rolf fröhlings reisereportagen
New York City
DER GROSSE APFEL
- diesseits und jenseits von Manhattan
Frank Sinatra hat sie besungen, über kaum eine andere Stadt auf der Welt wird so viel geredet und so viel geschrieben. Keine wird von den einen so leidenschaftlich geliebt und von den anderen ebenso leidenschaftlich gehasst. Keine ist gleichzeitig so faszinierend schön und so abstoßend hässlich. Keine zieht die Menschen so in ihren Bann wie New York. Gerade jetzt wieder, wo der Schock des 11. September fast überwunden scheint. "The Big Apple", der Große Apfel, sagen die rund acht Millionen New Yorker, wenn sie von ihrer Stadt schwärmen – und schwärmen tun sie fast alle, egal ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß, ob eingeboren oder eingewandert. Denn New York ist zwar ein Moloch, aber ein Moloch mit Herz. Es bietet für jeden etwas und jeden Tag etwas Neues. Nicht nur Manhattan, das "Kerngehäuse" des Großen Apfels. Auch das "Fruchtfleisch", die anderen Stadtteile drumherum wie beispielsweise die Bronx. Der "Big Apple" birgt viel Bekanntes und noch mehr Unbekanntes. Manche Klischees werden bestätigt, doch die meisten Klischees werden widerlegt. Deshalb ist er immer eine Entdeckungsreise wert. Oder auch zwei oder drei.
Reportagen (Radio hr4, 22.07.2006; hr-iNFO, 29.07.2006; hr1, 20.05.2007):
Man kennt sie aus Film und Fernsehen. Millionäre werden damit herumkutschiert, Politiker und Filmstars. Sie haben 5 Liter Hubraum, sind 10 Meter lang und immer auf Hochglanz poliert. Innen weiche Ledersitze und viel Beinfreiheit. Die Rede ist von den so genannten Stretch-Limos. Das sind meist kohlrabenschwarze oder blütenweiße Limousinen im XXL-Format – das vielleicht amerikanischste aller Fortbewegungsmittel. In der Enge vieler deutscher Städte würde man nicht weit damit kommen, aber in der Mega-Metropole New York mit ihren breiten Boulevards haben die Mega-Autos kaum Probleme. Deshalb bietet ein gebürtiger Münchner Stadtrundfahrten in diesen Präsidentenschaukeln an. Da sollen sich die Gäste wie Promis fühlen und das "echte" New York erleben, so wie Frank Sinatra es besungen hat.
Reportage (Radio hr4, 22.07.2006; hr-iNFO, 29.07.2006):
[Musik: "New York, New York" von Frank Sinatra]
Frankie-Boys Melodie im Sinn, ebenso entspannt wie elegant gleiten wir durch die Straßenschluchten von Manhattan. Mike, unser Chauffeur, lenkt die extra-lange Luxuskarosse mit spielerischer Leichtigkeit um die Kurven. Er macht das seit dreißig Jahren und hatte schon viele berühmte Persönlichkeiten an Bord.
[zum Anhören klicken: O-Ton Limo-Chauffeur Mike, englisch]
"I had a lot of celebrities ...
Da waren Filmstars und Basketballspieler. Fußballspieler. Vor ungefähr 15 Jahren hatte ich die Mannschaft von Bayern München. Ich holte sie vom Helikopter ab und brachte sie zum Plaza Hotel. Ich bin ein großer Fußballfan, und so konnten wir uns die ganze Zeit über Fußball unterhalten.
... could talk about football all day."
Nicht ganz so prominent, aber doch recht anspruchsvoll, ist meist auch die Kundschaft von Erol Inanc. Der Deutsch-Türke lebt seit 15 Jahren in New York und kennt inzwischen fast jeden Winkel der Stadt. Seine Rundfahrt mit der Stretch-Limo kostet zwar gut 100 Dollar pro Person, ist dafür aber ein ganz individuelles Erlebnis.
[zum Anhören klicken: O-Ton Erol Inanc]
"Auf meinen Touren versuche ich den Gästen die Stadt wie ein Freund zu zeigen. Ich fahr' nicht nur Wahrzeichen mit dem Bus ab, sondern wir fahren mit der Limousine durch die verschiedenen Stadtteile, die meiste Zeit sind wir aus'm Auto draußen und gehen durch die Viertel – oder wie sie der New Yorker nennt: die 'neighborhoods'. Und ich will, dass der Besucher die Stadt auf 'ne echte Art erfährt."
Also lassen wir Empire State Building & Co. links liegen und fahren stattdessen zu den trendigen Vierteln wie Chelsea oder Soho. Diese ehemaligen Industriegebiete sind heute angesagte Wohngegenden. Es gibt keine Wolkenkratzer, dafür viele kleine Geschäfte und Restaurants. Das gilt auch für das East Village, Erols Lieblingsviertel.
[O-Ton Erol Inanc:]
"Im East Village haben wir wirklich Arm und Reich, Schwarz, sehr viele 'hispanics' – Leute aus der Spanisch sprechenden Welt. Und es ist durchaus so multikulturell und so vielseitig bevölkerungsmäßig, weil einfach verschiedene Leute über verschiedene Zeiten ins East Village gezogen sind und hier blieben."
Bei unseren Streifzügen zu Fuß macht uns Erol immer wieder auf die kleinen Dinge am Rande aufmerksam, an denen man sonst achtlos vorbeigelaufen wäre. So zum Beispiel auf eine Galerie von bunten Fliesen im Greenwich Village.
[O-Ton Erol Inanc:]
"Die Ausstellung hier am Zaun nennt sich 'Tiles For America'. Schulkinder aus ganz Amerika haben hier Kacheln beschrieben und bemalt mit der Thematik 11. September, um der Stadt New York Trost zu spenden."
Weil uns hinter den abgedunkelten Scheiben der Limousine viele interessanten Dinge entgehen würden, steigen wir erst wieder ein, als es auf die lange Strecke nach Harlem geht. Das traditionelle Viertel der Schwarzen liegt am nördlichen Ende von Manhattan. Und es sieht ganz anders aus, als wir es uns vorgestellt haben. Keine abbruchreifen Häuser, keine brennenden Mülltonnen und keine Straßenkinder, die unseren Luxusliner mit Steinen bewerfen. Für Weiße ist Harlem längst keine Tabuzone mehr. Sogar Ex-Präsident Bill Clinton hat hier ein Büro bezogen.
[O-Ton Erol Inanc:]
"Der Clinton wollte eigentlich erst bei der Carnegie Hall in der 57. Straße in Midtown Manhattan. Die Mieten waren horrend teuer. Da hat er aus was Schlechtem was Gutes gemacht und gesagt, ich will ein Zeichen setzen, ich geh' nach Harlem."
Immer mehr Weiße kommen auch hierher, um sonntags einen Gospel-Gottesdienst zu erleben, erzählt Erol, oder mittwochs zur Amateur-Nacht im Apollo Theater.
[O-Ton Erol Inanc:]
"Das ist 'n bisschen wie der römische Circus. Dort treten talentierte Leute auf, und das sehr fachkundige Publikum sagt entweder 'Daumen rauf' oder 'Daumen runter'. Wenn's den Leuten nicht gefällt, wird man von der Bühne geschoben, und wenn's den Leuten gefällt, gibt's Riesenbeifall."
Diese uralte New Yorker Variante von "Deutschland sucht den Superstar" hat schon Künstler hervorgebracht wie Stevie Wonder und Aretha Franklin. Sie machten den amerikanischen Traum wahr. Genau wie Frank Sinatra. Und seine Melodie im Sinn, gondeln wir mit unserer Stretch-Limo zurück ins Hotel. Eine kleine Episode dieses Traums durften auch wir heute erleben.
[Musik: "New York, New York" von Frank Sinatra]
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Eine Rundfahrt mit der Stretch-Limo ist die Luxusvariante, wenn man New York erkunden will. Nicht zuletzt wegen des Preises. Es geht aber auch anders, nämlich ganz umsonst: mit einem so genannten "Big Apple Greeter". Diese freundlichen Zeitgenossen gehören einer Organisation von Freiwilligen an, die Besuchern gerne ihren Stadtteil zeigen möchten und deshalb ab und zu den Fremdenführer spielen, aus reinem Spaß an der Freude. Die "Big Apple Greeters" wollen und sollen das Image des Molochs New York verbessern. Dabei scheuen sie keine Mühen, holen ihre Gäste sogar im Hotel ab. Mehr als 300 solcher "Begrüßer" sind im "Großen Apfel" unterwegs und begleiten Touristen in 22 verschiedenen Sprachen, darunter auch in Deutsch.
Reportage (Radio hr4, 22.07.2006):
[Musik: "Willkommen, bienvenu, welcome" aus dem Musical "Cabaret"]
Willkommen in New York. Unser "Big Apple Greeter" heißt Ed Botwin, ist schon 78 Jahre alt, doch erstaunlich vital. In seiner Jugend hat er Deutsch studiert, spricht aber auch Spanisch, Französisch und sogar Norwegisch. Ein bis zweimal im Monat macht er den Fremdenführer.
[zum Anhören klicken: O-Ton "Big Apple Greeter" Ed Botwin]
"Ich habe sehr, sehr gern New York zu zeigen. Ich bin hier geboren, ich bin ganz stolz von meine Stadt. Es ist immer gut, ein bisschen Deutsch zu sprechen mit gemütliche Leute."
Ed wohnt in Manhattan, aber seine Kindheit hat er in der Bronx verbracht. Und dahin will er uns heute begleiten. Schon unterwegs, in der U-Bahn, versucht er den ramponierten Ruf dieses New Yorker Stadtteils zu retten.
[O-Ton Ed Botwin:]
"Die Touristen immer denken, es ist sehr sehr gefahrlich. Es gibt Kriminelle in jedem Gebiet, auch in Deutschland. Wir haben auch Kriminalität hier, aber ist nicht so wie seit zwanzig Jahr', wo es gibt viele andere Sach'. Jetzt ist es ziemlich gut."
Am "Grand Concourse", der Hauptstraße der Bronx, verlassen wir die U-Bahn und machen uns auf zu einem gut fünf Kilometer langen Rundgang. Auch hier ist von brennenden Mülltonnen keine Spur. Es geht ruhig zu auf den Straßen, fast schon beschaulich. Kein Vergleich zu der hektischen Betriebsamkeit in Manhattan. In der Gegend, wo unser "Big Apple Greeter" aufgewachsen ist, leben heute überwiegend Puertoricaner und andere so genannte "hispanics". Aber Eds Elternhaus ist noch da. Und er freut sich es wiederzusehen.
[O-Ton Ed Botwin:]
"Mein Haus ist ziemlich gut, die Nachbar' ist auch ziemlich gut. Die einzige Sach' – meine Vater hatte ein schönes Garten und das ist nicht mehr hier. Das macht mich sehr trist." (lacht)
Das Haus steht unmittelbar am Claremont Park, einer von zahlreichen Grünflächen in der Bronx. Hier spielen Jugendliche Basketball, Spaziergänger ruhen sich auf Bänken aus. Eine freundliche Atmosphäre, wie wir sie in der verrufenen Gegend nicht erwartet hätten. Überhaupt sei die Bronx der Stadtteil mit dem meisten Grün, sagt Ed. Allein der Pelham Bay Park habe eine größere Fläche als der Central Park in Manhattan.
[O-Ton Ed Botwin:]
"Im Pelham Bay Park man sieht gar nichts mehr als Bäume und Wasser. Es gibt auch ein schönes Strand – Orchard Beach. Das ist ein Strand, wo man kann schwimmen gehen und alles. Das ist auch schön."
Selbst Amerikas meistbesuchter Zoo ist in der Bronx. Und die Überraschungen nehmen kein Ende. In der Nähe des Baseball-Stadions der "New York Yankees" macht uns Ed auf ein imposantes Denkmal aufmerksam. Es erinnert an den deutschen Dichter Heinrich Heine und – stellt die Lorelei dar.
[O-Ton Ed Botwin:]
"Früher waren sehr viele deutsche Familien hier, seit mehr als einem Jahrhundert, und sie sind jetzt eine kleine Gruppe, aber die Denkmal ist vor ungefähr 60 Jahre hier gemacht."
Heute gehen täglich Hunderte von Menschen an der Lorelei vorüber, aber kaum einer weiß, was es mit ihr auf sich hat. Höchstens der Name kommt einigen bekannt vor.
[zum Anhören klicken: O-Töne Passanten, englisch]
"Lorelei? The name sounds familiar but I can't place exactly who she is. But I've heard the name."
"No, I haven't heard about Lorelei. Who is she?"
Also spielen wir Kulturattaché und klären die Leute auf, bevor wir wieder in die U-Bahn nach Manhattan steigen. Ed Botwin, unser "Big Apple Greeter", akzeptiert nicht mal ein Trinkgeld für seine Dienste. Ihm scheint die Führung mindestens ebenso viel Spaß gemacht zu haben wie uns. Und zum Abschied wünscht er uns noch viele schöne Tage in seiner Heimatstadt New York
[Musik: "...glücklich zu sehen, je suis enchanté, happy to see you. Bleibe, reste, stay."]
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New York ist ein teures Pflaster. In Restaurants, Museen und anderen Sehenswürdigkeiten werden Touristen käftig geschröpft. Aber nicht nur die "Big Apple Greeters" bilden eine Ausnahme. "For free", also gratis, ist auch die Fährpassage zwischen Manhattan und dem vorgelagerten Stadtteil Staten Island an der Atlantikküste. Sie dauert ungefähr zwanzig Minuten und bietet traumhafte Ausblicke auf die Skyline von New York. Doch die meisten Besucher nutzen die Fähre, um die Kosten für eine Bootstour zur Freiheitsstatue zu sparen. Denn an "Lady Liberty", wie die Amerikaner sagen, schippert die Staten Island Ferry unmittelbar vorbei.
Reportage (hr4, 22.07.2006; hr1, 20.05.2007):
"Lady Liberty" ist DAS Wahrzeichen von New York. Seit 120 Jahren streckt sie die Fackel der Freiheit gen Himmel. Sie war ein Geschenk Frankreichs an die USA zur 100-Jahr-Feier der Unabhängigkeit von Großbritannien. Auf einer kleinen Insel in der Hafeneinfahrt wurde sie aufgestellt. Dort begrüßt sie seither die Seefahrer aus aller Welt. Auch die Passagiere der Staten Island Ferry. Und die sind begeistert.
[O-Töne Touristen:]
"Das war ganz toll, einmal richtig nah zu sehen. Das kennt man sonst nur von den Bildern. Ich bin das erstemal in New York und es ist schon sehr schön."
"Also, ich glaub' dass das nicht so wirkt, wenn man unmittelbar an der Figur steht, an der Freiheitsstatue, dass das nicht die Wirkung entfaltet, als wenn man von 'nem gewissen Abstand die Sache sieht."
Auch an Ellis Island kommt die Fähre vorbei, wo einst Millionen von Immigranten zwischen Hoffen und Bangen verbrachten, ehe sie die Einreiseerlaubnis für das Gelobte Land Amerika erhielten. Dazu das Panorama von Manhattan, von Brooklyn und von New Jersey. Nicht zuletzt die Schiffe in einem der größten Seehäfen an der amerikanischen Ostküste. All das kann man von der Fähre aus sehen – und es kostet nicht einen einzigen Cent.
[O-Ton Touristin:]
"Das ist wunderbar. In Deutschland finden Sie sowas nicht, dass sie umsonst irgendwo 'rumfahren können."
Jim DeSimone von der New Yorker Transportbehörde allerdings hört den Begriff "for free" nicht so gerne. Als wir ihn im Ferry Terminal auf Staten Island treffen, klagt er über die hohen Steuern, mit denen auch der Fährbetrieb finanziert wird.
[zum Anhören klicken: O-Ton Jim DeSimone]
"It's considered part of the city's ...
Die Fähren sind Teil des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt. Staten Island ist ja sonst nur über die Verrazano-Brücke mit Brooklyn verbunden. Nach Manhattan gibt es keine andere Verbindung. Dass die Überfahrt gratis ist, liegt wahrscheinlich daran, dass einige Leute der Meinung sind, die einzige direkte Verbindung dürfe nichts kosten. Aber das ist eine politische Entscheidung, nicht die meine.
... a policy decision. It's not mine."
Ein Fährbetrieb zwischen Manhattan und Staten Island existiert schon seit dem 17. Jahrhundert. Damals wurden die Passagiere noch in Ruderbooten transportiert. Lange Zeit war der Transport in privater Hand, bevor er Ende des 19. Jahrhunderts von der Stadt New York übernommen wurde.
[O-Ton Jim DeSimone:]
"And in 1905 they christened ...
Und 1905 tauften sie fünf neue Schiffe, jedes nach einem Stadtteil benannt. Deshalb gilt das Jahr 1905 als Gründungsjahr für unseren Fährdienst. Letzten Oktober haben wir unser 100-jähriges Jubiläum gefeiert.
... celebrated its 100th anniversary."
Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nehmen die Fähren aus Sicherheitsgründen keine Autos mehr mit, nur noch Passagiere. Die größten können bis zu 6.000 Menschen transportieren. Und das sind längst nicht mehr nur New Yorker Pendler, sondern immer mehr Besucher. Die Staten Island Ferry gilt inzwischen als eine der beliebtesten Attraktionen für Touristen. Denn auch sie sind an Bord willkommen – selbst wenn der Steuerzahler dafür bluten muss.
[Atmo: "Thank you for riding the Staten Island Ferry."]
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Um noch einmal Frank Sinatra zu bemühen: New York ist eine Stadt, die niemals schläft, behauptet er in seiner Hymne – und das völlig zurecht! Millionen von Lichtern machen die Nacht zum Tag. Vor allem rund um den Times Square herrscht bis in die frühen Morgenstunden dichtes Gedränge. Restaurants, Kinos, Theater und Entertainment aller Art locken die New Yorker auch zu später Stunde noch aus dem Haus. Das Gleiche gilt für die unzähligen Kneipen und Bars. Bei diesem Überangebot den Überblick zu behalten, ist kompliziert. Deshalb bietet der Deutsche Volker Hanke von Insightseeing Tours Führungen für durstige Kehlen an. Bei seinem so genannten "bar cruising" steuert er aber weniger die angesagten Szene-Bars an, sondern vielmehr die kleinen Eckkneipen, wo die einfachen Menschen ihr Feierabend-Bierchen trinken und sich Touristen nur selten hin verirren. Eine gewisse Trinkfestigkeit ist beim "bar cruising" keine Bedingung, schadet aber auch nicht, denn ganz ohne Promille macht es nur halb so viel Spaß. Und in "Teufels Küche" kommt man sowieso.
Reportage (Radio hr4, 22.07.2006):
In der "Westside Story" haben sich hier die rivalisierenden Jugendbanden der "Jets" und der "Sharks" geprügelt. Hell's Kitchen, also Teufels Küche, war einst eines der heißesten Pflaster von Manhattan. Heute ein gemütliches Viertel, nur wenige Häuserblocks vom touristischen Zentrum am Times Square entfernt. Hier gibt es viele kleine Restaurants und Kneipen, wo die Preise noch bezahlbar sind. Die erste Station auf unserem Rundgang mit Volker Hanke ist Rudy's Bar + Grill.
[O-Ton Volker Hanke:]
"Ein sehr schöner Mix von Leuten: Schwarze, Weiße, Junge, Alte, Yuppies, reiche und arme Leute. Und eine ganz gemischte Jukebox: Jazz, Sinatra, wie man hört, Hard Rock und quer durchs Beet, alles vertreten."
[Sinatra-Musik]
Nachdem wir das erste Bierchen verkostet haben, nehmen wir uns noch ein zweites zum Nachspülen. Und schon "cruisen" wir weiter. Machen kurz einen Abstecher zur Siberia Bar, eine obskure Kellerkneipe mit ebenso obskurem Publikum. An der Wand jede Menge Devotionalien der alten Sowjetunion. Früher soll die Bar einem Russen gehört haben, der aussah wie Rasputin, erzählt Volker, und als KGB-Agent verhaftet wurde. Das nächste Bier aber nehmen wir in der Holland Bar. Winzig klein und vor allem von Stammgästen frequentiert.
[zum Anhören klicken: O-Ton Volker Hanke]
"Da war einer von den Leuten, der hieß Charlie, mal 'n paar Tage nicht da, da haben sie sich schon Sorgen gemacht. Und dann war er zwei, drei Tage später immer noch nicht da, dann haben sie 'n paar Anrufe gemacht und 'rausgefunden, Charlie war gestorben. Er lag tot in seinem Apartment und hatte keine Familie, Verwandte, und da haben sich also nur die Freunde aus der Bar um ihn kümmern können, haben 'n bisschen Geld zusammengeschmissen, das Günstigste war eben Verbrennung, die Asche in 'ner Urne und die hat man jetzt über der Bar geparkt, zwischen den beiden L von dem Holland-Bar-Schild."
Diese makabre und doch irgendwie rührende Geschichte muss sich erstmal setzen. Deshalb verlassen wir Hell's Kitchen und fahren mit der U-Bahn hinüber nach Queens, wo wir die nächtliche Skyline von Manhattan genießen. Dort, am Ufer des East River, hat man den besten Blick auf das Lichtermeer. Erst als der Durst zu groß wird, setzen wir unser "bar cruising" fort. Höhepunkt der Tour ist die Boxer-Kneipe Jimmy's Corner unweit des Times Square. Von außen unscheinbar, aber innen wie ein kleines Museum.
[O-Ton Volker Hanke:]
Jimmy Glenn, der Besitzer, hat also früher mit den verschiedensten Boxern gearbeitet und seine größte Bekanntschaft war natürlich Muhammad Ali. Und wenn man 'rein kommt, hängt auch gleich links die alte Ring-Glocke vom Madison Square Garden und die ganze Bar ist voll von Motiven aus dem Boxergeschäft: Plakaten von Kämpfen, historische Aufnahmen und all solche Sachen."
Der alte Jimmy, inzwischen in Ehren ergraut, steht immer noch jeden Abend hinterm Tresen. Er scheint zwar ein eher wortkarger Mann zu sein, aber als die Sprache auf seinen Freund Muhammad Ali kommt, taut er förmlich auf.
[zum Anhören klicken: O-Ton Jimmy Glenn, englisch]
"The best man in the world ...
Der beste Mensch der Welt, sagt Jimmy Glenn über Ali, er ist gütig und hilft jedem, dem er helfen kann.
- And as a boxer – was he really the greatest?
Als Boxer war er nicht von Anfang an der Größte, er hat sich zum Größten gemacht. Er war der anerkannteste Mensch der Welt.
... most recognized person in the world."
Darauf erheben wir die Gläser. Wir könnten noch lange hier sitzen oder durch weitere Bars "cruisen". In New York sind sie mindestens bis vier Uhr morgens geöffnet, und Volker Hanke hätte da noch einige Tipps auf Lager. Aber wegen der Zeitverschiebung sind alle ziemlich k.o. Und so läuten wir lieber die letzte Runde ein ...
[Atmo: Ring-Glocke]
... bevor wir endgültig ausgezählt werden.
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