rolf fröhlings reisereportagen
Kampanien (Italien)
WO DIE ZITRONEN BLÜHEN
- und Italien am italienschsten ist
Wo wurde die Pizza erfunden? In Kampanien. Woher stammen die Spaghetti mit Tomatensoße? Aus Kampanien. Woher kommt die klassische Mozzarella aus echter Büffelmilch? Genau, ebenfalls aus Kampanien. Geht's etwa noch italienischer?
Na gut, wem diese Gründe noch nicht genügen, um die süditalienische Region zu bereisen, der sei noch an den alten Goethe erinnert: "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?", fragte er in seinem Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Inspiriert dazu wurde er auf seiner Italienreise 1786, als er auch durch Kampanien kam. Tatsächlich werden dort heute noch Zitrusfrüchte in großen Mengen angebaut. Doch die Region hält nicht nur Gaumenfreuden aller Art bereit, sondern auch kulturelle und landschaftliche Genüsse.
Reportagen (Radio SWR4 RP, 07.07.2019):
Mit rund 130.000 Einwohnern ist Salerno die zweitgrößte Stadt Kampaniens. Deutlich kleiner als Neapel mit fast einer Million Einwohner, aber dafür auch deutlich ruhiger und beschaulicher. Wenn man die Salernitaner fragt, was sie an ihrer Stadt lieben, dann heben sie gerade diese Ruhe und Beschaulichkeit der vielen Gärten und Parks hervor. Dazu den "Lungomare", die Uferpromenade, wo man sich den salzigen Geruch des Tyrrhenischen Meers um die Nase wehen lassen kann, und natürlich den "Centro storico", die Altstadt mit ihren schmalen Gassen, von denen jede eine ganz individuelle Schönheit ausstrahlt.
Reportage (Radio SWR4 RP, 07.07.2019):
[Atmo: Altstadt]
Betriebsam, aber nicht hektisch, geht es zu in den Gassen von Salerno. Gesäumt sind sie von kleinen Geschäften, Cafés und Pizzerien. Dazwischen Kirchen, Klöster und Palazzi. Den ersten Halt bei unserem Rundgang machen wir auf der Piazza Sedile del Campo, wo ein kleiner Brunnen fröhlich vor sich hin sprudelt.
[Atmo: Fischbrunnen]
Er wurde von einem bedeutenden Architekten entworfen, erzählt unser Stadtführer Renato Menchini:
[O-Ton Renato Menchini 1:]
"Noi Salernitani chiamamo ...
Wir Salernitaner nennen ihn den Fischbrunnen, wegen der Figuren. Der Architekt, Luigi Vanvitelli, ist sehr berühmt, weil er auch den Königspalast in Caserta gebaut hat. Das ist einer der größten Königspaläste der Welt, mit riesigen Gärten drum herum. Den sollten Sie sich unbedingt anschauen, wenn Sie die Möglichkeit haben.
... se avete la possibilità."
Nach diesem kleinen gedanklichen Ausflug in den Norden von Kampanien machen wir Station an der Kirche San Pietro a Corte, der ehemaligen Privatkapelle eines Langobardenfürsten. Unter ihr finden sich noch Reste einer Therme mit Fresken im byzantinischen Stil.
[zum Anhören klicken: Atmo Heilige Messe im Dom]
Unweit der Kapelle erhebt sich der romanische Dom San Matteo. Er ist berühmt vor allem für seine prachtvoll ausgestattete Krypta mit den Gebeinen des Apostels Matthäus.
[zum Anhören klicken: O-Ton Renato Menchini]
"La cripta architettonicamente ...
Die Krypta ist im 17. Jahrhundert komplett umgebaut worden im Stil des Barocks. Nur die Säulen sind im Originalzustand. Alles andere wurde komplett umgestaltet mit diesem wunderschönen vielfarbigen Marmor. Die Deckenmalereien stammen von Belisario Corenzio, einem Künstler aus Salerno, sie zeigen Szenen aus dem Leben Christi.
... della vita di Cristo."
Unser Rundgang endet im Giardino della Minerva am oberen Ende der Stadt. Der Garten soll an die frühmittelalterliche Medizinschule von Salerno erinnern, wo eine Kombination aus morgenländischer und abendländischer Heilkunst gelehrt wurde. Unter Orangenbäumen findet man Beete mit Kräutern aller Art. Ein idealer Ort zum Ausruhen und Genießen.
[O-Töne Besucher:]
"Im Augenblick empfinde ich das schon mal generell als Oase der Ruhe. Also, das ist 'ne ganz besondere Atmosphäre."
"Mich fasziniert, dass aus der Familie, die den Garten früher gepflegt haben, einer Arzt war und die Pflanzen studiert hat und für die Heilungszwecke angewandt hat. Das fasziniert mich, dass diese Pflanzen heilen und gut duften und, ja, Leben spenden."
Nicht zuletzt hat man von hier oben eine der schönsten Aussichten – auf die Dächer von Salerno und auf das Meer.
[Atmo: Meeresrauschen]
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IM GEISTE DES HIPPOKRATES
- die "Medicusse" von Salerno
Ja, ich weiß, der Plural von Medicus ist natürlich nicht Medicusse, sondern Medici. Aber ich wollte den Eindruck vermeiden, der Artikel befasse sich mit der florentinischen Kaufmannsfamilie De'Medici aus der Renaissance-Zeit. Tatsächlich geht es nämlich um die Ärzte der oben erwähnten Medizinschule von Salerno, die im 9. oder 10. Jahrhundert entstand. Manche sagen, es sei die erste Universität der Welt gewesen (auch wenn sie sich selbst nie als Universität bezeichnete).
Der Legende nach waren die Gründerväter der Scuola medica salernitana vier Ärzte aus vier unterschiedlichen Kulturen: ein Jude namens Helinos, ein Grieche namens Pontus, ein Araber mit Namen Adela und der Latiner Salernus. Sie trafen sich, als sie während eines Unwetters Schutz unter einem Aquädukt suchten. Salernus war verletzt, und sie kümmerten sich gemeinsam um seine Wunde. Dabei sollen sie übereingekommen sein eine Schule zu gründen und ihr Wissen weiterzuverbreiten.
Nach heutigem Stand der Geschichtsforschung aber geht die Gründung in Wahrheit auf Benediktiner des Klosters Montecassino zurück, die in Salerno kranke Ordensbrüder und Kreuzfahrer pflegten. Die Lehrer an der Medizinschule beriefen sich auf Schriften antiker Ärzte wie Hippokrates von Kos, auch "Vater der Medizinwissenschaft" genannt. Im 11. Jahrhundert erhielt Salerno sogar den Beinamen civitas hippocratica. Durch den Kontakt mit Ländern im Orient gewannen aber auch die weit fortgeschrittenen Kenntnisse und Erkenntnisse aus dieser Region starken Einfluss auf die Lehre. Nicht nur deshalb war die Scuola medica salernitana in vielerlei Hinsicht ihrer Zeit voraus.
So wurde sie nicht, wie damals üblich, von Geistlichen, sondern von Laien geführt. Die Religionszugehörigkeit spielte ebenso wenig eine Rolle wie das Geschlecht. Auch Juden, Araber und sogar (jawohl!) Frauen durften Lehrer oder Schüler sein. Gegen den Willen der Kirche wurden an der Medizinschule anatomische Studien betrieben und chirurgische Eingriffe vorgenommen. Weiterhin verfassten Ärzte Bücher über Arzneimittelkunde und trugen damit zur Eigenständigkeit des Apothekerwesens bei. Auch die medizinische Fachsprache wurde durch Schriften aus Salerno stark beeinflusst. Im Laufe der Zeit erweiterte die Schule ihr Studienangebot um Philosophie, Theologie und Recht und wurde damit einer "echten" Universität immer ähnlicher.
Auch die damalige Obrigkeit erkannte die wissenschaftliche Bedeutung der Schule. So erließ der staufische Kaiser Friedrich II. im 12. Jahrhundert eine Studienordnung für die angehenden Mediziner, die neben der Theorie ein Praktikum bei einem Arzt vorschrieb. Allerdings leitete er auch den Niedergang der Scuola medica salernitana ein, indem er eine zweite Medizinschule in Neapel gründete. Die wurde im Laufe der Zeit zunehmend bedeutender und lief Salerno allmählich den Rang ab. Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich besiegelte Joachim Murat, der von Napoleon eingesetzte König von Neapel, das Schicksal der salernitanischen Schule, indem er nur noch der Universität Neapel zugestand, Diplome im Fach Medizin zu erteilen.
Dieser Erlass hatte Geltung bis in die jüngere Vergangenheit. An der 1968 gegründeten Universität Salerno konnte man deshalb zunächst kein Medizinstudium absolvieren. Das ist erst seit 2005 möglich. In ihrem Siegel nimmt die Uni nun wieder ausdrücklich Bezug auf die alte civitas hippocratica und erinnert damit ganz bewusst an die mittelalterliche Tradition der "Medicusse" von Salerno.
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ANSTRENGEND UND DOCH ERFRISCHEND
eine Wanderung an der Amalfi-Küste
Die "Costiera amalfitana" ist die wohl spektakulärste Steilküste Italiens und entsprechend beliebt bei Touristen. In den malerischen Fischerorten zwischen Positano und Vietri sul Mare herrscht deshalb ein Gewimmel und Gewusel, das seinesgleichen sucht. Dies gilt auch und ganz besonders für Amalfi selbst. Manche mögen vielleicht den Trubel, aber wer ihm entgehen möchte, dem sei eine Wanderung empfohlen. Zum Beispiel durch das "Valle delle Ferriere", das Tal der Eisenhütten. Denn dorthin kommen die wenigsten der vielen Bus- und Bootstouristen, die Amalfi tagsüber heimsuchen. Und es verspricht ein Naturerlebnis der ebenso anstrengenden wie erfrischenden Art zu werden.
Reportage (Radio SWR4 RP, 07.07.2019):
[Atmo: Straßenlärm in Amalfi]
In der schmalen Hauptstraße von Amalfi herrscht dichtes Gedränge. Aber da müssen wir durch, im wahrsten Sinne des Wortes. Zu Anfang geht es nur leicht bergauf. Unser Wanderführer Angelo Rocco nutzt die Gelegenheit, um etwas über die Geschichte des Tals zu erzählen. Im Mittelalter wurde hier aus Baumwolle wertvolles Büttenpapier hergestellt.
[O-Ton Angelo Rocco:]
"Col tempo si come la carta ...
Mit der Zeit wurde das Papier aus Amalfi sehr begehrt, weil es von hoher Qualität war. Es wurde zunächst in Form von Lappen produziert und dann getrocknet. Ein Stück weiter oben im Tal werden wir die Trocknungsanlagen sehen. Außer Papier wurde hier auch Eisen hergestellt. Das Erz kam aus der Toskana, von der Insel Elba, und hier wurde es verarbeitet.
… qui è lavorata."
Daher auch der Name "Valle delle Ferriere". Die Eisenhütten sind verschwunden, bis auf eine auch die Papierfabriken. Aber sie alle nutzten das Wasser des kleinen Rio Canneto, dessen Verlauf wir von nun an folgen.
{zum Anhören klicken: O-Ton Angelo Rocco]
"Adesso, per corso …
Unser Weg führt über viele Stufen hinauf. Lasst uns gemütlich gehen, immer schön langsam bergauf. Unterwegs werden wir an vielen Zitronenplantagen vorbeikommen. Hier wachsen die berühmten Zitronen von Amalfi. Daraus wird Limonade gemacht oder Likör, der Limoncello.
… il liquore, il limoncello."
[Atmo: Treppensteigen]
Die hohen Stufen verlangen uns schon einiges an Kondition ab. Zum Glück liegt auf halbem Wege eine Art Straußwirtschaft. Die bietet so ziemlich alles an, was man aus Zitronen machen kann. Zum Beispiel Granita. Einer aus der Wandergruppe war schon öfter in der Gegend und kennt sich aus.
[O-Ton Wanderer:]
"Die 'Granita di limone', das ist ein Halbgefrorenes, also es ist noch flüssig, aber nicht mehr ganz flüssig, und es ist Zucker drin, und es ist natürlich unglaublich erfrischend, unbeschreiblich gesund, weil hier im Tal hat es gute Luft, gutes Wasser, keine chemischen Zusätze, keine Schadstoffe in der Luft. Das ist quasi das Paradies noch auf Erden."
Nach der kurzen Rast geht es weiter hinauf, durch ein Naturschutzgebiet mit seltenen Pflanzen und an mehreren Wasserfällen vorbei, wo man im Sommer sogar baden kann. Unser Ziel ist ein Aussichtspunkt mit dem wohl schönsten Blick auf Amalfi. Die Gruppe ist begeistert:
"Bellissimo."
"Traumhaft."
"Atemberaubend."
"Das ist wie eine Postkarte."
"Den Aufstieg wert, auf jeden Fall. Sehr, sehr schön."
Und nach dem steilen Aufstieg folgt der steile Abstieg. Morgen werden wir wahrscheinlich alle ein wenig Muskelkater haben.
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IN EINER LIGA MIT VENEDIG UND GENUA
- die mittelalterliche Seerepublik Amalfi
Beim Anblick der kleinen Stadt Amalfi mit gerade mal fünftausend Einwohnern fällt es schwer zu glauben, dass sie früher in einer Liga mit Venedig und Genua spielte. Hier geht es allerdings nicht um Fußball, sondern um politische und wirtschaftliche Macht. Im Mittelalter nämlich war Amalfi das Zentrum einer Seerepublik ähnlich wie die beiden heutigen norditalienischen Großstädte, die Jahrhunderte lang den Handel rund um das Mittelmeer beherrschten. Amalfi war sogar die erste italienische Seerepublik überhaupt. Der prunkvolle Dom Sant'Andrea zeugt noch heute von den glorreichen Zeiten.
Weil es an der felsigen Küste wenig fruchtbares Land gab, um Ackerbau zu betreiben, konzentrierten sich die Amalfitaner schon im frühen Mittelalter auf den Seehandel. Anno 846 trug ihre Flotte maßgeblich dazu bei, dass ein Angriff der Sarazenen auf Rom abgewehrt werden konnte. 920 erlangte Amalfi seine Unanhängigkeit vom Oströmischen Reich, das damals auch Süditalien beherrschte, und gründete eine eigene Republik mit einem Dogen an der Spitze. Neben der Stadt Amalfi selbst gehörten auch die Nachbarorte Atrani, Ravello, Maiori und Minori dazu. 956 wurde die Republik in ein Herzogtum umgewandelt. In seinen besten Zeiten unterhielt Amalfi Handelsstützpunkte im gesamten Mittelmeerraum von Córdoba im heutigen Spanien über Kairo in Ägypten bis nach Konstantiopel, dem heutigen Istanbul in der Türkei. Die wichtigsten Exportgüter waren Eisen, Holz und Sklaven. Dafür brachten die amalfitanischen Schiffe beispielsweise Gold, Seide und Baumwolle von ihren Reisen mit nach Hause.
Im 12. Jahrhundert wurde Amalfi von den rivalisierenden Pisanern überfallen und geplündert. Dabei verlor es seine politische Unanbhängigkeit an Pisa. Das wirtschaftliche Aus kam mit einem verheerenden Tsunami im Jahre 1343, der die Stadt komplett zerstörte. Von dieser Katastrophe erholte sie sich nie wieder. Erst mit dem ansteigenden Tourismus nach dem Zweiten Weltkrieg begann Amalfi wieder aufzublühen. Heute lebt es überwiegend vom Fremdenverkehr.
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ANTIK, DOCH GUT ERHALTEN
ein Besuch der Ruinen von Paestum
28 Unesco-Welterbestätten gibt es in Kampanien. So viele wie in keiner anderen Region Italiens. Eine davon ist der Archäologische Park von Paestum. Hier gründeten die alten Griechen im 6. Jahrhundert v. Chr. eine Kolonie, der sie den Namen Poseidonia gaben – nach ihrem Meeresgott Poseidon. Später übernahmen die Römer das Kommando und nannten die Stadt Paestum. Um das Jahr 500 n. Chr. versumpfte die Gegend, die Malaria brach aus, und die letzten Bewohner zogen weg. Erst bei Ausgrabungen im 18. Jahrhundert wurden die steinernen Überreste wiederentdeckt. Heute findet man dort einige der besterhaltenen griechischen Tempel weltweit. Ein Besuch der historischen Stätte lässt die Zeit der Antike wieder lebendig werden.
Reportage (Radio SWR4 RP, 07.07.2019):
Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass Paestum alias Poseidonia mal eine bedeutende Stadt war. Ruinen, so weit das Auge reicht. Die größte und älteste unter ihnen ist der Hera-Tempel, erbaut um das Jahr 530 vor Christus.
Direkt daneben steht der Poseidon-Tempel, das eigentliche Prunkstück der gesamten Anlage. Um seinen Namen gibt es allerdings einige Verwirrung, wie der Audioguide zu berichten weiß:
[Audioguide:]
"Der sogenannte Poseidon-Tempel wurde um 470 vor Christus erbaut und Apollon oder auch Zeus gewidmet. Die Zuordnung an Poseidon ist nicht durch historische Zeugnisse erwiesen, sondern auf die Gelehrten des 19. Jahrhunderts zurückzuführen, die auf der Grundlage des Namens der Stadt Poseidonia es für wohl erachteten, den prunkvolleren und besser erhaltenen Tempel dieser Gottheit zuzuschreiben."
Die angesprochenen Gelehrten gaben allen Ruinen Namen, die heute noch vielfach verwendet werden, aber längst überholt sind. So war auch beispielsweise der Ceres-Tempel in Wahrheit der Athene geweiht, also der Göttin der Weisheit, nicht der Göttin der Fruchtbarkeit. Wenn es ums Kinderkriegen ging, wandten sich die Bewohner von Paestum wiederum an eine andere Gottheit. Davon zeugt das sogenannte Fortuna-Schwimmbecken:
[Audioguide:]
"Es wurde um 300 vor Christus erbaut und war der Göttin Fortuna Virilis geweiht, einer Inkarnation der Venus. Riten der Fruchtbarkeit zu Ehren der Göttin fanden hier statt. Die Statue der Göttin tauchte man in das Schwimmbad, dann wurde sie auf ein Podium von tragenden Steinpfeilern gestellt. Jetzt durften Frauen, allerdings nur verheiratete, ins Wasser eintauchen, um sich eine sanfte Geburt zu wünschen."
Ob es gewirkt hat, ist nicht überliefert. Als Sportstätte jedenfalls wurde das Schwimmbecken sehr wahrscheinlich nicht genutzt – obwohl man auch das lange Zeit vermutete. Sport und Spiele gab es stattdessen im Amphitheater.
[Audioguide:]
"Es wurde im 1. Jahrhundert vor Christus erbaut und später erweitert. Dort fanden Schauspiele verschiedenster Art statt. Im 3. Jahrhundert nach Christus organisierte der Vertreter einer bedeutenden Adelsfamilie prunkvolle Lustspiele mit 40 Gladiatoren, einer Zirkusjagd und einer Aufstellung der zum Tode Verurteilten."
Eine makabere Vorstellung, bei der man dann doch froh ist, dass die Zeit der Antike lange zurückliegt.
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GEPRIESEN SEI DER GENIUS
- Goethes Schwärmerei über Paestum
Kampanien ist reich an antiken Städten und Stätten. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ahnte kaum jemand etwas davon. Dann wurde 1738 Herculaneum wiederentdeckt, 1748 Pompeji und schließlich 1752 auch Paestum. Eine Welle von Ausgrabungen begann, die für die damalige Welt Erstaunliches zu Tage förderten und eine neue Begeisterung für das klassische Altertum entfachten. Aus ganz Europa pilgerten die Antiken-Fans in das südliche Italien, um die Tempel, Trümmer, Sensationen mit eigenen Augen zu sehen. Auch unser deutscher Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe ließ sich von der Euphorie anstecken. Gemeinsam mit dem Zeichner Christoph Heinrich Kniep reiste er im März 1787 von Neapel kommend nach "Pästum" und hinterließ der Nachwelt dabei folgende schwärmerische Zeilen:
"Auf dem zweirädrigen leichten Fuhrwerk sitzend und wechselsweise die Zügel führend, einen gutmütigen rohen Knaben hintenauf, rollten wir durch die herrliche Gegend, welche Kniep mit malerischem Auge begrüßte ... Das Land ward immer flacher und wüster, wenige Gebäude deuteten auf kärgliche Landwirtschaft. Endlich, ungewiß, ob wir durch Felsen oder Trümmer führen, konnten wir einige große länglich-viereckige Massen, die wir in der Ferne schon bemerkt hatten, als überbliebene Tempel und Denkmale einer ehemals so prächtigen Stadt unterscheiden. Kniep, welcher schon unterwegs die zwei malerischen Kalkgebirge umrissen, suchte sich schnell einen Standpunkt, von wo aus das Eigentümliche dieser völlig unmalerischen Gegend aufgefaßt und dargestellt werden könnte.
Von einem Landmanne ließ ich mich indessen in den Gebäuden herumführen; der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in einer völlig fremden Welt. Denn wie die Jahrhunderte sich aus dem Ernsten in das Gefällige bilden, so bilden sie den Menschen mit, ja sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere Augen und durch sie unser ganzes inneres Wesen an schlankere Baukunst hinangetrieben und entschieden bestimmt, so daß uns diese stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen lästig, ja furchtbar erscheinen. Doch nahm ich mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren Geist solche Bauart gemäß fand, vergegenwärtigte mir den strengen Stil der Plastik, und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich befreundet, ja ich pries den Genius, daß er mich diese so wohl erhaltenen Reste mit Augen sehen ließ, da sich von ihnen durch Abbildung kein Begriff geben läßt. Denn im architektonischen Aufriß erscheinen sie eleganter, in perspektivischer Darstellung plumper, als sie sind, nur wenn man sich um sie her, durch sie durch bewegt, teilt man ihnen das eigentliche Leben mit; man fühlt es wieder aus ihnen heraus, welches der Baumeister beabsichtigte, ja hineinschuf. Und so verbrachte ich den ganzen Tag, indessen Kniep nicht säumte, uns die genausten Umrisse zuzueignen. Wie froh war ich, von dieser Seite ganz unbesorgt zu sein und für die Erinnerung so sichere Merkzeichen zu gewinnen."
Gerne hätte Goethe auch in Paestum übernachtet, aber es gab damals keine Herberge. Deshalb reiste er nach "Salern" zurück und tags darauf wieder nach Neapel. Über Kniep, den er offenbar nicht für den allerklügsten Zeitgenossen hielt, äußerte er immerhin noch lobende Worte, was dessen Zeichenkunst betraf:
"Die herrlichsten Umrisse sind gewonnen, ihn freut nun selbst dieses bewegte, arbeitsame Leben, wodurch ein Talent aufgeregt wird, das er sich selbst kaum zutraute. Hier gilt es resolut sein; aber gerade hier zeigt sich seine genaue und reinliche Fertigkeit. Das Papier, worauf gezeichnet werden soll, mit einem rechtwinkligen Viereck zu umziehen, versäumt er niemals, die besten englischen Bleistifte zu spitzen und immer wieder zu spitzen, ist ihm fast eine ebenso große Lust als zu zeichnen; dafür sind aber auch seine Konture, was man wünschen kann."
Auch das Urteil der Nachwelt über Knieps Landschafts- und Architekturzeichnungen von Paestum fiel sehr positiv aus. Sie seien von außerordentlicher Genauigkeit, heißt es bei Wikipedia, und als archäologische Dokumente durchaus geeignet. Vielleicht sogar mehr (und das ist jetzt MEINE persönliche Meinung) als Goethes verschwurbelte Beschreibungen.
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