Island Bolungarvik Leuchtturm

rolf fröhlings reisereportagen

Island

                            

ROMANE, SAGAS, MORDGESCHICHTEN
- Erzählkunst aus dem hohen Norden

Vielleicht liegt es an den langen Winternächten, vielleicht daran, dass erst seit 1983 täglich ein Fernsehprogramm ausgestrahlt wird. Vielleicht hängt es auch mit beidem zusammen: In kaum einem anderen Land der Erde (bezogen auf die Einwohnerzahl) wird so viel gelesen und so viel geschrieben wie in Island. Und nicht nur die Quantität ist hoch, auch die Qualität. In diesem Jahr (2011) wurde die kleine Inselrepublik im hohen Norden Europas deshalb zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse erkoren. Isländische Literatur rückt weltweit in den Blickpunkt. Damit auch Island als Reiseland, denn Lesen macht häufig Lust auf Reisen. Die Auswahl an lesenswerten Büchern ist riesengroß, drei davon wollen wir hier exemplarisch vorstellen ...

Island Bolungarvik Leuchtturm
Titelfoto: Leuchtturm von Bolungarvík
Island Reykjavik Hallgrímskirkja außen
Hallgrímskirkja - das Wahrzeichen der Hauptstadt Reykjavík
Island Reykjavik Denkmal Leif Eriksson
Denkmal für den Wikinger Leif Eriksson, der von Island aus Amerika entdeckt haben soll
Island Reykjavik Hallgrímskirkja Ausblick
Blick vom Turm der Hallgrímskirkja über Reykjavík
Island Reykjavík Harpa außen
Konzerthaus Harpa in Reykjavík
Island Restaurant Reykjavik
Fischrestaurant in Reykjavík
Island Reykjavík Tjörnin
See Tjörnin in Reykjavík
Island Offroad Tour Nissan Patrol
Offroad-Tour durch den "Goldenen Zirkel" nordöstlich von Reykjavík
Island Landmannalaugar mit Badenden
Bad in den heißen Quellen von Landmannalaugar
Island Godafoss
Wasserfall Goðafoss
Island Thingvellir Kirche außen
Kirche von Þingvellir am ehem. Thing-Gelände
Island Gullfoss
Wasserfall Gullfoss
Island Jökullsaurlon James Bond
Gletscherlagune Jökullsáurlón - Drehort für den James-Bond-Film "Stirb an einem anderen Tag"
Island Stödvarfjördur Steinesammlung
Petra's Stone Collection in Stöðvarfjörður
Island Faskrudsfjördur Leuchtturm
Leuchtturm bei Fáskrúðsfjörður an der Ostküste
Island Hverarönd Geothermalquelle
Geothermalgebiet Hverarönd am Vulkan Námafjall
Island Myvatn Reitausflug
Ausflug zu Pferde im Mývatn-Gebiet
Island Dettifoss
Wasserfall Dettifoss
Island Husavik Schiffe im Hafen
Hafen von Húsavík an der Nordküste
Island Husavik Whale watching
Whale-watching-Tour von Húsavík aus
Island Schafherde mit Hirtin zu Pferde
Junge Schafhirtin bei Akureyri an der Nordküste
Island Arnarstapi Felsbogen
Küste bei Arnarstapi auf der Halbinsel Snæfellsnes an der Westküste
Island Arnarstapi Leuchtturm
Leuchtturm von Arnarstapi
Island Arnarstapi Lavafeld
Lavawüste bei Arnarstapi
Island Arnarstapi Felsküste
Nochmal Küste bei Arnarstapi
Island Grundarfjördur Reitausflug
Ausflug zu Pferde bei Grundarfjörður auf der Halbinsel Snæfellsnes
Island Keflavik Blaue Lagune
Die "Blaue Lagune" bei Keflavík auf der Halbinsel Reykjanes im Südwesten
Island Keflavik Blaue Lagune Totale
Baden in der "Blauen Lagune"
Island Offroad Tour Quad
Offroad-Tour mit dem Quad auf der Halbinsel Reykjanes

Reportagen (Radio hr-iNFO, 10.10.2011; hr4, 15.10.2011):

"HIMMEL UND HÖLLE"

von den Leiden des jungen Fischers

Island Isafjördur Fischerdenkmal
Titelfoto: Fischerdenkmal in Ísafjörður

                            

 

Die Kleinstadt Mosfellsbær nördlich von Reykjavik scheint ein gutes Pflaster für Schriftsteller zu sein. Bis zu seinem Tod 1998 lebte dort der bisher einzige isländische Literatur-Nobelpreisträger Halldór Laxness. Heute lebt dort Jón Kalman Stefánsson, ein Dichter und Romancier, dessen Erzählkunst von den Kritikern über den grünen Klee gelobt wird. Manche stellen ihn sogar schon auf eine Stufe mit dem Nobelpreisträger. Sein Roman "Himmel und Hölle", der 2009 in Deutschland erschien, wurde beispielsweise von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als "Buch des Jahres" gefeiert. Und pünktlich zur Buchmesse 2011 ist Jón Kalmans neuer Roman in deutscher Übersetzung erschienen. Sein Titel: "Der Schmerz der Engel". Es ist die Fortsetzung der tragikomischen Geschichte um einen jungen Dorschfischer Ende des 19. Jahrhunderts. Dessen leidvollen Kampf mit den Elementen hat der Autor schon im ersten Teil wortgewaltig beschrieben.

Island Fels mit gelbem Moos
Steinige Küste in den Westfjorden
Island Sudavik Kirche außen
Kirche von Súðavík
Island Bucht Isafjördur mit startendem Flugzeug
Bucht von Ísafjörður, dem Hauptort in den Westfjorden
Island Isafjördur Boote im Hafen
Hafen von Ísafjörður
Island Isafjördur Bokladan
Buchladen in Ísafjörður
Island Isafjördur blau gestrichenes Haus
Buntes Haus in Ísafjörður
Island Isafjördur rot gestrichenes Haus
Noch ein buntes Haus in Ísafjörður
Island Osvör Führung
Freichlichtmuseum Ósvör in Bolungarvík
Island Osvör Johann Hannibalsson
Museumsführer Jóhann Hannibalsson
Island Osvör Darre
Fischdarre im Freichlichtmuseum Ósvör
Island Bolungarvik Hafen mit Fischern
Fischer im Hafen von Bolungarvík
Island Westfjorde Schotterstraße
Fahrt über die Schotterpisten der Westfjorde
Island Pferde auf der Weide
Islandpferde an der Küstenstraße Vestfjarðavegur in den Westfjorden
Island Brjansläkur Schafe
Schafe am Fährhafen Brjánslækur
Island Jon Kalman Stefansson am Schreibtisch
Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson in seinem Haus in Mosfellsbær
Island Mosfellsbär Kirche
Mosfellsbær mit markanter Kirche
Island Mosfellsbär Pferde
Landschaft mit Pferden in Mosfellsbær
Island Haus von Halldor Laxness
Haus des Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness in Mosfellsbær

Reportage (Radio hr4, 15.10.2011):

Originalton 3:17

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Buchauszug "Himmel und Hölle":]
"Es gibt kaum etwas so Schönes wie das Meer an guten Tagen oder in hellen, klaren Nächten, wenn es vor sich hin träumt und der Mondschein seine Träume darstellt. Aber das Meer ist kein bisschen schön, und wir hassen es mehr als alles andere, wenn sich die Wellen Dutzende von Metern über unserem Boot auftürmen, wenn die Brecher über ihm zusammenschlagen und uns ersäufen wie junge Hunde."

Himmel und Hölle liegen dicht beieinander für die Fischer in den isländischen Westfjorden. Die Hauptfigur des Romans ist ein Junge, dessen Name nie genannt wird. Hilflos muss er mitansehen, wie sein bester Freund von der sturmgepeitschten See durchnässt wird und qualvoll erfriert. Seinen Anorak hat er an Land vergessen, zu sehr war er in ein Buch vertieft.

Romanautor Jón Kalman Stefánsson beschreibt die dramatische Situation so überzeugend, als hätte er sie selbst erlebt. Dabei hat er nur wenig Erfahrung mit dem Meer:

Originalton 0:31

[zum Anhören klicken: O-Ton Jón Kalman Stefánsson]

"I was never a seaman ...
Ich war nie ein Seemann. Als 15-Jähriger bin ich drei Wochen lang auf einem Schiff der Küstenwache mitgefahren, drei Wochen im Dezember, wenn das Klima in Island ziemlich rau sein kann. Ich war seekrank, fast die ganze Zeit, und ich merkte, das ist nichts für mich. Aber später habe ich in einer Fischfabrik gejobbt. Seitdem weiß ich, wie Fische sich anfühlen.
... how it feels to touch them."

Island Jon Kalman Stefansson zu Hause
Romancier Jón Kalman Stefánsson
Island Osvör Totale
Freilichtmuseum Ósvör
Island Osvör Museumsführer Johann Hannibalsson
Jóhann Hannibalsson in Schutzkleidung

Die Fischerei spielt in den Westfjorden noch heute eine wichtige Rolle. Anregungen für sein Epos holte sich Jón Kalman im kleinen Freilichtmuseum Ósvör, wo eine alte Fischerkate originalgetreu nachgebaut wurde.

In historischer Wetterschutzkleidung aus Lammleder posiert Museumsführer Jóhann Hannibalsson vor einem Ruderboot, wie es die Dorschfischer früher benutzt haben.

[O-Ton Jóhann Hannibalsson, von einem Dolmetscher ins Englische übersetzt:]
"The most difficult thing was ...
Das schwerste war das Rudern, um erst einmal zu den Fischgründen draußen auf See zu gelangen. Am gefährlichsten aber war es, vom Ufer wegzukommen und wieder ans Ufer zurück. Einige sind erfroren, weil sie bei stürmischem Wetter nicht landen konnten, andere kamen um, weil ihr Boot zerschellte. Sehen Sie diese Felsen? Die haben alle Namen, denn sie sind die größte Gefahr.
... they are the dangerest things." 

In "Himmel und Hölle" erweist der Junge dem toten Freund eine letzte Ehre und bringt das verhängnisvolle Buch, das nur geliehen war, seinem Besitzer in der Stadt zurück. Dort lernt er allmählich sein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten.

Island Snäfellsnes Straße mit Auto
Island hat nur Berge ...
Island Dettifoss mit Fotograf
... Wasserfälle ...
Island Abendlicht am Meer
... und spezielles Licht für Dichter

"Der Schmerz der Engel" führt die Geschichte fort. Der Junge lernt ein Mädchen kennen, macht dann eine große Reise durchs Land und nimmt dabei wieder den Kampf gegen die Elemente auf.
Die Handlung aber ist für den Autor gar nicht mal sooo wichtig:

[O-Ton Jón Kalman Stefánsson:]
"There is so much more in it ...
Es steckt so viel mehr darin als nur die Story. In einem Krimi ist die Story alles. Romanliteratur sollte viel mehr sein. Wenn Sie ein Buch von Herta Müller nehmen oder den 'Zauberberg' von Thomas Mann und sagen, da geht es um dieses oder jenes – das sagt überhaupt nichts aus. Und ich hoffe, so ist es auch mit meinen Büchern.
... it's the same with my books."

Längst arbeitet er schon an einem dritten Teil. Für den ehemaligen Polizisten, Lehrer und Journalisten ist das Bücherschreiben zu einer Passion geworden, denn wie hat er in "Himmel und Hölle" so schön formuliert?

[Buchauszug "Himmel und Hölle":]
"Auf Island gibt es ja nichts zu sehen bis auf Berge, Wasserfälle, Wiesenhöcker und dieses Licht, das durch dich hindurchgehen und dich zum Dichter machen kann."

 

__________________________________________________

Angaben zum Buch:


Titel: "Himmel und Hölle"

Autor: Jón Kalman Stefánsson

Erschienen: Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 2009

Preis: € 18,90

ANGABEN ZUM BUCH:
 

Titel: "Der Schmerz der Engel"

Autor: Jón Kalman Stefánsson

Erschienen: Piper Verlag, München 2011

Preis: € 11,00

 

__________________________________________________

"DIE SCHÖNSTEN ISLÄNDISCHEN SAGAS"

von Helden und Schurken im Mittelalter

Island Njals-Sage bildliche Darstellung
Titelfoto: Szene aus der Njáls-Sage

                  

 

Erzählkunst hat in Island eine lange Tradition. Schon im 13. Jahrhundert verfasste der Skalde Snorri Sturluson seine Edda eine Art Lehrbuch für junge Dichter, in dem er die Welt der nordischen Götter wiederauferstehen ließ.
Etwa zur selben Zeit wurden die mündlich überlieferten Sagas von unbekannten Autoren aufgeschrieben. Sie handelten nicht von Göttern, sondern von Menschen: Nachfahren der Wikinger aus Norwegen, die das unbewohnte Island zwischen 870 und 930 besiedelt hatten. Es waren meist Bauern, und sie lebten auf weit über die Insel verstreuten Höfen. Zwischen ihren Familien kam es immer wieder zu Konflikten, die entweder friedlich auf dem Thing gelöst wurden oder kriegerisch mit dem Schwert. Unter diesen Pionieren gab es Helden und Schurken.
Zum Island-Jahr 2011 auf der Frankfurter Buchmesse sind "Die schönsten isländischen Sagas" als Taschenbuch in deutscher Sprache neu erschienen. Ausgewählt hat sie Arthúr Björgvin Bollason, der ehemalige Leiter des Saga-Zentrums im südisländischen Hvolsvöllur. Er lebt in Deutschland und hat auch an dem Hörbuch "Die Saga-Aufnahmen" entscheidend mitgewirkt. Im Mittelpunkt beider Neuerscheinungen steht die Njáls-Saga. Von den rund 40 mittelalterlichen Erzählungen ist sie die längste und populärste.

Island Foto Landschaft von Hildarendi
Landschaft um Gunnars Hof Hlíðarendi - Grafik im Saga Center von Hvolsvöllur
Island Saga Center Krieger aus Eis bildliche Darstellung
Kriegerische Szene im Saga Center Hvolsvöllur
Island Saga Museum Wikingerpaar
Besiedlung Islands durch norwegische Wikinger - szenische Darstellung im Saga Museum von Reykjavík
Island Saga Museum Wikinger mit Rabe
Im Saga Museum Reykjavík
Island Saga Museum Mutter mit Kind
Im Saga Museum
Island Saga Museum Wikinger entdecken Amerika
Wikinger entdecken das "Vínland" Amerika
Island Saga Museum Christianisierung
Christianisierung der Wikinger in Island
Island Saga Museum Wikinger mit Trinkhorn
Saga Museum
Island Saga Museum Besucher mit Kettenhemd
Jeder kann ein Wikinger sein im Saga Museum
Island Reykholt Snorrastofa außen
Edda-Forschungszentrum Snorrastofa in Reykholt
Island Reykholt Denkmal Snorri Sturluson
Denkmal des Edda-Dichters Snorri Sturluson in Reykholt
Island Reykholt Snorrastofa Bilnis Snorri Sturluson
Bildnis des Edda-Dichters Snorri Sturluson im Museum Snorrastofa

Reportage (Radio hr4:)

Originalton 3:12

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Hörbuch-Auszug "Die Saga-Aufnahmen":]
"Die Njáls-Saga beginnt mit den einfachen Worten: Mörður hét maður er kallaður var gígja. Hann bjó á Velli á Rangárvöllum. Das bedeutet: Mörður hieß ein Mann. Man nannte ihn gígja oder Geige. Er wohnte auf dem Hof Velli in Rangáurvöllum."

Mörður, erläutert Arthúr Bollason auf einer Zusatz-CD zum Hörbuch, ist nur eine von rund 600 Figuren in der Njáls-Saga. Die meisten spielen aber keine tragende Rolle. Ganz anders als Gunnar der kampferprobte und doch gutmütige Held der Saga. Sein Hof Hlíðarendi im Süden Islands lag am Fuße des Vulkans, der in jüngster Zeit mehrfach Asche gespuckt hat und von einem Eispanzer umhüllt ist.

[O-Ton Arthúr Björgvin Bollason:]
"Der Blick, den man von da oben hat, auf den überragenden Gletscher Eyjafjallajökull, den Inselbergegletscher, der einer der kleineren, aber einer der schönsten Gletscher unseres Landes ist, und bis zur Küste hin, das ist ein unvergesslicher Blick, und manche sagen, es gibt keinen Hof in Island, von dem der Blick so schön ist wie Hlíðarendi."

Island Arthur Björgvin Bollason
Saga-Sammler Arthúr Björgvin Bollason
Island Thing Ebene Totale
Thing-Ebene im "Goldenen Zirkel"
Island Bergthorshval Njalshof bildliche Darstellung
Hof von Njál im Bergthorshval

Alljährlich reitet Gunnar von seinem Hof zum Gerichtstag auf der Thing-Ebene. Dort erblickt er eines Tages die schöne, aber als charakterlos geltende, Hallgerd und hält um ihre Hand an. Auf dem Heimweg besucht er seinen väterlichen Freund Njál und erzählt ihm von der anstehenden Hochzeit.

[Buchauszug "Die schönsten isländischen Sagas":]

"Njál nahm das sichtlich bedrückt auf. Gunnar fragte, aus welchem Grunde er das für so wenig ratsam halte.
'Von ihr wird einzig und allein Unheil ausgehen', antwortete Njál.
'Unsere Freundschaft wird sie nie zerstören', sagte Gunnar.
'Viel wird nicht daran fehlen', erwiderte Njál, 'du wirst jedoch stets für das von ihr heraufbeschworene Unheil Buße zahlen.'"

Der weise Njál soll leider Recht behalten. Die zänkische und rachsüchtige Hallgerd stellt die Freundschaft der beiden Männer immer wieder auf eine harte Probe. Am Ende fällt Njál einer tödlichen Fehde, die sie angezettelt hat, zum Opfer. Wegen einer Ohrfeige, die Jahre zurückliegt, hat sie zuvor schon ihren wackeren Ehemann ans Messer geliefert, als das Haus von Feinden umstellt war:

[Buchauszug "Die schönsten isländischen Sagas":]
"Gunnar sagte zu Hallgerd: 'Gib mir zwei Strähnen deines Haares und dreht sie zusammen, du und meine Mutter, zu einer Bogensehne für mich.'
'Hängt für dich etwas davon ab?', fragte sie.
'Mein Leben hängt davon ab', erwiderte Gunnar, 'denn sie werden mich nie überwältigen, solange ich meinen Bogen gebrauchen kann.'
'Dann will ich dir jetzt jene Ohrfeige vergelten.'"

Island Hallgerd und Gunnar bildliche Darstellung
Hallgerd verrät Gunnar
Island Njal bildliche Darstellung
Der weise Njál
Island Njalshof brennt bildliche Darstellung
Mordbrand auf dem Njáls-Hof

In Island kennt die Geschichte jedes Kind. Ob sie tatsächlich stattgefunden hat, weiß niemand, aber viele halten die Sagas für Geschichtsschreibung, sagt Arthúr Bollason, und da gibt es für sie kein Vertun.

[O-Ton Arthúr Björgvin Bollason:]
"Für jemanden, der in die Region reist und mit den Leuten hier redet, dass sei alles eine Lüge beziehungsweise alles Fiktion, kann die Situation ganz gefährlich werden. Es ist sogar in vergangenen Zeiten bei Landestänzen, wo der Alkohol auch mit im Spiel war, zu Schlägereien gekommen drüber, ob die Njáls-Saga wahr ist oder nicht."

Wahr oder nicht  vor allem, schreibt er im Vorwort des Taschenbuchs, sind die Sagas kunstreiche Erzählungen, die Jahrhunderte lang die dunklen Winterabende in Island erträglich machten. Und gute Geschichten werden immer und überall gerne gelesen oder gehört, nicht nur in schummrigen Bauernhäusern am Polarkreis.

 

__________________________________________________

Hinweis:

*) Die Schreibweise von Eigennamen entspricht hier nicht immer der isländischen Rechtschreibung, sondern orientiert sich an der im Buch verwendeten eingedeutschten Variante.

 

__________________________________________________

Angaben zum Buch:
 

Titel: "Die schönsten isländischen Sagas"

Auswahl: Arthúr Björgvin Bollason

Erschienen: Insel Verlag, Berlin 2011

Preis: € 8,95

Angaben zum Hörbuch:
 

Titel: "Die Saga-Aufnahmen"

Konzeption & Regie: Thomas Böhm / Klaus Sander

Erzähler: Arthúr Björgvin Bollason u.v.m.

Erschienen: Supposé Verlag, Berlin 2011

Preis: € 39,80

 

__________________________________________________

"GEISTERFJORD"

von unheimlichen Begegnungen am Ende der Welt

Island Hesteyri von fern
Titelfoto: Der Ort Hesteyri am "Ende der Welt"

                   

 

Krimis aus Skandinavien sind in Deutschland seit langem beliebt. Autoren aus Schweden, Norwegen und Dänemark haben den Boden bereitet, jetzt erobern auch die Isländer den deutschen Büchermarkt. Zu den erfolgreichsten Kriminalschriftstellern aus dem hohen Norden gehört Yrsa Sigurðardóttir. Sie ist Ingenieurin von Beruf, aber Mord ist ihr Hobby. Fünf Kriminalromane hat sie bereits geschrieben, in denen die kluge Rechtsanwältin Đóra Guðmundsdóttir komplizierte Fälle aufklärt. Yrsas sechster Krimi "Geisterfjord", rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse 2011 in Deutschland erschienen, ist anders als seine Vorgänger. Keine Đóra mehr, auch keine klassische Detektivgeschichte, sondern ein Thriller, fast schon ein Horror-Roman. Er verspricht Hochspannung bis zum Herzflattern und handelt von unheimlichen Begegnungen an der entlegensten Bucht der Westfjorde, quasi am Ende der Welt.

Island Reykjavik Yrsa Sigurdardottir
Krimi-Autorin Yrsa Sigurðardóttir in ihrer Heimatstadt Reykjavík
Island Hesteyri weißes Haus
Der abgelegene Ort Hesteyri in den Westfjorden - Schauplatz des Thrillers "Geisterfjord"
Island Hesteyri verlassene Fabrik
Verlassene Fabrik in Hesteyri
Island Troll aus Stein
"Troll" in freier Natur
Island Reykjavik Trollfigur vor Laden
Troll vor einem Souvenirshop in Reykjavík
Island Akureyri Trollfiguren
Trolle in Akureyri

Reportage (Radio hr-iNFO, 10.10.2011; hr4, 15.10.2011):

Originalton 3:04

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Hesteyri ist ein von Gott und den Menschen verlassenes Nest. Die letzten ständigen Bewohner sind schon vor Jahren fortgezogen. Keine Straße führt hierher. Nur im Sommer hat ein Gästehaus mit Café geöffnet. Dann kommt täglich ein Boot und bringt ein paar Touristen her. Außerhalb der Saison ist es an der abgelegenen Bucht einsam, gespenstisch einsam. Ein idealer Schauplatz für Yrsa Sigurðardóttirs Horrorgeschichte.

[O-Ton Yrsa Sigurđardóttir:]
"I really didn’t choose, they chose me
Ich hab’ ihn nicht ausgewählt, er hat mich ausgewählt. Ich kam mit ein paar Freunden zum Wandern nach Hesteyri, und ich fand, es war einfach perfekt für die Geistergeschichte, die ich seit langem schreiben wollte. Es ist so still und abgeschieden. Es gibt keinen Strom und keinen Handyempfang. Hier sind die Figuren meiner Story völlig isoliert.
… isolating the characters completely."

In "Geisterfjord" heißen die Figuren Katrín, Garđar und Líf, ein junges Ehepaar und eine gemeinsame Freundin. Aus einer Laune heraus haben sie in Hesteyri ein altes Haus gekauft. Um es in Ruhe zu renovieren, lassen sie sich im Spätherbst mit einem Boot herüberbringen. Als es wieder wegfährt, sind die drei ganz allein im Dorf. Oder etwa doch nicht?

[Buchauszug "Geisterfjord":]
"Katrín ... wandte sich vom Meer ab, da sie nicht sehen wollte, wie das Boot aus ihrem Blickfeld verschwand, und schaute stattdessen zum Strand, ... als sie ... etwas vorbeihuschen sah. Ein pechschwarzer Schatten, noch dunkler als die dunkle Umgebung ... Es sah aus wie ein kleiner Mensch ...
'Was war das?'"

Geheimnisvolle Schatten, seltsame Stimmen, rätselhafte Fußspuren. Die drei möchten am liebsten gleich wieder zurück in die Zivilisation. Doch das Boot kommt erst in einer Woche wieder eine Woche, die zum Horrortrip wird, zum Horrortrip am Geisterfjord.
Umfragen zufolge glauben die meisten Isländer auch heute noch an Elfen, Trolle und andere Spukgestalten:

Island Hesteyri Küstenstreifen
Hesteyri wird zum Horror-Trip
Island Yrsa Sigurdarfottir nah
Krimi-Autorin Yrsa Sigurðardóttir
Island Hesteyri Landschaft mit Fluss
Geheimtipp für Wanderer

"I don't believe in them ...
Ich glaube nicht daran, aber ich finde es gut, dass man auch nicht das Gegenteil beweisen kann. Als ich ein Kind war, hat meine Großmutter mich davor gewarnt, in gewissen Gegenden mit Steinen zu werfen, weil es dort Elfen gebe. Das war über einen langen Zeitraum Teil unserer Kultur. Ich glaube nicht wirklich an sie, aber ich gebe ihnen, sagen wir, eine fünfprozentige Chance.
... I give it a five percent chance."

Trotzdem ist der Spuk in Yrsas "Geisterfjord" natürlich reine Fiktion. Die Autorin will niemandem Angst machen, nach Hesteyri zu fahren. Im Gegenteil. Sie würde jedem Islandreisenden empfehlen, den einsamen Ort zu besuchen:

[O-Ton Yrsa Sigurðardóttir:]
"Yes, absolutely. Not in the wintertime ...
Ja, absolut. Nicht im Winter. Da ist es sehr kalt und verschneit. Aber im Sommer ist es spektakulär. Besonders für Wanderer. Die können mit dem Boot herfahren, es gibt einen Weg nach Norden zu einer anderen Bucht, und das Boot holt sie dort wieder ab. Aber auch auf einer Tagestour gibt es viel zu sehen. Es ist wunderschön.
... it's a beautiful place."

Dennoch wird das nächste Buch von Yrsa in einer anderen Gegend Islands spielen. Wo genau, das verrät sie noch nicht. Nur soviel: Es soll keine neue Horrorgeschichte werden, sondern wieder ein klassischer Kriminalroman mit der Anwältin Đóra als Detektivin.

 

__________________________________________________

Angaben zum Buch:
 

Titel: "Geisterfjord"

Autorin: Yrsa Sigurðardóttir

Erschienen: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt (Main) 2011

Preis: € 8,99

 

__________________________________________________

FRÜHER WINTERSCHLAF
- Islands kurze Reisesaison

Brjánslækur, Island, September 2011.
Seit gut zweieinhalb Stunden warten wir vor dem kleinen Café am südlichen Rand der Westfjorde. Hier (und nur hier) soll es Fahrscheine für die tägliche Fähre nach Stykkishólmur geben. Aber das Café öffnet erst um 17 Uhr. So steht es auf einem Zettel, der an der Tür hängt.
Endlich wird es fünf. Doch Pustekuchen! Nichts passiert. Um Viertel nach fünf ist immer noch keine Menschenseele zu sehen. Auch von der Fähre, die eigentlich um sechs wieder ablegen sollte, bisher keine Spur. Um 20 nach 5 rufe ich die Telefonnummer an, die ebenfalls auf dem Zettel steht. Ich lasse es mindestens zehnmal klingeln und will schon wieder auflegen, als am anderen Ende der Leitung doch noch jemand abnimmt. Was denn nun mit der Fähre und den Fahrscheinen ist, will ich wissen. Die Fähre fährt heute nicht, erfahre ich in kaum verständlichem Englisch. Und morgen? Morgen auch nicht. Wieso, will ich irritiert wissen. Laut Reiseführer fährt die Fähre täglich. Saison vorüber, lautet die Auskunft am Telefon. Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als den gesamten Breiðafjörður mit dem Auto zu umrunden. Ein Umweg von etwa 300 Kilometern!
Später erfahren wir, dass eine andere Fähre zu den Westmänner-Inseln im Süden Islands defekt war und deshalb die Fähre über den Breiðafjörður im Westen abgezogen wurde. So spät im Jahr würden sowieso kaum noch Leute mitfahren.
So spät im Jahr! Dabei haben wir gerade mal Anfang September. Aber in Island werden die Bürgersteige schon hochgeklappt. Die Insel am Polarkreis verfällt zusehends in einen frühen Winterschlaf.

 

Island Papageientaucher als Stofftiere
Papageientaucher nur noch im Spielzeugladen

Die Fähre ist nicht unsere einzige leidvolle Erfahrung. Wo wir auch hinkommen, ist die Saison vorbei. In Drangsnes am Steingrímsfjörður wollen wir die Vogelinsel Grímsey besuchen. Dort soll es scharenweise Papageientaucher geben. Die putzigen Seevögel mit den bunten Schnäbeln sind quasi die Nationaltiere Islands. Aber um diese Jahreszeit längst weg, heißt es lapidar an der Rezeption unseres Motels (wo wir übrigens die einzigen Gäste sind). Anfang August ziehen die Papageientaucher weiter. Auch davon stand nichts im Reiseführer.
Immerhin bis Ende August ist das Freilichtmuseum Ósvör bei Bolungarvík geöffnet. Hier entstand die Idee zum Island-Roman "Himmel und Hölle". Nur schade, dass wir wieder mal ein paar Tage zu spät dran sind und den weiten Weg umsonst gemacht haben. Warnung im Reiseführer? Fehlanzeige!
In Ísafjörður erkundigen wir uns tags darauf nach dem Boot, das uns ins abgelegene Hesteyri bringen soll, zum Schauplatz des Island-Krimis "Geisterfjord". Kein Boot mehr, teilt uns der freundliche Herr in der Tourist Information mit, es verkehrt nur im Sommer. Wenigstens verspricht er mir ein paar Fotos zuzumailen, sozusagen als Trostpflaster. Und noch ein anderes Trostpflaster hat er für uns: Obwohl es schon so "spät" im Jahr ist, hat am Morgen ein Kreuzfahrtschiff im Hafen angelegt. Ein Bus bringt die Touristen gerade zum Freilichtmuseum. Es wird extra für sie nochmal kurz geöffnet. Wenn wir uns beeilen, können wir uns der Führung anschließen. Also, nichts wie los und zurück nach Bolungarvík! Diese einmalige Chance, dem frühen Winterschlaf ein Schnippchen zu schlagen, dürfen wir uns nicht entgehen lassen.
Ein Gutes immerhin hat die Nachsaison in Island: Manche Preise sind nicht mehr ganz so gesalzen wie in den Sommermonaten. Unser Hotel in Reykjavik kostet am Ende der Rundreise Anfang September etwa 20 Euro weniger als noch zu Beginn des Urlaubs Ende August.

Hotel und Kirche in Akureyri auf Island
Hotel wird billiger

 

__________________________________________________

 

__________________________________________________