Rolf Fröhlings Reisereportagen
Elm (Nds.) und Umgebung
KEIN SCHELM, WER DA AN BRAUNSCHWEIG DENKT
- der norddeutsche Höhenzug mit 3 Buchstaben
Den Freunden des gekreuzten Wortes ist er ein alter Bekannter: Ohne den "Höhenzug bei Braunschweig" oder den "norddeutschen Höhenzug" mit drei Buchstaben kommt kaum ein Kreuzworträtsel aus. E-L-M heißt die Zauberformel. Dahinter verbirgt sich ein 25 Kilometer langer und bis zu acht Kilometer breiter Bergrücken in Niedersachsen, der komplett bewaldet ist. Sein höchster "Gipfel", das Eilumer Horn, misst gerade mal 323 Meter, doch weiter nördlich fällt die Landschaft flach ab bis zum Meer. Bis 1989 war der Elm beliebtes Ausflugsziel für West-Berliner – das nächstgelegene Wanderparadies, gleich hinter der Zonengrenze bei Helmstedt. Heutzutage haben sie andere Möglichkeiten unmittelbar vor der Haustür. Deshalb ist es ruhiger geworden im Elm. Aber wandern kann man dort immer noch nach Herzenslust, und in den Städten drum herum kommen auch Kulturfreunde voll auf ihre Kosten – nicht zuletzt, weil Till Eulenspiegel, der berühmt-berüchtigte Schelm, hier geboren ist und hier so manchen derben Streich gespielt hat.
Reportagen (Radio hr4, 03.10./28.11.2009; rbb-INFOradio, 10.10.2009):
WO MAN BUCHEN NICHT SUCHEN MUSS
Wanderung durch den Elmwald
"Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen", rät der Volksmund bei Gewittern. Im Elm kein Problem, denn hier gibt es den größten Buchenwald Norddeutschlands. Vor allem die westliche Hälfte ist fast komplett mit Buchen bewachsen. Unter dem schattigen Blätterdach schlängeln sich viele Wanderwege durch den gesamten Höhenzug. In gut drei Stunden kann man ihn von Süd nach Nord durchqueren und lernt dabei noch viele Orte kennen, um die sich Geschichten und Legenden ranken.
Reportage (Radio hr4, 03.10.2009; rbb-INFOradio, 10.10.2009):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Wir starten unsere Wanderung in dem kleinen Ort Ampleben am Südrand des Elm. In der Dorfkirche soll der legendäre Till Eulenspiegel zum ersten Mal getauft worden sein. Aber nicht zum letzten Mal, wie unser ortskundiger Führer Christian Ulrich erzählt:
[O-Ton Christian Ulrich:]
"Danach ist dann der ganze Tauftross wieder an seinen Geburtsort Kneitlingen zurückgewandert, und Till wurde von seiner Tauftante getragen, die bei seiner Taufe etwas viel getrunken hat und den Till angeblich dann in ein Bächlein hat fallen lassen. Das war seine zweite Taufe an dem Tag. Und als sie dann in Kneitlingen angekommen sind, wurde Till wieder in einem großen Kessel rein gewaschen. Das war die dritte Taufe von Till an einem Tag."
Wir tun es dem Tauftross gleich und wandern in östlicher Richtung ins Nachbardorf Kneitlingen. Nach dem Bächlein halten wir vergeblich Ausschau. Es soll einer Flurbereinigung im 19. Jahrhundert zum Opfer gefallen sein. In Kneitlingen selbst finden wir zwar eine lebensgroße Statue von Eulenspiegel, doch sein Geburtshaus existiert nicht mehr.
Drum schwenken wir jetzt nordwärts und erreichen nach wenigen Minuten den Waldrand. Der steinige Boden knirscht unter den Füßen.
[O-Ton Christian Ulrich:]
"Der Elm ist eine Riesenansammlung von Muschelkalk, und man sagt, es ist der größte Seelilienfriedhof Nordeuropas, was man in diversen Steinbrüchen, Erdrutschen, Erdfällen auch nachvollziehen kann."
Es sind fast ausschließlich Buchen, die am Wegesrand stehen; ein heller, freundlicher Wald bedeckt den Elm. An Wochenenden sind hier viele Spaziergänger unterwegs, sagt Christian Ulrich, doch jetzt, unter der Woche, begegnet uns keine Menschenseele. Erst auf dem Parkplatz am Tetzelstein beweisen ein paar Autos, dass wir doch nicht die einzigen sind. Der Tetzelstein steht am höchsten Punkt unserer Wanderroute und erinnert an eine Begebenheit, die sich in der Zeit vor der Reformation zugetragen haben soll.
[O-Ton Christian Ulrich:]
"Der Sage nach soll der Priester und Ablassprediger Tetzel hier oben von einem Wandersmann gefragt worden sein, ob man für seine zu begehenden Sünden bezahlen darf. Das durfte man, und daraufhin hat er, der Wandersmann, den Priester erschossen und war sündenfrei, weil er seinen Ablass im Vorfeld schon bezahlt hat."
Am Tetzelstein gibt es auch ein beliebtes Ausflugslokal. Hier löschen wir unseren Durst und nehmen einen kleinen Imbiss.
[Atmo Bedienung:]
"Bitteschön, guten Appetit wünsch’ ich Ihnen."
Nach der kurzen Rast führt der Weg nur noch bergab. Beschwingten Schrittes marschieren wir auf Königslutter am Nordrand des Elm zu. Schon von weitem hören wir die Glocken des Kaiserdoms. Dort, wo Lothar III. begraben liegt, endet unsere Tour. So tot wie der mittelalterliche Kaiser fühlen wir uns zwar nicht nach unserer dreistündigen Wanderung, aber doch rechtschaffen müde.
[Atmo: Glockengeläut des Kaiserdoms]
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Ein besonderes Klangerlebnis sind nicht nur die Glocken des Kaiserdoms. Die Stadt Königslutter am Elm hat noch einen anderen Ohrenschmaus zu bieten: das Museum für mechanische Musikinstrumente, kurz MMM. Unmittelbar neben dem Dom gelegen, beherbergt es eine stattliche Sammlung von mechanischen Instrumenten – angefangen bei der Spieluhr über die Drehorgel bis hin zum Orchestrion und der Musicbox. Mehr als 250 Ausstellungsstücke und alle in vorführbereitem Zustand. Bei einer Museumsführung erfahren die Besucher daher nicht nur, wie die technischen Kunstwerke funktionieren, sondern sie erleben auch deren ganz eigentümlichen Klang. Nicht umsonst verspricht das MMM in Königslutter werbewirksam: "Hier werden Ihre Ohren Augen machen."
Reportage (Radio hr4, 28.11.2009):
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[Atmo: "Aurora"]
Groschen rein und Musik ab! "Peppers Aurora", das Orchestrion von 1910, ersetzt ein ganzes Orchester – zugegebenermaßen ein eher erbärmliches. Mechanische Instrumente waren nicht immer von symphonischem Klang, gibt auch Museumsleiterin Britta Edelmann zu. Aber viele hatten eines gemeinsam: sie wurden über eine so genannte Stiftwalze angetrieben.
[O-Ton Britta Edelmann:]
"Walzenmacher sind so einer der Berufe, die ausgestorben sind. Und dieser Walzenmacher hatte also, wenn er gearbeitet hat, Noten vor sich gehabt, und hier oben konnte man eine Notenskala reinpacken, wo er genau wusste, welches Häkchen entspricht welcher Note. Das wurde dann entsprechend reingeschlagen, und so wusste man, welche Melodie dabei rauskommt."
Das Prinzip funktionierte im kleiderschrankgroßen Orchestrion ebenso wie in der schmuckkästchenkleinen Spieldose. Andere Instrumente arbeiteten mit Lochstreifen und Gebläse. Als Beispiel zeigt uns die Museumsleiterin einen mechanischen Steinway-Flügel.
[O-Ton Britta Edelmann:]
"Durch die Löcher geht die Druckluft jetzt hier rein. Hier hinter sind kleine Bleiröhrchen. Die Röhrchen, die enden am Hals der Klavierhämmerchen. Und wenn jetzt die Druckluft kommt, dann werden die Klavierhämmerchen gegen die Saite nach oben geschlagen. Und das macht die Musik." (Atmo: Steinway-Flügel)
Das Prunkstück des Museums ist die mechanische Geige. Nicht nur eine allerdings, sondern gleich drei Geigen werden mit Druckluft gegen einen rotierenden Bogen gepresst. Ein wahres Kunstwerk, das aber so seine Macken hat:
[O-Ton Britta Edelmann:]
"Solche Geigen verstimmen sich sehr schnell. Und damit das menschliche Ohr sich nicht furchtbar erschreckt, ist das Klavier dazu gearbeitet worden. Das heißt, man hat Geige und Klavier, das klingt dann auch ganz gut. Das ist aber so die Diva des Museums. Wenn das jetzt keine Lust hat, dann hat es keine Lust. Ich hoffe, es hat Lust." (Atmo: mechanische Geige und mitsingende Besucher)
Immer wieder singen oder summen die Besucher die Melodien mit, die wie von unsichtbarer Hand erklingen. Keiner kann sich der Faszination dieser mechanischen Musik entziehen.
(Umfrage:)
"Dieses wunderbare Austüfteln alles, wer das alles gemacht hat."
"Ich hab’ früher in Königslutter gewohnt, aber ich hab’ das nie angeschaut. Aber es ist wirklich interessant."
"Super. Wenn man das sieht, was die früher schon alles auf die Beine gestellt haben, einfach super!"
[Atmo: Besucher singen "Santa Lucia"]
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WO EINST DER LÖWE LOS WAR
Stadtrundgang durch Braunschweig
Bedeutendste Stadt in der Elm-Region (Kreuzworträtsel-Freunde ahnen es bereits) ist Braunschweig – mit knapp einer Viertelmillion Einwohnern zugleich die zweitgrößte Stadt des Landes Niedersachsen. Schon im 12. Jahrhundert erlangte sie große Bedeutung, denn hier residierte der Sachsenherzog Heinrich der Löwe. Der Welfe war zunächst mächtigster Verbündeter und später mächtigster Gegner des Staufer-Kaisers Friedrich Barbarossa. Seiner Stadt Braunschweig verlieh Heinrich wichtige Handelsprivilegien, durch die sie Reichtum und Ansehen erwarb. Und bei einem Stadtrundgang kann man feststellen, dass der Löwe deutliche Spuren hinterlassen hat.
Reportage (Radio hr4, 03.10.2009):
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Wir treffen Stadtführerin Renate Timmermann vor dem Altstadtrathaus. Sie macht kein Hehl daraus, dass "Heinrich der Löwe" ihr Lieblingsthema ist, wenn sie Gäste durch Braunschweig begleitet. Sie weiß alles über den Welfenherzog, natürlich auch warum er der "Löwe" genannt wurde. Jedenfalls nicht wegen seiner langen Mähne.
[O-Ton Renate Timmermann:]
"Nein, es zeigt die Wertschätzung seiner Zeitgenossen. Er hat in Rom bei der Kaiserkrönung von Barbarossa ungeheuer tapfer gekämpft, wie ein Löwe, um den Kaiser zu schützen."
Eine Steinfigur an der Fassade des Rathauses zeigt Heinrich in der Pose eines stolzen Herrschers. Er war nur ein Herzog, doch er trat auf wie ein König. Nicht umsonst wählte er als Wappentier den König der Tiere. Vor seiner Burg Dankwarderode steht noch heute eine Nachbildung des Bronzelöwen, den Heinrich dort aufstellen ließ. Das Original zeigt uns Renate Timmermann im Museum der Burg:
[O-Ton Renate Timmermann:]
"Das ist der richtige, echte Löwe von 1166. Der hat damals ganz gewaltig Furore gemacht. Es war die erste freistehende Plastik nördlich der Alpen. Alles, was Sie sonst sehen, ist immer in einem Gebäude oder in Verbindung mit einem Gebäude. Er stellte den frei auf, um die Leute zu beeindrucken."
[Atmo: Domgeläut]
Noch beeindruckender als der bronzene Löwe ist allerdings der Braunschweiger Dom. Heinrich hat ihn gestiftet, nachdem er von einem Kreuzzug aus Palästina zurückgekehrt war. Die romanische Basilika sollte als Grablege der Welfen dienen. Renate Timmermann führt uns deshalb hinunter in die düstere Krypta.
[O-Ton Renate Timmermann:]
"Hier sind Heinrich der Löwe und seine Frau Mathilde begraben, in zwei Steinsärgen. Einer ist original aus dem 12. Jahrhundert, der andere wurde in den Dreißiger Jahren angefertigt für die Überreste eines vergangenen Holzsarges."
Seit Heinrichs Tod ist der Dom mehrmals umgebaut worden, aber aus dem 12. Jahrhundert stammen noch das Langhaus, das Querhaus, die achteckigen Türme und ein Altar.
[O-Ton Renate Timmermann:]
"Heinrich der Löwe hat 1188 diesen Marienaltar gestiftet. Der besteht aus einer Marmorplatte und fünf Bronzefüßen, wobei der fünfte Fuß in der Mitte keine Tragefunktion hat, er ist aber hohl und enthält eine Bleikapsel mit den Reliquien."
Der Sachsenherzog war ein frommer Mann. Er unternahm auch einen Kreuzzug gegen slawische Stämme im Osten, um sie zu unterwerfen und zu christianisieren. So baute er seinen Machtbereich systematisch aus. Und was Heinrich der Löwe selbst nie erreichte, schaffte zumindest sein dritter Sohn: Der wurde 1209, also vor genau 800 Jahren, als Otto IV. zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt. Auch darauf sind die Braunschweiger bis heute stolz.
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Heute ist der Elm zentral gelegen, mitten in Deutschland, etwa auf halbem Wege zwischen Hannover und Magdeburg. Vor gerade mal zwei Jahrzehnten war die Situation noch eine ganz andere: Wenige Kilometer östlich des Höhenzugs, hinter Helmstedt, war die Welt zu Ende. Denn hier verlief die innerdeutsche Grenze. Betonmauern, Stacheldraht und Minenfelder trennten die Menschen zwischen West und Ost. Die meisten Grenzanlagen sind inzwischen längst verschwunden, doch an einigen Stellen wurden sie ganz bewusst erhalten – als Mahnung und Warnung, damit sich eines der düstersten Kapitel in der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht wiederholt. Auf einer Besichtigungstour machen jüngere Besucher ganz neue Grenzerfahrungen, bei älteren werden Erinnerungen wach – auch an den 9. November 1989, den Tag, der plötzlich alles verändert hat.
Reportage (Radio hr4, 03.10.2009):
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[O-Ton Zeitzeuge:]
"Ich hab' beim Abendessen gesessen, als dieser bekannte Satz fiel, dass die Grenzen auf sind. Und wir haben uns dann gleich auch auf den Weg nach Helmstedt/Marienborn gemacht und haben kurz nach 21 Uhr die ersten Trabis gesehen. Das war beeindruckend."
Der Grenzkontrollpunkt Marienborn dient heute als Gedenkstätte. Er lag an der Transitautobahn von Hannover nach West-Berlin und war bis zur Wende der meistfrequentierte Grenzübergang im geteilten Deutschland. Durchlässig allerdings nur in eine Richtung – und selbst da begleitet von Demütigungen und Schikanen der DDR-Grenzer:
[O-Ton Susanne Proetzel:]
"Beim Zoll war es so, dass man immer den Kofferraum, die Motorhaube öffnen musste, man musste die Rückbank umklappen, und dann wurden Spiegelwagen unters Auto gefahren, ob da irgendwo 'ne Veränderung vorgenommen worden ist. Und man wurde gefragt, ob man beispielsweise Bücher, Zeitschriften, Schallplatten mithatte, also Sachen, die an anderen Grenzen wirklich normal waren, die waren durchaus auch hier verboten."
Susanne Proetzel ist Gästeführerin des Projekts "Grenzenlos", dessen Ziel es ist, Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands aufzuarbeiten. Sie lebt in Schöningen am Elm und hat die lästigen Kontrollen oft genug miterlebt. Noch schmerzlicher aber sind die Erinnerungen, die das Grenzdenkmal in Hötensleben bei ihr auslösen. Das Nachbardorf von Schöningen auf DDR-Seite war nach Westen hin komplett abgeriegelt.
[O-Ton Susanne Proetzel:]
"Es ging los mit der Mauer in der Ortslage Hötensleben. Dann kam der K2-Streifen – K war die Kontrolle, 2, weil er zwei Meter breit war. Dann kam der Signalzaun. Als nächstes folgt das Sicht- und Schussfeld, dann der Kolonnenweg, dann ein weiterer Spurensicherungsstreifen, sechs Meter breit, die Kfz-Sperren, dann schließlich der Sichtschutzzaun, und dahinter kommt noch mal das vorgelagerte Hoheitsgebiet, und erst die Bachmitte war die Grenze."
Ein ehemaliger Wachturm bietet einen guten Rundblick über das Gelände. Auch hier hat man die Grenzanlagen teilweise erhalten. Und obwohl sie vielen Menschen Leid und manchen sogar den Tod gebracht haben, finden es die meisten Besucher richtig:
[O-Töne Besucher:]
"Das ist also Geschichte. Wie man heutzutage die KZ-Läger präsentiert, muss auch diese Geschichte aus meiner Sicht erhalten sein und bleiben. Und deshalb also mein Wunsch an die Jugend, dass die diese Information also bekommen. Das muss ganz einfach sein."
"Ich denke mal, für die jüngere Generation, die vor 20 Jahren geboren wurden und jetzt in die Schule noch gehen, für die ist die Grenze in dieser Form der beste Anschauungsunterricht, und darauf sollte man nicht verzichten."
Trotz Mahnmal und Gedenkstätte, die an die deutsche Teilung erinnern, hat sich das Leben für die Menschen rund um Helmstedt längst normalisiert. Die Welt ist hier nicht mehr zu Ende. Doch das ist für Sabine Proetzel auch nach 20 Jahren noch keine Selbstverständlichkeit.
[O-Ton Susanne Proetzel:]
"Ich fahre selten über die ehemalige Grenze, ohne mir dessen bewusst zu sein. Obwohl ich sehr, sehr oft fahre und auch gerne fahre – ich geh' hier zum Beispiel im Dorf zum Sport, in Hötensleben – und es ist nicht ganz normal, nein, es ist immer noch schön."
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WO DER SCHALKSNARR QUICKLEBENDIG IST
Eulenspiegeleien in Schöppenstedt
Mit seinen Streichen bringt er Groß und Klein zum Lachen. Den Schalksnarren Till Eulenspiegel kennt jedes Kind – und das rund um den Globus, denn seine lustige Biographie wurde in alle wichtigen Sprachen der Welt übersetzt. Dabei ist nicht mal erwiesen, dass er je gelebt hat. Alles, was man über ihn weiß, stammt aus einem deutschen Volksbuch des frühen 16. Jahrhunderts, das dem Braunschweiger Amtsvogt Hermann Bote zugeschrieben wird. Darin heißt es, Eulenspiegel sei im Jahre 1300 in Kneitlingen am Elm geboren und 1350 im holsteinischen Mölln gestorben. Auf diese Quelle beruft sich auch das Eulenspiegel-Museum in der Kleinstadt Schöppenstedt, zu deren Samtgemeinde das Dorf Kneitlingen heute gehört. In Wort, Bild und Ton wurde alles Wissenswerte über den Schelm vom Elm zusammengetragen. Hier im Museum jedenfalls ist er quicklebendig – und bei all seinen Eulenspiegeleien bleibt kein Auge trocken.
Reportage (rbb-INFOradio, 10.10.2009; Kurzfassung in Radio hr4, 03.10.2009):
[Musik: "Till Eulenspiegels lustige Streiche" von Richard Strauss]
"Till Eulenspiegels lustige Streiche" – die sinfonische Dichtung von Richard Strauss erklingt auch im Schöppenstedter Museum. Untermalt von den heiteren Klängen, macht uns Alice Bauch mit dem Schelm vom Elm bekannt. Schon als Dreikäsehoch, erzählt sie, habe Eulenspiegel den Schalk im Nacken gehabt, sodass sich die Nachbarn bei Tills Vater beschwerten.
(O-Ton Alice Bauch:)
"Der Vater wollte ergründen, warum das so war, ritt mit seinem Sohn durch Kneitlingen, setzte ihn hinter sich aufs Pferd, und Eulenspiegel hat also jedes Mal, wenn er merkte, von hinten kommt jemand, seinen Rock angelüpft und hat den Leuten den blanken Hintern gezeigt. Worauf die sich natürlich wieder beschwert haben. Der Vater hat ihn genommen, kurzerhand nach vorne gesetzt, hat aber auch, weil er viel größer war als Eulenspiegel, nicht mitbekommen, immer wenn jemand entgegenkam, hat er angefangen mit den Ohren zu wackeln, hat die Zunge rausgestreckt oder 'ne lange Nase gemacht, und schon wieder haben sich natürlich die Leute beschwert über ihn."
Museumsführerin Alice Bauch kennt sie alle, die lustigen Eulenspiegeleien. Viele haben sich in unmittelbarer Nähe seines Heimatdorfes zugetragen. So auch die wohl berühmteste – den Streich, den er einem Bäckermeister in Braunschweig gespielt hat.
[zum Anhören klicken: O-Ton Museumsführerin Alice Bauch]
"Als er ganz normal gefragt hat: 'Meister, was soll ich denn backen?', hat der Meister geantwortet: 'Na, meinetwegen, Eulen und Meerkatzen.' Und das hat er sofort in die Tat umgesetzt und hat auch die ganze Nacht Eulen und Meerkatzen gebacken. Der Meister hat ihn morgens bestraft, und er musste die ganze Ware bezahlen. Da war er aber wieder so pfiffig zu sagen: 'Dann gehört die Ware mir.' Und der Meister hat sie ihm überlassen, weil er dachte, was will der damit. Er hatte aber vergessen, es war Markttag und es war kurz vor Nikolaus. Und Eulenspiegel ist also auf den Markt gegangen und hat seine Ware feilgeboten und wurde sie im wahrsten Sinne des Wortes los wie warme Semmeln."
Eine für Eulenspiegel typische Geschichte, denn nach dem gleichen Muster hat er viele seiner Streiche gespielt.
[O-Ton Alice Bauch:]
"Er war zwar nicht superklug, aber eben sehr gewitzt und wortgewandt und hat eben versucht jeden Auftrag, den man ihm gegeben hat, wortwörtlich umzusetzen."
Auf diese Weise hielt er immer wieder den Wichtigtuern und Oberschlauen seinen Spiegel vor, um ihnen zu zeigen, wie dumm sie in Wirklichkeit waren. Auch vor den Reichen und Mächtigen seiner Zeit machte er nicht Halt:
[O-Ton Alice Bauch:]
"Eulenspiegel kam eines Tages an einen Hof und gaukelte vor, er wäre in der Lage, den Regenten und seinen Hofstaat zu malen. Und vor der Enthüllung des Bildes sagte er: 'Dies ist ein ganz besonderes Bild. Es kann nur derjenige was darauf erkennen, der ehelich geboren ist.' Er zog den Vorhang zur Seite und es war nichts zu sehen, aber alle haben sich darauf erkannt, wie wunderbar sie getroffen waren."
Mit solchen Tricks ergaunerte er auch manches Goldstück und musste danach meist sein Heil in der Flucht suchen. So zog er als Vagabund durchs Leben und kam dabei weit über den heimatlichen Elm hinaus: bis nach Dänemark, nach Polen und sogar zum Papst in Rom führte ihn seine Wanderschaft. Dabei hat er – anders als in vielen bildlichen Darstellungen – weder Gauklerkostüm noch Narrenkappe getragen.
[O-Ton Alice Bauch:]
"Nein, das hat er nicht. Dann hätte ja jeder gleich gewusst, was er im Schilde führt. Er war ganz normal gekleidet, wie ein normaler Bauer damals gekleidet war. So ist auch er durchs Leben gegangen. So dargestellt, mit der Narrenkappe, wird er erst seit dem 18./19. Jahrhundert, wo man ihn als Kinderbuchhelden entdeckt hat."
Das alte Volksbuch aus dem 16. Jahrhundert dagegen ist als Lektüre für Kinder nur bedingt geeignet. Denn Eulenspiegel trieb auch sehr derbe und politsch unkorrekte Späße: mit armen Teufeln, Todkranken, Blinden oder mit Juden. Zudem spielten Fäkalien häufig eine ebenso unrühmliche wie unappetitliche Rolle.
[zum Anhören klicken: O-Ton Alice Bauch]
"Es gab also früher schon etwas, was wir heute in ähnlicher Form auch haben – und zwar so genannte Schwitzhäuser. Da hatten Leute die Möglichkeit, sich mal richtig sauber zu schwitzen. Und in Hannover war jemand, der nannte das Ganze Huß der Reinigkeit. Das ärgerte Eulenspiegel natürlich und er ging in die Badestube, zog seine Hosen runter und setzte mitten in die Badestube einen großen Haufen. Als der Besitzer ihn zur Rede stellte, sagte Eulenspiegel: 'Ich weiß gar nicht, was du willst, ich denke, dies ist das Huß der Reinigkeit, und das ist die Reinigung von innen. Die gehört für mich dazu.'"
So wird im Eulenspiegel-Museum mancher Mythos zerstört und manches Vorurteil aufgeklärt. Nur eines kann auch Alice Bauch nicht mit letzter Sicherheit beantworten: ob der Schelm vom Elm wirklich gelebt hat. Doch sie geht sehr pragmatisch mit der Frage um.
[O-Ton Alice Bauch:]
"Also, rein wissenschaftlich kann man es nicht beweisen, weil darüber keine Unterlagen existieren, aber natürlich die Möllner und auch die Schöppenstedter glauben dran, sonst bräuchten wir für Eulenspiegel kein Museum."
[Musik: "Till Eulenspiegels lustige Streiche" von Richard Strauss]
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WEM DIE STUNDE SCHLÄGT
- das Eulenspiegel-Glockenspiel in Braunschweig
In Braunschweig hat Till Eulenspiegel nicht nur Eulen und Meerkatzen gebacken, sondern noch weitere Streiche verübt. So auch an einem Stiefelmacher, der zunächst selbst versucht hatte, den berühmten Schalk in dessen ureigenster Art hereinzulegen: Eulenspiegel wollte von dem Schuster die Stiefel "gespickt", d.h. geschmiert, haben. Von seinem Gesellen angestiftet, nahm der Meister den Auftrag wörtlich und spickte die Stiefel wie einen Braten. Als Eulenspiegel seine Schuhe abholte, lobte er den Meister zum Schein für die gute Arbeit, doch beim Verlassen der Werkstatt zerschlug er ihm die Fensterscheiben. Ein guter Verlierer war er nie, der "Schelm vom Elm". Und am Ende erging es dem vorwitzigen Schustergesellen wie normalerweise Eulenspiegel selbst. Sein Meister warf ihn hinaus, und er musste sich andernorts eine neue Stellung suchen.
Im Giebel des Gebäudes am Braunschweiger Kornmarkt jedenfalls, wo einst die Stiefelmacher-Werkstatt gewesen sein soll, erinnert heute ein Glockenspiel an Till Eulenspiegel. Dreimal täglich erklingt die folgende Melodie:
[zum Anhören klicken: Eulenspiegel-Glockenspiel]
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