rolf fröhlings reisereportagen
Madeira (Portugal)
ALTE BLUMENINSEL NEU ENTDECKT
Madeira, die Blumeninsel im Atlantik, gilt seit eh und je als schön – aber auch als schön langweilig. Als eine Art Zauberberg im blauen Meer, wo einst lungenkranke Aristokraten wie Österreichs Kaiserin Sissi überwinterten. Das gesunde Klima ist geblieben, aber ansonsten hat sich viel verändert in den letzten Jahren. Madeira wendet sich zunehmend dem jungen, aktiven Touristen zu, der nicht nur Ruhe und Erholung, sondern auch Fitness und Fun sucht.
Reportagen (Radio hr3, 12.01.2003):
Ein Musterbeispiel für den Wandel, der sich auf Madeira vollzieht, ist das Galo Resort in Caniço, östlich der Hauptstadt Funchal. Ein Hotel-Komplex unter Leitung der Familie Bachmaier, die vor etwa 30 Jahren aus Bayern nach Madeira kam. Die Bachmaiers haben von Anfang an neue Wege im Tourismus beschritten: Die traditionelle Klientel der reiferen Jahrgänge nicht vergraulen, aber trotzdem nach und nach das Publikum verjüngen. Ein Konzept, das ganz offenbar aufgegangen ist.
Reportage (Radio hr3, 12.01.2003):
[Atmo: Squash-Halle]
Ob beim Squash, beim Hanteltraining oder beim Schwimmen – im Onda Revital Club können sich die Gäste des Galo Resorts so richtig austoben. Eine Etage höher geht es dagegen gemächlicher zu. Hier ist die Beauty- und Wellness-Abteilung zu Hause mit so geheimnisvollen Anwendungen wie: Marinephytoplankton-Ganzkörperpeeling, Nachtkerzenöl-Cremebad, Thalasso-Algenpackung und mehr:
[O-Ton Kosmetikerin:]
"Das ist die Vichy-Dusche. Das ist also eine Art Schwenkarm, an dem sechs Brauseköpfe sind, die einen sehr feinen Strahl haben. Das ist wie so 'ne Hautmassage. Da kann man Öle zugeben, um den Kreislauf und den Blutdruck anzuheben. Oder man kann auch sehr gut ein Öl-Salz-Peeling machen. Das ist sehr sanft. Sie werden mit einem Öl-Salz-Gemisch massiert und dann bleiben Sie so zehn bis zwanzig Minuten unter dieser Dusche liegen."
Das Galo Resort, ein Hotelkomplex unter deutscher Leitung, wagt den Spagat: Auf der einen Seite will man den klassischen Madeira-Touristen, also den gesundheitsbewussten, reiferen Jahrgang, weiter an sich binden. Auf der anderen Seite aber auch die Bedürfnisse eines jüngeren Klientels befriedigen. Deshalb hat Inhaber Roland Bachmaier nicht gekleckert, sondern geklotzt. Sein Fitness-Club ist so groß und so modern eingerichtet, dass auch viele Madeirenser hier ihre Bizepse, Trizepse und andere "Zepse" trainieren.
[O-Ton Roland Bachmaier:]
"Ebenso haben wir unsere Wassersportarten ausgeweitet. Wir haben in Calheta Wassersport wie Surfen, Katamaran, Kanu und so weiter alles weiter gemacht und uns eben dem neuen Trend angepasst, damit man hier richtig wie in einem Resort Urlaub machen kann."
Das Highlight seines Wassersportangebots ist das Manta Diving Center, ein Paradies für Taucher, direkt an der fischreichen Steilküste unterhalb der Hotelanlage. Ob Anfänger oder Fortgeschrittene, hier tauchen alle begeistert wieder auf:
[O-Ton Touristin:]
"Ja, phantastisch, glasklare Sicht, atemberaubend: Papageienfische, ja, Trompetenfisch war sogar dabei – das ist ganz ganz selten. Richtig Glück gehabt. Und ganz allgemein einfach 'n Super-Tauchgang gewesen."
Mit etwas Glück hätte ihr Tauchlehrer Stefan Maier sogar einen Teufelsrochen zeigen können, den Namensgeber des Manta Diving Centers, oder – vielleicht noch besser – die sogenannte Hausmuräne:
[O-Ton Stefan Maier:]
"Die heißt Esmeralda. Esmeralda ist 'ne braune Maskenmuräne. Die lebt auf elf Meter Tiefe direkt vor der Tauchschule in 'ner kleinen Höhle drin und das schon seit über zwanzig Jahren. Die hat natürlich hier ihren Stammplatz, und seitdem es die Tauchschule gibt, besuchen die Taucher sie immer wieder regelmäßig und klopfen praktisch an den Eingang und dann kommt sie eigentlich raus und begrüßt uns Taucher."
Durch das reichhaltige Aktivprogramm ist der Altersschnitt im Galo Resort rapide gesunken. Lag er vor fünf Jahren noch bei 50, liegt er jetzt bei 37,5. Tendenz: weiter fallend. Der Spagat scheint gelungen – bleibt nur zu hoffen, dass neben Fitness und Fun nicht irgendwann Ruhe und Erholung ganz auf der Strecke bleiben.
[Geräusch: Squash-Halle]
__________________________________________________
ÜPPIGE SCHÖNHEIT MIT SCHARFEN KURVEN
Madeira für Motorradfreunde
Um Madeira auf sportliche Art und Weise zu erleben, gibt es auch außerhalb des Galo Resorts viele Möglichkeiten: Wellenreiten, Gleitschirmfliegen, Klettern und und und... Die Palette ist riesengroß. Eine wachsende Fangemeinde hat die Blumeninsel unter Motorradfahrern. Denn sie ist nicht nur eine üppige Schönheit, sie weist auch jede Menge scharfe Kurven auf. Außerdem ist ein Motorrad das einzige Sportgerät, mit dem man die ganze Insel wirklich erfahren kann.
Reportage (Radio hr3, 12.01.2003):
[O-Ton Motorrad-Guide Ecki Kutz:]
"Wir befinden uns hier am Cabo Girão. Das Cabo Girão ist das höchste Kliff Europas mit einer Höhe von 580 Metern über dem Meeresspiegel. Wir haben also hier direkt vor uns den freien Blick aufs Meer und vor allen Dingen den freien Blick nach unten, nämlich 580 Meter."
Ein atemberaubendes Panorama. Nur eines von unendlich vielen, die Madeira auf Lager hat. Ecki Kutz kennt sie alle. Der gebürtige Kieler lebt seit mehr als einem Jahrzehnt hier und vermietet Motorräder. Hin und wieder bietet er auch geführte Touren an. Obwohl Ecki die Insel schon zigmal auf seiner BMW durchquert hat, ist es auch für ihn immer wieder ein großartiges Natur-Erlebnis:
[O-Ton Ecki Kutz:]
"Wenn man sich überlegt, dass man zum Beispiel, sagen wir, mit dem Motorrad in etwas mehr als einer Stunde von Meereshöhe bis auf den zweithöchsten Berg, den Pico de Arieiro, fahren kann und dann praktisch von Meereshöhe durch verschiedene Vegetationszonen durchfährt, bis man oben im kargen Bergland ist in etwas über einer Stunde, dann ist das natürlich schon beachtlich."
[Atmo: Motorrad]
Und ab geht’s! Das felsige Eiland ist wild zerklüftet. Steile Aufstiege, die nur im ersten Gang zu bewältigen sind, wechseln sich ab mit ebenso steilen Gefällstrecken, bei denen die Bremsen schon mal heiß laufen können. Haarnadelkurve reiht sich an Haarnadelkurve. Nicht ganz ungefährlich. Zum Glück ...
[Atmo: Hupe]
... hupen die Einheimischen vor jeder unübersichtlichen Stelle. Motorradfahren auf Madeira ist ein echtes Abenteuer. Das meinen auch die Teilnehmer an Eckis Tour:
[O-Töne Motorrad-Touristen:]
"Wenn man da meint, man könnt’ auf Madeira heizen, dann is' man auf Madeira vollkommen falsch, sondern man genießt die Natur, weil man kann einfach auch nicht schnell fahren, weil das einfach die Straßen nicht zulassen und einfach auch die Natur – ja, und einfach auch die Köter, die einem ab und an mal ins Motorrad laufen könnten, nicht zulassen. Aber es ist einfach wunderschön."
"Man muss mit ‘ner Einschränkung dazu sagen: Für 'n Anfänger is' es, glaub' ich, keine Insel. Ansonsten für jeden, der wirklich Motorrad fährt und zwar nicht nur geradeaus fährt, sondern ein Kurvenerlebnis haben möchte, eine ideale Insel, wirklich."
Und es macht Appetit. Deshalb denkt Ecki Kutz auch an das leibliche Wohl seiner Kundschaft. Zum Mittagessen beispielsweise führt er die hungrigen Biker in ein Restaurant, wo die angeblich beste Fischsuppe der Insel serviert wird.
O-Ton Ecki Kutz:]
"Es gibt da kein fixes Rezept. Das liegt eigentlich an der Fantasie des Kochs. Man kann nur die Fische 'reintun, die's auch gibt. Was immer da drin ist, ist der 'espada', der Schwarze Degenfisch, der hier in großer Tiefe gefangen wird. Dann andere Dinge: der Thunfisch, der 'atun', ist dabei, 'pargo' wird dabei sein – also diese Fische, die auch durchaus in die Gruppe der Edelfische gehören, die sind eigentlich in diesem Restaurant auch immer in der Suppe mit drin."
__________________________________________________
Madeira bietet also eine Fülle von sportlichen Aktivitäten – zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Ein Klassiker ist und bleibt aber das traditionelle Wandern. Besonders entlang der sogenannten Levadas. Das sind Bewässerungskanäle, die teilweise schon vor Jahrhunderten angelegt wurden und die gesamte Insel durchziehen. Auf einer geschätzten Länge von mehr als 2.000 Kilometer. Da gibt es viel zu entdecken. Also, Wanderstiefel geschnürt und nichts wie los!
Reportage (Radio hr3, 12.01.2003):
[Atmo: Fließender Bach]
Leise plätschert das Wasser der Levada do Furado talwärts. Ein angenehmes, ungemein beruhigendes Geräusch, das uns den ganzen Tag begleitet.
[Atmo: Wanderer]
Die Wanderung führt durch immergrüne Lorbeerwälder hoch oben im Bergland der Insel. Der Verlauf der steinernen Wasserrinne weist uns den Weg. Trotzdem sind wir froh, dass Christa Dornfeld mit dabei ist. Die Österreicherin hat einen Wanderführer über Madeira geschrieben; sie kennt hier jeden Pfad und weiß alles über die Levadas:
[O-Ton Christa Dornfeld:]
"Die Levadas haben früher dazu gedient, die Südseite der Insel zu bewässern, die in den Sommermonaten sehr sehr trocken ist, und erfahrungsgemäß ist die Nordseite die feuchtere und regenreichere."
Die Bananenplantagen an der Südküste wären ohne das Bewässerungssystem nicht denkbar. Schon im 15. Jahrhundert wurden die ersten Levadas angelegt und das Netz bis in die jüngste Vergangenheit hinein ständig weiter ausgedehnt. Dabei haben die Baumeister auch an Fußwege für das Wartungspersonal gedacht. Die verlaufen parallel zu den Kanälen und sind geradezu ideal für uns Wanderer.
[O-Ton Christa Dornfeld:]
"Die Levadas werden vollkommen eben entlang der Hänge geleitet, führen in tiefe Schluchten hinein, sie sind nicht anstrengend zu gehen und führen uns in wunderbare Natur."
Auch nach Jahren auf der Insel gerät Christa immer noch in Verzückung, wenn sie am Wegrand typische Tiere oder Pflanzen entdeckt. Zum Beispiel winzige Eidechsen oder riesige Baumfarne. Dabei sollte der Blick nicht allzu oft vom Wege abschweifen; er kann ziemlich glitschig, manchmal sogar brüchig sein. Und viele Levadas führen direkt am Abgrund entlang. Da ist Vorsicht geboten, denn es sind schon einige Unfälle passiert.
(O-Ton Christa Dornfeld:)
"Gott sei Dank, bei meinen Wanderungen noch nie. Ich danke jeden Abend dafür, dass alles immer gut abläuft. Wenn man einigermaßen vorsichtig und umsichtig unterwegs ist, dann, würd' ich sagen, dann kann man fast jede Tour machen."
Unsere Tour dauert etwa drei Stunden – gerade richtig zum Eingewöhnen. Andere sind den ganzen Tag unterwegs – oder sogar noch länger. Für echte Wanderburschen und -mädels ist Madeira eine Insel der unbegrenzten Möglichkeiten.
(O-Ton Christa Dornfeld:)
"Und zwar machen sehr viele Leute, auch vor allem sehr junge Wanderer, Inselüberschreitungen, das heißt, sie beginnen im Osten der Insel, suchen sich immer wieder zwischendurch Plätze, wo man teilweise eventuell auch im Freien mal übernachten könnte, und die machen dann Inselüberschreitungen praktisch von Ost nach West, und somit trifft man immer wieder auch sehr junge Leute, die das in Angriff nehmen."
Naja, zu dieser Art von "Extreme-Wandering" fehlt uns diesmal nicht nur die Ausdauer, sondern auch der Ehrgeiz. Vielleicht beim nächsten Urlaub auf Madeira. Denn soviel steht fest: wieder kommen werden wir auf jeden Fall.
__________________________________________________
__________________________________________________