatz, den er dem sagenumwobenen König Agamemnon zuschrieb. Die moderne Wissenschaft hat inzwischen andere Erkenntnisse, doch wer heute die Ausgrabungsstätten von Mykene besucht, stößt immer wieder auf Schliemanns Spuren und erfährt, welche Wertschätzung der deutsche Pionier dort immer noch genießt.
Reportage (Radio hr4, 28.07.2007; hr-iNFO, 11.08.2007; rbb-INFOradio, 14.06.2008):
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[O-Ton Eleni Paleologou:]
"He went to Troy, he came here ...
Er war in Troja, er kam hierher, sah das Löwentor und war glücklich. Er sagte, ich bin sicher, dies ist Homers Mykene. Es ist nicht nur ein Mythos, eine Legende, und ich werde innerhalb der Mauern mit Ausgrabungen beginnen.
... excavate inside the walls."
Eleni Paleologou ist Archäologin und leitet das Museum unterhalb der Akropolis von Mykene. Sie ist sozusagen die legitime Nachfolgerin von Heinrich Schliemann. Ihr berühmter Vorgänger aus Deutschland wurde damals belächelt für seine Pläne und für seine Überzeugungen, aber er ließ sich nicht beirren.
[O-Ton Eleni Paleologou:]
"He said I'm going to excavate ...
Er sagte, ich werde das Grab von Agamemnon finden. Dafür gab es keine reale Basis. Viele, die sich mit der Antike auskannten, sagten ihm, er werde innerhalb der Mauern keine Gräber finden. Die alten Griechen bestatteten ihre Toten außerhalb. Hier drin sei es unmöglich.
... impossible to find some here."
Doch Schliemann strafte sie alle Lügen. Nach nur wenigen Wochen der Buddelei entdeckte er einen ganzen Zyklus von Grabmälern. Eines davon konnte nur für einen König errichtet worden sein. Es enthielt besonders reiche Beigaben aus Gold: Schwerter, Gefäße, Schmuckstücke und eine Totenmaske mit dem Abbild des Agamemnon – das zumindest glaubte Heinrich Schliemann. Für ihn der Beweis: Homer hatte doch Recht! Inzwischen weiß man, dass der Goldschatz von Mykene aus einer noch früheren Epoche stammt. Die Maske könnte allenfalls den Großvater von Agamemnon darstellen. Für Eleni Paleologou bleibt Schliemann dennoch ein großes Vorbild.
[O-Ton Eleni Paleologou:]
"For me and for all archeologists ...
Ich und alle anderen Archäologen bewundern seine Liebe und den Enthusiasmus für seine Aufgabe und für die Menschen. Es ging ihm nicht nur darum, die Maske zu finden oder irgendwelche Vasen. Er wollte die Menschen jener Zeit verstehen. Alle Ausgrabungen, die Sie hier sehen, waren enorm wichtig. Das ist die wahre Archäologie von einem Mann, der selber kein Archäologe war.
... a man who was not archeologist."
Und er hat den Anstoß gegeben für weitere Grabungen. Heute ist das Mykene aus vorgeschichtlicher Zeit zu einem großen Teil freigelegt. Schwärme von Besuchern schreiten wie einst Schliemann durch das Löwentor und besichtigen die Reste der Akropolis. Ob der legendäre Agamemnon hier je gelebt und geherrscht hat, ist immer noch nicht nachgewiesen. Aber Schliemanns geistige Erben, sie forschen weiter.
[O-Ton Eleni Paleologou:]
"We can have more answers ...
Wir suchen nach weiteren Antworten. Die Akropolis von Mykene ist noch nicht komplett ausgegraben. Es hat vor mehr als 100 Jahren begonnen, und es wird noch mindestens weitere 100 Jahre dauern.
... take more than one hundred more."
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Schon die alten Hellenen waren fromme Leute und verehrten ihre antiken Götter. Aber auch nach Einführung des Christentums durch den byzantinischen Kaiser Theodosius übernahmen sie bald den neuen Glauben mit ebensolcher Frömmigkeit. Selbst in kleinsten peloponnesischen Dörfern findet man heute prachtvolle griechisch-orthodoxe Kirchen im byzantinischen Stil; die Religion ist tief verwurzelt im Leben der Bewohner. Auch in zahlreichen Klöstern beten noch immer Mönche zu Gott und der Heiligen Jungfrau. Eines der ältesten und bekanntesten ist das Kloster Mega Spileo in der nördlichen Provinz Achäa. Es wurde um 840 in eine Höhle hineingebaut, hoch oben in den Bergen. Dort suchten die Mönche Abgeschiedenheit und Schutz. Seit mehr als 100 Jahren führt eine Zahnradbahn vom Küstenort Diakofto hinauf ins Gebirge bis nach Kalavrita. Viele Fahrgäste benutzen sie, um auf halbem Wege die Attraktion Mega Spileo zu besuchen, dabei hat sich das Bähnchen längst selbst zu einer Attraktion entwickelt.
Reportage (Radio hr4, 28.07.2007; hr-iNFO, 11.08.2007; rbb-INFOradio, 14.06.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Pfeifen der Lokomotive]
Bitte einsteigen und die Türen schließen! Ganz langsam setzt sich der Triebwagen in Bewegung. 22 Kilometer liegen vor uns, 22 der schönsten Kilometer, die der Peloponnes zu bieten hat. Von Meereshöhe schraubt sich die Bahn bis auf rund 700 Meter hinauf, durch eine wilde, spektakuläre Szenerie.
[O-Ton Tourist:]
"Es ist schon ziemlich beeindruckend, hier durch die Schlucht zu fahren, rechts unten sieht man den Bach und die Wasserfälle und so. Das ist schon 'ne ganz tolle Sache, ganz tolle Landschaft, ganz tolle Atmosphäre hier."
Auf insgesamt drei Kilometern ist die Strecke so steil, dass die Bahn den Zahnradantrieb zu Hilfe nehmen muss. Sie passiert 70 Tunnel und mindestens ebenso viele Brücken. Eine großartige Ingenieursleistung zu einer Zeit, als an Tourismus noch niemand dachte. So sieht das auch der Bürgermeisters von Diakofto. Sein Mitarbeiter Sotiris Lazos übersetzt:
[O-Ton Sotiris Lazos:]
"Dieses Zugchen wurde gebaut, um die Bedürfnisse der Bergleute zu bedienen. Es wurde vor 115 Jahren gebaut, der ganze Bau hat um die zehn Jahre gedauert. Für diese Jahre war ein sehr, sehr großes Werk, die Tunnel zu machen und alles, aber es hat auch die Leute geholfen, und somit konnten sie alle Transporte machen, zu den Bergen."
Das "Zugchen", wie er es nennt, stoppt auf seinem Weg ins Bergdorf Kalavrita nur einmal unterhalb des Höhlenklosters Mega Spileo. Natürlich lassen wir uns die Chance nicht entgehen, den orthodoxen Mönchen einen Besuch abzustatten. Von außen ist das Kloster eher unscheinbar. Mehrfach wurde es in seiner Jahrhunderte alten Geschichte zerstört. Die moderne Fassade lässt kaum erkennen, was sich dahinter, in der tiefen Felshöhle, verbirgt: eine prunkvoll, mit reichlich Gold, ausgestattete Kirche – und darin die Schwarze Madonna. Auf sie sind die Klosterbrüder besonders stolz.
[O-Ton Sotiris Lazos:]
"Das ist die älteste Ikone der Orthodoxie, 40 after Christus. Die ist gebaut worden aus Bienenwachs und Masticha. Der Evangelist Lukas, derjenige, der das Bild gemalt hat - wenn er das Bild gemacht, hat er der Madonna nie in die Augen geguckt, aus Respekt."
Tatsächlich entstand die Ikone viel später, aber das ist den frommen Hellenen egal, denn sie gilt als wundertätig – hat sie doch alle Brände des Klosters schadlos überstanden. Den letzten im Zweiten Weltkrieg, als deutsche Soldaten Mega Spileo beschossen und viele Bewohner ermordeten. Mit diesem düsteren Kapitel in der deutsch-griechischen Geschichte werden wir auch nach unserer Weiterfahrt mit der Zahnradbahn in Kalavrita konfrontiert. Dort töteten Deutsche mehr als tausend Männer und sogar Kinder. Eine Gedenkstätte und ein Museum erinnern an das Massaker. Aber inzwischen, sagt der Bürgermeister des Bergdorfs, stehen die Zeichen auf Versöhnung. Dafür hat auch Ex-Bundespräsident Rau bei einem Besuch gesorgt.
[O-Ton Bürgermeister von Kalavrita:]
"Der Johannes Rau hat 2000 gesagt, ich bin hier gekommen, damit das deutsche Volk erfährt, was für ein Mord um diese Zeit gemacht wurde, und damit ich sage, wie schlecht ich mich fühle, für alles, was die Deutschen damals erstellt haben."
Und so reicht uns der Bürgermeister von Kalavrita zum Abschied freundschaftlich die Hand, ehe wir mit seinem Kollegen aus Diakofto zurück zum Bahnhof gehen. Denn das "Zugchen" zurück ins Tal, es wartet schon.
[Atmo: Pfeifen der Lokomotive]
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