Jangtsekiang Drei Schluchten Abendstimmung

rolf fröhlings reisereportagen

Jangtsekiang (China)

                       

CHINAS LANGER FLUSS
- auf Kreuzfahrt durch die Drei Schluchten

Er ist der längste Fluss Asiens. Der Jangtsekiang (auch kurz: Jangtse – oder in offizieller Pinyin-Umschrift: Yangzi) misst 6.380 Kilometer von der Quelle im tibetischen Hochland bis zur Mündung ins Gelbe Meer bei Shanghai. Weltweit sind nur der Nil und der Amazonas etwas länger. Sein chinesischer Name Chang Jiang bedeutet denn auch ganz einfach: "Langer Fluss".
Auf seiner Reise überwindet der Jangtsekiang mehr als 5.400 Höhenmeter; am Ziel angekommen, führt er mehr als 30.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. In seinem Einzugsgebiet lebt fast eine halbe Milliarde Menschen, viele davon in Megastädten, deren Namen außerhalb Chinas kaum jemand kennt. Doch seit der Öffnung des kommunistischen Landes für westliche Besucher Anfang der 1990er Jahre ändert sich das zusehends. Inzwischen kommen Hunderttausende alljährlich, um den Strom der Superlative kennen zu lernen. Denn neben Peking und Shanghai gehört eine Kreuzfahrt durch die berühmten Drei Schluchten des Jangtsekiang zu den unvergesslichen Höhepunkten jeder China-Reise.

Jangtsekiang Drei Schluchten Abendstimmung
Titelfoto: Abenddämmerung am Jangtsekiang

Reportagen (rbb-INFOradio, 04.07.2009; Radio hr-iNFO, 13.09.2009; hr4, 17.10.2009:

RHEIN-ROMANTIK AUF CHINESISCH

Jangtsekiang Drei Schluchten altes Passagierschiff
Titelfoto: "Rhein"-Romantik auf dem Jangtsekiang

                  

Was der Rhein für die Deutschen, ist der Jangtsekiang für die Chinesen. Das heißt, beide sind mehr als nur die längsten Ströme, mehr als nur die wirtschaftlichen Lebensadern. Sie sind nationale Symbole, Mythen, um die sich Legenden ranken, die große Dichter besungen, berühmte Künstler gemalt und prestigebewusste Politiker durchschwommen haben. Was für den Rhein das Tal der Loreley zwischen Rüdesheim und Koblenz ist, sind für den Jangtsekiang die Drei Schluchten zwischen Yichang (gesprochen: Ji-tscháng) und Chongqing (Tschung-tchíng). Seit dem Bau des größten – und vielleicht umstrittensten – Staudamms der Welt kann dieser Abschnitt auch von modernen Kreuzfahrtschiffen gefahrlos und ganzjährig befahren werden. Der bedeutendste Anbieter ist die chinesisch-amerikanische Gesellschaft Victoria Cruises, die auf dem längsten Strom Asiens eine Flotte von sieben Luxuslinern unterhält. Ein achter soll noch 2009 in Dienst gestellt werden. Drei bis vier Tage – je nachdem, ob stromabwärts oder stromaufwärts – benötigen die schwimmenden Fünf-Sterne-Hotels für die rund 600 Kilometer lange Strecke durch die malerischen Schluchten Xiling Xia (gesprochen: Chi-líng Chiá), Wu Xia (Wu Chiá) und Qutang Xia (Tchu-táng Chiá). Rhein-Romantik auf Chinesisch ist im Reise-Programm natürlich inbegriffen!

Jangtsekiang Baidi Cheng Kreuzfahrtschiff Victoria Anna
"Victoria Anna" in Baidi Cheng
Jangtsekiang Baidi Cheng Trommler
Mit Trommelwirkbel zur "Stadt des weißen Kaisers" ...
Jangtsekiang Baidi Cheng Treppe und Sänfte
... zur Not auch mit der Sänfte
Jangtsekiang Baidi Cheng Fotografen
Fotograf der "Victoria Anna" immer mit dabei
Jangtsekiang Baidi Cheng Portal
Pforte zur "Stadt des weißen Kaisers"
Jangtsekiang Baidi Cheng Coco
Baidi-Cheng-Guide Li Zeyi alias Coco in der Tempelanlage
Jangtsekiang Baidi Cheng lebensgroße Figuren
Kultische Figuren im Tempel von Baidi Cheng
Jangtsekiang Baidi Cheng Qutang Schlucht Fotografen
Die Qutang-Schlucht ist ein beliebtes Fotomotiv
Jangtsekiang Qutang Schlucht Geldschein
Qutang-Schlucht als Motiv auf einem chinesischen Geldschein
Jangtsekiang Baidi Cheng Garküche
Für das leibliche Wohl ist gesorgt bei einem Besuch von Baidi Cheng
Jangtsekiang Baidi Cheng mehrere Garküchen
Von der Garküche frisch auf den Teller
Jangtsekiang Baidi Cheng Garküche mit Koch
Was wohl dieser freundliche Garküchen-Chef heute empfiehlt?

Reportage (rbb-INFOradio, 04.07.2009; hr-iNFO, 13.09.2009):

[Atmo: ferne Trommeln]

Während am Kai von Yichang noch die Begrüßungstrommeln für die letzten Passagiere verklingen, schlummern die anderen längst in ihren Kabinen. Erst am nächsten Morgen soll die "Victoria Anna" auf große Fahrt gehen. Mit 106 Meter Länge und einem Dienstalter von nur drei Jahren ist sie das derzeit größte und modernste Kreuzfahrtschiff auf dem Jangtsekiang. Und das wissen nicht nur einheimische, sondern auch amerikanische und deutsche Touristen zu schätzen. "Cruise Director" Dick Carpentier weiß warum.

[O-Ton Dick Carpentier:]
"I think, Victoria has a better idea ...
Ich denke, Victoria kann sich besser auf westliche Passagiere einstellen. Wir haben eben beide: westliche und chinesische. Und die aus Amerika und Europa sehen vieles anders als die Chinesen. Sie verlangen einen speziellen Service, sie sind froh über den westlichen Einfluss an Bord – die sanitären Einrichtungen zum Beispiel, das Dekor und vor allem, dass Englisch gesprochen wird.
… the language skills are available."

Englisch wird an Bord gesprochen, aber man sprickt auch Deutsch – ein paar Brocken zumindest: 

[Atmo-Ton: "Guten Abend!"]

In aller Herrgottsfrühe legt die "Victoria Anna" ab. Begleitet von Erläuterungen aus dem Bordlautsprecher, taucht sie in die östliche Xiling-Schlucht ein. Zwischen steil aufragenden Felswänden tuckern wir stromaufwärts, dem gewaltigen Staudamm von Sandouping entgegen. Mit einer Länge von 2,3 Kilometern und einer Höhe von 185 Metern ist er der größte der Welt. Ein notwendiges Projekt, meint unser chinesischer Guide Zhou Liping, der sich Mark nennt, weil das für Touristen leichter auszusprechen ist. Notwendig sei der Damm, um das Land mit Strom zu versorgen, um Überschwemmungen zu verhindern und die Schifffahrt zu erleichtern.

Jangtsekiang Victoria Anna Dick Carpentier
"Cruise Director" Dick Carpentier
Jangtsekiang Xiling Schlucht
Östliche Xiling-Schlucht
Jangtsekiang 3 Schluchten Staudamm Mark
Staudamm-Guide Mark

[O-Ton Mark:]
"You know, in the past shipping in the gorges …
In der Vergangenheit war es sehr schwer für die Schiffe in den Schluchten. Es gab viele gefährliche Riffe und Strudel. Aber durch den Damm ist der Wasserstand gestiegen, das macht das Navigieren leichter. Und erst seit der Damm gebaut wurde, können Frachtschiffe die gesamte Strecke befahren von Wuhan bis Chongqing.
… from Wuhan to Chongqing City."

Aber der Staudamm war und ist immer noch heftig umstritten. Mehr als eine Million Menschen im Flutungsgebiet – meist einfache Bauern und Fischer – mussten ihre Dörfer verlassen und in neue, höher gelegene, Siedlungen umziehen. Viele davon gegen ihren Willen. Auch unser Guide und seine Familie zogen von der versunkenen Stadt Zigui nach Sandouping. Seine Eltern hätten sich noch nicht an die neue Umgebung gewöhnt, doch er selbst habe damit keine Probleme.

Originalton 0:21

[zum Anhören klicken: O-Ton Mark]

"I'm very glad to remove ...
Ich bin sehr froh, dass wir in die neue Stadt gezogen sind. Hier haben wir bessere Lebensbedingungen. Zum Beispiel hab’ ich einen neuen Job gefunden, wir haben moderne Häuser, Schulen und so weiter. Also, ich mag die Stadt sehr.
... like the city very much here."

Auch unsere Befürchtung, durch den höheren Wasserstand des Jangtse könnten die Drei Schluchten an Reiz verloren haben, versucht Mark uns zu nehmen.

[O-Ton Mark:]
"In the gorges it has changed …
In den Schluchten hat sich die Landschaft nur wenig verändert. Die Berge drumherum sind sehr hoch, bis zu 2.000 Meter. Das Wasser ist um rund 100 Meter gestiegen. Das sind nur ein paar Prozent.
… small percentage of the scenery."

Um den westlichen Teil der Xiling-Schlucht zu erreichen, müssen wir erst mal die fünf Schleusenkammern am Staudamm passieren. Vier Stunden dauert die Prozedur. Zeit genug, um die Annehmlichkeiten unseres Luxusliners zu genießen: vielleicht ein Bad zu nehmen, zur Massage zu gehen oder in den Fitnessraum. Denn beim abendlichen Büfett warten reichlich Kalorien auf uns. Es gibt eine riesengroße Auswahl an Spezialitäten aus Ost und West.

Jangtsekiang 3 Schluchten Staudamm Totale von oben
Größter Staudamm der Welt
Jangtsekiang 3 Schluchten Staudamm Schleuse mit Schiff
Staudamm-Schleuse
Jangtsekiang Victoria Anna Büfett
Schlacht am warmen Büfett

[O-Ton Dick Carpentier:]
"Some Westerners prefer the Chinese food …
Auch manche der westlichen Passagiere wollen lieber chinesisches Essen. Deshalb haben wir beides. Andere mögen zwar chinesisches Essen, stellen aber fest, dass es anders schmeckt, als sie es von zu Hause her kennen. Dann sind sie froh, dass sie auch einen Hamburger bekommen können oder Lasagne oder Spaghetti. Denn auch auf Reisen mögen viele lieber das essen, was sie von daheim gewöhnt sind.
… type of food for them, for the Westerner."

Für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt. Auch an Deck. Denn am folgenden Morgen schon haben wir die Xiling-Schlucht hinter uns gelassen und die Wu-Schlucht erreicht. Hier erlebt die Rhein-Romantik ihren ersten Höhepunkt: Der "Feenberg" Shennü Feng am Nordufer ist quasi die chinesische Antwort auf den Loreley-Felsen. Statt einer Nixe lebt hier allerdings die Göttin Yao Ji, und die reißt vorüber fahrende Schiffer nicht ins Verderben, sondern sorgt vielmehr für deren Schutz, erzählt unser weiblicher Bord-Guide Zhang Wenyi alias Rebecca.

[O-Ton Rebecca:]
"Every time when the boats …
Immer wenn die Schiffer durch die Schlucht fahren, müssen sie der Göttin ihre Achtung erweisen, um eine gute und sichere Passage zu haben. Sie falten die Hände und wünschen sich was. Dann haben sie eine sichere Reise.
… that is a safe journey."

Wenige Kilometer hinter dem Feenberg, in Wushan, steigen wir von der "Victoria Anna" in einen kleineren Flussdampfer um. Hier mündet der Daning in den Jangtsekiang. Seit dem Bau des Staudamms ist er zu einem gut 100 Meter breiten Fluss angeschwollen. Früher war er in regenarmen Zeiten nur ein schmales Rinnsal.

Jangtsekiang Victoria Anna Bug
"Victoria Anna" zu breit
Daning Schlucht altes Foto
Daning-Schlucht vor dem Staudamm
Daning Schlucht nach Bau des Staudamms
Daning-Schlucht nach dem Staudamm

Originalton 0:24

[zum Anhören klicken: O-Ton Daning-Guide Alice]

"Sometimes the tourists had to get ...
Manchmal mussten die Touristen das Boot verlassen und die Stromschnellen zu Fuß umwandern, sagt unser Daning-Guide Chen Jun, die sich Alice nennt. Und die Bootsführer mussten in den Fluss springen und das Boot an einem Seil ziehen. Das war harte Arbeit. Aber jetzt ist der Fluss sehr tief, ungefähr 75 Meter tief.
... about 75 meters deep."

Diese Seitenschlucht des Jangtse ist noch enger, die Felsen rechts und links des Flusses wirken noch höher, noch steiler. Alice deutet auf kleine Höhlen hoch über unseren Köpfen. Wer genau hinschaut, entdeckt darin versteinerte Särge. Das antike Volk der Ba hat dort oben seine Toten bestattet, damit sie näher am Himmel sind. Hin und wieder sehen wir auch Affen, die auf den Felsen herumturnen. Viele der Ausflügler finden die Szenerie in der Daning-Schlucht noch eindrucksvoller als die in den Jangtse-Schluchten.

[O-Töne Passagiere:]
"Oh, it absolutely blows you away …
Das haut einen um, so was sieht man im Leben nur einmal. Man kennt es aus dem Fernsehen, und dann ist man wirklich hier. Einfach unglaublich! Toll!
… incredible, I loved it.
"It is spectacular …
Es ist spekatuklär! Wenn man an China denkt, denkt man nicht an so was. Das war wirklich eine angenehme Überraschung. Es hat mich an Alaska und Neuseeland erinnert.
… in Alaska and New Zealand."

Den Vorstellungen von China wesentlich mehr entspricht unser Ausflugsziel tags darauf: Baidi Cheng, die "Stadt des weißen Kaisers", am Ausgang der Qutang-Schlucht. In der Tempelanlage wurde einst der legendäre Kaiser Gong Sunshu verehrt, ein weiser und gütiger Herrscher, 2000 Jahre vor unserer Zeit. Bevor es den Staudamm gab, lag sie auf einer Landspitze, durch den gestiegenen Pegel des Jangtse liegt sie heute auf einer Insel.

[Atmo: Trommeln]

Begleitet von rhythmischem Trommeln schreiten wir über den hölzernen Steg zu der Insel hinüber. Zur eigentlichen "Stadt des weißen Kaisers" führen dann rund 300 Treppenstufen. In der schwülen Hitze der Drei-Schluchten-Region eine schweißtreibende Sache.

[O-Töne Besucher:]
"Bisschen schon, ja."
"Sehr. Ich bin das nicht gewohnt. Ich hab’ zu Hause nur 13 Stufen und nicht 300. Und vor allem – die Stufen haben ein anderes Maß, das strengt sehr an."

Daning Schlucht Alice
Daning-Guide Alice
Daning Schlucht Sarg
Höhle mit Ba-Sarg
Jangtsekiang Baidi Cheng Sänfte
Mit der Sänfte nach Baidi Cheng

Wer diese Mühen scheut, kann sich gegen einen kleinen Obolus auch mit der Sänfte hinauftragen lassen. Die Träger freuen sich über den Verdienst, aber manch westlicher Besucher bekommt hinterher offenbar ein schlechtes Gewissen.

[O-Ton Touristin:]
"I feel a little guilty and I don’t know if this is totally appropriate."

Egal ob zu Fuß oder mit der Sänfte, der Blick von oben auf die Qutang-Schlucht jedenfalls ist phänomenal. Und er hat sogar den "Großen Vorsitzenden" Mao Zedong bei einem Besuch 1956 zum Dichten animiert. Unsere örtliche Führerin Li Zeyi, die sich Coco nennt, zitiert aus Maos Versen:

Originalton 0:19

[zum Anhören klicken: Coco rezitiert Maos Baidi-Cheng-Gedicht]

In verkürzter Übersetzung heißt das etwa:
"Am frühen Morgen verließ ich die Stadt des weißen Kaisers. Mit der bunten Wolke am Himmel gehe ich nun nach Chang Ling, Hunderte von Meilen entfernt. Aber eines Tages kehre ich zurück und wenn ich über den Jangtse fahre, werde ich mich an diesen herrlichen Ausblick erinnern."

Die Tempelanlage von Baidi Cheng selbst aber ist nicht annähernd so beeindruckend wie die der Geisterstadt Fengdu, der wir am letzten Tag unserer Kreuzfahrt einen Besuch abstatten. Auch hier hat sich durch den Staudamm viel verändert. Das weltliche Fengdu ist eine chinesische Ausgabe von Atlantis, nämlich komplett versunken in den Fluten des aufgestauten Jangtse. Doch am anderen Flussufer hat man eine Ersatzstadt aus dem Boden gestampft.

[Atmo: Sessellift]

Ein Sessellift bringt Besucher in die Geisterstadt hoch über dem versunkenen Fengdu. Der Überlieferung nach residiert dort der Höllenkönig. Wer der ewigen Verdammnis entgehen will, muss drei Prüfungen bestehen, erklärt unsere deutschsprachige Führerin Peng Yi alias Julia. Eine Prüfung besteht darin, auf einem Stein zu balancieren.

[O-Ton Julia:]
"Wenn man mit dem einen Fuß, Männer mit dem linken und Frauen mit dem rechten Fuß, auf ihm drei Sekunden lang stehen kann, darf er den König aufsuchen. Das bedeutet, er ist ein guter Mensch."

Jangtsekiang Baidi Cheng Qutang Schlucht Coco
Coco vor der Qutang-Schlucht
Jangtsekiang Fengdu Dächer
Geisterstadt Fengdu
Jangtsekiang Fengdu Höllenkönig
Höllenkönig Yin Wang

Der Prüfstein liegt unmittelbar vor dem Palast des Höllenkönigs. Die daoistische Kultstätte stammt aus der Ming-Dynastie vor rund 500 Jahren. In der großen Halle richten sich alle Augen auf eine überlebensgroße Statue. Sie ist ganz mit Gold überzogen und in ein wallendes rotes Tuch gehüllt.

[O-Ton Julia:]
"Diese Figur, das ist der König von dieser Geisterstadt, er verwaltet diese ganze Geisterstadt. Dieser König, auf Chinesisch, heißt Yin Wang. Yin bedeutet die Unterwelt, Wang bedeutet der König. Yin Wang zusammen in China bedeutet der König von die Unterwelt. Und an seiner Seite sind die Untergebenen. Es sind die höchsten Beamten von dieser Geisterstadt."

Anscheinend ist unser Sündenregister nicht lang genug, denn der Höllenkönig Yin Wang lässt uns alle wieder ziehen. Zurück an Bord der "Victoria Anna", haben wir Gelegenheit zu einem Besuch auf der Kommandobrücke. Der Käpt’n lässt sich zwar entschuldigen – man munkelt, er schäme sich, weil er nicht gut Englisch spricht, aber Fluss-Guide Li Xutong, genannt Daniel, gibt bereitwillig Auskunft.

[O-Ton Daniel:]
"We have two diesel engines ...
Wir haben zwei Dieselmotoren, je 1600 PS stark und beide in China produziert. Die Höchstgeschwindigkeit dieses Schiffes beträgt 28 km/h oder 16 Knoten ungefähr. Aber im Moment fahren wir langsamer. Wir müssen sehr vorsichtig sein, hier sind sehr viele lokale Boote unterwegs, in beiden Richtungen.
... coming here and going."

Daniel ist ein alter Hase auf dem Jangtse. Er kann sich noch gut erinnern, wie schwer es die Schifffahrt vor dem Dammbau hatte. Weniger PS-starke Boote kamen häufig nicht gegen die Strömung an, sie mussten sich durch die Gefahrenstellen schleppen lassen. Manchmal waren sie sogar gezwungen vor Anker zu gehen und abzuwarten, bis die Strömung nachließ.

[O-Ton Daniel:]
"But right now we’ve got …
Aber dafür haben wir jetzt andere Probleme, schränkt er ein. Es verdunstet mehr Wasser, dadurch haben wir mehr Nebel und mehr Regen. Heute ist die größte Gefahr der Nebel oder manchmal auch der starke Wind.
… and sometimes the strong wind."

Jangtsekiang Victoria Anna Kommandobrücke mit Kapitän
Kommandobrücke
Jangtsekiang Brücke Fuling
Nebel vor der Brücke von Fuling
Jangtsekiang Victoria Anna Show Ensemble
Bordpersonal als Showtruppe

Und als wollte der Wettergott Daniels Worte bestätigen, wird der Himmel zusehends trüber, auch ein paar Regentropfen fallen. Aber es sind nur noch wenige Stunden bis zum Ziel unserer Kreuzfahrt in Chongqing. Zeit für eine kleine Bilanz unter den Passagieren – und alle nehmen positive Erinnerungen mit:

[O-Töne Passagiere:]
"Dass man von A nach B gebracht wird, ohne viel tun zu müssen, und noch viele schöne Sachen unterwegs sieht. Wenn man auf dem Balkon steht, auf seinem eigenen Balkon, oder auf der Reling, dann rüberguckt und die Aussicht bewundern kann, das ist klasse."
"Am meisten überrascht hat mich der hohe Standard des Personals, die alle durchweg freundlich, qualifiziert waren, hilfsbereit und immer um einen herum waren."
"Unterkunft ist ausgezeichnet. Die Crew ist sehr zuvorkommend, gastfreundlich. Die Chinesen selbst haben mich begeistert, es heißt, immer ein Lächeln im Gesicht."

Das Klischee vom "Land des Lächelns", es stimmt eben doch. Und dieses Lächeln erscheint uns nicht unergründlich, sondern aufrichtig. Die gesamte Crew der "Victoria Anna" ist uns ans Herz gewachsen. Bei der abendlichen Show zieht sie noch mal alle Register.

[Atmo: Cabaret-Show]

Künstlerisches Talent ist Einstellungsvoraussetzung für die begehrten Jobs an Bord. In traditionellen chinesischen Kostümen zeigen Köche, Kellnerinnen oder Zimmermädchen, dass sie ebenso gut singen, tanzen oder musizieren können. Und auch an dem amerikanischen Kreuzfahrt-Direktor Dick Carpentier ist offenbar ein Entertainer verloren gegangen.

Originalton 0:36

[zum Anhören klicken: Dick Carpentier singt "My Way"]

Kein Wunder, dass uns der Abschied am nächsten Morgen umso schwerer fällt. Nach dem Frühstück steigen wir von Bord. Am Pier von Chongqing marschieren wir wiederum durch ein Spalier von Musikanten.

[Atmo: Abschiedskapelle]

An der Reling stehen viele vertraute Gesichter und winken. Für die Crew der "Victoria Anna" ist das Ende dieser Kreuzfahrt zugleich der Anfang der nächsten. Schon am selben Abend wird sie die Rückreise nach Yichang antreten.

 

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Hinweis:

Die "Drei Schluchten" des Jangtsekiang sind eigentlich vier Schluchten. Dass man sie sprachlich auf drei reduziert hat, hängt mit dem chinesischen Aberglauben zusammen. Die Zahl 4 steht nämlich für "Tod" und soll folglich Unglück bringen. Deshalb hat man die östliche Xiling-Schlucht zwischen Yichang und Sandouping und die westliche Xiling-Schlucht zwischen Xiangxi und Xin Zigui kurzerhand zu "einer" Schlucht zusammengefasst, obwohl zwischen beiden Abschnitten rund 30 Kilometer Flachland liegen.

 

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VICTORIA ANNA

der Dampfer des netten Lächelns

Jangtsekiang Victoria Anna Totale
Titelfoto: Jangtse-Kreuzfahrtschiff "Victoria Anna"

                 

 

Nicht erst seit Franz Lehars gleichnamiger Operette gilt China als "Das Land des Lächelns". Grimmige Mienen sind dort nämlich eine Seltenheit. Das gilt auch und vor allem für die Crew der "Victoria Anna". Das derzeit größte Kreuzfahrtschiff der chinesisch-amerikanischen Gesellschaft Victoria Cruises schippert bis zu 308 Passagiere durch die berühmten Drei Schluchten des Jangtsekiang. Betreut werden die Passagiere dabei von 150 Besatzungsmitgliedern. Die tun alles Erdenkliche, um ihren Gästen den Aufenthalt an Bord so angenehm wie möglich zu machen. Und ihr stets nettes Lächeln steckt an. So wird die Kreuzfahrt auf dem größten Strom Asiens nicht nur zu einer erholsamen Luxusreise im schwimmenden Fünf-Sterne-Hotel, sondern auch zu einer unvergesslichen Begegnung mit der fernöstlichen Kultur.

Jangtsekiang Victoria Anna Beladen in Yichang
Gepäck der Kreuzfahrer wird in Yichang an Bord der "Victoria Anna" gebracht
Jangtsekiang Victoria Anna Rezeption
Bordrezeption der "Victoria Anna"
Jangtsekiang Victoria Anna Kabine mit 2 Betten
In der Kabine
Jangtsekiang Victoria Anna Kabine mit Betten und Rosen
Blumengruß vom freundlichen Zimmermädchen (oder besser: Kabinenmädchen)
Jangtsekiang Victoria Anna Shangri La Suite
In der Shangri-La-Suite
Jangtsekiang Victoria Anna Kapitän Begrüßung
Ansprache des Kapitäns an die Passagiere
Jangtsekiang Victoria Anna Frühstück Rebecca
Zhang Wenyi alias Rebecca bringt den Frühstückskaffee
Jangtsekiang Victoria Anna Frühstück Kellner
Immer freundliche Bedienung
Jangtsekiang Victoria Anna deutschsprachige Inschrift
Gefährlicher Treppenaufgang an Bord: "Achtung auf den kopf"
Jangtsekiang Victoria Anna Show
Abendliche Show an Bord

Reportage (Radio hr4, 17.10.2009):

Originalton 2:40

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo Chinesischkurs:]
"Germany, you should remember: De Guo."
"De Guo."
"De Guo."
"De Guo."
"De – that means virtue – V I R T U E – a country of virtue."

Ein Land der Tugend – das ist Deutschland für die Chinesen. Sehr schmeichelhaft! Beim kleinen Sprachkurs an Bord der "Victoria Anna" bringt uns "River Guide" Zhang Wenyi die wichtigsten Vokabeln ihrer Muttersprache bei. Nicht, dass wir darauf angewiesen wären, denn "Rebecca", wie wir sie nennen dürfen, und die restliche Crew sprechen sehr gut Englisch. Manche können sogar ein paar Brocken Deutsch:

[Atmo-Ton: "Guten Abend!"]

Auch das Tagesprogramm, das jeweils am Vorabend in den Kabinen verteilt wird, erhalten wir auf Deutsch. Das Gros der Passagiere allerdings kommt aus den USA, und auch immer mehr Chinesen können sich eine Kreuzfahrt leisten. Die Team der "Victoria Anna" muss viele unterschiedliche Geschmäcker bedienen – vor allem beim Essen.

[O-Ton Dick Carpentier:]
"Some Westerners prefer the Chinese food …
Auch manche der westlichen Passagiere wollen lieber chinesisches Essen, sagt unser amerikanischer Kreuzfahrt-Direktor Dick Carpentier. Deshalb haben wir beides. Andere mögen zwar chinesisches Essen, stellen aber fest, dass es anders schmeckt, als sie es von zu Hause her kennen. Dann sind sie froh, dass sie auch einen Hamburger bekommen können oder Lasagne oder Spaghetti. Denn auch auf Reisen mögen viele lieber das essen, was sie von daheim gewöhnt sind.
… type of food for them, for the Westerner."

Auch auf den westlichen Komfort der "Victoria Anna" legen viele Passagiere großen Wert: auf Sauberkeit, auf Hygiene und auf bequeme Kabinen. Sie werden nicht enttäuscht.

Jangtsekiang Victoria Anna Chinesischkurs
Chinesischkurs an Bord
Jangtsekiang Victoria Anna Kellnerin beim Servieren
Immer nur lächeln, immer vergnügt
Jangtsekiang Victoria Anna Shangri La Suite Bett
"Shangri-La-Suite"

[O-Ton Passagierin:]
"Die Kabinen entsprechen einem sehr, sehr guten und luxuriösen Hotel – entsprechend groß, super eingerichtet mit zwei Betten, wo man getrennt schlafen kann oder man schiebt die Betten zusammen. Das Bad ist groß genug, mit einer Badewanne. Da hat man dementsprechend auch viele Möglichkeiten: zu duschen oder zu baden. Sehr schön, sehr luxuriös find’ ich das Ganze."

Sogar die Standard-Kabinen haben alle einen eigenen Balkon. Wem der nicht groß genug ist, kann auf das Sonnendeck gehen – oder eine der beiden Shangri-La-Suiten buchen – mit eigener Terrasse und Blick zum Bug.

[O-Ton Dick Carpentier:]
"Once you open the curtain ...
Wenn man den Vorhang aufzieht, hat man eine herrliche Aussicht. Die Suiten sind sehr groß, sie haben ihren eigenen Whirlpool, ein riesiges Bett. Hier kann man Cocktail-Partys feiern und alle seine Freunde einladen. Ich würde sagen, sie haben etwa das Niveau von Eigentumssuiten auf einem Hochsee-Kreuzfahrtschiff.
... owner's suite on a cruiseship."

Wer allerdings seine Privatpartys feiert, verpasst möglicherweise die abendlichen Shows an Bord, bei denen Kellner und Zimmermädchen zeigen, dass sie auch tanzen und musizieren können.

[Atmo: Cabaret-Show]

Das junge chinesische Team der "Victoria Anna" macht einen tollen Job, auch tagsüber. Da sind wir Passagiere uns alle einig.

[O-Töne Passagiere:]
"Am meisten überrascht hat mich der hohe Standard des Personals, die alle durchweg freundlich, qualifiziert waren, hilfsbereit und immer um einen herum waren."
"Die Crew ist sehr zuvorkommend, gastfreundlich, immer ein Lächeln im Gesicht. Also, ausgezeichnet, ich hab’ mich wohlgefühlt."

Na, dann zeigen doch auch wir uns von unserer besten Seite und lernen noch ein bisschen Chinesisch. Zum Beispiel das Wort für China:

[Atmo-Ton Chinesischkurs:]
"We call this country 'Middle Country' – Zhong Guo."
"Zhong Guo."
"Zhong Guo."
"Zhong Guo."

 

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SAN XIA DABA

der Damm des nationalen Stolzes

Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Touristen
Titelfoto: Staudamm als Touristenmagnet

                      

 

Viele Male in seiner Geschichte hat der Jangtsekiang für verheerende Überschwemmungen gesorgt; Millionen von Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Deshalb gab es in China schon vor Jahrzehnten Pläne für einen Staudamm, um den Strom zu bändigen. Aber immer wieder kam etwas dazwischen: Kriege, Bürgerkriege, knappe Kassen, die Angst vor einem Atomschlag. So dauerte es bis zum Jahr 1993, bis das Mammutprojekt in Angriff genommen wurde. Bei der Stadt Sandouping, zwischen der östlichen und der westlichen Xiling-Schlucht, entstand die größte Talsperre der Welt: der Drei-Schluchten-Staudamm San Xia Daba (gesprochen San Chiá Dàbà). Seit 2006 ist das Bauwerk vollendet, bis Ende 2009 soll auch die maximale Stauhöhe des Jangtse-Wassers erreicht sein.
Jahrelang war das Projekt weltweit heftig umstritten. Denn rund anderthalb Millionen Menschen mussten umgesiedelt werden. Ganze Städte versanken in den Fluten, mit ihnen wertvolle Kulturgüter – von den Schäden an der Natur ganz zu schweigen.
Doch jetzt, wo der Mega-Staudamm fertig ist, hat er sich zu einem Symbol des nationalen Stolzes entwickelt. Und längst ist er zu einer Touristenattraktion geworden. Allein 2008 kamen zehn Millionen Besucher. Auch die Kreuzfahrtschiffe auf dem Jangtse machen am San Xia Daba Station.

Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Visitor Center
Besucherzentrum am Staudamm
Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm nah
Blick vom Besucherzentrum auf den Staudamm
Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Zhou Liping
Auch Staudammführer Zhou Liping alias Mark posiert gerne vor dem mächtigen Bauwerk
Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Schleusen von oben
Blick über die Schleusenanlagen
Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Schiffe in Schleuse nah
Schiffe in der Schleuse
Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Schleuse Ausfahrt
Ausfahrt aus der Schleuse

Reportage (Radio hr4, 17.10.2009):

Originalton 2:54

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Auf der Aussichtsplattform an der Dammkrone herrscht dichtes Gedränge. Ganze Heerscharen von chinesischen Touristen versammeln sich um ihre Fähnchen schwenkenden Reiseführer. Für uns deutsche Kreuzfahrer ist Zhou Liping zuständig, genannt Mark. Und wenn man ihm glauben darf, ist der Damm ein großer Segen – vor allem für die Schifffahrt.

[O-Ton Mark:]
"You know, in the past shipping in the gorges …
In der Vergangenheit war es sehr schwer für die Schiffe in den Schluchten. Es gab viele gefährliche Riffe und Strudel. Aber durch den Damm ist der Wasserstand gestiegen, das macht das Navigieren leichter. Und erst seit der Damm gebaut wurde, können Frachtschiffe die gesamte Strecke befahren von Wuhan bis Chongqing.
… from Wuhan to Chongqing City."

Mark nimmt uns mit zum Besucherzentrum auf einem Hügel, wo man das gewaltige Bauwerk in seiner ganzen Dimension überblicken kann: 2,3 Kilometer lang, 185 Meter hoch und an der Basis 130 Meter breit. In seinem Wasserkraftwerk erzeugen 26 Turbinen mehr als 18 Gigawatt Strom.

[O-Ton Mark:]
"You know, in the future …
Künftig werden bis zu fünf Prozent der gesamten Energie in China von diesem Kraftwerk produziert. Wir versorgen damit die ganze Küstenregion um Shanghai. Diese Energie ist sehr umweltfreundlich. Bisher gewinnt China 70 Prozent seiner Energie aus Kohle und damit wird die Luft stark verschmutzt. Wasserkraft ist viel besser als Kohle.
… no pollution, right?"

Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Gruppenfoto
Kreuzfahrer auf dem Aussichtshügel
Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Mark im Bus
Staudamm-Guide Mark
Jangtsekiang Drei Schluchten Staudamm Schleuse von fern
Schleusen bremsen Schiffe aus

Natürlich war nicht zu erwarten, dass die chinesische Regierung einen ausgewiesenen Staudamm-Kritiker auf westliche Touristen loslassen würde, aber Mark wirkt auch nicht wie ein Betonkopf. Er selbst wurde mit seiner Familie umgesiedelt und lebt erst seit kurzer Zeit hier in Sandouping.

[O-Ton Mark:]
"We are very glad to remove ...
Wir sind sehr froh, dass wir in die neue Stadt gezogen sind. Meinen Eltern allerdings ist der Umzug nicht leicht gefallen. Wie das Sprichwort sagt: Ob Osten, ob Westen, daheim ist’s am besten.
... the home is the best."

Der jungen Generation fällt die Umgewöhnung offenbar leichter. Endlich moderne Wohnungen mit Strom, fließend Wasser und WC. Von den vielen neuen Jobs rund um den Staudamm ganz zu schweigen. Solche Argumente sind schwer zu entkräften. Auch unsere Befürchtung, durch den höheren Wasserstand des Jangtse könnten die Drei Schluchten an Reiz verloren haben, versucht Mark uns zu nehmen.

[O-Ton Mark:]
"In the gorges it has changed …
In den Schluchten hat sich die Landschaft nur wenig verändert. Die Berge drumherum sind sehr hoch, bis zu 2.000 Meter. Das Wasser ist um rund 100 Meter gestiegen. Das sind nur ein paar Prozent.
… small percentage of the scenery."

Bei allem Stolz auf den Staudamm, einen Nachteil hat er aber doch, gibt Mark zu: Die Schifffahrt muss jetzt fünf Schleusenkammern passieren, und das dauert mehr als vier Stunden. Uns Kreuzfahrern allerdings kann es egal sein, denn wir haben ja alle Zeit der Welt.

 

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DANING

der Zauber des engen Canyons

Daning Ausflugsschiff chinesische Fahne
Titelfoto: Bootsausflug durch die Daning-Schlucht

                   

 

Eine Kreuzfahrt durch die Drei Schluchten des Jangtsekiang führt an steil aufragenden Felswänden entlang. Vor dem Bau des Staudamms mussten sich die Schiffe durch Engpässe quälen, die kaum 100 Meter breit waren. Diese Zeiten sind vorbei. Der Fluss hat an Breite deutlich zugelegt, das Panorama, von Bord aus betrachtet, ist heute nicht mehr ganz so spektakulär. Dafür staut sich das Wasser bis in schmale Seitenschluchten hinein, die früher gar nicht schiffbar waren. Eine davon ist die Daning-Schlucht bei Wushan. Hier können die Kreuzfahrt-Passagiere auf ein kleineres Ausflugsschiff umsteigen, um den einzigartigen Zauber dieses engen Canyons zu erleben.

Jangtsekiang Daning Brücke im Bau
Autobahnbrücke im Bau an der Einfahrt zur Daning-Schlucht
Daning Chen Jun mit Bildband
Guide Chen Jun alias Alice zeigt Fotos von Flora und Fauna entlang der Daning-Schlucht
Daning Schlauchboote in Schlucht
Foto von der Daning-Schlucht vor dem Bau des Drei-Schluchten-Staudamms
Daning Ba Sarg von fern
Felsen mit Sarghöhle des antiken Volks der Ba
Daning Ba Sarg nah
Ba-Sarg in einer Felshöhle
Daning Mini Schlucht Gondel
Ausflug mit der Gondel in eine Mini-Schlucht

Reportage (Radio hr4, 17.10.2009):

Originalton 3:01

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Ein stählerner Bogen überspannt die Daning-Mündung in schwindelnder Höhe. Noch ist die Brücke nicht fertig. Aber bald wird hier die Autobahn von Shanghai nach Chongqing entlang führen. Durch den Rückstau des Drei-Schluchten-Dammes ist der Daning zu einem gut 100 Meter breiten Fluss angeschwollen. Früher war er kaum mehr als ein Wildbach. Nur kleine Boote konnten ihn befahren.

[O-Ton Alice:]
"Sometimes the tourists had to get …
Manchmal mussten die Touristen das Boot verlassen und die Stromschnellen zu Fuß umwandern, sagt unser Daning-Guide Chen Jun, die sich Alice nennt. Und die Bootsführer mussten in den Fluss springen und das Boot an einem Seil ziehen. Das war harte Arbeit. Aber jetzt ist der Fluss sehr tief, ungefähr 75 Meter tief.
… about 75 meters deep."

Das macht die Ausflugsfahrt durch die Daning-Schlucht deutlich bequemer. Unser Boot im Stil einer chinesischen Pagode bietet genug Platz für sämtliche Passagiere der "Victoria Anna". Und damit dringen wir immer tiefer in den engen Canyon vor. Fast senkrecht ragen die Felsen rechts und links von uns in den Himmel. Immer wieder deutet Alice auf kleine Nischen mit versteinerten Särgen. Das antike Volk der Ba hat dort oben seine Toten bestattet.

[O-Ton Alice:]
"These coffins are about ...
Diese Särge sind ungefähr 2000 Jahre alt. Nach der Überlieferung glaubten die Ba, je höher, je besser. So waren ihre Seelen näher am Himmel. Aber nicht jeder wurde so bestattet, nur ihre Häuptlinge und die reichen Leute.
... and also rich persons."

Wie die Ba ihre Särge in die unzugänglichen Felsnischen verfrachtet haben, ist bis heute ein Rätsel. Sie mussten wohl klettern können wie die Affen, die am Ufer herumtollen.

[Atmo: singender Bootsführer]

Daning Ausflugsschiff
Fahrt durch die Daning-Schlucht
Daning Affen
Affen am Ufer
Daning Gondoliere
Unser "Gondoliere"

Nach einer guten Stunde steigen wir noch einmal um, diesmal in eine flache Gondel mit Außenborder. Und der "Gondoliere" lässt es sich nicht nehmen, uns ein kleines Ständchen zu bringen.
Mit dem Mini-Boot dringen wir in eine Mini-Schlucht ein, vor der auch das Ausflugsschiff kapitulieren muss.

[O-Ton Alice:]
"It’s so beautiful here …
Hier ist es so schön mit den hohen Bergen auf beiden Seiten des Flusses. Er ist noch schmaler als der Daning. Deshalb sprechen wir von einer Mini-Schlucht. Besonders in der Regenzeit sieht man hier viele Wasserfälle.
… waterfalls on both sides."

Wir sehen nicht so viele, aber dafür bleiben wir auch von Regen verschont. Und auf dem Weg zurück zur "Victoria Anna" sind alle noch ganz gebannt vom Zauber der Daning-Schlucht:

[O-Ton Passagier:]
"Very beautiful, very, very enjoyable."

Er hat es sehr genossen. Und für sie war es eine angenehme Überraschung, weil sie ein ganz anderes Bild von China hatte:

[O-Töne Passagiere:]
"It is spectacular. You know, when we think of China, we don’t think of this and it was a very pleasant surprise."
"Oh, it absolutely blows you away. This would have to be a trip of a lifetime."

Für ihn war der Daning-Ausflug gar der Trip seines Lebens. Und dabei ist unsere Kreuzfahrt noch lange nicht zu Ende.

 

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FENGDU

der Tempel des reinen Gewissens

Fengdu Tempel Eingangstor
Titelfoto: Pforte zum Tempel von Fengdu

                      

 

Durch den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms sind viele Kulturgüter entlang des Jangtse unwiederbringlich verloren gegangen. Einige wurden rechtzeitig abgetragen und auf sicherem Terrain wiederaufgebaut. Andere hatten das Glück, dass sie hoch genug lagen und ihnen der gestiegene Wasserstand des Flusses nichts anhaben konnte. So auch der Tempel des "Höllenkönigs" Yin Wang in der so genannten Geisterstadt Fengdu. Die weltliche Stadt zu ihren Füßen ist in den Fluten des Jangtsekiang untergegangen, aber die historische Tempelanlage auf einem 250 Meter hohen Hügel blieb erhalten.
Fengdu ist deshalb fester Bestandteil der meisten Kreuzfahrtprogramme. Die Schiffe ankern zu Füßen der Geisterstadt und geben den Passagieren Gelegenheit für einen kurzen Landausflug. Wer allerdings zum Höllenkönig vordringen will, muss nach daoistischem Glauben ein reines Gewissen haben – sonst könnte der Trip böse enden.

Fengdu Tempel Souvenirstände
Souvenir-Stände zu Füßen der Geisterstadt Fengdu
Fengdu Tempel Höllenkönig Eingangstor
Tor zum Tempel des Höllenkönigs Yin Wang
Fengdu Tempel Gewissensprüfung Eisenkugel
180 kg schwere Eisenkugel als Gewissensprüfung für Männer
Fengdu Tempel Höllenkönig Statue
Höllenkönig Yin Wang
Fengdu Tempel Höllenkönig Räucherstäbchen
Räucherstäbchen als Opfergabe für den Höllenkönig
Fengdu Tempel Geister Figuren
Geisterfiguren im Tempel des Höllenkönigs
Fengdu Tempel plastische Darstellung der Höllenqualen
Höllenqualen für Menschen ohne reines Gewissen
Fengdu Tempel Garküche
Kleine Stärkung nach dem Besuch der Geisterstadt Fengdu

Reportage (Radio hr4, 17.10.2009):

Originalton 3:04

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Straßenhändler]

Der Weg zum Höllenkönig führt zunächst einmal durchs Fegefeuer. Dutzende von Souvenirhändlern erwarten die Kreuzfahrer am Fuße des Hügels und lassen sich nur schwer abwimmeln. Wer aber die Pforte zur Hölle unbeschadet erreicht, kann sich die 500 Stufen zum Tempel hinauf ersparen und stattdessen mit einem Sessellift sanft entschweben.

[Atmo: Sessellift]

Oben angekommen, erwarten den Höllenbesucher drei Gewissensprüfungen. Die erste besteht darin, mit neun Schritten über eine kleine Brücke zu gehen, erläutert unsere deutschsprachige Fengdu-Führerin Peng Yi alias Julia.

[Atmo-Ton Julia:]
"Paare, gehen Sie bitte Hand in Hand. Das bedeutet, im nächsten Leben könnten sie auch zusammenbleiben."

Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Doch alle Paare nehmen sich brav an der Hand und spazieren gemeinsam über den Steg.
Schon wenige Meter weiter folgt die nächste Prüfung, diesmal allerdings nur für Männer. Sie müssen eine 180 Kilo schwere Eisenkugel auf einen Stein bugsieren.

Fengdu Tempel Souvenirverkäuferin
Souvenir, Souvenir
Fengdu Tempel Sessellift
Mit dem Sessellift zum Tempel
Fengdu Tempel Gewissensprüfung Brücke
Erste Prüfung

[O-Ton Julia:]
"Hier geht es um eine Sage. Man sagt, wenn man diese Kugel da rauf schaffen kann, das bedeutet, er bleibt seiner Frau ganz treu. Jetzt wir können versuchen bitte."

Aber keiner schafft es, denn es funktioniert nur mit einem Trick. Die Kugel muss in Rotation versetzt werden.

[Atmo-Ton Julia:]
"Hier gibt es eine junge Mann. Er kann unsere Gruppe einmal vormachen … Okay! Danke."

Bevor wir das Antlitz des Höllenkönigs schauen dürfen, müssen wir uns noch der dritten Prüfung unterziehen und auf einem runden Stein balancieren.

[O-Ton Julia:]
"Wenn man mit dem einen Fuß – Männer mit dem linken und Frauen mit dem rechten Fuß – auf ihm drei Sekunden lang stehen kann, darf er den König aufsuchen. Das bedeutet, er ist ein guter Mensch."

 

Fengdu Tempel Gewissenprüfung mit Eisenkugel
Zweite Prüfung
Fengdu Tempel Gewissensprüfung Balancieren
Dritte Prüfung
Fengdu Tempel Pagode Julia
Fengdu-Guide Julia

Dann endlich ist der Weg zum Allerheiligsten der Geisterstadt frei. In dem großen Tempel auf dem Gipfel des Hügels blickt eine überlebensgroße Statue auf uns herab. Sie ist ganz mit Gold überzogen und in ein wallendes rotes Tuch gehüllt.

[O-Ton Julia:]
"Diese Figur, das ist der König von dieser Geisterstadt, er verwaltet diese ganze Geisterstadt. Dieser König, auf Chinesisch, heißt Yin Wang. Yin bedeutet die Unterwelt, Wang bedeutet der König. Yin Wang zusammen in China bedeutet der König von die Unterwelt."

Anscheinend haben alle ein reines Gewissen, denn der Höllenkönig Yin Wang lässt uns unbehelligt wieder ziehen. Nur um das Fegefeuer der Souvenirhändler kommen wir auch auf dem Rückweg nicht herum.

[Atmo: Straßenhändler]

 

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CHONGQING

die Stadt der schönen Mädchen

Chongqing schöne Mädchen
Titelfoto: Schöne Mädchen in Chongqing

                

 

Die Millionenstadt Chongqing (gesprochen: Tschung-tchíng) an der Mündung des Jialing in den Jangtsekiang ist Start bzw. Ziel der meisten Kreuzfahrten durch die Drei Schluchten. Offiziell hat Chongqing rund 33 Millionen Einwohner und ist damit die größte Stadt der Welt. Diesen Superlativ aber verdankt es nur einem administrativen Trick. Im Jahr 1997 nämlich hat der chinesische Staat die gesamte Region um Chongqing (etwa so groß wie Österreich) zu einer Verwaltungseinheit zusammengeschlossen. Seither handelt es sich also nominell um eine einzige Kommune, die in Wirklichkeit aus einer Vielzahl von weit auseinander liegenden Städten und Dörfern besteht. Doch auch die eigentliche Kernstadt mit "nur" rund sieben Millionen Einwohnern ist eine pulsierende Metropole, in der die Hochhäuser scheinbar um die Wette wachsen. Eine Stadtbesichtigung zu Beginn oder zum Abschluss der Tour lohnt sich auf jeden Fall – und nicht nur, weil in Chongqing angeblich die schönsten Mädchen von ganz China leben.

Jangtsekiang Chongqing Kreuzfahrtschiffe
Kreuzfahrtschiffe in Chongqing
Jangtsekiang Chongqing Frachtschiffe
Frachtschiffe im Hafen von Chongqing
Jangtsekiang Chongqing Modell im Museum
Modell der Kernstadt von Chongqing im Museum
Jangtsekiang Chongqing Monika
Chongqing-Guide Zang Hong alias Monika
Jangtsekiang Chongqing Markt Obst
Obststand in Chongqing
Jangtsekiang Chongqing Markt Geflügel
Totes Geflügel in der Markthalle
Jangtsekiang Chongqing Markt lebende Kaninchen
Lebendiges Getier in der Markthalle
Jangtsekiang Chongqing Markt Kleinkind
Junger Marktbesucher
Jangtsekiang Chongqing junges Paar
Junges Pärchen in Chongqing

Reportage (Radio hr4, 17.10.2009):

Originalton 0:37

[zum Anhören klicken: Atmo Abschiedskapelle]

Mit viel Tamtam gehen wir in Chongqing von Bord der "Victoria Anna". Am Pier erwartet uns Zang Hong, die sich Monika nennt und Deutsch spricht. Sie will uns die Stadt der schönen Mädchen näher bringen. Auf der kurzen Busfahrt ins Zentrum erklärt sie uns, dass die Schönheit der Frauen von Chongqing nicht von ungefähr kommt, sondern oft teuer erkauft ist.

[O-Ton Monika:]
"Jetzt sind so viele junges Mädchen. Sie möchten so schön aussehen. Sie werden ihre Augen und Nasen mit Operation gemacht. Und manche Frauen auch mit Operation Fett absaugen."

An der Großen Halle des Volkes steigen wir aus dem Bus. Das imposante Gebäude ist im Stil des Pekinger Himmelstempels erbaut und ein wohltuender Kontrast zu den grauen Wohntürmen im Hafenviertel.

Originalton 0:28

[zum Anhören klicken: O-Ton Monika]

"Und besonders da vorne dieser Platz, das ist ganz neu gemacht. Und besonders am Morgen frühe von sieben Uhr bis neun Uhr und am Abend von sieben Uhr bis neun Uhr sind ganz, ganz voll. Und am meisten sind die Frauen. Und die meisten Frauen sind hier und tanzen oder um Tai Chi zu machen, und die jüngeren nennen die alte Frauen, die tanzen, Oma-Disco."

Chongqing Wohnsilos
Hochhäuser wachsen um die Wette
Chongqing Halle des Volkes außen
Große Halle des Volkes
Chongqing Platz des Volkes Menschen auf Parkbank
Oma auf dem Großen Platz des Volkes

Jetzt, am späten Vormittag, allerdings ist die Oma-Disco vorbei. Stattdessen flanieren viele junge Frauen über den Platz. Da lässt man(n) schon mal die Augen schweifen. Aber die ganz großen Schönheiten machen sich rar.

[O-Töne Touristen:]
"Wirklich noch keine gesehen. Ich nehm’ an, die werden irgendwo arbeiten."
"Ich seh’ grad eine. Hinter dir, dreh’ dich mal um."

Doch schon ist sie wieder entschwunden. Die Suche geht also weiter. Vielleicht sind die schönen Frauen von Chongqing ja gerade beim Einkaufen.

Auf einem Markt, nicht weit von der Halle des Volkes, wird alles feilgeboten, was des Chinesen Gaumen erfreuen mag. Vieles davon noch in lebendigem Zustand. Von Hühnern und Kaninchen bis hin zu Aalen und Kröten. So exotisch ist die Auswahl, dass die schönen Mädchen zur Nebensache werden. Und erfahrene China-Reisende raten auch durchaus zum Kauf.

Chongqing junge Frau mit Kamera
Schönes Mädchen
Chongqing Markthalle innen
Händler auf dem Markt
Chongqing Markthändlerin
Händlerin auf dem Markt

[O-Ton Tourist:]
"Was generell ein ganz guter Tipp ist, sind Gewürze verschiedener Art. Gibt's bei uns zwar in Deutschland mittlerweile auch in den Asien-Läden. Aber hier ist es eben garantiert frisch, dazu noch ein bisschen preisgünstiger und die Auswahl ist eben riesig."

So hat der eine oder andere Mitreisende doch noch sein pikantes Erlebnis – wenn auch auf andere Art, als er es sich vielleicht erträumt hat. Doch so viel ist sicher: Unter den sieben bis 33 Millionen Einwohnern von Chongqing gibt es garantiert auch viele schöne Mädchen. Man muss nur etwas Zeit mitbringen, um sie in der Masse zu entdecken.

 

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Hinweis:

Wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit der langen Reportage "Jangtsekiang 1" für rbb-INFOradio und den kurzen Reportagen "Jangtsekiang 2 - 6" für Radio hr4 sind Dopplungen in Wort und Bild leider nicht ganz zu vermeiden. Dies bitte ich zu entschuldigen.

 

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