rolf fröhlings reisereportagen
Malta
MULTI-KULTI AM SÜDLICHSTEN ZIPFEL EUROPAS
Tief im Süden Europas, wo die Sonne nicht verstaubt, sondern von einem meist wolkenlosen Himmel herablacht, da liegt Malta. Ein Zwergstaat mitten im Mittelmeer, bestehend aus drei Inseln: dem kleinen Malta, dem noch kleineren Gozo und dem winzigen Comino. Sie sind seit der Steinzeit besiedelt und wurden im Laufe ihrer langen Geschichte von den unterschiedlichsten Völkern beherrscht – von Phöniziern, Römern, Arabern, Briten (um nur einige zu nennen). Alle haben Malta irgendwann einmal erobert, unterworfen, kolonisiert. Und alle haben ihre Spuren hinterlassen. Bis heute prägt diese Vielfalt Sprache, Kultur und Erscheinungsbild des Inselstaates, der erst vor rund 40 Jahren die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte und seit Mai 2004 Mitglied der Europäischen Union ist. Die gut 300.000 Malteser sind ein Multi-Kulti-Völkchen, mehrsprachig und weltoffen. Und so verkraften sie alljährlich mehr als eine Million Touristen. Doch diese modernen Eroberer kommen meist in friedlicher Absicht: wegen der zahlreichen Sehenswürdigkeiten, um Wassersport zu treiben, um Englisch zu lernen – oder alles auf einmal.
Reportagen (Radio hr4, 16.10.2004, 15.01.2005; hr-iNFO, 19.02.2005):
GESCHICHTLICH
von Kreuzrittern und Tempelbauern
Malta ist ein felsiges Eiland. Es gibt mehr Steilküste als Sandstrände. Deshalb bietet es für den klassischen Badeurlauber weniger Reize. Die Hauptinsel ist stark zersiedelt. Mehr als 90 Prozent der rund 380.000 Malteser leben dort. Die Bevölkerungsdichte ist die höchste in ganz Europa. Vor allem im Sommer sucht man vergebens üppiges Grün. Die Insel wirkt karg und vertrocknet. Deshalb kommt auch der Naturliebhaber kaum auf seine Kosten. Doch Malta hat andere Reize: landschaftlicher und kultureller Art. Siebentausend Jahre Geschichte ziehen hier am Auge des Betrachters vorbei, mehr als irgendwo sonst auf der Welt, komprimierter und vielseitiger als irgendwo sonst auf der Welt.
Reportage (Radio hr4, 16.10.2004):
[Musik: "Qamar Kwinta" von Etnika]
Ein bisschen orientalisch, ein bisschen mediterran – die traditionelle maltesische Musik ist so multikulturell wie das ganze Land. Denn auch sie war immer wieder neuen Einflüssen ausgesetzt. Wegen seiner strategisch günstigen Lage und seiner Naturhäfen wurde Malta zum Spielball der Mächte rund um das Mittelmeer. Die wohl deutlichsten Spuren haben die Kreuzritter des Johanniterordens hinterlassen. Fast drei Jahrhunderte beherrschten sie die Inseln. Sie bauten mächtige Befestigungsanlagen und prächtige Kirchen. Davon können wir uns bei einer Insel-Rundfahrt überzeugen.
[zum Anhören klicken: Atmo Turmuhr St. John's Co-Cathedral]
Eines der imposantesten Gotteshäuser, die uns Stephen Degiorgio, unser Guide, zeigt, ist die Kathedrale der Hauptstadt Valletta. Sie trägt den eigentümlichen Namen St. John's Co-Cathedral.
[O-Ton Stephen DeGiorgio:]
"It explains the significance ...
Der Name kommt daher, erläutert Stephen, dass diese Kirche der Kathedrale von Mdina untergeordnet ist. Erst nach dem Abzug der Johanniter wurde sie zur zweiten Bischofskirche erhoben neben der von Mdina.
... the one in Mdina."
Maltas Ko-Kathedrale ist von außen eher schlicht, aber innen entfaltet sie barocke Pracht. Berühmte Künstler wirkten an ihrer Ausstattung mit. Allen voran der italienische Maler Caravaggio mit seinem Monumentalwerk "Die Enthauptung Johannes des Täufers". Aber schon lange vor den Kreuzrittern wurden in Malta Sakralbauten errichtet. Die Überreste von prähistorischen Tempelanlagen zeugen noch heute von den Baukünsten eines unbekannten Steinzeit-Volks. Die älteste von ihnen ist fast 7.000 Jahre alt. Unser Guide führt uns nach Hagar Qim, mit rund 5.000 Jahren einer der am besten erhaltenen Tempel.
[zum Anhören klicken: O-Ton Stephen Degiorgio]
"The closest example you find ...
Die einzig vergleichbare Anlage in der Welt ist Stonehenge in England, das von 2.800 vor Christus stammt. Diese hier ist von 3.200 vor Christus, die älteste von 3.800. Sie ist älter als die ersten Pyramiden in Ägypten, die etwa um die gleiche Zeit entstanden sind wie dieser Tempel hier.
... the same date as this temple over here."
Seine Mauern bestehen aus meterhohen Steinquadern. Das Werk von Riesen, glaubten die Malteser früher. Wer die Baumeister wirklich waren und wie sie die tonnenschwere Last bewältigten, weiß auch Stephen Degiorgio nicht und wird wohl nie restlos geklärt werden.
[Atmo: Motorboot]
Kein Menschenwerk jedenfalls ist die Blaue Grotte an Maltas Südküste. Man kann sie nur mit dem Boot erreichen. Das Meer hat tiefe Höhlen in den Fels gegraben und das seichte Wasser schimmert unwirklich blau.
[O-Ton Bootsführer Peter:]
"That's what the reflection of the sun reflects underneath, that makes the water blue. The more the sun, the more it will be blue."
Das kommt von der Spiegelung der Sonnenstrahlen, meint Peter, unser Bootsführer. Je mehr Sonne, desto blauer wird's. Experten allerdings führen das Naturschauspiel auf Blaualgen zurück, die hier im Wasser wachsen. Beeindruckend ist es allemal. Und am Ende unserer Insel-Tour haben auch die Skeptiker ihre Liebe zu Malta entdeckt. Manchmal dauert es eben etwas länger, bis der Funke überspringt:
[O-Töne Touristen:]
"Auf gar keinen Fall Liebe auf den ersten Blick, sondern erstmal so: Huuups, was ist das hier? Sehr karg, sehr trocken. Aber wenn man dann ein paar Tage hier ist, sich ein bisschen umguckt, ist die ein oder andere Besonderheit, die man halt nicht so oft sieht."
"Auf den dritten Blick vielleicht, aber es ist die massivste Zusammenballung von wunderbaren Bauwerken, die ich je gesehen hab'. Super!"
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Maltas "kleine Schwester" Gozo ist nicht ganz so karg, nicht ganz so trocken und längst nicht so dicht besiedelt. Kenner halten sie deshalb auch für die auffallend hübschere Schwester der Hauptinsel. Hier gibt es die schöneren Sandstrände und wahre Paradiese für Taucher und Schnorchler. Einige der schönsten Flecken allerdings sind nur schwer zugänglich. Um zu den Geheimnissen Gozos vorzudringen, ist deshalb der Jeep das beste Verkehrsmittel. Nicht ganz so bequem vielleicht wie der klimatisierte Reisebus, aber mit einem Hauch von Freiheit und Abenteuer. Auch geführte Jeep-Safaris werden angeboten und sind gar nicht mal so teuer.
Reportage (Radio hr4, 16.10.2004):
[Atmo: Hupe]
Wer hupt, lebt länger auf Gozo. Besonders vor engen Kurven und unübersichtlichen Stellen. Denn man weiß ja nie, wer einem entgegen kommt. Zum Glück fährt Roger vorne weg. Unser Guide kennt Gozo wie seine Westentasche. Und seinen Jeep nutzt er sogar privat. Für Berührungsängste mit dem ungewohnten Gefährt sieht er überhaupt keinen Grund.
[zum Anhören klicken: O-Ton Jeep-Guide Roger Cauchi Inglott]
"You don't need experience ...
Man braucht keine Erfahrung, um einen Jeep zu fahren. Ich erkläre euch alles. Auch wenn ihr den Allradantrieb zuschalten müsst, dann zeige ich euch, wie das geht. Ich hab' immer Leute dabei, die noch nie vorher einen Jeep gefahren haben. Es ist leicht zu lernen und es macht Spaß.
... to learn at all and they really enjoy it."
Eines der ersten Ziele, das Roger ansteuert, ist Gozos schönster Strand. Er ahnt wohl, wie sehr wir uns danach sehnen.
[Atmo: Meeresrauschen]
Endlich feiner gold-gelber Sand, so weit das Auge reicht. Und selbst an diesem herrlichen Sonntagvormittag keineswegs überlaufen. Eine Stunde gibt uns Roger zum Schwimmen und Sonnenbaden, dann geht's weiter. Von der Küste hoch hinauf zur Zitadelle von Victoria. Wie ein Adlernest thront sie auf einem Felsen über Gozos kleiner Hauptstadt. Früher bot sie allen Insulanern Schutz bei feindlichen Angriffen. Heute, erzählt uns Roger, leben nur noch zwei Menschen dort.
[zum Anhören klicken: O-Ton Roger Cauchi Inglott]
"There is one old lady ...
Da ist eine alte Dame. Sie heißt Anna. Sie hat die Zitadelle noch nie verlassen, um nach Victoria hinunter zu gehen, obwohl das nur ein paar Meter sind bis in die Stadt. Ihr gefällt es einfach zu gut hier oben. Und jetzt ist sie alt und gehbehindert. Ihr Sohn ist Pfarrer der Kirche direkt gegenüber. Die Familie ist sehr klein, aber sie lebt ganz nah beisammen.
... just a few meters of each other."
Ein kleines, uriges Restaurant gibt's noch auf der Zitadelle. Genau richtig für einen kurzen Imbiss zur Mittagszeit. Danach eine erste Zwischenbilanz. Wie fällt er aus, der Vergleich zwischen den beiden Schwester-Inseln?
(O-Ton Touristin:)
"Gozo ist wesentlich kleiner, übersichtlicher, grüner und... – das Essen war super gut, also der Gozo-Käse. Kann man nur empfehlen."
Frisch gestärkt, besteigen wir unsere Jeeps und ab geht's wieder hinunter ans Meer. Auf engen, steinigen Pfaden tasten wir uns an der Nordküste entlang. Ein normaler Pkw wäre hier längst stecken geblieben. Aber mit unseren Geländeautos erreichen wir mühelos die abgelegenen Salzpfannen. Hier haben schon die alten Römer Salz aus Meerwasser gewonnen.
[O-Ton Roger Cauchi Inglott:]
"Today the procedure, the process for catching ...
Heute geht das Verfahren viel schneller, denn sie benutzen Maschinen, um das Meerwasser heraufzupumpen und die Salzpfannen zu füllen. Damals wurde das noch per Hand gemacht. Heute wird das Salz immer noch mit einem Besen zusammengekehrt und mit einem Spaten abgeschöpft. Aber das Füllen der Pfannen geht mit den Maschinen viel schneller als früher.
... than they used to fill them up in the past."
Das Highlight der Tour schlechthin hat sich Roger für den Schluss aufgehoben: das "Azure Window" an der steilen Westküste von Gozo. Dieses Fenster im Felsen ist das wohl meistfotografierte Motiv der Insel. Und im Meer drumherum tummeln sich jede Menge Fische. Zum Glück hat unser Guide einen Schnorchel mitgebracht, den er auch gerne mal verleiht.
Dann neigt sich unsere Safari langsam dem Ende zu. Noch ein, zwei Fotostopps und schon nähern wir uns dem Hafen, wo die Fähre zurück nach Malta wartet. Gozo per Jeep, das hat sich hundertprozentig gelohnt:
[O-Ton Touristin:]
"Ich find's ganz toll. Ich hab' das schon mal auf Mallorca gemacht, man lernt's Land viel besser kennen."
An diesem Sonntag allerdings sind wir leider nicht die einzigen, die Gozo unsicher gemacht haben. Eine kilometerlange Autoschlange vor dem Fähranleger. Und gegen einen solchen Stau ist man sogar mit dem Jeep machtlos.
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Hinweis:
*) Im Jahr 2017 ist das Azure Window bei einem Sturm vollständig eingestürzt.
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GENÜSSLICH
traditionelle maltesische Küche
Vom Gozo-Käse, der aus Ziegenmilch gemacht wird, haben wir schon gehört. Er ist eine Spezialität auf den maltesischen Inseln. Der Käse wird gerne als Vorspeise gereicht, mit viel Pfeffer, dazu Bohnen, Tomaten, Oliven und Wurst. Das kleine Malta hat seine ganz eigene Geschmackswelt entwickelt. In den großen Touristenzentren wie Sliema oder St. Julians dominieren zwar die Allerweltsrestaurants mit Pizza, Pasta oder Hamburger. Doch es gibt sie noch, die traditionelle maltesische Küche. Ein echter Geheimtipp ist das Restaurant "Ir-Razzett L-Antik", zu deutsch: das alte Bauernhaus. Es liegt etwas abseits in der Stadt Qormi, aber der Weg lohnt sich.
Reportage (Radio hr4, 16.10.2004):
[Musik: "Tal Hahat" von Etnika]
[zum Anhören klicken: Atmo-Ton James Perry Zammit, maltesische Begrüßung]
James Perry Zammit, der Wirt des "Ir-Razzett L-Antik" heißt auf Maltesisch alle Gäste willkommen. Er will sein Bestes tun und verspricht einen Service, der von Herzen kommt. Das Restaurant in dem 300 Jahre alten Gebäude ist seine Idee gewesen, er hat es aufgebaut und oft steht der Chef noch selbst am Herd.
[Atmo: brutzelnde Zwiebeln in der Pfanne]
Traditionelle Küche wie im 18. Jahrhundert will James seinen Gästen bieten. Und die war damals schon so vielseitig wie kaum eine andere in Europa. Mit den ständig wechselnden Herren der Inseln wechselte auch die Speisekarte der Bewohner. Kaninchen beispielsweise, heute eine Art Nationalgericht, steht erst seit rund 200 Jahren drauf.
[zum Anhören klicken: O-Ton James Perry Zammit]
"Actually in the time of the knights ...
In der Zeit der Kreuzritter war es verboten Kaninchen zu essen. Deshalb versteckten's die Malteser in einer Pastete. Aber als die Franzosen kamen und die Ritter verjagten, wurde Kaninchen erlaubt. Dann kamen die Engländer, führten die Kartoffel ein, und wir fingen an Pommes zu machen. Heute essen wir gebratenes Kaninchen mit Pommes frites.
... have fried rabbit with chips."
Kaninchen wird auch im "Ir-Razzett L-Antik" gereicht, nicht aber Pommes. Da bleibt James standhaft. Stattdessen gekochte oder gebratene Kartoffeln, viel Gemüse, Fisch und alle erdenklichen Sorten von Fleischgerichten. Besonders empfiehlt der Küchenchef "bean olive", eine maltesische Roulade nach Art des Hauses:
[O-Ton James Perry Zammit:]
"All it is, is a thin rumpsteak ...
Das ist ein ganz dünnes Rumpsteak mit einer selbst kreierten Füllung. Ich nehme den gepfefferten Gozo-Käse, schneide ihn in kleine Stücke und fülle damit das marinierte Rindfleisch. Ich lege es für zwei bis drei Stunden in Malzbier ein, tu' Gewürze und Zwiebeln dazu, dann wird es etwa anderthalb Stunden gegart, bis die Käsefüllung geschmolzen ist. Das ist einfach süperb!
... melts in the inside, it's just superb!"
Zum Dessert gibt's weißen Nougat und allerlei Gebäck mit viel Zimt und anderen köstlichen Gewürzen. Für uns mitteleuropäische Gäste ein ganz neues Aroma-Erlebnis:
[O-Ton Tourist:]
"Ich muss sagen, ich bin einfach überwältigt und angenehm überrascht. Ich bin gerade beim Kaffee und muss sagen, eine fantastische Idee, in diesen Kaffee Nelken reinzutun. Das gibt dem Ganzen eine orientalische Geschmacksrichtung, die so überraschend daherkommt und so überwältigend ist. Ich muss einfach sagen, ich bin begeistert."
Eine weitere Köstlichkeit, die Malta für seine Besucher bereit hält, sind die so genannten Pastizzi – gefüllte Blätterteigtaschen, am besten ofenfrisch. Die dürfen im "Ir-Razzett L-Antik" natürlich nicht fehlen. Es gibt sie aber auch an jeder Straßenecke zu kaufen. Für den kleinen Hunger zwischendurch.
[O-Ton Touristin:]
"Super-lecker, hätt' ich nicht gedacht. Also, war sehr viel gefüllt von diesem Käse. Das ist so 'ne Art Frischkäse. War lecker und das war für 'ne Mahlzeit eigentlich ausreichend."
Aber gegen zwei oder drei von der Sorte ist nichts einzuwenden. Schließlich sollte man auch mal eine andere Füllung ausprobieren: Pastizzi mit Erbsenpüree zum Beispiel, mit Fleisch oder Anchovis. Das Angebot ist fast so vielfältig wie die gesamte maltesische Küche. Multi-kulti eben auch kulinarisch!
[Musik: "Tal Hahat" von Etnika]
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Die Malteser sprechen sehr gut Englisch. Schließlich war ihr Land mehr als 150 Jahre britische Kolonie. Und die Sprache der ehemaligen Kolonialherren ist neben Maltesisch nach wie vor Amtssprache. So bietet sich Malta förmlich an, um Englisch zu lernen oder verlorene Kenntnisse wieder aufzufrischen. Mehr als 40 Sprachschulen gibt es mittlerweile in dem kleinen Inselstaat. Eine der etablierten ist das Sprachcaffe, ein Unternehmen mit Sitz in Frankfurt, das Sprachschulen in der ganzen Welt betreibt. Seine Englisch-Kurse in Malta besuchen jährlich etwa 3.000 Schüler aller Altersklassen. Denn im Gegensatz zu England herrscht dort ein prima Klima – und das liegt nicht nur am Wetter.
Reportage (Radio hr4, 15.01.2005; hr-iNFO, 19.02.2005):
[Musik: "Do you speak English? – Honey, I do." von Chris Roberts]
Naja, für einen kleinen Flirt am Strand reicht es vielleicht noch, aber sonst hapert es mit den Englisch-Kenntnissen. Vor allem die Vokabeln fehlen. Nicht nur bei mir.
[zum Anhören klicken: O-Ton Englischlehrer Barry]
"I know this is advanced English but you are an advanced class. So you've got to do things like this. This is what I expect you to know, understand and use."
Ihr seid in einer Klasse für Fortgeschrittene, das müsst ihr können, ermahnt uns Barry, der "teacher", wenn wir wieder mal nur "Bahnhof" verstehen. Das Niveau ist anspruchsvoll, aber schließlich wollen wir ja was lernen. Nicht nur die Jungen, die noch vor ein paar Jahren die Schulbank gedrückt haben, auch wir älteren Semester.
[O-Ton Englisch-Schülerin Eva-Maria:]
"Also, ich hab' vor 30 Jahren mittlere Reife gemacht und mein Englisch ist ganz schlecht mittlerweile. Und jetzt hab' ich gedacht, vielleicht brauch' ich's noch mal für den Job – und wenn nicht, für mich persönlich. Ja, und es macht mir richtig Spaß hier."
Ähnlich wie Eva-Maria, 46, aus dem badischen Sinzheim, denkt auch Herbert, 56, aus dem hessischen Trebur. Für einen Sprachkurs gibt es immer einen guten Grund:
[O-Ton Englisch-Schüler Herbert:]
"Gerade weil ich älter bin und selten Gelegenheit habe, Englisch zu reden, hab' ich so 'n verlorenes Englisch, das heißt, es ist irgendwas da, aber es ist nicht parat. Und dieser Kurs gibt mir Gelegenheit, diese Kenntnisse, die ja vorhanden sind, aufzufrischen und zu reaktivieren."
[Musik: "Do you speak English? Alles okay..."]
In den Klassen sind Schüler aus aller Herren Länder: Italiener, Spanier, Ungarn, Polen. Und natürlich viele Deutsche. Eine fröhliche Multi-kulti-Gesellschaft, wie sie zu Malta passt. Dass die meisten in seinem Kurs erst zwischen 20 und 30 sind, macht Herbert nichts aus. Im Gegenteil:
[O-Ton Englisch-Schüler Herbert:]
"Die Lebensart hängt doch davon ab, wie jung – oder auch bei dem ein oder anderen – wie alt man sich fühlt. Ich fühl' mich jung, deshalb hab' ich da eigentlich überhaupt keine Probleme."
Und das herrliche Ambiente tut ein Übriges, dass alle sich wohl fühlen. Die Anlage des Sprachcaffes in Malta erinnert ein wenig an den Club Méditerranée. Die Unterkünfte sind in unmittelbarer Nähe der Schule. Es gibt ein großes Freizeitangebot fast rund um die Uhr. Das bisschen Lernen nebenbei geht da fast ganz von allein.
[O-Ton Thomas Rieger:]
"Wir sind nicht nur ein Schulgebäude, wo du dich vor allem als älterer Schüler fühlst, als wärst du zurück in der Schule, sondern wir haben eben ein Schulgebäude, wo die Leute wohnen, essen, Spaß haben, Urlaub machen, da wir auch Grünanlagen haben, den Swimming-pool in der Mitte der Schule. Wir wollen den Urlaub mit Sprachurlaub verbinden."
Thomas Rieger vom Management des Sprachcaffes in Malta möchte gar nicht mehr zurück nach Deutschland. Besonders im Winter ist er froh über das prima Klima:
[O-Ton Thomas Rieger:]
"Hier auf Malta herrschen gute 10, bis sogar 12 Monate gutes Wetter. Wenn wir zu Hause bei Minusgraden Weihnachten feiern, sitzen wir vielleicht am Strand bei 18 Grad und genießen die Sonne, was zu Hause nicht möglich ist. Deswegen ist Malta auch ganzjährig auf jeden Fall ein Reiseziel."
Okay. Dann also: "Merry Christmas and see you again next year!"
[Musik: "Do you speak English? – Honey, I do."]
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Englisch wird immer wichtiger. Im Alltag und im Beruf. Um einen Sprachkurs zu besuchen, können Arbeitnehmer in Hessen und einigen anderen Bundesländern deshalb Bildungsurlaub nehmen. Auch die Intensivkurse im Sprachcaffe auf Malta sind gesetzlich anerkannt. Fünf Tage zusätzlichen Urlaub pro Jahr muss der Arbeitgeber dafür genehmigen und bezahlen. Trotzdem wird diese Möglichkeit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, bundesweit kaum genutzt. In Hessen beispielsweise nehmen seit Jahren nur 0,5 Prozent der Beschäftigten ihren Anspruch auf Bildungsurlaub wahr.
Reportage (Radio hr4, 15.01.2005):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[O-Töne Umfrage unter Passanten:]
Wie oft haben Sie schon in Ihrem Leben Bildungsurlaub genommen?
"Noch nie."
Warum nicht?
"Weil ich keine Zeit dazu hatte und glaube, auch gut gebildet zu sein."
"Und dann mit Familie und zwei Kindern, dann hab' ich da keine Möglichkeit gesehen. Außerdem hab' ich mich fortgebildet privat, Zeitschriften gelesen und all diese Dinge gemacht."
Es gibt viele Gründe, keinen Bildungsurlaub zu nehmen – selbst wenn man damit die Möglichkeit verschenkt, seinen Horizont zu erweitern, ohne den kostbaren Jahresurlaub zu opfern. Auch die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger kann nur mutmaßen, woran es liegt, dass gerade mal jeder 200. Arbeitnehmer in ihrem Bundesland das zusätzliche Angebot nutzt.
[O-Ton Silke Lautenschläger:]
"Sicher spielt die allgemeine wirtschaftliche Lage und die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt eine Rolle, dass sich Beschäftigte überhaupt melden. Die Beschäftigten müssen natürlich auch die Seminargebühren selber tragen. Das wird manchmal gescheut, denn man muss es ja durchaus auch als etwas sehen, was einen weiterbringt."
An fehlender Information könne es jedenfalls nicht liegen, meint die Ministerin. Es gebe eine Broschüre, umfangreiche Materialien im Internet, und das zuständige Fachreferat in ihrem Hause stehe für Auskünfte jederzeit zur Verfügung. Informationen scheinen auch notwendig, denn nicht jeder Sprachkurs beispielsweise wird auch als Bildungsurlaub anerkannt. Das gibt Barbara Tiemann, die Referatsleiterin im Ministerium, zu bedenken:
[O-Ton Barbara Tiemann:]
"Beschäftigte in Hessen können einen Sprachkurs als Bildungsurlaub nehmen, wenn sie mit dieser Sprache, die sie da erlernen wollen, in ihrem Beruf zu tun haben, entweder aktuell oder zukünftig bei ihrem Arbeitgeber."
Doch gerade bei Englisch fällt dieser Nachweis in aller Regel leicht. Und in vielen Fällen sind die Kursgebühren auch steuerlich absetzbar. Die Vorteile liegen also auf der Hand. Damit aber kein Missbrauch mit dem Bildungsurlaub getrieben wird, will Silke Lautenschläger alle derzeit noch anerkannten Kurse einer genauen Prüfung unterziehen:
[O-Ton Silke Lautenschläger:]
"Unter dem Gesichtspunkt: Wie werden die betrieblichen Aspekte dort noch stärker abgebildet? Das scheint auch der Bereich zu sein, wo dann die Nachfrage und die Akzeptanz für so etwas steigt, wenn man sieht, das ist wirklich etwas, das mir etwas bringt, auch im beruflichen Bereich, und wo auch der Arbeitgeber erkennt, das bringt dem Arbeitnehmer etwas. Das heißt, solche Zielsetzungen müssen noch deutlicher und klarer in vielen Veranstaltungen definiert werden."
Die Schrauben werden also künftig angezogen, so scheint es. Ob dies auch Auswirkungen auf das Sprachcaffe und auf Malta haben wird, ist noch völlig offen. Aber wer auf Nummer Sicher gehen will, sollte vielleicht nicht allzu lange warten, um seinen Englisch-Kurs zu buchen. Wer weiß, wie lange der Gesetzgeber Sprachkurse im sonnigen Süden noch als Bildungsurlaub durchgehen lässt?
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