Alberta Waterton Lake Kanu

rolf fröhlings reisereportagen

Kanadas Westen

                 

COWBOYS, BÄREN, KUCKUCKSUHREN
- Highlights der Rocky Mountains in Alberta und British Columbia

Der kanadische Traum: das sind schneebedeckte Berggipfel, kristallklare Seen und tiefe dunkle Wälder voller wilder Grizzly-Bären. Nur ein Klischee? Nicht ganz. In den westlichen Provinzen dieses riesigen Landes, in Alberta und British Columbia, kann genau dieser Traum Wirklichkeit werden. Dort, in den Rocky Mountains und um die Rocky Mountains herum ist Kanada am "kanadischsten". Und diese Provinzen haben noch weit mehr zu bieten, auch jenseits der bekannten Klischees.

Alberta Waterton Lake Kanu
Titelfoto: Waterton Lake im Süden von Alberta
Alberta Waterton Lake Hotel Prince of Wales von fern
Blick auf das "Prince of Wales"-Hotel im Waterton Lakes N.P. (Alberta)
Vancouver Hafen
Hafen in Vancouver (British Columbia)
Vancouver Leuchtturm
Leuchtturm am Hafen in Vancouver
Vancouver Hafenbucht mit Segelboot
Hafenbucht von Vancouver
Vancouver Canada Place
Canada Place im Stadtzentrum von Vancouver
Vancouver Stanley Park Totempfähle
Totempfahl im Stanley Park von Vancouver
Alberta Jasper Bahnhof mit Zügen
Bahnhof von Jasper (Alberta)
Alberta Icefields Parkway mit Wohnmobil
Icefields Parkway zwischen Jasper und Banff
Alberta Lake Louise Chateau von fern
"Château Hotel" in Lake Louise (Alberta)
Alberta Moraine Lake mit Fahnen und Ausflugsboot
Moraine Lake (Alberta)
Alberta Banff Springs Hotel außen
"Banff Springs Hotel" in Banff (Alberta

Reportagen (Radio SDR1, 1992):

WESTERN-STADT

Calgary: wo die Cowboys mit den Ölbaronen

Calgary Saddledome vor Skyline
Titelfoto: Sportpalast "Saddledome" in Calgary

                     

 

Spätestens seit den Olympischen Winterspielen 1988 ist Calgary in aller Welt ein Begriff. Albertas zweitgrößte Stadt liegt zu Füßen der mächtigen Rocky Mountains. Von dort aus starten die meisten Kanada-Urlauber zu ihren Touren in die Nationalparks von Banff und Jasper. Aber bevor es hinaufgeht in die herrliche Bergwelt der Rockies, lohnt ein Aufenthalt in der Stadt der Cowboys und Ölbarone.

Calgary Tower Ausblick auf Hochhäuser
Ausblick vom Calgary Tower auf Downtown
Calgary Schachspieler Skulptur
Schachspieler-Skulptur

Reportage (Radio SDR1, 1992):

[Musik: Country-Klänge]

Country-Musik, wohin man hört: auf offener Straße, in berüchtigen Western-Spelunken oder im Radio. Calgary ist stolz auf seinen Ursprung als "cowtown", als Kuhdorf also. Rinderzüchter und Viehhändler waren die ersten Bewohner der Stadt, und noch heute pilgern alljährlich im Juli Tausende von Cowboys zur "Calgary Stampede", dem größten Rodeo der Welt. Von Kuhdorf allerdings kann keine Rede mehr sein. Calgary hat inzwischen mehr als 700.000 Einwohner. Wolkenkratzer prägen das Stadtbild. Einige sind höher als der Aussichtsturm im Zentrum. Trotzdem ist das Panorama von dort noch immer beliebt.

[O-Ton Touristin:]
"Ich find's toll, ich mein', weil man sich erstmal orientieren kann, wenn man hier oben steht, und die verschiedenen Sachen gut erkennen kann: vorne die ganzen sportlichen Klamotten, die Rocky Mountains, den Flussverlauf. Und da kann man mal sehen, wie klein Calgary im Grunde genommen is'."

Klein ist allerdings nur der Downtown-Bereich, das Stadtzentrum. Drumherum wuchert Calgary in alle Richtungen scheinbar endlos aus. Der Olympiapark beispielsweise, Austragungsort der Winterspiele von 1988, liegt fast 20 Kilometer vom Zentrum entfernt, aber dennoch auf Stadtgebiet. Der weite Weg lohnt sich. Bei einer Besichtigungstour wird Olympia '88 wieder lebendig. Vor allem von seiner heiteren Seite. Christine, die Tourbegleiterin, erinnert noch einmal an "Eddie the eagle", den schottischen Schanzen-Clown, oder an den kuriosen Start des Viererbob-Teams aus Taiwan.

Calgary Tower von unten
Calgary Tower
Calgary Tower Ausblick nach Westen
Aussicht vom Calgary Tower
Calgary Olympia Schanze Blick nach unten
Blick von der Olympia-Schanze

[O-Ton Christine:]
"They started off to run ...
Sie sind also losgerannt, der erste sprang hinein, der zweite sprang hinein; als der dritte hineinspringen wollte, rutschte er aus, als der Bob schon in voller Fahrt war. Der vierte Mann sah das Malheur, packte den dritten an der Hose und zerrte ihn in den Schlitten. Allerdings kopfüber! Und so fuhren die Taiwanesen den gesamten Eiskanal hinunter, während ihr dritter Mann mit den Beinen strampelte.
... all the way down the track."

An Olympia denken die Calgarianer selbst schon lange nicht mehr. Sie haben andere Sorgen. Die gläsernen Paläste der Ölgesellschaften und prächtigen Einkaufspassagen "downtown" täuschen allenfalls noch Touristen. Der gewaltige Boom, ausgelöst durch schier unerschöpfliche Ölfunde in Alberta, ist vorbei. Die "J.R. Ewings" von Calgary und die vielen, deren Arbeitsplatz von ihnen abhängig ist, denken mit Wehmut an die Zeiten zurück, als die Araber den Ölpreis in die Höhe getrieben haben. Otto Spieker, ein gebürtiger Wiener, sieht die Zukunft seiner Wahlheimat alles andere als rosig.

[O-Ton Otto Spieker:]
"Die Industrie ist heute nicht imstande, diese Ausgaben für Exploration zu decken mit den Einkommen. Dementsprechend sind Hunderte von Bohrtürmen – die liegen herum und sind nicht beschäftigt. Also, das sind Millionenwerte, die hier buchstäblich langsam verrosten, weil der Ölpreis nicht höher is', als er is'."

Aber die Kanadier lassen sich durch eine wirtschaftliche Krise nicht in Depression stürzen. Und Ablenkung gibt es zur Genüge in Calgary. Sport und Spiel, spannende Eishockey-Kämpfe im berühmten Saddledome etwa und die vielen Parks – allen voran der Heritage Park, am Wochenende das Mekka für Familien mit Kindern. Vielleicht weil sie nicht so gern an die Zukunft denken, versinken die Kanadier lieber in der Vergangenheit.

[Atmo: historische Dampfeisenbahn]

Calgary Western Outfitters außen
Western-Tradition
Alberta Erdölbohrung Ölpumpe
Ölbohrung
Calgary Heritage Park Schaufelraddampfer von fern
Schaufelraddampfer im Heritage Park

Der Heritage Park ist ein buntes Sammelsurium aus Kanadas kurzer Geschichte. Mit Dampfeisenbahn und Schaufelraddampfer. Dazu eine mehr oder weniger originalgetreu aufgebaute Westernstadt mit Schmiedewerkstatt, Bank, Saloon und was so eben dazugehört zur Wildwest-Atmosphäre. Alles voll eingerichtet und in Betrieb. Auf der Post kann man sogar Briefmarken kaufen. Bei europäischen Besuchern kommen jedoch Zweifel auf, ob das alles so historisch ist, wie es scheint.

[O-Ton Touristin:]
"An sich gefällt mir so 'n Park sehr gut. Also, vor allen Dingen auch diese Inneneinrichtungen, um sich das mal anzusehen. Nur dieses ganze Drumherum mit diesem 'Amusement Center' und so, also, das finde ich dann schon ein wenig überzogen und kitschig. Da hab' ich auch keine Lust mir das anzusehen. Also, wir waren halt vorher schon in Barkerville. Das is' ja so ähnlich wie das hier – obwohl das an sich noch originalgetreuer is'. Also, das hier is' schon mehr wie 'n Vergnügungspark aufgezogen, hab' ich so den Eindruck."

Wer tatsächlich in die Geschichte eintauchen will, der sollte daher lieber das Glenbow Museum besuchen. Dort beginnt die Geschichte nämlich nicht erst mit der Ankunft weißer Siedler, sondern man erfährt auch, wie die Ureinwohner Kanadas, Indianer und Eskimos, gelebt haben und zum Teil noch leben. Alles in allem ist Calgary ein Spiegel des alten und des neuen Kanada. Drum der ideale Ausgangspunkt für eine Reise durch den Westen dieses gigantischen Landes.

 

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ZEIT-REISE

Drumheller: wo die Dinos zu Hause sind

Alberta Badlands Totale
Titelfoto: Dino-Fundstätte Alberta Badlands

                  

 

Für uns Europäer gehört Kanada zur "Neuen Welt", obwohl wir natürlich längst wissen, dass Amerika schon lange vor Kolumbus von Menschen besiedelt war. Und in der Tat ist diese Welt alles andere als neu. Schon vor Jahrmillionen war sie dicht bevölkert: von mächtigen Dinosauriern. Östlich vom heutigen Calgary, in den Alberta Badlands, ist die weltweit bedeutendste Fundstätte dieser prähistorischen Wesen. Ihre Skelette kann man im Royal Tyrrell Museum der kleinen Stadt Drumheller bewundern. Ein Besuch dort wird zu einer unvergesslichen Zeitreise durch die Geschichte unseres Planeten.

Reportage (Radio SDR1, 1992):

[Atmo Audioguide:]
"Watch the blue-green world revolve for a moment. Imagine ...
Stell' dir vor, du bist ein Besucher auf dem Mond und schaust zurück auf unseren Planeten. – Dinosaurier! Gab es sie wirklich? – Ja, David, aber sie lebten vor langer, langer Zeit.
... a long long time ago."

Das Museum versetzt die Besucher in eine phantastische fremde Welt. Zwei bis drei Stunden dauert die Wanderung durch viereinhalb Milliarden Jahre Erdgeschichte. Die Information kommt über Kopfhörer aus dem Walkman. Nur in englischer Sprache zwar, aber spannend aufbereitet, mit typisch amerikanischen Show-Effekten versehen und selbst für Kinder verständlich. Aber die wissen ja sowieso oft mehr über Saurier als ihre Eltern – oder?

[O-Töne Kinder:]
"Dass sie halt vor vielen Millionen Jahren gelebt haben, 140 Millionen Jahren ..."
- Wie sahen die denn aus?
"Braun-grünlich – und Größe so eventuell mehr als 19 Meter. Mehr wüsst' ich auch nicht."
"They are big, old ...
Sie sind groß, sagt er, alt, sie haben griechische Namen, die ihre besonderen Eigenschaften beschreiben. Und mein Lieblings-Dinosaurier ist wahrscheinlich der Brontosaurus.
... probably the brontosaurus."

Na, den Brontosaurus, das wohl größte Landlebewesen, das es je auf Erden gegeben hat, zeigt das Museum natürlich auch. Unumstrittener Star allerdings ist sein gefräßiger Vetter, der Albertosaurus. Der nahe Verwandte des berühmten Tyrannosaurus Rex war hoch wie ein Baum, stark wie ein Bulldozer und hatte Zähne wie ein Sägewerk. Eine prähistorische Bestie also.

[Atmo Audioguide:]
"The carnivor albertosaurus is hungry. Its nostrils ...
Der Fleischfreisser Albertosaurus hat Hunger. Seine Nüstern strömen den Geruch des Todes aus. Er wittert das frische Fleisch eines Centrosaurus unten am Fluss ... Er lässt sich von seinem Instinkt treiben ... Er stößt ein lautes Gebrüll aus und rennt los ... Kleinere Dinosaurier stieben davon. Die Erde bebt vom Stampfen seiner Füße ... Uff, nun lass' uns lieber weitergehen zur Edmontonia.
... to the Edmontonia."

Alberta Royal Tyrrell Museum Dinosaurier Skelett

Alberta Royal Tyrrell Museum Dino Skelett
Dino im Royal Tyrrell Museum
Alberta Royal Tyrrell Museum Skelett Albertosaurus
Albertosaurus
Alberta Dinosaur Provincial Park
Dinosaur Provincial Park

Nein, bleiben wir noch ein Weilchen beim Albertosaurus. Sechs Exemplare dieser Spezies haben die Paläontologen in den Alberta Badlands entdeckt. Das Zentrum der Entdeckungen war rund 150 Kilometer südlich von Drumheller, der heutige Dinosaurier Provinzial-Park. Susan Edwards, Forscherin des Royal Tyrrell Museums, erklärt, warum gerade diese Gegend zur weltweit bedeutendsten Fundstätte von Dinosauriern wurde.

[O-Ton Susan Edwards:]
"Many lived here in Alberta ...
Viele haben hier gelebt, und hier haben sie sich besonders gut erhalten. Das war ja mal Meeresküste vor Jahrmillionen, und da haben viele Dinosaurier gelebt. In Wyoming und Montana ebenfalls. Hier hat der Red Deer River die Erde weggespült und so sind die Dinosaurierknochen wieder zum Vorschein gekommen.
... the top soil, exposing the dinosaurs."

Ein Besuch des Dinosaurier Provinzial-Parks lohnt allerdings nur, um die erodierte Mondlandschaft der Badlands zu bewundern, denn sie präsentiert sich dort noch schaurig-schöner als in der engeren Umgebung von Drumheller. Bis auf ein Saurierskelett hat man dagegen alle Funde ins Royal Tyrrell Museum abtransportiert. Wenn die Reisezeit knapp bemessen ist, sollte man sich im Zweifel den Provinzial-Park schenken und lieber noch eine Stunde länger in dem einzigartigen Museum zubringen. Denn was bedeutet schon eine Stunde im Vergleich zu Abermillionen von Jahren, die dort am Betrachter vorüberziehen?

[Atmo Audioguide:]
"Change is a measurement of time ...
Durch Veränderung lässt sich die Zeit messen. Alle Dinge verändern sich mit der Zeit: Planeten, Sterne, Galaxien, Lebewesen. Sogar unsere Körper verändern sich im Laufe unseres Lebens. Menschen sind hier am Ende unserer Zeitreise. Aber wir haben die Geschichte nicht geschrieben. Wir sind nur ein einziges Kapitel in der Geschichte des Lebens auf der Erde.
... in life's unfolding story."

 

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BÄREN-AUSLESE

Okanagan Valley: wo ein edler Tropfen reift

British Columbia Okanagan Lake
Titelfoto: Blick über den Okanagan-See

                   

 

Das Klima in Kanada gilt gemeinhin als ungemütlich und kalt. Und das trifft auch häufig zu. Besonders im Westen des riesigen Landes. Mit einer rühmlichen Ausnahme allerdings: Im Okanagan Valley von British Columbia scheint fast immer die Sonne. An seinem südlichsten Zipfel befindet sich sogar Kanadas einzige Wüste. Die große Trockenheit wird allerdings erheblich gemildert durch das Wasser des Okanagan-Sees. Er spendet Leben im Tal und macht es zu einem Garten Eden, in dem sogar edle Weine heranreifen.

Reportage (Radio SDR1, 1992):

Lang und schmal wie ein Wurm liegt der Okanagan-See, eingebettet zwischen zwei Bergketten. Die Berge sind kahl von der Trockenheit. Im Tal unten dominiert üppiges Grün. Künstliche Bewässerung macht es möglich, dass trotz der geringen Niederschläge Obst und Gemüse geradezu wuchern – und: nicht zuletzt der Wein. Klima und Boden sind prädestiniert für einen hervorragenden Tropfen.

[O-Ton Günter Lang:]
"Wir haben hier Nummer 1 in fascht allen Bereichen. Unsere Bedingungen sind Weltklasse-Bedingungen für Trauben. Es wär' schade, wirklich, wenn man hier nicht auch gute Trauben anlegen würde und hochwertige Weine produzieren würde."

Günter Lang, der gebürtige Schwabe, gehört zu einer ganzen Reihe von Deutschstämmigen, die im Okanagan-Tal Wein anbauen. Sein Wingert in Naramata mit Blick auf den See ist nicht groß, bringt aber große Weine hervor. Der Riesling oder Pinot noir aus der Lang Winery genießt in Kanada einen erstklassigen Ruf und er überzeugt auch verwöhnte europäische Gaumen.

[O-Ton Tourist:]
"Ich hab, eh' ich hier hin kam, von kanadischen Weinen nichts gehört, muss ich sagen. Aber es kommt mehr und mehr dazu, dass man sagt, Weinanbau ist eben nicht nur auf Europa beschränkt. Man hört von australischem Wein, der sehr gut ist, kalifornischem Wein, der schon 'n bisschen länger bekannt is', auch außerhalb, und kanadischer Wein ist jetzt 'ne erste Erfahrung für mich und ich muss sagen, 'ne angenehme Überraschung. Der Wein is' sehr gut."

Im Vergleich zu Europa allerdings lebt der Winzer nicht ganz ungefährlich. Denn die süßen Trauben schmecken auch den Bären.

[O-Ton Günter Lang:]
"Wir selber in unserm Weinberg haben noch keine Bären gehabt, aber andere Weinberge haben Bären gehabt, und wir haben zum Beispiel auch – vor kurzem hab' ich 'n 'cougar' gehabt hier im Weinberg. Das isch 'ne Art Puma oder Berglöwe. Und der war 20 Meter ungefähr vor mir vorbeigerannt. Die ham im Radio gewarnt, also passt auf, die kommen etwas weiter runter, es is' sehr trocken und so weiter, die haben Durst."

British Columbia Okanagan Weinbau
Weinberg im Okanagan Valley
British Columbia Okanagan Günter Lang
Okanagan-Winzer Günter Lang
British Columbia Okanagan Weinreben mit blauen Trauben
Trauben locken auch Bären an

Die schönen Sandstrände und das Wasser des Sees locken im Sommer viele Urlauber ins Okanagan-Tal. Aber viele kommen ganz einfach aus Neugier. Neben Bären und Pumas soll es nämlich auch ein Seeungeheuer geben. Es hört auf den Namen "Ogopogo" und ist eine Art kanadische Nessie.

[O-Ton Jim Pearman:]
"Apparently he lives on an island ...
Anscheinend lebt es auf einer Insel auf halbem Weg zwischen Kelowna und Penticton. Ogopogo sieht wohl ähnlich aus wie eine Schlange oder eine Art Drache. Je nach Beobachtung variiert seine Länge zwischen zwölf Fuß und sechzig Fuß.
... about 12 feet and 60 feet."

Jim Pearman, der Leiter des Verkehrsamts von Penticton, weiß selbst nicht so recht, was er von der Geschichte halten soll. Einerseits glaubt er nicht an die Existenz eines Seeungeheuers. Anderseits schwören eine Menge Leute, Ogopogo tatsächlich gesehen zu haben. Aber vielleicht gibt es für die Erscheinungen eine ganz simple Erklärung.

[O-Ton Touristin:]
"Wir haben auch schon solche Formationen auf dem See gesehen. Und ich sag' immer zu meinem Mann, das sind doch Wellen! Aber manche Leute, die machen dann so 'n großen Kopf da dran und dann ist das halt der Ogopogo."

Vielleicht aber ist die Erklärung noch simpler: Auch der Wein könnte schuld sein an den Visionen. Der allerdings ist keine Vision. Und die Sonne auch nicht. Wer in den Rocky Mountains oder an der Küste nicht gerade von schönem Wetter verwöhnt wurde, der wird sich so richtig wohlfühlen. Nicht umsonst wächst die Zahl der Bewohner um den See ständig. Sonne und Wein ziehen vor allem kanadische Senioren an, die im Okanagan-Tal einen angenehmen Lebensabend verbringen wollen.

 

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KRAUT-KÖPFE

Kimberley: wo die Kuckucksuhr jodelt

British Columbia Kimberley Akkordeonspieler
Titelfoto: "Echt" bayerisches Flair in Kimberley

                   

 

Haben Sie Hamburger und Cola satt, englisches Kauderwelsch über? Nach ein paar Wochen überm großen Teich packt so manchen Mitteleuropäer das Heimweh. Da will er endlich mal wieder die eigene Muttersprache hören. Da träumt er nachts von kernigem Schwarzbrot, einem würzigen Schinken und dazu einem "richtigen" Bier. – Doch dafür muss in den kanadischen Rocky Mountains keiner vorzeitig den Rückflug antreten, denn, Gott sei Dank, es gibt ja Kimberley! Die kleine Stadt in den Bergen von Britisch-Kolumbien nennt sich stolz "The Bavarian town in the Canadian Rockies". Und das nicht von ungefähr. Da spricht man Deutsch, und all die leckeren Köstlichkeiten, die man wochenlang entbehren musste, werden dort selbstverständlich angeboten. Das und noch viel mehr, was ein klein wenig Heimatgefühl aufkommen lässt.

Reportage (Radio SDR1, 1992):

[Atmo: Akkordeon-Musik]

Alpenländische Töne immer und überall. Im Sommer ist Kimberley Schauplatz einer ganzen Reihe von Volksmusik-Festivals. Aber auch an normalen Tagen wird man auf Schritt und Tritt von volkstümlichen Klängen begleitet. Urs zum Beispiel, der bärtige Schweizer mit Kniebundhose und Tirolerhut, sitzt täglich in einem Straßenrestaurant und spielt Akkordeon. Das Restaurant ist eines von vielen, das so vertraute Speisen anbietet wie Apfelstrudel und Wiener Schnitzel. Der Inhaber ist ebenso in Deutschland geboren wie Willy Mulhaupt, der Vorsitzende des Gaststättenverbands von Kimberley. Er wacht darüber, dass die Speisen nicht nur deutsche Namen haben, sondern auch so schmecken.

[O-Ton Willy Mulhaupt:]
"Ich hab' deutsches Sauerkraut hier, wir machen Sauerkraut selber. Wir haben Spätzle. Wir machen alles – Rösti ... Ein klein wenig von Europa, äh, das Beste von Europa."

Auch das kanadische Nationalgetränk, der Kaffee, hat im Geschmack eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was man hierzulande unter Kaffee versteht. Das kanadische Gebräu dagegen erinnert eher an schwarz gefärbtes Wasser. Aber nicht mit Willy.

[O-Ton Willy Mulhaupt:]
"Ich trink' Kaffee de ganze Tag, und ich will 'n e klein wenig stärker trinken. Ich will nicht Wasser – ich hasse Wasser."

Zu Beginn der Siebziger Jahre war Kimberley ein kanadisches Bergdorf wie viele andere. Dann versiegte die Haupteinnahmequelle, eine Blei- und Zinkmine. So kam es, dass sich die Bewohner zusammensetzten und überlegten, wie man Touristen anlocken könnte. Berge und Schnee waren vorhanden, aber das hatten andere auch. Kimberley wollte sich unterscheiden. Schon damals war der Anteil an Deutschstämmigen groß. Also machten sie ihren Einfluss geltend und verwandelten Kimberley in ein Skidorf nach alpenländischem Muster. Die Häuser wurden umgebaut, das Zentrum "Platzl" getauft und die Speisekarten neu geschrieben. Mit Erfolg. Nicht nur den kanadischen und amerikanischen Touristen gefällt's, auch die deutschen kommen offenbar gern.

 

British Columbia Kimberley Platzl mit Gasthaus außen
Gasthaus am "Platzl"
British Columbia Kimberley Kuckucksuhr Happy Hans
Kuckucksuhr mit "Happy Hans"
British Columbia Kimberley The Old Bauernhaus außen
"The Old Bauernhaus"

[O-Töne Touristinnen:]
"Es schaut wirklich anders aus, ja, aber es is' so 'n bisschen 'ne kleine Erinnerung an die Heimat vielleicht. Ich hätt's mir 'n bisschen größer vorgestellt, doch so isses ganz nett."
"Ich finde es ja nicht schlecht, wenn es auch mitunter ein wenig kitschig wirkt für uns. Aber es ist nett. Ich finde, es sollte gemacht werden, wenn schon deutsche Leute hier sind und viele Auswanderer aus Europa und aus Deutschland. Dann ist es gut, wenn eine solche Insel hier besteht."

Die Deutschen drücken halt beim Kitsch ein Auge zu, die Kanadier kommen hauptsächlich deswegen. Hauptanziehungspunkt von Kimberley ist die angeblich größte Kuckucksuhr der Welt. Sie steht mitten auf dem "Platzl", ist knapp vier Meter hoch und begeistert vor allem Kinder. Wenn man nämlich ein 25-Cent-Stück einwirft, geht ein Türchen auf und "Happy Hans" erscheint. "Happy Hans" ist kein Kuckuck, sondern das Maskottchen von Kimberley, eine Puppe in Lederhosen, die jodelt.

[Atmo: jodelnder "Happy Hans"]

Original-bayerisch ist eigentlich nur das "Old Bauernhaus", ein altes Holzhaus, das die Besitzer Stück für Stück vom Chiemsee nach Britisch-Kolumbien transportieren ließen. Dort wurde es wieder aufgebaut. Es dient jetzt als zünftige Skihütte, und die Besitzer, zwei junge Bayern, können ihren kanadischen Traum in vertrauter Umgebung verwirklichen. Aber selbst dieses Original täuscht nicht darüber hinweg, dass Kimberley eben nur eine bayerische Stadt aus der Retorte ist.

[O-Ton Touristin:]
"Ich find's hier sehr schön, bloß eins, auf das ich aufmerksam gemacht habe, ist, dass es zu wenig Blumen auf den Balkonen gibt. Hier müssten doch so wie in Bayern viel mehr Blumen sein. Das ist mir aufgefallen. Es ist zu wenig. Die Balkone sind alle leer, ohne Blumen."

[Musik: Alpen-Jodler]

 

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SO KLEIN IST DIE WELT
- unerwartete Begegnung in den Rocky Mountains

Bei einer Tasse Kaffee sitze ich Willy Mulhaupt gegenüber, dem Vorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbandes von Kimberley, dieser "bayerischen" Stadt in den kanadischen Rocky Mountains. Da geht die Tür auf und ein älterer Herr mit schlohweißen Haaren betritt den Raum. Willy springt auf und begrüßt ihn herzlich auf Deutsch: "Hallo, Frank! Setz' dich zu uns."  Die beiden tauschen kurz die lokalen Neuigkeiten aus. Dabei spricht Frank mit einem Akzent, der mir sehr bekannt vorkommt. Könnte ein gebürtiger Hesse sein oder so. Da unterbreche ich die beiden:
"Kann es sein, dass Sie aus der selben Gegend stammen wie ich?" [An das hier übliche Du, auch unter eigentlich Fremden, kann ich mich noch nicht so recht gewöhnen.]
"Warum, wo biste dann her?"
"Aus Mainz."
"Waaas? Aus Meenz? Isch bin in Bretzenheim [ein Stadtteil von Mainz] geborn!"
"Waaas? In Bretzenheim? Ich wohne in Bretzenheim."
"Waaas?" Und Frank kriegt sich gar nicht wieder ein. So ein Zufall! Zwei Bretzenheimer zur gleichen Zeit an diesem fernen Ort!
In den Fünfziger Jahren sei er von Mainz nach Kanada ausgewandert, berichtet er, später dann als Ruheständler nach Kimberley gezogen, weil hier so viele Deutschstämmige leben. In Deutschland selbst ist er schon seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Seine Eltern hätten früher eine Kneipe am Mainzer Gautor geführt. Ob es die heute noch gebe? Ich weiß es nicht, verspreche aber Nachforschungen anzustellen. Sein Nachname sei Stauder, erzählt Frank weiter. Das sei damals ein häufiger Name in Bretzenheim gewesen. Und ist es noch immer, bestätige ich. Aber nahe Verwandtschaft sei wohl nicht darunter, meint er. Und dann springt Frank plötzlich auf, zerrt mich hoch und nimmt mich mit auf eine spontane Spritztour rund um Kimberley. Dabei zeigt er mir auch die Baustelle, wo sein neues Haus entsteht. Da will er seinen Lebensabend verbringen. Später lädt er mich noch auf einen Wein ein und nimmt mir das Versprechen ab, sein geliebtes Mainz zu grüßen.
Die ehemalige Kneipe seiner Eltern gibt es nicht mehr, muss ich ihm leider von zu Hause aus mitteilen. Noch jahrelang schickt mir Frank eine vierteljährlich erscheinende Broschüre mit dem Titel "Beautiful British Columbia". Gerne wäre ich nochmal hingefahren, aber geschafft habe ich es nicht. Inzwischen ist Frank verstorben. "Old Bretzenheim" hat er nicht mehr wiedergesehen.

 

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