rolf fröhlings reisereportagen
Hunsrück (RLP)
DIE HEIMAT DES RÄUBERHAUPTMANNS
- auf den Schinderhannes-Radwegen vom Soonwald an die Mosel
In den Wäldern des Hunsrücks trieb er sein Unwesen: Deutschlands wohl berühmtester Räuberhauptmann – Johannes Bückler, genannt "Der Schinderhannes". Auch gut 200 Jahre nach seinem Tod ist er im Hunsrück noch allgegenwärtig. Zwar dehnte der Schinderhannes seine Beutezüge zeitweise bis in den Taunus und den Odenwald aus, aber vor allem hier im Dreieck zwischen Rhein, Nahe und Mosel hat er geraubt, erpresst und (wohl auch) gemordet, hier hielt er sich versteckt und von hier ist er nach Festnahmen immer wieder getürmt.
Wer die Heimat des Räuberhauptmanns kennen lernen will, kann dies auch per Fahrrad: auf dem Schinderhannes-Radweg von Simmern nach Emmelshausen und auf den beiden Anschluss-Touren, dem Schinderhannes-Soonwald-Radweg im Süden sowie dem Schinderhannes-Untermosel-Radweg im Norden. Insgesamt sind sie 74 Kilometer lang und in zwei bis drei Tagen bequem zu bewältigen. Dabei begegnet man nicht nur dem Schinderhannes, sondern lernt auch andere Facetten dieser abwechslungsreichen Mittelgebirgslandschaft kennen. – Und vor Räubern brauchen sich Reisende im Allgemeinen heute nicht mehr zu fürchten.
Reportagen (Radio hr4, 09.08.2008; rbb-INFOradio, 30.08.2008):
SCHINDERHANNES-SOONWALD-RADWEG
von Gemünden nach Simmern
Der Soonwald ist sozusagen die Fortsetzung des Taunus auf der linken Rheinseite. Noch heute sind weite Teile dieses Hunsrück-Randgebirges von tiefen Wäldern bedeckt. Hier haben sich der Schinderhannes und seine Kumpane nach ihren Raubzügen besonders gerne versteckt. Ganz im Westen des Soonwalds liegt die kleine Stadt Gemünden. Hoch oben auf dem Berg thront ihr malerisches Schloss, unten im Tal beginnt der Schinderhannes-Soonwald-Radweg. Er führt über Mengerschied, Tiefenbach und Riesweiler bis nach Simmern. Dabei gilt es zwar manchen Anstieg zu bewältigen, doch weil die gesamte Strecke nur 16 Kilometer lang ist, bleibt Zeit und Kondition für den einen oder anderen Abstecher. Schließlich hat sich auch der Schinderhannes nicht an vorgeschriebene Routen gehalten, sondern durchstreifte den Hunsrück so, wie es ihm gefiel.
Reportage (Radio hr4, 09.08.2008; rbb-INFOradio, 30.08.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo Pfeifen: "Im Wald, da sind die Räuber"]
Frohgelaunt treten wir in die Pedale und los geht’s – hinter Gemünden dem Wegweiser mit dem Schinderhannes-Kopf folgen und dann mitten hinein in den Räuberwald. Irgendwo rechts und links des Radwegs hatte der Schinderhannes seine Schlupfwinkel. Wir jedoch verlassen schon bald den dunklen Wald und machen einen Schlenker nach Sargenroth. An der Nunkirche empfängt uns Eva-Maria Schneider, die "Marie-Goot" aus der Hunsrück-Saga "Heimat". Hier auf dem Friedhof sind die toten Serienhelden begraben. Und auch die Marie-Goot steht neben ihrem eigenen Grabstein, dabei ist sie quicklebendig:
[O-Ton Eva-Maria Schneider:]
"Des is’n wunderschönes Gefühl, denn wer kann das denn schon? Normalerweise sieht man die Blumen von unten, und ich seh’ sie von oben."
Die Fernsehserie hat Eva-Maria Schneider und den Hunsrück weltweit bekannt gemacht. In drei Staffeln dokumentierte "Heimat" das Leben der kleinen Leute von der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis in die Neunziger Jahre. Und zwar unverblümt, so wie die Hunsrücker eben sind.
[O-Ton Eva-Maria Schneider:]
"Gut, die Hunsrücker Mentalität, die sin' net grad' so überschwänglich, aber es sin' Leute wie andere auch, un' bei artgerechter Haltung is' ganz gut mit ihne' auszukomme'."
Einmal wird auch der Räuberhauptmann erwähnt. Eine Französin kommt in das "Heimat"-Dorf Schabbach und spricht mit dem "Glasich Karl".
[O-Ton Eva-Maria Schneider:]
"Und dann erzählt er was vom Schinderhannes, was die junge Französin aber nun gar net versteht und fragt: 'Schinderhannes?' Er lacht und sacht: Die kennt de Schinderhannes net! Schinderhannes, 200 Jahr' dot, Kopp ab, von de Franzose'."
Hinter der Nunkirche sieht man in der Ferne die beiden Türme des Hunsrückdoms von Ravengiersburg. Den müssen wir uns anschauen, meint Eva-Maria Schneider. Also fahren wir hinüber und treffen Pater Michael Knappe. Die Stiftskirche, erzählt er, wurde schon im 12. Jahrhundert von Augustinermönchen erbaut:
(O-Ton Pater Michael Knappe:)
"Damals waren noch viel mehr Wälder, und von Sargenroth aus hätte man das nicht gesehen. Aber jetzt hat man die Weite des Landes, und dann sieht man den Hunsrückdom schon 10, 15 Kilometer weit. Wenn die Sonne auf das Dach scheint, dann sieht es aus wie Silber, und an manchen Tagen sieht man die Dachfläche kaum, weil sie dann mit dem Dunkel der Fichtenwälder verschmilzt."
Eine romanische Kirche dieser Dimension würde man in dem kleinen Dorf nicht vermuten. Ebenso wenig einen barocken Hochaltar. Der ganze Stolz des Paters aber ist in den beiden Türmen verborgen und wird bei einem flüchtigen Besuch leicht übersehen.
[O-Ton Pater Michael Knappe:]
"Wir sind hier in der guten Stube unseres Domes, in der Michelskapelle, und wir hören den wunderschönen Klang, die Akustik in diesem Raum: Halleluja, halleluja…"
Doch so schön er singt, der Herr Pfarrer, wir müssen wieder los. Zurück zum Schinderhannes-Soonwald-Radweg und dann weiter nach Simmern. Dorthin, wo der Räuberhauptmann im Kerker saß und wo ihm seine abenteuerlichste Flucht gelungen ist.
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SIE NANNTEN IHN SCHINDERHANNES
ein Räuber zwischen Mythos und Wahrheit
"Ich habe den Tod verdient, aber mindestens zehn von diesen sind unschuldig." – Mit der Bitte um Gnade für seine Spießgesellen verabschiedete sich der Räuberhauptmann Johannes Bückler von der Welt, dann sauste das Fallbeil nieder. Am 21. November 1803 wurde der Schinderhannes in Mainz öffentlich enthauptet. Zwanzigtausend Menschen wohnten dem makabren Schauspiel bei. Schon damals war er ein Volksheld, unmittelbar nach seiner Hinrichtung begann die Legendenbildung. Dichter verklärten ihn zum romantischen Abenteurer, zum kühnen Rebellen gegen die französische Besatzungsmacht – eine Art deutscher Robin Hood, der den Reichen nahm und den Armen gab. In jüngerer Zeit mitgeprägt hat dieses Image der Kinoklassiker aus den 1950er Jahren mit Curd Jürgens und Maria Schell in den Hauptrollen. Die Hunsrück-Stadt Simmern widmet dem populären Räuberhauptmann seit 2007 sogar seine eigenen Festspiele. Und im ehemaligen Pulverturm, wo er 1799 fast ein halbes Jahr eingekerkert war, richtete sie ihm sein eigenes kleines Museum ein. Im heutigen "Schinderhannesturm" erfährt man allerdings auch, dass der Mythos vom "edlen Räuber" mit der historischen Wahrheit wenig zu tun hat.
Reportage (Radio hr4, 09.08.2008; rbb-INFOradio, 30.08.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Bänkelsänger bei den Schinderhannes-Festspielen]
"Aus diesem Turm gibt’s kein Zurück,
Man sagt, nur Unschuld oder Glück
Können hier zur Rettung dienen
vor langer Haft und Guillotinen."
Was der Lautenspieler bei den Festspielen besingt, war ein fensterloses Loch, umgeben von meterdicken Mauern. Das sicherste Gefängnis weit und breit, und doch gelang dem Schinderhannes die Flucht. Wie er das angestellt hat, ist bis heute ungeklärt. Irgendwie kletterte er aus seinem Verlies in die Wachstube darüber, brach in einem Nebenraum das Fenstergitter heraus, sprang hinunter in den Stadtgraben und verschwand spurlos im Wald. Es muss ihm jemand geholfen haben, meint Dr. Fritz Schellack, der Museumsdirektor. Und er hat einen ganz bestimmten Verdacht.
[O-Ton Dr. Fritz Schellack:]
"Der Hannes galt ja auch als ganz netter Mann, und er hat ja auch verschiedene Freundinnen in seinem Räuberleben gehabt. Und vielleicht hat die Frau des Turmwärters da auch die schönen Augen vom Hannes gesehen, und der Turmwärter hat das ja auch ein bisschen mitbeobachtet."
Fluchthilfe aus romantischen Motiven also? Einen Beweis dafür gibt es nicht, aber möglich wäre es, dass die Frau des Wärters seinem Räuber-Charme verfiel. Denn der Gefangene durfte täglich für ein paar Stunden sein Verlies verlassen, um in der Wachstube frische Luft zu schnappen. Obwohl er zuvor schon aus drei Gefängnissen ausgebrochen war, wurde der Schinderhannes auch in Simmern offenbar unterschätzt.
[Atmo-Ton Lautenspieler:]
"Der Hannes, ja, das war ein Schlauer,
Stahl beim Juden und beim Bauer.
Auch die Kaufleut’ unverhohlen
Hat er oft und dreist bestohlen."
Zwar war der Sohn eines Abdeckers – oder "Schinders" – noch keine 20 Jahre alt, als er im Simmerner Pulverturm einsaß, aber er hatte schon so einiges auf dem Kerbholz. Für Dr. Fritz Schellack war der Schinderhannes alles andere als ein "edler" Räuber, sondern ein skrupelloser Verbrecher.
[O-Ton Fritz Schellack:]
"Er hat Leute erpresst, die Eisenhüttenarbeiter im Soonwald, er hat die jüdischen Kaufleute drangsaliert. Und hier in der Nähe von Simmern, am Thiergarten, ist einer umgebracht worden, da haben die sich einfach besoffen und haben die Leute abgestochen. Also, das waren verabscheuungswürdige Taten."
[Atmo: Lautenspieler:]
"Und weil er manchmal Armen gab,
Verfolgt sein Ruf ihn übers Grab."
Dass der Schinderhannes vor allem reiche Leute beraubte, ist unstreitig. Bei denen war nun mal am meisten zu holen. Aber seine angebliche soziale Ader ist nach Ansicht des Museumsdirektors reine Legende.
[O-Ton Dr. Fritz Schellack:]
"Die Griebelschieder Kirmes – der Räuberball, der gefeiert wurde – da haben die wahrscheinlich den 'Dicken Max' gemacht, da haben sie Geld gekriegt und da haben sie 'ne Runde geschmissen, und daraus mag das herrühren. Also, da steckt keine Sozialpolitik dahinter."
Auch bei den Simmerner Schinderhannes-Festspielen wird der Titelheld eher als sympathisches Schlitzohr dargestellt, denn als gemeiner Schurke. Das Image vom deutschen Robin Hood, es ist einfach nicht totzukriegen.
[Atmo: Lautenspieler:]
"Er war der Fluch des reichen Mannes,
Doch die Leut', die lieben Hannes.
Er konnt’ stehlen, morden, rauben,
Wichtig ist, was Leute glauben."
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JOHANNES BÜCKLER ALIAS SCHINDERHANNES
- wichtige Daten im Leben des Räuberhauptmanns
1778 o. 1779 geb. in Miehlen (Taunus) als Sohn des "Schinders" (Abdeckers) Johann Bückler und seiner Frau Anna Maria, geb. Schmitt
1792 Familie Bückler zieht nach Merzweiler (Hunsrück)
1796 Sch. beginnt eine Lehre bei dem Abdecker Nagel in Bärenbach; bald erste Diebstähle: ein Pferd, mehrere Hammel und Felle; Prügelstrafe und Haft in Kirn, Ausbruch aus der Arreststube, Zuflucht im Hochwald in Züsch und Muhl
1797 Mord am Placken-Klos, einem anderen Verbrecher, bei der Burgruine Baldenau; Sch. hat geholfen
1798 Verhaftung in Weiden; ein Tag Haft in Herrstein, Transport nach Saarbrücken, Ausbruch nach einem Tag
1798 Mord am Forsthaus Thiergarten im Soonwald; Sch. war dabei, als der jüdische Viehhändler Simon Seligmann aus Seibersbach beraubt und umgebracht wurde
1799 Verhaftung in Schneppenbach; Gefängnis in Simmern; Flucht nach knapp sechs Monaten
1800 Raubeinbruch mit Mord in Otzweiler; danach erstmalige Flucht über den Rhein
1800 Sch. verliebt sich in Juliane Bläsius (Julchen) auf dem Wickenhof bei Kirn
1800 Sch. gibt gegen Schutzgeld Pässe an Reisende aus, damit sie nicht überfallen werden
1800 Sch. haust mit seinen Freunden auf der Schmidtburg bei Schneppenbach
1800 Räuberball in Griebelschied
1800 Erpresserbrief an die Gräfenbacher Hütte (Soonwald)
1801 Überfall mit der Niederländer Bande in Würges (Taunus) auf die Posthalterei
1801 Raubüberfall auf den Juden Isaak Moses in Laufersweiler mit reicher Beute
1801 Widerstand der Bürger bei einem Raubüberfall in Staudernheim
1802 Sch. flieht über den Rhein, nennt sich Jakob Ofenloch und zieht als Händler umher
1802 Sch. wird in der Nähe von Wolfenhausen bei Limburg verhaftet
1802 Sch. wird nach Frankfurt transportiert und verhört; Auslieferung an die Franzosen, Inhaftierung im Holzturm in Mainz
1802 Julchen Bläsius bringt im Gefängnis seinen Sohn Franz Wilhelm zur Welt
1803 Prozess mit 68 Angeklagten; 20 Freisprüche, 28 Kerkerstrafen, 20 Todesurteile (darunter auch Sch.)
1803 Hinrichtung in Mainz zusammen mit 19 Kumpanen
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Das Filetstück für Radler im Hunsrück ist der Schinderhannes-Radweg von Simmern über Kastellaun und Pfalzfeld nach Emmelshausen. Früher fuhr hier die Hunsrückbahn, die heute nur noch zwischen Emmelshausen und Boppard am Rhein verkehrt. Auf dem stillgelegten Abschnitt hat man die Schienen herausgerissen und 1999 den Radweg eröffnet. Er ist 38 Kilometer lang, verläuft ohne nennenswerte Steigungen, ist komplett asphaltiert und deshalb ideal für alle Altersklassen geeignet – von 8 bis 80. Unterwegs gibt es Rastplätze und Informationstafeln. Das alles macht den Schinderhannes-Radweg zu einem "Premium"-Radweg, einem Radweg der Luxusklasse. Dann also: Auf die Räder, fertig, los – und immer dem Räuber-Symbol folgen!
Reportage (Radio hr4, 09.08.2008; rbb-INFOradio, 30.08.2008):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Der Schinderhannes-Kopf weist uns auch weiterhin den Weg. Aus Simmern heraus und dann Richtung Norden. Schon kurz hinter der Stadt radeln wir durch einen Tunnel – die alte Hunsrückbahn lässt grüßen. Wo früher Schienenbusse entlang tuckerten, herrscht jetzt reger Fahrradbetrieb; auch einige Inline-Skater sind unterwegs. Auf den ersten Kilometern geht es zwar ständig bergan, aber ganz sanft. Dieser "Premium"-Radweg ist alles andere als eine Schinderei.
[O-Töne Fahrrad-Touristen:]
"Nicht zu steil, mer muss immer 'n bisschen treten Richtung Emmelshausen, aber angenehm, schön, auch für Anfänger zu empfehlen."
"Gut, jetzt hammer heut’ e bissje Gegenwind, aber trotzdem fährt sich’s noch angenehm."
"Das Angenehme is’ auch, dass die alle in 'nem gewisse Abstand e Schutzhütte is’, mer kann dann was trinke’, Rast mache’, sich 'n bissje erhole’ für die kommende Strecke. Auch bei schlechtem Wetter is’ mer dann gut behütet."
Der Schinderhannes-Radweg führt uns durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit kleinen Dörfern, Wäldern, Wiesen und Weizenfeldern. Nach 15 Kilometern erreichen wir unser erstes Etappenziel Kastellaun. Die kleine Stadt wird überragt von ihrer mittelalterlichen Burgruine. Sie hatte mal einen 30 Meter hohen Bergfried, aber 1689, im Pfälzischen Erbfolgekrieg, wurde er von französischen Truppen mit der gesamten Burg in die Luft gesprengt.
[O-Ton Jupp Trauth:]
"Mer sieht ja zum Glück noch einiges vom Wohnturm und einiges vom Palas und zwar deswege’, weil den Franzose’ eine Sprengladung in der Tat auch gar net losgegange’ is’. Da sieht mer auch noch das Loch, wo die Sprengladung wahrscheinlich drin war. Möglicherweise war die Zündschnur kaputt. Wenn das net gewese’ wär’, dann gäb’s wahrscheinlich diese 5, 6, 10 Meter hohe Mauer nicht mehr. Also, Kastellaun, es sieht so e bissl aus wie ein hohler Zahn."
Trotzdem war die Sprengwirkung so gewaltig, erzählt unser Stadtführer Jupp Trauth, dass die Steine der Burg mehrere hundert Meter weit flogen. Die Bürger von Kastellaun bauten die Steinbrocken in ihre Häuser ein. Deshalb findet man Teile der Burg heute in der ganzen Stadt verstreut.
Nachdem wir im Haus der regionalen Geschichte ein Modell der Burg im Originalzustand angeschaut haben, geht es weiter auf dem Schinderhannes-Radweg Richtung Emmelshausen. Jetzt meistens leicht bergab. Bis zum ehemaligen Bahnhof in Pfalzfeld können wir es rollen lassen. Hier wollen wir in einem alten Eisenbahnwaggon übernachten – keine "Premium"-Unterkunft, sondern ein bisschen "Räuber-like", auf jeden Fall zünftig, wie es sich für Radler gehört.
[O-Töne Touristen:]
"Weil das 'n bisschen nostalgisch is’, der schöne Bahnhof, die schönen Wagen hier, dat nimmt man schon in Kauf, den Komfort, der fehlt."
"Ich find’, wenn man so mit mehreren Leuten unterwegs is’, und es is’ abends immer sehr schade, wenn jeder so in sein Zimmer geht, jeder dann so für sich is’. Und hier ist das halt wirklich so wie gestern Abend: Gute Nacht, John-Boy! (lacht) So in der Art."
Bevor wir in unsere Koje steigen, genehmigen wir uns noch ein schönes Premium-Pils nach diesem Premium-Radweg. Und die restlichen 8 Kilometer bis Emmelshausen, die können ruhig bis morgen früh warten.
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DER SCHINDERHANNES-UNTERMOSEL-RADWEG
von Emmelshausen nach Burgen
In Emmelshausen könnte man, wenn man wollte, die Radtour beenden und mit der Hunsrückbahn hinunter ins Rheintal nach Boppard fahren. Ein spektakuläres Erlebnis wäre das, ist sie doch Deutschlands steilste Eisenbahnstrecke: 336 Höhenmeter überwindet sie, passiert dabei zahlreiche Tunnel und Viadukte. Doch der Schinderhannes-Untermosel-Radweg ist kaum weniger spektakulär. Am Ende der 20 Kilometer langen Strecke geht es ebenfalls steil hinab von den Hunsrückhöhen ins romantische Moseltal – herrliche Ausblicke inklusive. Wer also genügend Zeit und Kondition hat, sollte die Anschlusstour auf keinen Fall versäumen. Auch wenn sie mit dem Schinderhannes außer dem Namen nicht mehr viel zu tun hat. Hier sollen zwar ebenfalls unheimliche Gestalten die Wälder unsicher machen, doch der berühmte Räuberhauptmann hat sich niemals so weit im Norden des Hunsrücks herumgetrieben.
Reportage (Radio hr4, 09.08.2008; rbb-INFOradio, 30.08.2008):
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Wo bitte ist das Räuber-Symbol? Schon beim Start in Emmelshausen verfahren wir uns mehrmals. Die Beschilderung auf dem Schinderhannes-Untermosel-Radweg ist nicht so eindeutig wie auf den beiden anderen Touren. Aber zum Glück haben wir ja unsere Karte dabei. Mit deren Hilfe ist es kein Problem, den Weg zum ersten Etappenziel Gondershausen zu finden. Die Skulptur am Ortseingang lässt keinen Zweifel: Hier sind wir richtig in der ehemaligen Hochburg der Besenbinderei.
[O-Ton Willi Eiskirch:]
"Früher war ja Gondershausen geteilt gewese’; da war Obergondershausen und Niedergondershausen. Und in Niedergondershausen, da waren große Bauern gewese’, die ham keine Besen gemacht, und hier, die Oberdorfer, die ware’ dann arm gewese’, nebebei ham die Besen gemacht."
Willi Eiskirch ist der letzte Mohikaner seiner Zunft. Der 73-Jährige führt als einziger Besenbinder die alte Handwerkstradition fort. 50 Reisigbesen am Tag stellt er her, für zwei Euro pro Stück verkauft er sie. Als junger Bursche nach dem Krieg bekam er noch viel weniger.
[O-Ton Willi Eiskirch:]
"Da hammer damals 30 Pfennig bekomme’, und da sin’ mir als mit’m Fahrrad bis nach Cochem, hatte’ mer immer so zehn Besen drauf gehabt und da simmer gefahre’ von Haus zu Haus hammer die dann verkauft."
In Richtung Mosel fahren auch wir jetzt weiter. Auf dem Grieshof zwischen Beulich und Mermuth treffen wir Petra Wölbert. Die Bauersfrau würde nachts nie den Wald betreten, der vor Jahrhunderten zum Streitobjekt der beiden Dörfer wurde. Nach der Pest, erzählt sie uns, hatte nur ein Mann aus Beulich überlebt. Der sollte nun entscheiden, wem der Grieswald gehört.
[O-Ton Petra Wölbert:]
"Er ist also bis hundert Meter vor die Ortsgrenze von Mermuth gegangen, hatte sich vorher aus seinem Garten Laub unter den Hut gesteckt und Äste aus seinem Garten in die Schuhe getan und hat dann geschworen: 'Ich steh’ auf Beulicher Boden unter Beulicher Laub.’ Der Mann hat also gelogen, und daher spukt sein Geist heut’ noch im Wald herum, und deshalb muss man sich in Acht nehmen. Geht man nachts in den Grieswald, kann einem das Griesmännchen begegnen."
Tagsüber ist der Wald ganz ungefährlich. Und so fahren wir hinüber nach Mermuth, stellen unsere Fahrräder ab und machen zu Fuß einen Abstecher zur Ehrbachklamm.
[Atmo: rauschender Wildbach]
Vorbei an der Ruine Rauschenburg steigen wir den steilen Pfad hinunter. Die Klamm ist ein enges Seitental der Mosel mit einem rauschenden Wildbach, mit Wasserfällen, Felsklippen, Holzbrücken und Mühlen. Der Umweg führt uns in eine der wildromantischsten Ecken des Hunsrücks, bevor wir mit dem Fahrrad auf die Schlussetappe gehen. Hinter Morshausen heißt die Devise: Von nun an geht’s bergab. Rund 200 Höhenmeter in engen Serpentinen hinunter nach Burgen. Radfahrerherz, was willst du mehr? Nur einmal stoppen wir noch, um die Aussicht zu genießen.
[O-Ton Fahrrad-Tourist:]
"Also, es is’ wunderschön. Man hat 'n wunderschönen Blick von hier oben auf die Mosel und den Ort Burgen, wie er davorliegt, und der Ort selbst schmiegt sich in so ’n Tal 'rein. Also, das is’ sehr, sehr schön."
Minuten später sind wir am Ende unserer dreitägigen Radtour. Mit einem Gläschen Mosel stoßen wir noch mal an – auf den schönen Hunsrück und auf den alten Schinderhannes, unseren treuen Begleiter.
[Atmo: klingende Weingläser]
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