rolf fröhlings reisereportagen
Opalküste (F)
SONNE, STRAND UND MEHR ...
- im Hohen Norden Frankreichs
Die Bernsteinküste bei Königsberg im ehemaligen Ostpreußen heißt so, weil man dort jede Menge Bernstein findet. Bei der Opalküste in Nordfrankreich ist das leider etwas anders. Die Franzosen lieben es einfach, ihre Küsten nach Edelsteinen zu benennen. Die wohl bekannteste ist die Côte d'Azur am Mittelmeer. Dann gibt es beispielsweise die Côte d'Emeraude (Smaragdküste) und die Côte de Granit Rose (Rosa Granitküste) am Atlantik oder eben die Côte d'Opale am Ärmelkanal. Ihren Namen hat sie von den unterschiedlichen Blau- und Grautönen, die im Sonnenlicht glitzern wie Opale. Sie erstreckt sich von der französisch-belgischen Grenze bei Dünkirchen bis hinunter zur Somme-Mündung. Wo im Ersten und Zweiten Weltkrieg verheerende Schlachten tobten, ist heute eine der beliebtesten Urlaubsregionen Frankreichs mit ausgedehnten weißen Sandstränden, geschäftigen Häfen, malerischen Fischerdörfern und mittelalterlichen Städten. So gesehen, also auch viele kleine und große "Edelsteine", die man an der Opalküste finden kann.
Reportagen (Radio SWR4 RP, 19.06.2022):
AUF DEM RÜCKEN DES DRACHEN
ein feuriger Strandspaziergang in Calais
Calais ist die wohl bekannteste Stadt an der Opalküste. Denn dort, an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals, kommen die Fähren aus England an. Lange Zeit war Calais deshalb ein beliebtes Reise- und Ausflugsziel für Briten. Doch seit dem Brexit und der damit verbundenen Visumpflicht sind die Gäste von der Insel rar geworden. Um den Tourismus wieder anzukurbeln, hatte der Bürgermeister eine ungewöhnliche Idee: Er beauftragte den Aktionskünstler François Delarozière, der schon den "Elefanten von Nantes" und den "Minotaurus von Toulouse" erschaffen hatte, mit dem Bau eines gigantischen mechanischen Drachen. Das Ergebnis war ein 25 m langes und 12 m hohes Ungetüm aus Stahl und Holz, das Feuer speiend und Rauch ausstoßend die Uferpromenade entlang marschiert und dabei bis zu 48 Passagiere befördert. Ein ganz spezieller Strandspaziergang also, der binnen kurzer Zeit zu der großen Attraktion geworden ist, die sich die Stadt Calais gewünscht hatte.
Reportage (Radio SWR4 RP, 19.06.2022):
[Atmo: Fauchen]
Er grunzt, er zischt, er quietscht. Alles was Drachen eben so machen. Dann setzt er sich langsam in Bewegung, und los geht der wilde Ritt. Wir Touristen stehen auf einer Plattform, die das Ungetüm auf seinem Rücken trägt. Mit dabei ist Stéphane Ribeiro von der Betreibergesellschaft des Drachen:
[O-Ton Stéphane Ribeiro:]
"Le dragon se déplace …
Der Drache wandert am Ufer entlang, sagt Stéphane, etwa anderthalb Kilometer weit und dann denselben Weg zurück. Der ganze Trip dauert fünf Stunden. Aber wir wechseln jede Stunde und nehmen neue Leute an Bord, damit jeder Gelegenheit hat immer wieder einen anderen Teil der neu renovierten Promenade von Calais zu sehen.
… de Calais complètement renovée."
Zu Beginn blicken wir auf die Hafenanlagen, ein Fährschiff aus Irland, das gerade einläuft. Später dann die nagelneuen Sport- und Freizeitanlagen am Strand mit dem schönen Namen "Calaisfornia". Spannender aber noch ist es den Drachen selbst zu beobachten, wie er Feuer speit, wie er alle Körperteile bewegt, sogar die Augenlider. Das Wunderwerk der Technik wirkt fast lebendig. Und das kommt nicht von ungefähr:
[O-Ton Stéphane Ribeiro auf Französisch:]
"Le dragon pèse 72 tonnes …
Der Drache wiegt 72 Tonnen. Er ist sehr, sehr schwer. Wir benötigen fünf Personen an Bord, um seine Bewegungen zu steuern. Der erste lenkt ihn auf seinem Weg. Ein zweiter bewegt Kopf und Hals, ein dritter Schwanz und Flügel, ein weiterer steuert die Mimik und erzeugt die Spezialeffekte. Die fünfte Person erklärt den Leuten alles Wissenswerte über unseren Drachen.
… qui veut raconter son histoire."
Man kommt sich ein wenig vor wie in einem Fantasy-Film oder in einem utopischen Roman von Jules Verne. Die anderen Menschen am Strand und auf der Uferpromenade sind ebenso fasziniert, winken, zücken ihre Kameras. Viel zu schnell ist die Stunde um, und der Ritt auf dem Drachen neigt sich dem Ende zu:
[O-Ton Touristin:]
"War sehr schön. Nur nicht so wild, es wackelt gar nicht so sehr, wie man's erwartet. Es ist doch sehr ruhig, etwa so, wie wenn man auf'm Boot ist."
Unser Drache hat übrigens schon einen – wenn auch deutlich kleineren – Gefährten bekommen: einen vier Meter langen Leguan, den Besucher per Fernsteuerung selbst über die Uferpromenade spazieren lassen können. Und weitere Echsen sollen folgen.
[Atmo: Fauchen]
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AUGE IN AUGE MIT MANTA UND HAI
das faszinierende Aquarium in Boulogne-sur-Mer
Reportage (Radio SWR4 RP, 19.06.2022):
[Atmo: Delfine]
So klingt es, wenn Delfine sich unterhalten. Alle Sinne sind gefragt beim Rundgang durch das "Nausicaá". Vor allem aber natürlich die Augen: Tropische Fische in allen Farben und Formen tummeln sich hinter den Glasscheiben. Orangefarbene Quallen, die aussehen wie aufgeschnittene Apfelsinen, wären da nicht die langen Tentakel. Die künstliche Unterwasserwelt hier ist der von Malpelo nachempfunden, einem felsigen Eiland im Pazifik, rund 500 km vor der Küste von Kolumbien, erklärt unser Guide Romain Carton:
[O-Ton Romain Carton:]
"Malpelo était choisi …
Malpelo wurde ausgewählt, weil es eines der wenigen Hochsee-Schutzgebiete auf der Welt ist. Dort gibt es eine Vielzahl von Arten, die unter Schutz gestellt wurden. Und die französisch-kolumbianische Meeresbiologin Sandra Bessudo hat sich sehr dafür eingesetzt.
… pour les espèces de la haute mer."
Das Herzstück des Aquariums ist ein 18 m langer Tunnel aus Glas. Hier fühlt man sich förmlich mitten drin in den Tiefen des Ozeans und scheint ganz nah dran an den Haien. Sie sehen so gefährlich aus, dabei gehören sie selbst zu den bedrohten Arten. Im Schnitt etwa 20 Menschen pro Jahr werden Opfer von Haiattacken, erläutert Romain, aber alle drei Sekunden wird ein Hai von Menschen getötet. Vor allem Grauhaie seien hochgefährdet.
[O-Ton Romain Carton:]
"Alors, les requins gris …
Die Grauhaie werden vor allem wegen ihrer Rückenflossen gejagt. Für Haifischsuppe oder für die traditionelle Medizin in den asiatischen Ländern. Deshalb haben wir hier Grauhaie.
… justement des requins gris."
Eng verwandt mit Haien sind die Mantarochen. Majestätisch, wie in Zeitlupe, schweben die riesigen Knorpelfische über uns hinweg. Der größte unter ihnen hier im "Nausicaá" ist der Publikumsliebling und hat sogar einen Namen:
[O-Ton Romain Carton auf Französisch:]
"Charles est une raie manta...
Charles, unser Mantarochen, kommt aus Australien. Wir haben ihn sehr jung bekommen. Heute ist er fünf Jahre alt und hat eine Spannweite von 3,5 m. Er kann insgesamt und bis zu fünf Meter groß werden. Die Haie wie die Rochen kann man daran erkennen, dass sie einen Doppel-Penis haben.
… ont un double-pénis."
Oh! Da werden wir doch alle hellhörig. Aber Romain grinst nur und will das Thema nicht weiter vertiefen. Stattdessen führt er uns zum Höhepunkt der Unterwasserreise: Einer Glasfront, so groß wie eine Kinoleinwand. Wir Besucher können auf einer Tribüne Platz nehmen und den Panoramablick auf die Meeresfauna einfach in Ruhe genießen. Zumindest bis eine Schulklasse hereinkommt und der Begeisterung auf ihre Weise Ausdruck verleiht.
[Atmo: Kindergeschrei]
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WUNDER DER TIEFSEE
- neue Attraktion im "Nausicaá"
Erhalt und Schutz der Tiefsee ist ein aktuelleres Thema denn je. Seit 2024 hat Nausicaá in Partnerschaft mit dem Ifremer (Französisches Nationales Institut für Meereswissenschaften und -technologie) "Destination Abysses" eröffnet, eine neue Dauerausstellung, die der Entdeckung dieser faszinierenden, verkannten und doch für die Menschheit so wichtigen Welt gewidmet ist.
In dem neuen Bereich können die Besucher auf 180 m² Ausstellungsfläche 3 Aquarien und 6 neue Tierarten aus der Tiefsee entdecken. Gleich zu Beginn der Ausstellung tauchen die Besucher in eine ganz eigene, unbekannte und geheimnisvolle Welt ein. Die Tiefsee ist wie ein anderer Planet. Hier gibt es Unterwasservulkane, Berge und Ebenen, hydrothermale Quellen und seltsame Tiere, die im Dunkeln leuchten.
Der Schutz der Tiefsee ist für die Menschheit von entscheidender Bedeutung. Es ist der Bereich des Ozeans, der sich ab einer Tiefe von 1000 m befindet und 75 % des Volumens der Ozeane ausmacht. Dennoch ist der Meeresboden weniger bekannt als die Mondoberfläche: Nur ein Viertel ihrer Fläche wurde kartografiert. Die Tiefsee beherbergt nicht nur eine große Artenvielfalt (ca. 300.000 Arten und Millionen, die noch entdeckt werden müssten), sondern reguliert auch das Klima und mildert die globale Erwärmung, indem sie enorme Mengen an Kohlenstoff speichert und Wärme absorbiert. Sie beherbergen auch Vorkommen seltener Metalle wie Kupfer, Nickel, Kobalt und Mangan.
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WO PRÄSIDENT MACRON DIE FERIEN VERBRINGT
das mondäne Seebad Le Touquet-Paris-Plage
Und weiter geht die Reise südwärts nach Le Touquet-Paris-Plage. Der Name ist Programm. Der Ort wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, als es bei den Reichen und Schönen von Paris immer mehr in Mode kam, den Sommer am Meer zu verbringen. Aber nicht nur den französischen Hauptstädtern hatte es der schier endlose Sandstrand dort angetan, auch reiche Engländer kamen in großer Zahl, ließen sich sündhaft teure Villen erbauen und eröffneten das erste Casino, wo sie Unmengen an Geld verspielten. Heute ist Le Touquet längst nicht mehr nur ein Ferienort für die Oberen Zehntausend, aber die Prominenz gibt sich immer noch ein Stelldichein – allen voran Frankreichs Staatspräsident Macron. Es ist also viel los im mondänsten Seebad der Opalküste. Und viel zu sehen, auch aus der Vogelperspektive ...
Reportage (Radio SWR4 RP, 19.06.2022):
[Atmo: Treppensteigen]
Uff! 260 Stufen geht es hinauf zum Leuchtturm von Le Touquet. Er steht auf einer Anhöhe oberhalb der Stadt. Ein wenig Kondition verlangt er schon ab, doch oben angekommen, entschädigt eine phänomenale Aussicht:
[O-Töne Touristinnen:]
"Unschlagbar. Es ist zwar erschöpfend, aber dafür sieht man über das weite Meer bis an den Horizont, den Strand, die Dünen, bis an die Mündung von der Canche und dieses wunderschöne Städtchen vor uns."
"Gigantisch. Man sieht das glitzernde Meer und den kleinen Ort mit den pittoresken Türmchen an den Häusern. Sehr schön."
Direkt zu Füßen des Leuchtturms erkennen wir das Hotel Westminster. Es ist im Art-Déco-Stil des späten 19. Jahrhunderts erbaut und damals wie heute das erste Haus am Platz. Die Gästeliste weist seit jeher viele berühmte Namen auf, erzählt unser Stadtführer Lucas Roseuw:
[O-Ton Lucas Roseuw:]
"Au sujet des célébrités …
Was die Prominenten angeht, die im Hotel Westminster abstiegen, war auch Ian Fleming, der geistige Vater von James Bond. In Le Touquet hatte er die Idee zu seinem ersten Bond-Roman "Casino Royale". Und es gibt hier ein Zimmer 007, wo Sean Connery seinen ersten Vertrag für die berühmte Rolle unterzeichnet hat.
… le fameux personnage."
In fußläufiger Umgebung des Hotels Westminster klappern wir eine Villa nach der andern ab. Art-Deco, Jugendstil, Neo-Gotik, Neo-Klassizismus – fast alle Stilrichtungen der Epoche sind vertreten. Eine Villa aus roten Klinkersteinen sieht gar nicht mal sooo vornehm aus. Dennoch gehört sie zu den meistfotografierten. Das liegt an ihren berühmten Bewohnern.
[O-Ton Lucas Roseuw auf Französisch:]
[O-Ton Lucas Roseuw:]
"Juste ici, la villa Monéjan …
Wir stehen hier vor der Villa Monéjan, der Villa unseres Präsidenten Macron. Da wohnt er mit seiner Frau Brigitte. Eigentlich gehört das Haus ihr. Es ist ein Familienerbstück. Er kommt regelmäßig nach Le Touquet, weil er hier auch wählt. Deshalb war er zur Präsidentenwahl da und kommt wieder zur Parlamentswahl.
… pour les élections législatives."
Auch in den Restaurants von Le Touquet-Paris-Plage kann man ihn ab und zu antreffen, meint Lucas. Das ist ein gutes Stichwort. Denn so ein Stadtrundgang macht hungrig. Und wer weiß? Vielleicht begegnen wir ja beim Essen Emmanuel Macron ...
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LIEBESGRÜSSE NACH PARIS
- der Eiffelturm von Le Touquet
Er steht unübersehbar mitten auf der Promenade; wenn man durch die Fußgängerzone in der Rue St. Jean Richtung Strand geht, kann man ihn gar nicht verfehlen – den Eiffelturm von Le Touquet-Paris-Plage. Er ist zwar nur knapp 10 m hoch und damit deutlich kleiner als das Original in der Hauptstadt. Er besteht auch nicht aus Stahl, sondern aus Sand, aber er sieht dem echten Eiffelturm verdammt ähnlich.
Das neue Wahrzeichen des Seebads an der Opalküste ist ein Werk des Künstlers Alain Godon. Er hat damit eine Liebeserklärung an seine Wahlheimat abgegeben und seine ganz speziellen "Liebesgrüße" nach Paris geschickt. Dem Projekt vorausgegangen war nämlich ein, wie er fand, peinlicher Namensstreit. Obwohl Le Touquet seit mehr als hundert Jahren den Beinamen Paris-Plage trug, passte das plötzlich einigen Herrschaften in der Seine-Metropole nicht mehr in den Kram, und sie forderten die Gemeinde am Ärmelkanal auf, den Beinamen nicht mehr zu verwenden. Quasi als Retourkutsche wollte Godon "etwas aus der Hauptstadt" nach Le Touquet holen.
Der angesehene Maler und Bildhauer, 1964 im zentralfranzösischen Bourges geboren, hatte seine Karriere mit Graffiti-Zeichnungen begonnen, später als Pflastermaler in England gelebt und sich 1992 in dem mondänen Seebad niedergelassen. Längst malte er auch in Öl. Seine Bilder im selbst kreierten "kindlichen Stil" wurden bei Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, darunter auch in den USA. Mit seiner Idee, den Eiffelturm aus Sand nachzubauen, um es den Parisern mal so richtig zu zeigen, stieß er sofort auf offene Ohren. Der Gemeinde Le Touquet-Paris-Plage war das Projekt immerhin die Kleinigkeit von 100.000 Euro wert. Sie fand, das "Geschenk" des Künstlers würde ihren Feierlichkeiten zum 105-jährigen Bestehen den nötigen Glanz verleihen.
Ganz so einfach war die Umsetzung aber nicht. Weil ein Turm aus gewöhnlichem Sand den nächsten Regenschauer kaum schadlos überstanden hätte, musste sich Alain Godon etwas einfallen lassen: Er mischte seinen Grundbaustoff mit Harz und dem Kunststoff Polystyren. Das brachte die nötige Stabilität. Und so steht "La tour Eiffel Godon" seit 2011 da wie eine Eins, unübersehbar an zentraler Stelle der Strandpromenade – ein Sand gewordener Liebesgruß nach Paris.
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MASSENSPEKTAKEL IM SAND
- das Motorradrennen Enduropale
Die Franzosen sind eine zweiradbegeisterte Nation. Das sieht man jeden Sommer bei der Tour de France, wenn Hunderttausende an der Strecke stehen und den Radsportlern zujubeln. Aber sie lieben auch den motorisierten Zweiradsport. Das wird alljährlich im Winter deutlich, wenn rund 300.000 Menschen nach Le Touquet-Paris-Plage pilgern, um das legendäre Motorradrennen "Enduropale" live zu erleben. Im Februar 2022 kamen sogar 500.000 Zuschauer! Es ist das größte Enduro-Rennen Europas und das längste der Welt auf Sand. Ein Massenspektakel – nicht nur was das Publikum, sondern auch was die Teilnehmer angeht. Mehr als tausend Enduristen gehen an den Start. Drei Stunden lang sind sie auf dem 13 Kilometer langen Rundkurs unterwegs. Er führt von Le Touquet bis in die Nachbarorte Stella Plage und Merlimont Plage. Mit Wellen, Serpentinen und engen Kurven verlangt die Strecke den Teilnehmern und Teilnehmerinnen (!) alles ab. Nur die Besten kommen durch und schaffen bis zu 14 Runden in der vorgegebenen Zeit.
Das Rennen hat eine lange Tradition. 1975 fand es zum ersten Mal statt, allerdings noch unter dem Namen "Enduro du Touquet". Auch der Modus wurde mehrfach geändert. So verlief der Kurs bis 2005 durch die Dünen. Damals mussten die Fahrer noch härtere Strapazen ertragen; viele gaben nach Stürzen oder Getriebeschäden vorzeitig auf. Dann wurde das Rennen zum Schutze der Umwelt auf den Strand verlegt. Aber immer noch trennt der Kurs die Spreu vom Weizen.
Obwohl Top-Enduristen aus 20 Nationen und mehr am Start sind, gewinnt am Ende fast immer ein Franzose. Zuletzt hieß der Sieger Milko Potisek, gebürtig aus Dünkirchen und damit fast so etwas wie ein Lokalmatador. Der Mann von der Opalküste stand auch schon 2020 und 2018 ganz oben auf dem Treppchen. In diesem Jahrtausend trugen sich überhaupt erst dreimal Fahrer aus anderen Nationen in die Siegerliste ein – zwei Belgier und ein Brite. Nur in der Konstrukteurswertung hatte mal Schwarz-rot-gold die Nase vorn: die schwäbische Firma Maico, anno 1976. Lang, lang ist's her ...
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VICTOR HUGOS LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK
das malerische Städtchen Montreuil-sur-Mer
Rund 10 km landeinwärts von der Opalküste liegt das malerische Städtchen Montreuil-sur-Mer. Der Name allerdings trügt, denn der Marktflecken mit kaum 3.000 Einwohnern hat gar keinen Zugang zum Meer. Und das schon seit dem 14. Jahrhundert. Damals versandete der einst breite Mündungstrichter des Flusses Canche. Doch der Beiname "sur-Mer" ist geblieben – auch zur Unterscheidung von der Pariser Vorstadt gleichen Namens. Obwohl es also kein Meer und keinen Strand gibt, kommen viele Touristen in den kleinen Ort, und das hat Tradition: Schon der französische Dichterfürst Victor Hugo stattete Montreuil-sur-Mer nach eigenem Bekunden einen kurzen Besuch ab. 1837 war das. Er blieb nur vier Stunden, aber es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Denn Hugo machte Montreuil zu einem Schauplatz seines monumentalen Romans "Die Elenden" ("Les Misérables"). Die bewegende Story wurde mehr als 20 mal verfilmt und in einem Musical verarbeitet. Seit 1996 huldigt Montreuil-sur-Mer dem berühmten Dichter mit Freilichtspielen auf der Zitadelle, wo sein Romanstoff als Bühnenstück aufgeführt wird.
Reportage (Radio SWR4 RP, 19.06.2022):
[Szene aus "Les Misérables:]
"Il sait: 'Je suis un misérable' ..."
Ich bin ein Elender, sagt Jean Valjean, die Hauptfigur des Stücks, über sich selbst. Als junger Mann stiehlt er ein Stück Brot und muss dafür 20 Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung erfährt er erstmals menschliche Güte, geht nach Montreuil-sur-Mer, wird dort Bürgermeister und selbst zum Wohltäter, bis die Vergangenheit ihn wieder einholt. Das in aller Kürze ist die Handlung von "Les Misérables". Doch Armut und Elend sind längst passé. Wer heute durch Montreuil schlendert, findet dort Kleinstadt-Idylle pur:
[O-Ton Touristin:]
"Das ist ganz niedlich. Mich erinnert es an die Niederlande. Viele schöne kleine Häuser, Fassaden, unterschiedliche Architektur, unterschiedliche Farben, Fenster, Simse, schmiedeeiserne Arbeiten, ganz schnuckelig, wie so ein kleines Künstlerdorf, find' ich."
Seit dem Besuch von Victor Hugo scheint sich nicht viel verändert zu haben. Aber war er überhaupt in Montreuil? Bezeugen kann es niemand. Unser Stadtführer Jean-Marie Chevalier ist dennoch sicher. Er führt uns in die Kirche St. Saulve und zeigt uns das Taufbecken.
[O-Ton Jean-Marie Chevalier:]
"Voilà, c'est un example …
Das ist ein Beispiel, das beweist, das Victor Hugo wirklich hier war. Er hat nämlich genau dieses Taufbecken nachgezeichnet in einem Brief an seine Frau Adèle. Er hat die Kirche in Montreuil besichtigt, aber auch die Stadtmauer zum Beispiel, die ich Ihnen später noch zeigen werde.
… que vous j'expliquai plutard."
Beim anschließenden Gang über die Mauer schauen wir auf die Unterstadt hinab, das ehemalige Armenviertel "La Madeleine". Und "Père Madeleine" ist der Deckname, den Jean Valjean benutzt, weil er seine wahre Identität als Ex-Sträfling verbergen muss. Allzu positiv wird Montreuil-sur-Mer im Roman nicht dargestellt. Trotzdem fühlt man sich hier geehrt:
[O-Ton Jean-Marie Chevalier auf Französisch:]
"On est fier de la popularité …
Wir sind sehr stolz. Das Buch gehört ja zu den bedeutendsten Werken der französischen Literatur. Auch wenn nur ein kleiner Teil hier spielt, denn sie gehen ja dann nach Paris, wo der größte Teil der Handlung spielt. Aber dadurch dass auch der Film hier gedreht wurde, kam uns die Idee das Ganze wieder aufleben zu lassen und dieses große Freilichtspiel ins Leben zu rufen, das jedes Jahr hier stattfindet.
… ce forme le spectacle en fait."
[Atmo: Gesang aus "Les Misérables]
Halb Montreuil wird wieder mitwirken. Etwa 500 Statisten. Auch Jean-Marie. Er mimt einen Polizisten, verrät er und verspricht ein großes Ton- und Licht-Spektakel. Am 29. Juli geht's diesmal los, dann eine Woche lang jeden Abend. Als Gage gibt es sicher wieder begeisterten Applaus.
[Atmo: Schlussapplaus aus "Les Misérables]
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*) alle Fotos von den Freilichtspielen mit freundlicher Genehmigung von Maison du Tourisme et du Patrimoine in Montreuil-sur-Mer
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*) alle Fotos von den Freilichtspielen mit freundlicher Genehmigung von Maison du Tourisme et du Patrimoine in Montreuil-sur-Mer
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