Mainz Rhein Theodor-Heuss-Brücke Christuskirche

Rolf Fröhlings Reisereportagen

Mainz (Rhein)

          

GESCHICHTEN AUS DER HEIMAT

Wer mein Profil angeschaut hat, weiß, dass ich in Mainz lebe – und das seit mehr als 40 Jahren. Von hier aus bin ich in die Ferne geschweift und tue es teilweise immer noch. Aber das nahe liegende Gute habe ich lange Zeit vernachlässigt. Das möchte ich jetzt nachholen und in loser Folge Geschichten aus meiner Heimatstadt präsentieren. Geschichten, die (im weitesten Sinne) mit den Themen Reisen und Tourismus zu tun haben. Denn die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz muss sich nicht verstecken. Sie hat viel zu bieten für Gäste aus Nah und Fern.

Mainz Rhein Theodor-Heuss-Brücke Christuskirche
Titelfoto: Blick über den Rhein auf Mainz

Reportagen (Allgemeine Zeitung Mainz):

"SONDERZUG NACH LUMMERLAND"

lustige Zielanzeigen der Vlexx-Bahnen

 

Vlexx Zug Mainz Hauptbahnhof
Titelfoto: "Sonderzug nach Lummerland" im Mainzer Hauptbahnhof

    

 

Na, haben Sie auch schon mal auf einem kalten, zugigen Bahnsteig gestanden, Ihr Zug hatte wieder mal Verspätung und Ihre Laune näherte sich allmählich dem Nullpunkt? So geht es auch vielen Fahrgästen am Mainzer Hauptbahnhof. Aber dann rollt plötzlich auf dem Nachbargleis ein blauer Triebwagen der Vlexx GmbH vorbei, und die gute Laune kehrt zumindest für einen kurzen Moment zurück. Der Grund: Auf der Stirnseite des Zuges werden oft in Leuchtschrift fröhlich oder gar lustig klingende Fahrtziele und Botschaften angezeigt. Statt "Frankfurt (Main) Hbf" oder "Saarbrücken Hbf" steht dann da zum Beispiel "Ei gude!", "Nächster Halt: Bett" oder eben "Lummerland Hbf".

Vlexx Triebwagen Frühling
Diesel-Triebwagen unterwegs in Rheinland-Pfalz (Foto mit freundlicher Genehmigung der Vlexx GmbH)
Vlexx Zug Vogelperspektive
Elektro-Triebwagen aus der Vogelperspektive (Foto mit freundlicher Genehmigung der Vlexx GmbH)
Vlexx Zug Grube Reden
Elektro-Triebwagen an der Grube Reden im Saarland (Foto mit freundlicher Genehmigung der Vlexx GmbH)
Vlexx Zug Waschanlage
Vlexx-Zug in der Waschstraße auf dem Mainzer Betriebsgelände (Foto mit freundlicher Genehmigung der Vlexx GmbH)
vlexx bahnhof gonsenheim
RB 31 bei der Einfahrt in den Bahnhof Mainz-Gonsenheim
Vlexx Zielanzeige Alzey
Reguläre Zielanzeige "Alzey"

Reportage (nur für diese Webseite, veröffentlicht am 05.02.2026; Printversion für die Allgemeine Zeitung Mainz, 28.02.2026):

Die kleine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer – alle Fans der Augsburger Puppenkiste kennen sie bestens und viele andere natürlich auch. Ein kleines Eiland, welches Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mit ihrem alten Dampfross "Emma" tagtäglich mehrmals umrunden. Ein Eiland aber auch, welches nur der Phantasie des Kinderbuchautors Michael Ende entsprungen ist. Dass "Lummerland" als lustiges Fahrtziel an den Vlexx-Zügen aufleuchtet, geht letztlich auf einen ehemaligen Mitarbeiter der Betriebsplanung zurück. Vor rund einem Jahrzehnt hatte er die Idee zu den etwas anderen Zielanzeigen, erzählt Frauke Blech, die Pressesprecherin des Bahnbetreibers, und er stieß damit auf offene Ohren:

Augsburger Puppenkiste Lummerland Hbf
Lummerland Hbf im Puppentheater
Vlexx Zug Depot Zielanzeige Lummerland
Vlexx-Zug nach "Lummerland Hbf"
Vlexx Zug innen Zielanzeige Lummerland
Zielanzeige "Lummerland Hbf" im Zug

[O-Ton Frauke Blech:]
"Es fing langsam an mit Texten wie 'Zug fährt schlafen' oder 'Kaffeepäuschen'. Das waren eher humorvolle Zielanzeigen, die wir integriert haben. In den vergangenen zehn Jahren ist es so gewachsen, dass wir weitere Zielanzeigen dazugenommen haben. Wir haben dann auch Vorschläge aus der Verwaltung und aus dem Betrieb mit aufgenommen. Zusätzlich hat sich das Marketing eingebracht. Mittlerweile haben wir neben den regulären Zielanzeigen für Linien und Orte über hundert ergänzende, kreative Anzeigen im Einsatz."

Denn Lummerland & Co. kommen nur zum Zuge, wenn die Züge sozusagen außer Dienst sind, wenn sie längere Zeit am Bahnsteig stehen, wenn sie ins Depot fahren oder in die große Wartungshalle neben dem Mainzer Bahnhofsgelände. Dann kann es sein, dass ein "Triebfahrzeugführender", wie es im Fachjargon heißt, auf sein Display schaut, durch die lange Liste scrollt und dann die Zielanzeige auf "Hogwarts Express" (Harry Potter lässt grüßen) stellt oder auf "WARP-Geschwindigkeit" (für alle Star-Trek-Fans) oder oder oder. Die Auswahl ist seit Beginn vor zehn Jahren enorm gewachsen. Und jeder hat so seine persönlichen Favoriten, auch Frauke Blech:

Originalton 0:13

[zum Anhören klicken: O-Ton Frauke Blech]

"Also, ich bin ja so 'n Science-fiction-Fan, und für mich wäre das tatsächlich 'Zurück in die Zukunft', weil das auch einer meiner Lieblingsfilme ist, und das finde ich dann immer ganz witzig."

Die Reaktionen auf die humorvollen Zielanzeigen seien bislang durchweg positiv. Es habe zwar noch keine eigenen Umfragen unter den Bahnreisenden gegeben, aber die zahlreichen Fotos und Kommentare auf Social-media-Plattformen sprächen Bände.

[O-Ton Frauke Blech:]
"Die humorvollen Zielanzeigen werden auch im Betrieb positiv wahrgenommen. Rückmeldungen erhalten wir persönlich oder auch über unsere Mitarbeitenden-App, in der wir unsere Kolleginnen und Kollegen innerbetrieblich darauf aufmerksam machen, dass viele humorvolle Zielanzeigen zur Verfügung stehen. Aber auch über Social Media erhalten wir positive Rückmeldungen zu den Zielanzeigen."

Vlexx Zug Führerstand
Suche nach lustigen Zielanzeigen
Vlexx Zielanzeigen Display nah
Zielanzeigen auf dem Display
Vlexx Zug Zielanzeige Hogwarts Express
Harry Potter lässt grüßen

Denn die Zeit bleibt nicht stehen. Es gibt immer neue Trends, und neue Vorschläge – auch seitens der Fahrgäste – werden gerne aufgegriffen. Deshalb kommt Jahr für Jahr ein Update. Vorher wird geschaut, welche Texte sind noch aktuell, welche kann man vielleicht löschen, welche kann man vielleicht hinzufügen. Erst kürzlich neu mit aufgenommen in die Liste wurden deshalb zwei Zielanzeigen mit Pokémon-Bezug. Ob und wie oft sie zum Einsatz kommen, hängt vom individuellen Geschmack der "Triebfahrzeugführenden" ab. Jahreszeitlich wiederkehrende Klassiker wie "Helau" oder "Frohe Ostern" dagegen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit schon bald wieder für (etwas) bessere Laune sorgen an den Bahnhöfen in der Region.

 

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DIE EISENBAHNER MIT HUMOR
- was Sie schon immer über Vlexx wissen wollten

Das Bahnunternehmen mit den humorvollen Zielanzeigen bedient seit 2014 Strecken im sogenannten Dieselnetz Südwest – vor allem in Rheinland-Pfalz, aber auch im Saarland und in Hessen. Im Sommerhalbjahr gibt es zudem eine Verbindung nach Weißenburg/Wissembourg im Elsass. Vlexx steht demgemäß für "Vier-Länder-Express" und war das Resultat eines Namenswettbewerbs, an dem sich auch die Öffentlichkeit beteiligen konnte.
Die wichtigste Verbindung im Vlexx-Streckennetz ist der RE 3 von Frankfurt am Main über Mainz, Bad Kreuznach und Idar-Oberstein nach Saarbrücken. Der Regionalexpress bedient auch den Frankfurter Flughafen. Zu erkennen sind die Vlexx-Züge an den blauen Diesel-Triebwagen vom Typ Alstom LINT (= Leichter innovativer Nahverkehrstriebwagen). Nur im Saarland verkehren auf einigen Strecken weiß lackierte Elektro-Triebwagen vom Typ Bombardier Talent 3.
Die Vlexx GmbH gehört zu einem Geflecht aus Eisenbahngesellschaften, an deren Spitze die italienische Staatsbahn Ferrovie dello Stato steht. Sitz der deutschen Tochter (oder eigentlich: Urenkelin) Vlexx ist Mainz. Auf dem weitläufigen Betriebsgelände unweit des Hauptbahnhofs gibt es nicht nur ein modernes Verwaltungsgebäude, sondern auch eine Wartungshalle, wo die "Blaue Flotte" regelmäßig gecheckt und instandgehalten wird. Dazu eine vollautomatische Waschanlage, die so groß ist, dass drei Zugeinheiten hintereinander hineinpassen.
Laut der Webseite von Vlexx befördern ihre Bahnen jährlich 14 Millionen Menschen. Die allerdings brauchten besonders in der Anfangszeit ebenfalls viel Humor, denn die Züge des damals neuen Anbieters fielen häufig aus oder hatten Verspätung; es gab einfach nicht genug Personal. Alles musste sich erst einspielen. Heute sieht die Pünktlichkeitsbilanz besser aus, auch wenn immer noch nicht alles nach Plan läuft – wie Kritiken von Fahrgästen auf einschlägigen Internet-Portalen zeigen. Ich selbst allerdings habe bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht, wenn ich mit Vlexx-Zügen unterwegs war.

 

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GÄSTE-BOOM

warum immer mehr Touristen kommen

 

Mainz Stadtführung Marktplatz Heunensäule
Titelfoto: Stadtführung mit Annette Jucknat

         

 

Was hat Mainz mit den Metropolen New York, Rio, Tokio gemeinsam? Einen neuen Rekord beim Tourismus im vergangenen Jahr! In Mainz waren es zuletzt 1,19 Mio. Übernachtungen, ein Plus von 2,6 Prozent gegenüber 2024. Das klingt zunächst nicht allzu beeindruckend, aber es war mehr als der Landes- und auch mehr als der Bundesdurchschnitt. Und es war der dritte Rekord in Folge. Warum besuchen immer mehr Menschen die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt? Woher kommen sie? Woher kannten sie Mainz? Welche Erwartungen hatten sie? Und wie gefällt es ihnen hier? Um das herauszufinden, haben wir Touristinnen und Touristen bei zwei Stadtführungen begleitet – eine in deutscher und eine in englischer Sprache. Denn gut dreiviertel aller Gäste in Mainz kommt aus Deutschland, knapp ein Viertel aus aller Welt.

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 19.04.2026):

Annette Jucknat ist unser Tourguide bei der deutschsprachigen Führung. Sie empfängt uns vor der Tourist-Information am Markt und begleitet uns für die nächsten anderthalb Stunden auf einem Rundgang durch das „Goldene Mainz“. Der Titel der Führung, erzählt sie, bezieht sich auf die mittelalterliche Bezeichnung „Aurea Moguntia“, wie Mainz wegen seines Reichtums und der herausragenden Stellung der Kurfürst-Erzbischöfe genannt wurde. Die Tour führt vom Markt Richtung Rheinufer, über den Fischtorplatz zurück zum Markt, von dort zum Gutenbergplatz und über den Ballplatz durch die Altstadt bis zum Kirschgarten. Es wird ein Querschnitt durch die lange Geschichte der Stadt von der Römerzeit bis heute.

Zwischen den einzelnen Stationen der Tour gibt es immer mal wieder Gelegenheit mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Dabei stellt sich heraus, dass auffällig viele aus Köln und Umgebung angereist sind. Kein Zufall, wie auch Annette Jucknat bestätigt. Durch den Karneval sei ihr Interesse an Mainz geweckt worden, meint ein Kölner Ehepaar. Zwei junge Damen aus dem Rhein–Erft-Kreis machen gerne zusammen Städtereisen, waren letztes Jahr in Heidelberg und Speyer, da kamen sie auch an Mainz vorbei und wollten es jetzt endlich mal besuchen. Sie lassen sich gerne von Reise-Dokus im Fernsehen inspirieren. Ihnen gefällt die Mischung aus Altem und Neuem. Sie wollen sich auch noch Wiesbaden anschauen und einen Abstecher nach Rüdesheim machen. Eine vierköpfige Gruppe aus der Nähe von Stuttgart hat sich für einen Wochenendtrip nach Mainz entschieden, weil es mit der Bahn gut zu erreichen sei. Sie interessieren sich für die Geschichte der Stadt und haben sich Karten für das „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF besorgt. Auch das Ehepaar aus Köln wollte gern zum ZDF und hat dort bereits am Vortag an einer Führung teilgenommen.

Nicht wenige Gäste haben eine persönliche Beziehung zu Mainz. Ein Ehepaar aus Nordhessen erzählt, sie hätten vor dreißig Jahren eine Zeitlang hier gelebt, seien damals aber beruflich stark eingebunden gewesen und hätten deshalb kaum Gelegenheit gehabt, die Stadt richtig kennenzulernen. Das wollten sie jetzt nachholen und als Höhepunkt am Abend eine Oper anschauen. Ein junger Familienvater berichtet, er sei in Mainz geboren, aber in Düsseldorf aufgewachsen. Er habe viele Jahre im Ausland gelebt, zuletzt in den USA, und wollte seinem zwölfjährigen Sohn jetzt seine Heimatstadt zeigen. Und der Junior? Dem gefällt es, vor allem das deutsche Essen. Die Mutter ist Spanierin und ebenfalls zum ersten Mal in Mainz. Als studierte Philologin interessiert sie sich besonders für Johannes Gutenberg. Deshalb waren sie auch schon zusammen im Museum.

Mainz Gutenbergplatz Stadtführung
Stadtführung auf dem Gutenbergplatz
Mainz Dom Innenansicht
Stadtführung im Dom St. Martin
Mainz Augustinerstraße Stadtführung
Stadtführung in der Augustinerstraße

Die Gründe, Mainz zu besuchen, sind also so vielfältig wie die Stadt selbst. Das zeigt sich auch tags darauf bei der englischsprachigen Führung mit Claudia Krehl. Ihre Tour führt vom Markt über den Alten Dom St. Johannis, den Leichhof und die Augustinerstraße und endet mit einer Besichtigung des Hohen Doms St. Martin. Die Gruppe ist deutlich kleiner: zwei junge Italienerinnen und eine Familie aus South Carolina in den USA. Amerikaner zählen zu den häufigsten ausländischen Nationen, die nach Mainz kommen, neben Franzosen und Spaniern, erklärt Claudia Krehl. Hauptattraktionen seien Gutenberg, die Chagall-Fenster in der Stephanskirche, das Jüdische Welterbe und der Wein.
Die Familie aus South Carolina dagegen hatte keine festen Vorstellungen von dem, was sie in Mainz erwarten würde. Sie kamen auf Einladung ihrer Schwiegertochter in spe aus Bad Kreuznach. Ihr Verlobter, der jüngere Sohn, sei bei der US-Armee in Wiesbaden stationiert, und sie wollten ihn in Deutschland besuchen, bevor sein Militärdienst hier zu Ende geht. Der ältere Sohn hatte schon von Mainz gehört, durch die Fußball-Bundesliga. Er habe selbst nach der Schule „Soccer“ gespielt, erzählt er, und zocke gerne das Video-Spiel „FIFA“ auf der Playstation. Daher kenne er Mainz 05. Der Name Gutenberg als Erfinder des Buchdrucks hingegen sei ihnen zwar bekannt gewesen, nicht aber seine Verbindung zu Mainz. Dennoch teilen Vater und Sohn das Interesse an Geschichte. Die Altstadt gefalle ihnen sehr: „Wir lieben es, wir haben ja in den USA nicht so viele historische Städte.“
Die beiden jungen Damen aus der Nähe von Neapel wollten eigentlich ein verlängertes Wochenende in Frankfurt verbringen, aber sie fanden es dort auf Dauer zu langweilig, deshalb folgten sie einer Empfehlung von Freunden und machten einen Ausflug nach Mainz. Hier gefällt es ihnen besser als in Frankfurt: eine lebendige Stadt zum gemütlichen Herumschlendern, so ihr Eindruck. Begeistert hat sie vor allem der Dom, aber auch die römische Vergangenheit, in der sie Teile ihrer eigenen italienischen Geschichte wiederfanden.

Zum Schluss beider Führungen die Frage an alle: Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann zurückzukommen ins „Goldene Mainz“? Die Antworten reichen von „ja, warum nicht?“ bis hin zu „ja, auf jeden Fall!“. Kein einziges Nein ist zu hören, nicht mal ein unentschlossenes Schulterzucken. Dennoch werden die beiden Stadtführerinnen gelegentlich auch mit Kritik konfrontiert. So berichtet Claudia Krehl, dass manche Gäste die Stadt zu schmutzig fänden und/oder sich über die vielen Baustellen beschwerten. Zudem seien manche enttäuscht, dass seit der Corona-Pandemie keine Weinproben mehr angeboten würden. Es fehle eine Vinothek in der Stadt.
Ihre Kollegin Annette Jucknat hat schon Klagen gehört, dass die Grünphasen an den Fußgängerampeln zu kurz seien. Dies falle ihr auch selbst immer wieder auf, wenn sie mit einer größeren Gruppe unterwegs sei. Außerdem zeigten sich einige Gäste enttäuscht, dass das Museum für Antike Schifffahrt geschlossen ist, nachdem sie es zuvor gegoogelt und gerne besucht hätten.
Es gibt also noch das eine oder andere zu verbessern, damit Mainz für Touristen weiterhin attraktiv bleibt und auch künftig den Metropolen New York, Rio, Tokio nacheifern kann.

 

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IM WINTER PIZZABÄCKER, IM SOMMER STRASSENJONGLEUR

Mainz Straßenjongleur Mattia Gomaraschi
Titelfoto: Straßenjongleur Matti in Mainz-Gonsenheim

           

 

Manche fühlen sich von ihnen genervt, andere fühlen sich bestens unterhalten. Die Rede ist von den Straßenjongleuren, die seit einigen Wochen wieder an belebten Kreuzungen ihre Kunststücke vorführen. Sie nutzen die Rotphasen der Ampeln, um auf mehr oder minder virtuose Art Bälle oder andere Gegenstände in die Luft zu werfen und möglichst gekonnt wieder aufzufangen, ohne dass sie zu Boden fallen. Kurz bevor die Ampel auf Grün springt, laufen die Jongleure an der Schlange der wartenden Autos entlang und bitten um eine Geldspende. Wer sind diese meist jungen Leute? Woher kommen sie? Wie haben sie das Jonglieren gelernt? Ich habe mit einem von ihnen gesprochen und möchte ihn gerne vorstellen:

Mainz Straßenjongleur mit Bällen
Pablo aus Chile jongliert mit 5 Bällen
Mainz Straßenjongleur mit Hut
Straßenjongleur Pablo mit (Spenden-)Hut
Mainz Straßenjongleur mit Einrad
Straßenjongleur mit Einrad

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 30.05.2026):

Mattia Gomaraschi – Künstlername: Matti – ist ein ganz besonderer Straßenjongleur. Ich treffe ihn an der großen Kreuzung im Mainzer Stadtteil Gonsenheim, wo die Weserstraße von Norden und die Koblenzer Straße von Süden auf die Mainzer Straße treffen. Hier sind häufig Jongleure zu beobachten, weil die Ampelphasen bis zu einer Minute dauern. Genug Zeit für eine kurze artistische Vorführung und anschließende noch kürzere Sammelaktion. Auch Matti kommt deshalb gerne hierher. Aber er wirft nicht nur gekonnt seine drei Keulen in die Luft, er balanciert dazu noch auf einer Leiter. Schon fast zirkusreif, seine Nummer. Vor fünf Jahren hat er mit dem Jonglieren angefangen, erzählt der 29-Jährige auf Englisch in einer Verschnaufpause: „Ich habe es ein paar Mal probiert mit Freunden, hab mich gleich darin verliebt. Sie fragten mich, ob ich mit ihnen komme und lerne, wie man richtig jongliert. Das hat mir gut gefallen: das Reisen, die glücklichen Menschen. Das hat auch mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich konnte fremde Städte kennenlernen, verschiedene Kulturen.“
Viele der Jongleure sind aus Südamerika. Auch Pablo, der Kollege, der sich an diesem Tag die Gonsenheimer Kreuzung mit Matti teilt, ist Chilene. Er selbst aber kommt aus Italien, genauer gesagt: aus dem Trentino im Norden des Landes. Seine Familie betreibe dort mehrere Restaurants. Er habe von klein auf mitgearbeitet. Und auch jetzt noch kehre er jeden Winter in seine Heimat zurück und helfe beim Pizzabacken.
In der warmen Jahreszeit reist Matti quer durch Europa, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Kreuzung zu Kreuzung. Seit einem Monat pendelt er zwischen Frankfurt, Wiesbaden und Mainz. Übernachtet mal im Hostel, auch schon mal unter der Brücke, berichtet er grinsend, selten im Hotel, meistens in seinem kleinen Auto. Und häufig auch bei Kollegen aus der Jonglierszene. Denn es sei eine große internationale Community: „Wenn man das eine Weile gemacht hat, findet man viele Freunde, und man wächst eng zusammen“, berichtet er. Um noch mehr Gleichgesinnte kennenzulernen, besucht er zudem regelmäßig die „European Juggling Convention“, ein großes Festival für Jongleure, das jeden Sommer in einem anderen Land stattfindet, zuletzt 2025 im niederländischen Arnheim.

Mattia Gomaraschi Straßenjongleur mit Leiter
Matti jongliert auf einer Leiter

Irgendwann möchte Matti selbst Profi werden, im Zirkus auftreten. Aber bis dahin sei es noch ein weiter Weg. Am Anfang habe er jeden Tag bis zu acht Stunden trainiert: „Als Jongleur braucht man viel Übung, aber auch als Pizzabäcker braucht man fünf Jahre, um den Job zu beherrschen.“
Vor einem Jahr habe er dann noch die Leiter als zusätzliches Element in seine Show eingebaut. „Im ersten Monat habe ich einen Tag damit gearbeitet, dann war ich so kaputt, dass ich zwei Tage schlafen musste; das ist sehr anstrengend, und man muss dauernd aufpassen auf den Verkehr, dass man nicht umfällt und von einem Auto überfahren wird.“ Die oberste Sprosse der Leiter ist 1,50 m hoch, sein Kopf dann auf einer Höhe von mehr als drei Metern. „Wenn man stürzt, kann es sehr schmerzhaft werden, du kannst dir das Bein brechen oder sogar den Hals.“ Es fühle sich an, als ob man fliegen würde, aber man dürfe sich keine Fehler erlauben, und man brauche einen guten Gleichgewichtssinn. „Man muss also immer sehr fokussiert sein, aber dann macht es richtig Spaß und gibt eine gute Energie.“
Immer wieder bekomme er anerkennende Worte von Menschen, die selbst beruflich auf Leitern steigen müssen. Die zeigten sich dann beeindruckt, was man alles damit machen kann. Überhaupt seien die Reaktionen der Autofahrerinnen und Autofahrer, gerade in Deutschland, überwiegend positiv. Nur selten erlebe er Ablehnung. „Erst gestern hab ich hier ein älteres Ehepaar getroffen; die haben gesagt, ich soll mal zeigen, was ich kann. Also gab ich mein Bestes, und sie haben freudig gelächelt. Dann bin ich mit meinem Hut los; bei den ersten beiden Autos hatte ich kein Glück, beim dritten Auto hat eine Frau die Scheibe heruntergelassen und gesagt: ‚Warum machst du das? Das ist doch gefährlich.‘ Sie fand es nicht gut. Das war lustig, weil ich im selben Moment zwei ganz unterschiedliche Reaktionen bekommen habe.“

Mattia Gomaraschi Straßenjongleur sammelt Spenden
Matti geht mit dem Hut von Auto zu Auto

Und was bringt er so ein, sein Job? In der Stunde zwischen 15 und 40 Euro, verrät Matti offenherzig. Am großzügigsten, weil am entspanntesten, seien die Leute an den Wochenenden. Manche, die ihn schon mehrfach gesehen hätten, gäben sogar 20 Euro auf einmal. Deshalb verändere er auch ständig sein Showprogramm, damit es für die „Stammkunden“ nicht langweilig werde.
Jedenfalls verdiene er mit dem Jonglieren genug Geld zum Überleben und zum Reisen, und er könne sogar ein paar Euro sparen für einen kleinen Wohnwagen, den er sich irgendwann kaufen wolle. Als gemütliches Plätzchen zum Übernachten und als Stauraum für seine Ausrüstung. Auf Dauer sei ein Rucksack einfach zu wenig.
Wie lange Matti noch in Mainz und der Region seine Kunst ausüben wird, weiß er nicht. Vielleicht einen Monat, vielleicht länger. Im Gegensatz zu seinen Kollegen aus Südamerika, die nur eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis in Deutschland haben, kann er als Italiener und EU-Bürger so lange bleiben, wie er will. Auch wohin es danach gehen soll, ist noch offen. Vielleicht Belgien, vielleicht Spanien, vielleicht sogar in ein tropisches Land, sagt er mit einem Leuchten in den Augen.
Fest steht nur: Im Winter geht es wieder nach Hause ins Trentino – zur Familie und zum Pizzabacken!

 

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KUNSTFREIHEIT VS. VERKEHRSREGELN

Rein rechtlich bewegen sich die Straßenjongleure in einer Grauzone. Nach der Straßenverkehrsordnung gelten sie als Fußgänger und dürfen sich nicht länger als nötig auf der Fahrbahn aufhalten. Dem gegenüber steht die im Grundgesetz garantierte Kunstfreiheit. Deshalb drücken die Behörden in vielen Städten beide Augen zu. Auch die Polizei in Mainz sieht kein Problem, "solange der fließende Verkehr nicht beeinträchtigt wird. Sollte dies doch der Fall sein, könnte es sich um eine Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer handeln, die mit einem Verwarngeld geahndet werden könnte". Im Übrigen handele sich um eine "Sondernutzung" der Straße nach Gemeinderecht. Dafür sei die Stadt Mainz zuständig – sprich: das Recht- und Ordnungsamt. Auch von dort heißt es, die Jonglage werde im Rahmen der Kunstfreiheit geduldet, sofern die "Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs" nicht beeinträchtigt wird.
Problematisch sei jedoch das "Erbitten von kleinen Gaben"; dies stuft die Mainzer Ordnungsbehörde – anders als etwa bei einem Straßenmusiker in der Fußgängerzone, der nur seinen Hut aufstellt und Passanten nicht aktiv um Spenden bittet – als "aufdringliches Betteln" ein, da es Verkehrsteilnehmer nicht dulden müssten, dass sie, während sie im Auto sitzen, von außen mit entsprechenden "Bitten" konfrontiert werden, ohne sich der Situation entziehen zu können.
Es habe daher an der fraglichen Kreuzung im Stadtteil Gonsenheim auch schon "Platzverweise" gegeben. Die gälten allerdings nur 24 Stunden, und regelmäßige Kontrollen würden nicht durchgeführt. 
Auch der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) hat eine differenzierte Meinung zum Thema Straßenjongleure. Einerseits warnt er vor möglichen Unfällen durch abgelenkte Fahrer, verlorene Requisiten oder Stürze. Andererseits seien die Ampelartisten mit ein wenig Toleranz und Augenzwinkern auch eine Bereicherung des Straßenbildes und hätten sich an manchen Tagen nicht nur ein Lächeln, sondern sicherlich auch den einen oder anderen Euro redlich verdient, heißt es auf adac-shop.de.

Mainz Straßenjongleur mit Ringen
Jonglieren wird oft toleriert, betteln eher nicht

 

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MAINZELMÄNNCHEN UND SCHOPPEGLÄSER

wofür Kreuzfahrttouristen Geld ausgeben

 

Mainz Schiff Aurelia
Titelfoto: Touristen der "MS Aurelia" beim Landgang

           

Mainz Kreuzfahrtschiff MS Aurelia
"MS Aurelia" am Mainzer Winterhafen vor Anker
Mainz Kirschgarten Stadtführung
"Kreuzfahrer" bei Stadtführung am Mainzer Kirschgarten
Mainz Gästeführerin Daphne Neu
Gästeführerin Daphne Neu (rechts)
Mainz Weinhaus Bluhm
Schnappschuss vom Weinhaus Bluhm in der Altstadt
Mainz Stadtführung Domplatz
"Kreuzfahrer" auf dem Domplatz
Mainz Schirm Lieb
Individuelles Geschäft "Schirm-Lieb"

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 17.07.2026):

Die „MS Aurelia“ hat gerade am Winterhafen angelegt, auf ihrer Rückfahrt von Basel nach Köln. Immer freitags geht der Luxusliner im Dienste von Phoenix Reisen in Mainz vor Anker. Rund 200 Passagiere sind mit ihm rheinauf, rheinab unterwegs. Nur wenige Minuten nach der Ankunft strömt ein Großteil von Bord. Die einen wollen die Stadt auf eigene Faust erkunden, andere haben eine Bus-Tour gebucht und wieder andere eine Führung zu Fuß. Letztere wird begleitet von Gästeführerin Daphne Neu. Sie fragt zu Beginn, was ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Mainz verbinden. – Die Fastnacht, Biontech, der Dom und die Mainzelmännchen, lauten die häufigsten Antworten. Die lustigen ZDF-Maskottchen gehören auch zu den beliebtesten Souvenirs, verrät sie. Amerikaner fragten oft nach Wein, ein Tourist aus Asien habe auch schon mal Spundekäs mit nach Hause nehmen wollen, aber bei den deutschen Gästen seien vor allem „Schoppe“-Gläser und eben Mainzelmännchen angesagt.
Das ist auch Kreuzfahrtbegleiter Ralf John aufgefallen. Immer wieder suchten Passagiere nach T-Shirts mit Mainzelmännchen-Motiv für ihre Enkel, aber nirgendwo in der Stadt würden sie fündig. Was das Einkaufen im Allgemeinen betrifft, so Johns Erfahrung, würden die Kreuzfahrttouristen „08/15-Läden“ meiden. Individuelle Geschäfte, die es nicht in jeder Stadt gibt, hätten die besten Chancen. Als Beispiel nennt er das „Toscana Mainz“ in der Altstadt, das unter anderem „handverlesene“ Heimtextilien verkauft. Und dessen Geschäftsführer Martin Dellee bestätigt: „Die Leute sind im Urlaub, haben gute Laune, da geben sie schon mal Geld aus.“
Die Gäste bei der Führung an diesem Freitag sind weniger am Shoppen interessiert: „Wir sind eher kulturell unterwegs“, sagt eine Frau aus Solingen. Eine Frau aus Köln fügt hinzu: „Wir sind ja immer sehr eng an die An- und Ablegezeiten gebunden, da bleibt nicht viel Zeit.“ Und eine Passagierin aus Sachsen-Anhalt meint: „Wir gehen vielleicht mal ein Eis essen. Einkaufen können wir ja überall.“

Mainz Stadtführung Augustinerstraße
"Kreuzfahrer" in der Augustinerstraße
Mainz Mainzelmännchen Souvenir
Mainzelmännchen-Souvenirs
Mainz Toscana Heimtextilien
Heimtextiliengeschäft "Toscana Mainz"

Wenn schon nicht einkaufen, dann wenigstens irgendwo gemütlich einkehren? „Nein“, sagt eine Frau aus Solingen, „man kriegt ja auf dem Schiff so viel zu essen.“ Und ein Mann aus dem Bergischen Land: „Auf dem Schiff wird man ja so verwöhnt. Man kann nicht noch mehr essen und trinken.“ Ein anderer Mann aus Bielefeld meint immerhin: „Wir gehen heute Abend vielleicht noch einen Wein trinken, weil wir erst um 22 Uhr weiterfahren.“ Er würde gerne noch etwas länger bleiben, um Mainz richtig kennenzulernen, und sieht es als Problem für die Städte, in denen das Schiff anlegt, dass sie in einem „ganz strengen Korsett drin“ seien: „Die Kreuzfahrttouristen konsumieren eigentlich gar nichts, weil sie keine Zeit dazu haben.“
Und so strömen die meisten nach der Stadtführung ohne volle Mägen und ohne volle Einkaufstüten auf direktem Weg zurück zum Winterhafen und zur „MS Aurelia“. Um 19 Uhr gibt’s Abendessen an Bord. Das ist im Reisepreis inbegriffen, drum wollen sie es nicht verpassen.
Dennoch sind die Rhein-„Kreuzfahrer“ in Mainz gern gesehene Gäste. Anders als zum Beispiel in Venedig, wo vor den Beschränkungen rund 1,6 Millionen Menschen mit Kreuzfahrtschiffen in die Stadt kamen und auch jetzt noch drei- bis viermal so viele wie in Mainz, hält sich ihre Anzahl vergleichsweise in Grenzen. Und auch wenn unsere Probe aufs Exempel dies nicht wirklich untermauert, heißt es vom Wirtschaftsdezernat der Stadt: „Insgesamt profitieren sowohl der Einzelhandel als auch die Gastronomie von Kreuzfahrttouristen.“
Trotzdem sieht Phoenix-Reiseleiter John noch Verbesserungsmöglichkeiten. Er verweist auf Koblenz, wo man sich auf die spezielle Klientel der „Kreuzfahrer“ eingestellt habe. Dort gebe es zwei Geschäfte mit Wein und Produkten aus der Region in Ufernähe. Seiner Ansicht nach bräuchte auch Mainz einen Souvenir-Shop direkt am Schiffsanleger, am besten mit Mainzelmännchen-T-Shirts in Kindergrößen: „Der könnte ein Vermögen verdienen!“

 

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NACH MAINZ DER LIEBE WEGEN

 

Gabriel Espinoza Ecudor Fußball-WM
Titelfoto: Gabriel Espinoza freut sich auf die WM

             

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist in vollem Gange. Erstmals nehmen Mannschaften aus 48 Ländern rund um den Erdball teil. In einer Artikel-Serie stellt die Allgemeine Zeitung Mainz Menschen aus diesen Ländern vor, Menschen, die zwar woanders geboren, aber oft schon vor vielen Jahren in Mainz sesshaft geworden sind. Wie ist ihre Lebensgeschichte? Woher kommen sie? Wie hat es sie nach Mainz verschlagen? Wie haben sie sich hier eingewöhnt? Wie verfolgen sie die WM und wem drücken sie die Daumen?
Zum Beispiel der gebürtige Ecuadorianer Gabriel Espinoza, der im Jahr 2000 aus Südamerika nach Mainz kam, der Liebe wegen. Aber die Liebe zu seiner alten Heimat am Äquator ist auch heute noch ungebrochen

Deutschland-Ecuador im Garten von Gabriel Espinoza
"Public Viewing" im Garten von Gabriel Espinoza
Deutschland-Ecuador auf der Leinwand Totale
Szene aus dem WM-Spiel Deutschland-Ecuador
Deutschland-Ecuador auf Leinwand Nahaufnahme
Weitere Szene aus dem WM-Spiel Deutschland-Ecuador

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 24.06.2026):

Donnerstag, der 25. Juni 2026, ist ein ganz besonderes Datum für Gabriel Espinoza: Da feiert er nicht nur seinen 52. Geburtstag, da trifft auch seine alte Heimat Ecuador bei der Fußball-Weltmeisterschaft auf seine neue Heimat Deutschland. Das soll gebührend gefeiert werden, mit Familie und Freunden, darunter auch viele Südamerikaner. In seinem Garten im Stadtteil Münchfeld will er eine große Leinwand aufbauen und das für Ecuador möglicherweise entscheidende Spiel ums Weiterkommen bei der WM live verfolgen.
Es könnte eng werden für das Team vom Äquator. Das erste Spiel gegen die Elfenbeinküste ging unglücklich mit 0:1 verloren. Das zweite Spiel gegen Außenseiter Curaçao endete 0:0. Gegen Deutschland muss also unbedingt gepunktet werden, um nicht vorzeitig auszuscheiden.
Gabriel Espinoza ist selbst mit Straßenfußball aufgewachsen, in der Hauptstadt Quito. „Wir haben den Ball immer gegen das Tor eines Nachbarn krachen lassen“, erzählt er schmunzelnd. Auch Baseball habe er eine Zeit lang gespielt, aber hauptsächlich Fußball – auch in Ecuador die Sportart Nr. 1: „Wir sind vielleicht nicht so verrückt wie die Argentinier und die Brasilianer, aber nach Fußball kommt lange nichts mehr.“ Vor allem mit der Nationalmannschaft fieberten die Leute mit – mehr noch, glaubt er, als in Deutschland.
Seit 26 Jahren lebt er hier, mit seiner deutschen Frau Silke und zwei inzwischen fast schon erwachsenen Töchtern. Geheiratet haben sie in Mainz, aber kennengelernt haben sie sich in Quito. Silke war damals noch Schülerin und besuchte eine deutsche Freundin. Deren Eltern waren von der Mainzer Auferstehungsgemeinde als Missionare nach Ecuador entsandt worden und arbeiteten dort in einem Krankenhaus. Gabriel und seine Familie gehörten zu den wenigen Menschen evangelischen Glaubens in dem überwiegend katholischen Land. Deshalb pflegten sie engen Kontakt zu den Mainzern. Aber erst bei einem zweiten Besuch Silkes nach bestandenem Abitur funkte es zwischen ihr und Gabriel. Er selbst hatte inzwischen eine Ausbildung als Mediengestalter abgeschlossen und erste Berufserfahrung gesammelt. So stürzte er sich ins Abenteuer, wie er heute sagt, und folgte Silke nach Mainz.

Gabriel Espinoza Ecuador Maske
Gabriel Espinoza mit traditioneller Maske

Obwohl er nur wenig Deutsch sprach, hatte er Glück und fand schnell einen Job beim Südwestrundfunk (SWR). "Am Anfang hab' ich nur Kopien von Video- und Audiobändern erstellt; da musste ich nicht viel reden, musste nur verstehen, was kopiert wird." Aber er lernte fleißig die Sprache und entwickelte sich beruflich weiter. Heute spricht er perfekt Deutsch, ist Ingenieur vom Dienst am SWR-Standort Mainz und hat vor allem mit Organisation zu tun. So soll er zum Beispiel sicherstellen, dass im sogenannten K-Fall, also bei Katastrophen und anderen medialen Großereignissen, alle Standorte des Senders ohne bürokratische Hürden auf sämtliches Bild- und Tonmaterial zugreifen können.
Ursprünglich sei der Plan gewesen, dass er mit Silke nach Abschluss ihres Lehrerstudiums nach Ecuador zurückkehrt. Aber es kam anders. Längst hat Gabriel die deutsche Staatsbürgerschaft und betrachtet Mainz als seine neue Heimat. Die Mainzer Lebensart habe ihm geholfen, sich hier einzugewöhnen: "Das ist schon ein besonderes Völkchen – sehr offen, bodenständig und immer in Feierlaune." Auch das vergleichsweise milde Klima gefällt ihm. Anders als etwa auf der Ostseeinsel Rügen, wohin ihn Silke gleich nach seiner Ankunft "entführte", um ihm "etwas Deutsches" zu zeigen. "Es war im Oktober, alles grau und windig, das Wasser kalt, einfach ungemütlich." Damals habe er beschlossen, niemals weiter nördlich als Mainz zu leben, und das gelte bis heute.
Alle zwei Jahre macht Gabriel Espinoza mit seiner Familie Urlaub in der alten Heimat. Denn er vermisst seine große Verwandtschaft mit allein 70 (!) Cousins. Die Großfamilie gelte dort immer noch als Ideal. "Man kommt öfter zusammen, das ist positiv, aber es gibt auch mehr Streitigkeiten innerhalb der Familie", schränkt er ein. Ganz zurück will er nicht mehr. Schon aus finanziellen Gründen: "Wenn ich hier lebe, kann ich es mir leisten, alle zwei Jahre nach Ecuador zu reisen; wenn ich in Ecuador wäre, könnte ich nicht alle zwei Jahre nach Deutschland kommen."
Wem er am Donnerstag beim WM-Duell die Daumen drückt? – Ecuador "natürlich". Dort sei er geboren und aufgewachsen: "Das prägt." Sollte das Team jedoch nach der Vorrunde ausscheiden, wird er mit fliegenden Fahnen ins deutsche Fan-Lager wechseln.

 

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Hinweis:

Ecuador hat das Spiel mit 2:1 gewonnen und sicherte sich als Gruppendritter das Weiterkommen, während Deutschland schon vorher als Gruppensieger festgestanden hatte. Im Sechzehntelfinale war dann allerdings für beide Teams Schluss: Deutschland schied mit 3:4 nach Elfmeterschießen gegen Paraguay aus, Ecuador tags darauf mit 0:2 gegen Mexiko.

 

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PEGELSTAND IM FREIEN FALL

Personenschifffahrt in Not

Pegel Mainz
Titelfoto: Rhein-Pegel Mainz

                       

 

 

Am Mainzer Rheinufer kann man schon fast mitzusehen, wie der Pegelstand von Tag zu Tag sinkt. 2,88 Meter sind der Durchschnittswert. Am Sonntag, 2. August 2026, 9:30 Uhr, liegt er bei 1,30 Meter. Schon wenige Stunden später bei 1,26. Er befindet sich also im freien Fall. Da ist es nicht mehr weit bis zum historischen Tiefststand von 1,10 Meter, gemessen am 2. November 1947 – also vor fast acht Jahrzehnten! Das Niedrigwasser ist nicht nur ein Problem für die Frachtkähne auf dem Rhein, die teils nur mit halber Ladung fahren können. Auch die Personenschifffahrt hat darunter zu leiden:

Mainz Viking Vili Niedrigwasser
Kreuzfahrtschiff "Viking Vili"
Mainz Schiffe auf dem Rhein
Frachtschiffe fahren mit halber Ladung
Mainz Pegel
Pegelstand am 29. Juli 2026

Reportage (Allgemeine Zeitung Mainz, 03.08.2026):

„Das hab’ ich noch nie erlebt“, sagt der Kapitän eines Flusskreuzfahrtschiffs, das in der Nähe der Theodor-Heuss-Brücke „vor Anker“ liegt. Eigentlich hat ihm ja seine Reederei untersagt mit der Presse zu sprechen (warum auch immer), aber bei einer Tasse Kaffee auf dem Sonnendeck plaudert er doch ein wenig aus dem Nähkästchen: Seit 30 Jahren sei er nun auf dem Rhein unterwegs, einen so niedrigen Pegelstand habe es in dieser Zeit noch nicht gegeben. Das mache das Navigieren schwer: „Man muss eine gute Ortskenntnis haben.“ Aber die hat er in all den Jahren erworben. Die momentan gefährlichste Stelle sei gar nicht mal im engen Mittelrheintal, solange man in der Fahrrinne bleibe, sondern eine Untiefe in der Nähe von Oestrich-Winkel, wo das Schiff auf Grund laufen könne.
Auch beim Anlegen in Mainz gab es diesmal Schwierigkeiten. Die dem Ufer zugeneigte Seite des Schiffes hat Bodenkontakt, und bis zum Steiger, wie der schwimmende Schiffsanleger genannt wird, klafft eine Lücke von rund einem Meter. Zum Glück keine unlösbaren Probleme. Die Passagiere konnten, wie geplant, von Bord gehen, und die Weiterreise Richtung Köln ist wohl auch nicht gefährdet.
Bei einem anderen Kreuzfahrtschiff, das in Mainz Station gemacht hat, wird die Reise dagegen vorzeitig enden. Wie das Bordpersonal berichtet, sollte es eigentlich über den Main, den Main-Donau-Kanal und die Donau bis nach Budapest gehen. Weil aber auch der Wasserstand der Donau zu niedrig ist, werde die Fahrt schon in Nürnberg vorbei sein.
Noch größere Flusskreuzfahrtschiffe mit mehr Tiefgang allerdings müssen zurzeit auch um Mainz einen Bogen machen, weil die Anfahrt zum Steiger für sie nicht mehr möglich ist. Wenn es um die Routenplanung geht, heißt es für die Reedereien dieser Tage also: flexibel sein und notfalls für Ersatz sorgen. Zwischen Bingen und Koblenz setzen manche sogar Busse ein, um die Passagiere zu den Orten zu bringen, wo eigentlich ein Zwischenstopp eingelegt werden sollte – eine Art „Schienenersatzverkehr“ auf dem Wasser also. Im schlimmsten Fall muss die komplette Kreuzfahrt abgeblasen werden. Das aber ist beim aktuellen Niedrigwasser bislang nicht passiert.

Mainz Rhein Niedrigwasser
Niedrigwasser am Rhein
Mainz Kreuzfahrtschiffe Niedrigwasser
Kreuzfahrtschiffe am Rheinufer
Mainz MS Godesburg
"MS Godesburg" liegt fest

Anders bei den Fahrgastschiffen der Köln-Düsseldorfer (KD) etwa. Da fallen viele Routen im Oberen und Unteren Mittelrheintal aus. Betroffen ist auch das Ausflugsschiff „MS Godesburg“. Es sitzt derzeit in Mainz fest. Die werktägliche Tour nach St. Goarshausen kann bis auf Weiteres nicht stattfinden. Allgemein bittet die Reederei auf ihrer Webseite um Verständnis für Einschränkungen und Verspätungen, die mit dem Niedrigwasser zusammenhängen. Einzelne Landebrücken seien gerade sehr steil. Die Passagiere sollten beachten, dass das Bordpersonal aus versicherungstechnischen Gründen beim Ein- und Aussteigen nicht helfen dürfe; Fahrräder, Anhänger und E-Bikes müssten von den Fahrgästen selbst an Bord und wieder heruntergebracht werden. Menschen mit eingeschränkter Mobilität seien auf die Mithilfe ihrer Mitreisenden angewiesen, heißt es seitens der KD. Gleichzeitig weist die Reederei aber darauf hin, dass einige Ausflugsfahrten trotz Niedrigwassers wie gewohnt stattfinden könnten. Dazu zählten sonntägliche Inselrundfahrten von Mainz und Wiesbaden um die Mariannenaue unweit von Ingelheim sowie Schiffsweinproben im Rheingau und in Rheinhessen.
Für die Mainzer Wirtschaft haben die Probleme der Personenschifffahrt durch den niedrigen Pegelstand bisher keine großen Auswirkungen. So schätzt es zumindest die städtische Tourismus-Gesellschaft „mainzplus“ ein. Zwar würden einige Kreuzfahrttouristen nicht nach Mainz kommen, weil ihre Schiffsroute geändert wurde, doch kämen andere neu hinzu, die Mainz ursprünglich gar nicht auf dem Plan gehabt hätten. Damit würden sich Gewinn und Verlust in etwa die Waage halten.
Dennoch könnte sich die Lage zuspitzen, wenn es, wie von den Meteorologen vorhergesagt, auch in den kommenden Tagen und Wochen keinen ausreichenden Regen geben sollte und der Pegelstand weiter in den Keller geht. Michael Hoffmann vom für Mainz zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein, Außenbezirk Wiesbaden, jedenfalls rechnet damit, dass der historische Tiefststand von 1947 noch in diesem Sommer gebrochen wird. Dann würde es auch für die Kreuzfahrtschiffe immer schwerer, in Mainz Station zu machen.


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Mehr Fotos aus Mainz auf meiner Reisefotos-Seite "Rheinland-Pfalz"

 

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