rolf fröhlings reisereportagen
Mexiko
GITARREN, GÖTTER, GUACAMOLE
- faszinierende Entdeckungstour von Hochkultur bis Kochkultur
Viele glauben, Europa sei die Wiege der Zivilisation. Doch zur gleichen Zeit, als das Römische Reich im Entstehen war, entwickelten sich auch im heutigen Mexiko indianische Hochkulturen, die teils erst durch die spanischen Konquistadoren zerstört wurden. Hunderte von Ruinenstädten legen Zeugnis davon ab – und längst nicht alle wurden bisher (vollständig) ausgegraben. Die Tempelanlagen der Mayas, Azteken, Mixteken, Zapotken und wie sie alle heißen, gehören heute zu den größten Touristenattraktionen. Aber auch die vom kolonialen Stil geprägten Städte mit prachtvoll ausgestatteten Kirchen und weitläufigen Plätzen, die mächtigen Vulkane, die köstlichen Spezialitäten der mexikanischen Küche und nicht zuletzt die fröhlich stimmende traditionelle Musik machen Lust auf eine Entdeckungsreise in die neue alte Welt Mittelamerikas. Beispiele gefällig? Dann lesen Sie weiter!
Reportagen (Radio hr4, 22.11.2014; SWR4 RP, 05.08.2018:)
DER FREUNDLICHE MOLOCH
Bummel duch die Hauptstadt Mexico City
Mit rund 20 Millionen Einwohnern (inklusive Vororte) ist Mexico City eines der größten Ballungsgebiete der Welt. Ein Moloch zwar, aber von freundlicher Lebensart. Keine rivalisierenden Drogenbanden, die auf offener Straße Krieg führen. Meist geht es friedlich zu. Dafür sorgt schon eine auffallend hohe Polizeipräsenz. Auch die starke Luftverschmutzung, unter der die mexikanische Hauptstadt lange Zeit gelitten hat, ist längst Geschichte. Fahrverbote an bestimmten Wochentagen haben Wunder gewirkt. Die breiten Boulevards laden zum Bummeln ein, die schattigen Parks zum Verweilen. Zwar ist das historische Zentrum nicht ganz so gut erhalten wie in vielen anderen mexikanischen Städten, dennoch haben bekannte Architekten und Künstler auch hier unübersehbare Spuren hinterlassen. Allen üblen Klischees zum Trotz ist der Moloch Mexico City eine für Touristen attraktive Stadt – und dazu tragen seine Straßenmusiker nicht ganz unwesentlich bei.
Reportage (Radio hr4, 22.11.2014; Kurzfassung für SWR4 RP, 05.08.2018):
[zum Anhören klicken: Atmo Mariachi-Musik]
Allabendlich wird die Plaza Garibaldi zur Schaubühne der Mariachi-Gruppen. Hier geben sie Kostproben ihrer Kunst, und wer eine typische "Fiesta mexicana" feiern will, der kann sie vom Fleck weg mit nach Hause nehmen. Musik spielt eine wichtige Rolle im Leben der Hauptstädter. Indiz dafür sind auch die vielen Leierkastenmänner.
[zum Anhören klicken: Drehorgel-Musik]
Hier am Zentralplatz, dem Zócalo, steht die größte Kathedrale Amerikas. Wo früher ein aztekischer Tempelbezirk war, haben die spanischen Kolonialherren ein deutliches Zeichen des Katholizismus gesetzt.
Glanzpunkt im Innern ist ein ganz mit Blattgold überzogener Altar. Hierbei kopierten die Bauherren eine Verfahrenstechnik der indianischen Ureinwohner. So benutzten sie zum Beispiel den roten Farbstoff einer Laus.
[zum Anhören klicken: O-Ton Reiseleiterin Heike Arzapalo]
"Die Art, in der diese Holzaltare gemacht werden, sind: Man schnitzt das Holz, da macht man eine ganz dünne Stuckschicht drauf, dann kommt Cochinilla. Wenn man das sieht, unter dem Goldblatt sieht es ein bisschen rötlich aus – das ist diese Cochinilla. Dann aus dem Kakteenblatt kriegt man den Kakteensaft. Das ist ein wunderbares Fixierungsmittel, und daraus hat man das Goldblatt fixiert."
Unsere Reiseleiterin Heike Arzapalo, eine in Deutschland geborene Mexikanerin, nimmt uns anschließend mit zum Palacio Nacional. Der Innenhof des Präsidentensitzes ist über und über mit Wandmalereien des Künstlers Diego Rivera geschmückt. Sie erzählen die Geschichte Mexikos, angefangen beim Aztekenkönig Moctezuma:
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Wir sehen in der Mitte einen Mann, etwas hellhäutiger als alle andere – sehr interessant auch, was er künstlerisch damit sagen will – und dann hat er diesen grünen Kopfschmuck, und das ist nur aus Quetzalfedern gemacht. Die Leute, die neben ihm sitzen, die tragen diese Trachten, und dann sieht man, wie sich die Gesellschaft damals aufgeteilt hat: Einige kochen, einige schreiben. Und unten die Krieger. Die sind als Tiere angezogen wie z.B. Adler, Jaguare, Ozelote und dann noch ein paar Vögel."
Heike zeigt uns weitere historische Gebäude: das Postamt, wo Baumeister Adamo Boari einen kunterbunten Mix von Stilarten kombiniert hat. Oder: das neoklassizistische Theater der schönen Künste. Zumindest stellenweise erscheint Mexico City wie aus dem Ei gepellt, und das sei vor allem dem Milliardär Carlos Slim zu verdanken:
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Anfang von 2000 hat er ein Projekt angefangen, um den ganzen Stadtkern zu revitalisieren, wieder Leben in die Stadt zu bringen. Das heißt ganz viel Investment von der Privatinitiative, um die Gebäude zu sanieren, um neue Gebäude zu konstruieren. Das bringt dann wieder neues Leben, der Stadtkern soll wieder einladend sein."
Leider hat unsere Reisegruppe viel zu wenig Zeit für die Hauptstadt. Zum Abschied besuchen wir ein Lokal an der Plaza Garibaldi und genießen noch einmal die schönen Klänge der Mariachi-Musik.
[zum Anhören klicken: Atmo Mariachi-Musik]
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DER MYSTISCHE WALLFAHRTSORT
Besuch der Ruinenstätte Teotihuacán
Keiner weiß, wer ihre Bewohner waren, woher sie kamen und wohin sie gegangen sind. Fest steht, dass sie schon drei Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung eine Stadt gewaltigen Ausmaßes gegründet haben, deren Überreste noch heute Menschen aus aller Welt in Erstaunen versetzen. Teotihuacán, nordöstlich von Mexico City, hatte in seiner Blütezeit bis zu 200.000 Einwohner auf einer Fläche von mehr als 20 Quadratkilometern. Seine markantesten Bauwerke, die Sonnen- und die Mondpyramide stehen an Größe und Höhe den ägyptischen Pyramiden kaum nach. Bis zum 8. Jahrhundert nach Christus war die Stadt von dem rätselhaften Volk besiedelt, dann wurde sie aufgegeben. Aber noch Jahrhunderte später pilgerten die Azteken dorthin, um ihren Göttern Opfer darzubringen. Ein Wallfahrtsort ist Teotihuacán bis heute geblieben – wenn auch weniger aus religiösen als aus touristischen Gründen. Seit 1987 zählt die Ruinenstätte zum Weltkulturerbe. Sie bietet einzigartige Einblicke in die Welt der frühen Hochkulturen Mittelamerikas. Nur etwas Kondition müssen ihre Besucher schon mitbringen.
Reportage (Radio hr4, 22.11.2014):
[Atmo: Keuchen beim Treppensteigen]
Genau 248 Treppenstufen führen hinauf zur Spitze der Sonnenpyramide. 65 Meter ist sie hoch. Da gerät mancher ins Schwitzen, bis er endlich oben angekommen ist.
[zum Anhören klicken: O-Töne Touristen]
"Anstrengend. Steil und anstrengend, aber wenn man dann hier oben steht, da hat sich die Mühe gelohnt. Man sieht dann die Mondpyramide, man sieht dann das Tal, man sieht auch die anderen Ausgrabungen im Ganzen. Das ist schon beeindruckend."
"Es ist absoluter Wahnsinn, wenn man sich auch mal anguckt, wie groß das ganze Areal ist, welche Masse von Leuten hier gewohnt hat, wie viele unterschiedliche Anlagen, das ist schon beeindruckend, grad' auch von hier oben gesehen."
Die Sonnenpyramide steht im Zentrum der Ruinenstätte. Zu Ehren ihrer Götter haben die Teotihuacanos sie einst errichtet. Den heutigen Namen haben ihr erst die Azteken gegeben. Mit dem Sonnengott hatte sie ursprünglich gar nichts zu tun, erklärt Heike Arzapalo, unsere Reiseleiterin.
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Das ist dem Gott der Unterwelt gewidmet. Also, es ist im strengen Zusammenhang mit der Unterwelt und mit dem Wasser. Das mit dem Wasser wissen wir auch durch diesen natürlichen Tunnel, den man gefunden hat. Dort findet man Begräbnisse, an jeder Ecke der Sonnenpyramide, und da findet man Kinder, und Kinder wurden normalerweise dem Regengott geopfert."
Menschenopfer, um die Götter milde zu stimmen, waren an der Tagesordnung im alten Mexiko. Und Gottheiten gab es zuhauf. Meist in Tiergestalt. Auch Quetzalcóatl, die gefiederte Schlange, Hauptgott der Azteken und Mayas, wurde schon von den Teotihuacanos verehrt. Das beweisen symbolträchtige Bildnisse an den Mauern der Ruinen.
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Viele sagen ja, es ist eine Schlange, aber dann sagen andere, es sieht wie ein Raubtier aus, eine Echse, kann alles etwas von diesen Tieren haben. Das sind mythische Tiere, keine wahren Tiere. Also haben sie Motive, Elemente, Gesichtszüge von verschiedenen, die alle einen Zusammenhang mit der Natur haben, und zwar die gefiederte Schlange hat zwei Sachen – sie läuft immer durch die Erde, aber sie hat auch Federn, sie kann auch in die Luft fliegen."
Viele Mythen und Riten also scheinen hier ihren Ursprung zu haben. Die Faszination, die Teotihuacán auf nachfolgende Hochkulturen ausgeübt hat, ist bis heute ungebrochen. So besteigen Tausende von Esoterikern zur Tag- und Nachtgleiche im März und im September die Sonnenpyramide. Sie bringen Quarzsteine mit, um sie von magischen Strahlen aufladen zu lassen.
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Auch zum Beispiel vor über 20 Jahren, da gab es doch diesen Komet Halley. Den hat man auf der ganzen Welt gesehen, und in Mexiko konnte man ihn sehr, sehr gut sehen, da sind sie auch alle gekommen, weiß angekleidet, und die ganze Pyramide war bedeckt, bedeckt mit Leuten."
Die magischen Strahlen existieren nur in ihrer Einbildung. Aber die besondere Magie der Ruinenstadt kann jeder spüren, das ganze Jahr über. Deshalb wird Teotihuacán wohl noch lange ein Wallfahrtsort bleiben.
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DER RAUCHENDE POPO-DINGSDA
Wanderung am zweithöchsten Vulkan Nordamerikas
Teotihuacán, Quetzalcóatl – in Mexiko begegnen dem Reisenden aus Europa wahre Zungenbrecher. Da macht der prominenteste (wenn auch nur zweithöchste*) Vulkan Nordamerikas, der Popocatépetl, keine Ausnahme. In der Sprache der Ureinwohner bedeutete der Name so viel wie "Rauchender Berg". Genau 5.462 Meter ragt der Vulkankegel in den Himmel südöstlich der Hauptstadt Mexico City. Sein Gipfel ist fast ständig von einer Rauchfahne umhüllt. Seit seinem letzten Ausbruch vor 20 Jahren darf man aus Sicherheitsgründen nicht ganz hinaufsteigen, aber in mittleren Höhen, so um die 3.000 Meter, gibt es ein Netz von Wegen und Pfaden, auf denen Wanderer dem "Rauchenden Berg" ziemlich nahe auf die Pelle rücken können. Schade nur, dass der Popo-Dingsda so schwer auszusprechen ist.
Reportage (Radio hr4, 22.11.2014):
[Fuge aus der Geographie:]
"Ratibor. Und der Fluss Mississippi und die Stadt Honolulu und der See Titicaca. Der Popocatépetl liegt nicht in Kanada, sondern in Mexiko, Mexiko, Mexiko."
Tja, in der "Fuge aus der Geographie", da haben sie's drauf: Der Popocatépetl liegt nicht in Kanada, sondern in Mexiko, Mexiko, Mexiko. Anders als im Sprechkanon tun sich viele aus unserer Reisegruppe schwer mit der Aussprache:
[O-Töne Wanderer:]
"Schaff' ich nicht, schaff' ich einfach nicht."
"Mit P geht's los, aber keine Ahnung. Gib mir ein Stück Papier und ich lese es ab."
Schon der Konquistador Diego de Ordás hat den Vulkan bestiegen, und wir alle täten uns leichter, wenn die Spanier den indianischen Zungenbrecher umbenannt hätten – wie so vieles andere auch in Mexiko. Doch sie wollten oder konnten nicht, meint unsere Reiseleiterin Heike Arzapalo:
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Das war eine Zivilisation, die war stark entwickelt, und man konnte nicht alles so schnell zugrunde bringen und ersetzen durch das Spanische. Viele Orte haben Nahua-Namen. Hauptsächlich ist alles auf Nahuatl – zumindest hier im Hochland, weil das die Sprache der Mexicas, also der Azteken, gewesen ist."
Der Name Popocatépetl klingt umso exotischer, als die Landschaft zu seinen Füßen uns eher an heimatliche Gefilde erinnert. Dichter Nadelwald umgibt den Vulkan. Hier sieht es fast so aus wie im Schwarzwald.
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Das sind Tannen der Familie pinus hedwig, und die wachsen normalerweise nicht in so hohen Lagen. Also, das ist die einzige Stelle der Welt, wo sie auf fast 4.000 Meter wachsen."
Die Luft hier oben ist ziemlich dünn. Obwohl der Weg nur sanft bergauf führt, geraten wir bei unserer Wanderung schnell außer Atem. Den Popocatépetl im Rücken marschieren wir auf den Nachbarvulkan zu, der einen ebenso schwierigen Namen trägt.
[zum Anhören klicken: O-Ton Heike Arzapalo:]
"Iztaccíhuatl."
Wegen seiner Form wird er auch "Die schlafende Frau" genannt:
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Die Legende zu den zwei Bergen ist, dass der Popocatépetl ein Soldat gewesen ist, der in den Krieg gegangen ist und nicht wieder zurückgekommen. Dann hat sich die Frau Sorgen um ihn gemacht und letztendlich aufgegeben, und dann hat sie sich zum Schlafen hingelegt und ist in einen Berg verwandelt worden. Als der Soldat wieder aus dem Krieg gekommen ist und merkte, dass seine Geliebte zu einem Berg geworden war und dort schlief, hat er entschlossen auch sich in einen Berg zu verwandeln."
Der Iztaccíhuatl ist gut 200 Meter niedriger als der Popocatépetl und nicht mehr aktiv – deshalb bei Bergsteigern sehr beliebt. Wir Freizeitwanderer aber schauen uns seinen Gipfel nur von Ferne an, denn bei manchen löst die Höhe schon Kopfschmerzen aus:
(Atmo: Wanderer)
"Du hast GPS und kannst das da ablesen?" – "Doch höher als ich geschätzt habe: 3.773 Meter." – "Wie hoch gehen wir noch?" – "Bis 3.800."
Okay, das packen wir. Und bis dahin feilen wir noch ein bisschen an der richtigen Aussprache:
[zum Anhören klicken: O-Töne Wanderer]
"Popa-, Popo-ca-tépetl." – "... catepétl." – "Nee, nee. Das ist die drittletzte Silbe: Popocatépetl!"
Fast schon perfekt. Aber am besten klingt es immer noch so:
[Fuge aus der Geographie:]
"Der Popocatépetl liegt nicht in Kanada, sondern in Mexiko, Mexiko, Mexiko. Kanada, Malaga, Rimini, Brindisi ..."
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Hinweis:
*) Der höchste Vulkan Nordamerikas liegt übrigens auch in Mexiko und hat einen kaum leichter auszusprechenden Namen: Citlaltépetl (5.636 m).
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DIE WUNDERSAMEN STERNDEUTER
Besuch der Maya-Kultstätte Chichén Itzá
Die meisten Überreste der indianischen Hochkulturen findet man im Süden Mexikos, auf der Halbinsel Yucatán. Sie stammen vom Volk der Maya, die heute noch, teils unvermischt, in der Region leben. Ihre Vorfahren waren nicht nur große Baumeister, sie waren auch große Astronomen und Mathematiker. Deren Kalendersystem, das vermeintlich einen Weltuntergang im Dezember 2012 prophezeite, ist noch immer nicht vollständig entschlüsselt. Zu welchen wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen die Maya fähig waren, erfährt man am besten in der Ruinenstadt Chichén Itzá. Sie ist die größte Anlage ihrer Art in ganz Mexiko. Und obwohl die Kultur der Maya besser erforscht ist als beispielsweise die der Teotihuacanos, tauchen auch Besucher von Chichén Itzá in eine Welt voller Wunder und Geheimnisse ein.
Reportage (Radio hr4, 22.11.2014):
[Maya-Musik]
Chichén Itzá liegt mitten im Urwald Yucatáns. Im Zentrum der Kultstätte erhebt sich eine große Pyramide, "El Castillo", die Burg, genannt. An ihren vier Seiten führen insgesamt 365 Stufen hinauf, so viele wie das Jahr Tage hat. Die Ecken der Pyramide sind abgerundet. Durch diesen architektonischen Trick können Besucher zu Frühlingsanfang, je nach Sonnenstand, ein ganz besonderes Phänomen beobachten:
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Diese Ecken machen ein Schattenspiel, und dieses Schattenspiel spiegelt sich dann an den zwei Leisten, die an den Treppengeländern sind und bilden dann Dreiecke, die einer Schlange ähneln. Und am 21. März sieht es im Verlaufe des Tages so aus, als ob diese Schlange langsam die Treppe runterlaufen würde."
Mit diesem Schauspiel wollten die Priester der Maya das gemeine Volk beeindrucken, ihre eigene Bedeutung und die ihrer Götter ins rechte Licht rücken. Das ganze Leben war auf die Religion ausgerichtet. Auch die Astronomie war Teil davon. Der Morgenstern, die Venus, galt als eine der wichtigsten Gottheiten. In der Sternwarte von Chichén Itzá beobachteten die Priester den Nachthimmel.
]O-Ton Heike Arzapalo:]
"Welche Instrumente sie dafür benutzt haben, kennen wir sehr wenig. Und zwar haben sie alles aus vergänglichen Materialien gemacht: Knochenstücke, Holzstücke, Wasserbehälter. Wir finden Steine, die hohl sind, in Sternwarten. Daher weiß man, sie haben das als Spiegel benutzt und als ein Vergrößerungsglas."
Mit Hilfe der Sterne errechneten die Maya auch die Zeitzyklen ihres Kalenders. Sie kannten bereits Zahlen, die sie in bildhaften Zeichen hinterlassen haben. Ihr System unterscheidet sich aber grundlegend von unserem Dezimalsystem.
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Ein Punkt gilt 1, ein Barren gilt 5. Aber an der zweiten Stelle gilt das Pünktchen 20, an der dritten Stelle gilt es 20 hoch 2, an der vierten hoch 3 und so weiter und so fort."
Neben der Venus verehrten die Maya vor allem die Sonne. Ihr zu Ehren wurden im Stadion von Chichén Itzá rituelle Spiele abgehalten, mit einem Ball aus Kautschuk. In Stein gemeißelte Abbildungen sind an einer Mauer erhalten geblieben. Auf dem Ball ist ein Totenschädel zu sehen.
[O-Ton Heike Arzapalo:]
"Was passiert mit der Sonne jeden Abend, wenn sie unter die Erde geht? Wohin geht sie? In die Unterwelt! Und dann taucht sie wieder auf. Dieser Ball ist in engem Bezug mit der Sonne, weil die Sonne jeden Abend in die Unterwelt geht."
Ballspielplätze kennen wir schon von anderen Kultstätten der indianischen Urbevölkerung. Aber hier ist alles noch größer, noch beeindruckender als anderswo.
[O-Ton Tourist:]
"Ich würde das als Höhepunkt der bisherigen Erlebnisse bewerten, muss aber dazusagen, dass für mich immer interessant war, die Entwicklung zu verfolgen und dass man jetzt aufgrund dieses Höhepunktes einen Überblick bekommt über die Entwicklung der Zivilisation des Maya-Volkes."
[Maya-Musik]
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DIE DELIKATEN DELIKATESSEN
Kostprobe ungewöhnlicher Speisen und Getränke
Wer glaubt, dass die mexikanische Küche nur aus Tortillas und Bohnen besteht, der irrt. Zwar darf beides bei keinem guten Essen fehlen, aber was dazu serviert wird, ist sehr abwechslungsreich. Viel Hühnerfleisch kommt auf den Teller, viel Rindfleisch und in den Küstenregionen Fisch bzw. Meeresfrüchte. Vor allem die Soßen geben den Speisen eine ganz besondere Note. Die Bandbreite reicht von der grünen guacamole, einem Avocado-Dip, bis hin zur schwarzbraunen mole poblano mit Chili und Schokolade. Besonders im Süden des Landes sind die indianischen Einflüsse unverkennbar. Manche Speisen und Getränke allerdings, die bei den Einheimischen als Delikatesse gelten, erscheinen uns Mitteleuropäern doch reichlich delikat.
Reportage (Radio hr4, 22.11.2014:)
[Musik: "La Cucaracha"]
La cucaracha, die Kakerlake, steht zwar nicht auf ihrer Speisekarte, aber anderes Ungeziefer ist bei vielen Mexikanern durchaus beliebt. Das kann Francisca Cruz, Wirtin eines kleinen Restaurants im Bundesstaat Oaxaca, nur bestätigen:
[zum Anhören klicken: O-Ton Gastwirtin Francisca Cruz, spanisch]
"Hier im Dorf essen alle nicht nur Heuschrecken, chapulines, sondern auch chicapanas, eine Ameisenart. Ich selbst bin es nicht gewöhnt, aber in diesem Dorf ist es üblich. Besonders zur Regenzeit, wenn sie rauskommen, werden sie zu Hause gekocht und gegessen. Mit Chili und Knoblauch, dazu gibt es eine Soße. Das ist sehr, sehr lecker."
Für uns kocht Francisca keine chapulines und chicapanas, sondern amarillo, ein anderes traditionelles Gericht der Region: Huhn mit Chili und Knoblauch. Fettarm, sagt sie, deshalb sehr gesund. Zum Huhn reicht sie einen Kaktussalat; die Stacheln hat sie vorher entfernt. Alles in allem eine Mahlzeit ganz nach unserem Geschmack:
[O-Ton Gast:]
"Phantastisch, schmeckt hervorragend. Es ist vor allem für mich gerade passend deshalb, weil es weder zu scharf noch zu lasch ist. Hat genau die Mitte getroffen. Super!"
Den Geschmack seiner Gäste trifft meistens auch José Manuel Baños aus der Stadt Oaxaca. Nicht umsonst hat ihn sogar die renommierte "New York Times" auf ihrer Titelseite gefeiert. Der Starkoch schwört auf regionale Produkte aus organischem Anbau und auf einheimische Gewürze wie pasanta und pitiona.
Doch bevor sein Menü serviert wird, müssen die Gäste erst mal einen Mescal trinken. Zur Auswahl stehen zig verschiedene Sorten.
[zum Anhören klicken: O-Ton Starkoch José Manuel Baños, spanisch]
"Die werden alle aus Agaven gemacht. Es gibt mehr als 200 Agavenarten, aus deren Saft man Schnaps brennen kann. Agaven sind wie Trauben, der Geschmack hängt vom Klima ab, vom Boden und von den Umweltbedingungen."
Aber auch bei ihrem Nationalschnaps sind die Mexikaner nicht zimperlich. In vielen Mescal-Flaschen schwimmt ein toter Wurm. Dass einige von uns bei dieser Vorstellung die Nase rümpfen, kann José Manuel Baños nur teilweise nachvollziehen.
[O-Ton José Manuel Baños:]
"Das ist eigentlich eine kulturelle Frage, ob das eklig schmeckt oder nicht. Für uns ist es ein guter Geschmack in Mexiko. Aber der eigentliche Grund für den Wurm in der Flasche ist reines Marketing. In einem guten Mescal sollte kein Wurm sein, weil er sonst den Geschmack von dem Wurm annimmt."
Würmer allerdings werden nicht nur getrunken, sondern auch gegessen – schön knusprig gebraten, mit einer würzigen Soße. Nur vor einem schrecken sogar die Mexikaner zurück:
[Musik: "La Cucaracha"]
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