rolf fröhlings reisereportagen
Paderborn (NRW)
WILLKOMMEN IN DER ERSTEN LIGA
- eine ganze Stadt steigt auf
Am 11. Mai 2014 stand ganz Paderborn Kopf. An diesem Tag war das "Wunder von Ostwestfalen" perfekt: Der SC Paderborn 07 konnte den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga feiern, zum allersten Mal überhaupt in der Vereinsgeschichte. Kaum einer hatte es dem Provinzclub zugetraut. Aber die Mannschaft von Trainer André Breitenreiter spielte eine furiose Rückrunde in der Zweiten Liga und sicherte sich am Ende Platz 2 hinter dem 1. FC Köln. Mit dem Hochgefühl des Aufstiegs will Paderborn jetzt durchstarten – sportlich und touristisch. Denn der Fußball ist die beste Werbung, die sich die Paderborner vorstellen können.
Reportagen (Radio SWR1 RP, 22.08.2014; hr4, 23.08.2014; SWR4 RP, 02.06.2019):
Am 24. August 2014 wird es ernst für die Paderborner Kicker. Um Punkt 15.30 Uhr schlägt die Stunde der Wahrheit. Dann ist Anpfiff für ihre erste Partie in der höchsten deutschen Spielklasse. Der Gegner heißt FSV Mainz 05. Also gleich ein schwerer Brocken zum Auftakt, denn die Mainzer wurden Siebte in der abgelaufenen Saison 2013/14 und qualifizierten sich damit für die Europa League. Aber der Aufsteiger SC Paderborn 07 lässt sich davon nicht beeindrucken. Mit einer Mischung aus Euphorie und Gelassenheit sieht er seiner Bundesliga-Premiere entgegen.
Reportage (Radio SWR1 RP, 22.08.2014):
[Musik: "Erste Liga, wir sind da, ja, der Traum, der wurde wahr ..."]
Der Traum von der Ersten Liga ist tatsächlich wahr geworden für den SC Paderborn. Mit seiner neuen Vereinshymne will der Bundesliga-Neuling den Premierengästen aus Mainz ordentlich einheizen. Seit Wochen schon sehnen die Paderborner ihren ersten großen Auftritt herbei. Aber Lampenfieber haben sie angeblich keins, behauptet Vereinssprecher Matthias Hack:
[O-Ton Matthias Hack:]
"Eigentlich sind wir nicht nervös, weil wir ja wissen, was uns erwartet, selbst wenn es für uns Neuland ist. Wir freuen uns sehr auf den 1. FSV Mainz 05, weil das ja ein Verein ist, der ja sehr beeindruckend sich in den letzten Jahren entwickelt hat, und er kann durchaus auch ein Vorbild für den SC Paderborn 07 sein."
Das werden die Gäste gerne hören. Allerdings können nur rund 1.600 Fans aus Mainz das Spiel live miterleben. Denn die Benteler-Arena fasst insgesamt gerade mal 15.000 Zuschauer. Als sie vor sechs Jahren eingeweiht wurde, dachte noch niemand in Paderborn an Erstliga-Fußball. Das hat sich inzwischen gründlich geändert:
[zum Anhören klicken: O-Ton Matthias Hack]
"Sie müssen sich vorstellen, wir hatten vor vier Monaten noch 1.800 Mitglieder im Verein, jetzt sind wir bei weit über 10.000. Wir werden nahezu jedes Spiel ausverkauft haben, insofern ist das schon ein Quantensprung, den wir machen, aber wir machen das mit Bedacht, mit Selbstbewusstsein und auch mit der nötigen Bescheidenheit."
Deshalb wird das Stadion erst mal nicht erweitert. Denn nirgendwo in der Bundesliga sind die Fans näher dran am Geschehen. Und bei aller Bescheidenheit: Der Aufstieg hat schon jetzt einen enormen Image-Gewinn gebracht. Nicht nur für den Verein, sondern für die ganze Stadt. So hofft Karl Heinz Schäfer von der Tourist Information, dass möglichst viele Fußball-Fans aus ganz Deutschland neugierig werden auf Paderborn.
[zum Anhören klicken: O-Ton Karl Heinz Schäfer]
"Wir haben Karten bekommen, gute Sitzplatzkarten, und wir können auch jedes Heimspiel hier ein Wochenendpaket anbieten mit Spielbesuch, mit wirklich guten Plätzen, und wir hoffen, dass das sicherlich auch von Leuten genutzt wird, die sowohl an Fußball als auch an der Stadt interessiert sind."
Positive Eindrücke sollen die Besucher mitnehmen – vom Dom, von der Kaiserpfalz Karls des Großen oder vom größten Computer-Museum der Welt. Die Punkte aber sollen sie lieber da lassen. Auch gegen Mainz drückt Karl Heinz Schäfer natürlich seinem Verein die Daumen:
[O-Ton Karl Heinz Schäfer:]
"Ich glaube, wir spielen auf Augenhöhe vielleicht, das hoffe ich zumindest, und meine Hoffnung ist, dass wir zumindest das erste Spiel zu Hause auch mit einem leichten Sieg davontragen."
Dieser Tipp liegt voll im Trend. Die Anhänger des SC Paderborn scheinen sich abgesprochen zu haben:
[O-Töne SCP-Fans:]
"Ja, ich hoffe, dass wir gewinnen, natürlich. Zwei-eins Paderborn."
"Eins zu null für Paderborn."
"Zwei-eins Paderborn."
[Musik: "Fans und Mannschaft eine Kraft, nächstes Ziel heißt Meisterschaft – Paderborn!"]
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DER (FAST) KONTINUIERLICHE AUFSTIEG DES SCP
- eine kleine Vereinschronik
Bundesliga-Debütant SC Paderborn 07 ist ein relativ junger Verein. Seit 1985 existiert er erst und entstand durch eine Fusion des Vorortclubs TuS Schloss Neuhaus mit dem 1. FC Paderborn. Er startete damals in der drittklassigen Amateur-Oberliga Westfalen und dümpelte bis 1994 auf diesem Niveau vor sich hin. Dann qualifizierte sich der SCP für die neu gegründete (allerdings ebenfalls drittklassige) Regionalliga West/Südwest. Einen Rückschlag gab es im Jahr 2000, als die Paderborner runter mussten in die mittlerweile viertklassige Oberliga Westfalen. Aber schon ein Jahr später gelang der Aufstieg in die neue Regionalliga Nord. 2005 folgte der Sprung in die 2. Bundesliga, wo sich der SCP auf Anhieb etablierte. Nur in der Saison 2008/09 musste er noch einmal runter in die 3. Liga. Danach ging es zweitklassig weiter bis 2013/14. Dann endlich der lange ersehnte Einzug ins Fußball-Oberhaus. Hier eine tabellarische Übersicht (Quelle: Wikipedia):
Saison Spielklasse Abschluss-Platz
1985/1986 Oberliga Westfalen 2
1986/1987 Oberliga Westfalen 6
1987/1988 Oberliga Westfalen 8
1988/1989 Oberliga Westfalen 9
1989/1990 Oberliga Westfalen 2
1990/1991 Oberliga Westfalen 8
1991/1992 Oberliga Westfalen 5
1992/1993 Oberliga Westfalen 5
1993/1994 Oberliga Westfalen 1
1994/1995 Regionalliga West/Südwest 9
1995/1996 Regionalliga West/Südwest 5
1996/1997 Regionalliga West/Südwest 10
1997/1998 Regionalliga West/Südwest 9
1998/1999 Regionalliga West/Südwest 7
1999/2000 Regionalliga West/Südwest 13
2000/2001 Oberliga Westfalen 1
2001/2002 Regionalliga Nord 14
2002/2003 Regionalliga Nord 8
2003/2004 Regionalliga Nord 3
2004/2005 Regionalliga Nord 2
2005/2006 2. Bundesliga 9
2006/2007 2. Bundesliga 11
2007/2008 2. Bundesliga 17
2008/2009 3. Fußball-Liga 3
2009/2010 2. Bundesliga 5
2010/2011 2. Bundesliga 12
2011/2012 2. Bundesliga 5
2012/2013 2. Bundesliga 12
2013/2014 2. Bundesliga 2
2014/2015 Bundesliga 18
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TOURISTISCH
Sehenswertes abseits des Fußballstadions
Wenn es um Städtetourismus geht, spielt Paderborn bislang noch nicht in der Ersten Liga. Aber der sportliche Aufstieg soll auch den touristischen Aufschwung bringen. Schon jetzt hat man festgestellt, dass durch die jüngsten Erfolge des Fußballclubs SCP 07 der Bekanntheitsgrad von Paderborn deutlich erhöht wurde. Allein anderthalbtausend Schlachtenbummler werden von nun an jedes zweite Wochenende nach Ostwestfalen reisen. Dazu erhofft sich die Stadt natürlich noch weitere – auch fußballferne – Besucher, die auf Paderborn neugierig werden. Der neue (doppeldeutige) Werbeslogan "Paderborn ist erstklassig" zeugt jedenfalls von großem Selbstbewusstsein. Und tatsächlich hat die Heimatstadt des Bundesliga-Neulings auch abseits des Fußballstadions eine Menge Sehenswertes vorzuzeigen.
Reportage (Radio hr4, 23.08.2013; SWR4 RP, 02.06.2019):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Irgendwo läuten fast immer die Glocken, denn Kirchen gibt es zuhauf in Paderborn. Allen voran natürlich der Dom mit seinem mächtigen, fast hundert Meter hohen, romanischen Turm. Paderborn ist Bischofssitz – und das schon seit mehr als 1200 Jahren, weiß Stadtführerin Claudia Münch zu berichten:
[O-Ton Claudia Münch:]
"Karl der Große war letztlich der Herrscher, der hier nach Paderborn gekommen ist und das Christentum verbreitet hat. Karl der Große kam als fränkischer König hier in den von Sachsen besiedelten Raum und hat hier missioniert, und der erste Paderborner Dom war quasi die Missionskirche Karls des Großen."
Der heutige Dom wurde im 13. Jahrhundert in gotischem Stil errichtet und ist schon der fünfte Nachfolgebau der Urkirche aus fränkischer Zeit. Zu seinen Füßen sprudelt überall Wasser aus dem Boden. Es ist das Quellgebiet der Pader – des Flüsschens also, dem Paderborn seinen Namen verdankt. Insgesamt sind es mehr als 200 Einzelquellen, die man hier gezählt hat.
[O-Ton Claudia Münch:]
"Die Quellen sind äußerst ergiebig. Nach heftigen Regenfällen können da Wasseraustritte bis zu 9.000 Liter in jeder Sekunde entstehen. Im Schnitt sind es 5.000 Liter pro Sekunde, aber das bedeutet auch, ich kann in einer Sekunde mit einem Blubb 50 Badewannen à 100 Liter füllen. Das ist also schon ganz enorm."
Durch idyllische Parkanlagen bahnt sich die Pader ihren Weg in nordwestlicher Richtung. Nach nur vier Kilometern mündet sie in die Lippe. Sie gilt damit als Deutschlands kürzester Fluss. Und genau da, wo sich Pader und Lippe vereinigen, haben früher die Paderborner Fürstbischöfe residiert.
Ihr (Wasser-)Schloss Neuhaus ist neben dem Dom das wohl beeindruckendste Bauwerk der Stadt. Und beeindruckend ist vor allem auch der Schlosspark.
[O-Ton Claudia Münch:]
"Wir haben hier eine barocke Gartenanlage, die angelegt ist letztlich nach dem Vorbild der Gartenanlage von Versailles, und die Anlage wollte durchaus auch beeindrucken, denn der Fürstbischof Clemens August aus dem Hause der Wittelsbacher, der hatte die Absicht, hier aus dieser Schlossanlage von Schloss Neuhaus ein Zentrum für seine Gastlichkeit zu machen. Er hat gerne Freunde eingeladen, um mit ihnen auf die Parforce-Jagd zu gehen. Für diese hochgestellten Persönlichkeiten hatte er natürlich auch die Absicht ein angenehmes Ambiente zu schaffen."
Immerhin ein Teil dieses Ambientes wurde für die nordrhein-westfälische Gartenschau 1994 rekonstruiert. Und zum Glück muss man heute weder Fürstbischof noch sonst eine hochgestellte Persönlichkeit sein, um im Blumenmeer von Schoss Neuhaus nach Herzeslust lustwandeln zu können.
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EIN KOMISCHER HEILIGER
- wie die Gebeine von St. Liborius nach Paderborn kamen
Alljährlich Ende Juli/Anfang August feiert Paderborn das Libori-Fest. Es zählt zu den größten Volksfesten in Deutschland und lockt regelmäßig fast zwei Millionen Besucher an. Neun Tage lang herrscht ein schon fast karnevalmäßiger Ausnahmezustand. Deshalb wird das Libori-Fest auch gerne als Paderborns "Fünfte Jahreszeit" bezeichnet. Die große Sause hat allerdings einen religiösen Ursprung und geht auf den Kult um den Heiligen Liborius zurück. Der Schrein mit seinen Reliquien wird deshalb auch heute noch zu Beginn des Festes in einer Prozession durch die Innenstadt getragen. Das Grabmal von St. Liborius ist in der Krypta des Doms zu sehen. Wie die sterblichen Überreste des fränkischen Heiligen anno 836 nach Paderborn kamen (die sog. Liborius-Translation), ist eine kuriose Geschichte. Stadtführerin Claudia Münch erzählt sie hier in ungekürzter Version:
[zum Anhören klicken: O-Ton Claudia Münch]
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NICHT NUR FÜR NERDS
- das größte Computer-Museum der Welt
Neben den oben genannten Sehenswürdigkeiten hat Paderborn noch eine weitere große Attraktion zu bieten, die an dieser Stelle nicht vergessen werden soll: Das Heinz Nixdorf MuseumsForum ist laut Guinness-Buch der Rekorde das größte Computer-Museum der Welt. Es geht zurück auf den Computer-Pionier Heinz Nixdorf, der in Paderborn geboren wurde und hier 1968 sein Unternehmen gründete. Die Nixdorf Computer AG gehörte zu den bedeutendsten Computer-Herstellern in Europa. Auf einer Ausstellungsfläche von 6.000 Quadratmetern zeigt das Museum die gesamte Geschichte der Informationstechnik, beginnend bei der Keilschrift der Sumerer bis hin zur digitalen Welt der Moderne. Wer mag, kann sich von einem Roboter durch die Ausstellung führen lassen. Im interaktiven Heinz Nixdorf MuseumsForum kommen nicht nur ausgewiesene Nerds auf ihre Kosten, sondern jeder halbwegs an Technik Interessierte – gerade auch Kinder haben ihren Spaß!
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