rolf fröhlings reisereportagen
Dilltal (Hessen)
GOETHE, GLOCKEN UND GESTÜT
- die "Perlenkette" am Rande des Westerwalds
Für die einen ist Dill ein Salatgewürz, für die anderen der zweitlängste Nebenfluss der Lahn*). 55 Kilometer lang schlängelt sich die Dill zwischen Westerwald und Lahn-Dill-Bergland durch Hessen, ehe sie sich bei Wetzlar mit der Lahn vereinigt. Auf ihrem Weg durchfließt sie romantische Städte wie Dillenburg und Herborn. An ihren Ufern gibt es zahlreiche touristische Perlen zu entdecken – darunter das Hessische Landgestüt, das Deutsche Glockenmuseum und die Goethe-Stadt Wetzlar. Also, folgen wir dem Lauf der "Perlenkette" Dill und lassen uns verzaubern von ihrem unwiderstehlichen Charme!
Reportagen (Radio hr4, 22.03.2014):
KENNZEICHEN D
der Dillhöhenweg vom Dillkopf nach Haiger
Eine Mittelgebirgslandschaft, wie sie das Dilltal umgibt, ist natürlich ein wunderbares Gebiet zum Wandern. Der Rothaarsteig beginnt oder endet hier (je nach Laufrichtung), ebenso der Westerwaldsteig. Aber man kann auch parallel zur Dill wandern – auf dem zweigeteilten Dillhöhenweg, wahlweise links der Dill oder eben rechts der Dill. Einfach dem "Kennzeichen D" folgen! Vom Startpunkt auf dem gut 600 Meter hohen Dillkopf bis nach Haiger verläuft der Pfad allerdings nur eingleisig. Geübte Wanderer schaffen diese erste Etappe des Dillhöhenwegs in fünf Stunden, ungeübte brauchen ein bisschen länger. Und los geht's – selbstverständlich – an der Dillquelle auf der Haincher Höhe.
Reportage (Radio hr4, 22.03.2014):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Dillquelle]
Es tröpfelt mehr als es sprudelt, was da herauskommt aus dem schmalen Rohr. Dies ist also die Quelle der Dill. Kaum zu glauben, dass aus dem kleinen Rinnsal mal der zweitlängste Nebenfluss der Lahn werden soll. Aber das passt schon, verspricht unser ortskundiger Führer Michael Barth:
[O-Ton Michael Barth:]
"Bis die Dill ihre Form annimmt, zum Beispiel im Roßbachtal und durch die ganzen Zuflüsse, die kleinen Bäche aus dem Wald und durch das Grundwasser gespeist, wird sie halt größer. Wie gesagt, wenn man die so sieht hier, müsste irgendwann das Flussbett von der Hauptdill jetzt, wie man sie so kennt, von Dillenburg und so weiter, trocken liegen."
Doch schon nach wenigen Kilometern wird aus dem Tröpfeln ein leises Plätschern.
[Atmo: Dill als Bächlein]
Wir folgen dem schwarzen D auf weißem Grund. Das Zeichen schaut aus wie der Wegweiser zum Damenklo, ist aber die Markierung für den Dillhöhenweg. Eigentlich brauchten wir hier noch gar keine Beschilderung, denn bis zum Dorf Offdilln gibt der Lauf der Dill die Route vor.
Michael Barth macht uns auf für die Region typische Hauberge aufmerksam. Sie sind nur von niedrigen Birken und Eichen bewachsen – Überbleibsel aus alten Zeiten, in denen hier noch viel Holz für die Eisenerzverhüttung benötigt wurde.
[O-Ton Michael Barth:]
"Ein Hauberg wächst zwischen 15 und 18 Jahre, entstanden in Keltenzeiten bis ins Mittelalter rein für die Köhler, teilweise als Hutewald genutzt, wo die Schweine und Rinder früher geweidet haben und haben dann die wachsenden Bäume direkt abgefressen, also hat sich das nur zum Buschwerk entwickeln können und konnte gar nicht auswachsen zum Baum, weil der ständig abgefressen wurde."
Bei Offdilln entfernt sich unser Wanderweg vom Bachlauf, und ausgerechnet ab hier zeigt sich das Kennzeichen D immer seltener.
[O-Ton Wanderer:]
"Ohne Karte ist man aufgeschmissen. Es wirkt so, als sei in den letzten 20 Jahren keiner mehr durchgegangen, um die Schilder zu erneuern."
Da ist etwas Spürsinn, gepaart mit ein wenig Abenteuerlust, gefragt. So bahnt sich unsere kleine Wandergruppe den Weg durch lichten Haubergs- und dichten Nadelwald bis zum Ortsrand von Niederroßbach, der umgeben ist von saftig-grünen Wiesen. Dieser Anblick entschädigt für vieles:
[O-Töne Wanderer:]
"Die Stelle, wo wir gerade sind, ist natürlich wunderschön. Wir stehen auf einer Anhöhe und gucken quasi über das gesamte Dilltal. Das sieht aus wie so 'ne richtige Modelleisenbahnlandschaft."
"Ich find's ein bisschen schöner, wenn das kleinere Wege sind. Also, das sind ja doch so breite Ziehwege, aber die Landschaft drumherum ist halt schön und gleicht das aus."
Hinter Rodenbach sehen wir schon in der Ferne die imposante Dilltalbrücke der A 45. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zu unserem Zielort Haiger.
Auf den letzten Metern führt der Weg wieder unmittelbar an der Dill entlang. Sie ist zwar auch hier noch kein richtiger Fluss, aber immerhin schon ein breiter Bach. Na also, dann könnte ja doch noch was werden aus ihr ...
[Atmo: Dill bei Haiger]
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EIN FLUSSLAUF IM WANDEL
- Impressionen von der Dill
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LIEBE MACHT BLIND
die Zuchthengste im Landgestüt von Dillenburg
Landgestüte gab es früher auch in Weilburg, Kassel, Darmstadt und Wiesbaden. Dillenburg ist das letzte verbliebene in Hessen. Seit dem späten 18. Jahrhundert bereits werden im ehemaligen Hofgarten der Fürsten von Nassau-Oranien Hengste gezüchtet. Schon damals konnten Pferdehalter ihre Stuten hier im Dilltal gegen eine Gebühr decken lassen. Und so geschieht es heute noch. Blind vor Liebe, bespringen die Zuchthengste alles, was ihnen in die Quere kommt. Wer die prachtvollen Tiere kennen lernen will, der kann das Hessische Landgestüt auf Voranmeldung besichtigen. Und zweimal im Jahr – an zwei aufeinander folgenden Sonntagen im September – lädt das Gestüt zur Hengstparade ein. Da zeigen die edlen Rösser vor großem Publikum, dass sie außer Fortpflanzung noch einiges mehr draufhaben.
Reportage (Radio hr4, 22.03.2014):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Menschen, Tiere, Sensationen: Die Hengstparade in Dillenburg ist ein buntes Spektakel. Dressur, Springen, Fahrsport – es wird von allem was geboten.
Doch wenn nicht gerade Hengstparade ist, geht es ruhiger zu auf dem Hessischen Landgestüt. Da stehen die Pferde meist in ihren Boxen und genießen den Luxus um sie herum – mit Kacheln an den Wänden und automatischer Tränke. Den wackeren Tieren soll es an nichts fehlen.
[O-Ton Henning Hofmann:]
"Wir sehen auch, dass die Pferdchen hier Höhensonne haben, sie werden nicht mehr so oft trockengestriegelt, das passiert unter dem Licht von 25 Lampen, das tut den Tieren auch gut, und ich habe gehört, ab und zu stellt sich auch eine unserer schönen Mädchen da mit drunter und wärmt sich selbst."
Der geräumige Stall, erzählt Stadtführer Henning Hofmann weiter, stammt noch aus oranischer Zeit. Das Landgestüt umfasst 12 Gebäude, aber das Geld wird im allerkleinsten verdient. Das ist die Besamungsstation. Ganz unromantisch erfüllt hier der Hengst seine eigentliche Aufgabe. Statt einer leibhaftigen Stute erwartet ihn heutzutage meist ein lebloses Gestell, das an einen Turnbock erinnert. Aber das ist ihm egal.
[Atmo: wiehernder Hengst]
[O-Ton Henning Hofmann:]
"Man sagt ja: Liebe macht blind. Und er merkt nicht, dass er vor dem so genannten Phantom steht, einer Stutenattrappe aus zwei Metallbeinen und etwas Leder, und in seiner Rage, in seinem Willen sich fortzupflanzen, merkt der Hengst gar nicht, was er besucht."
Und dann lässt er sich nicht lange bitten. Sein Samen wird in einer ebenfalls künstlichen Scheide aufgefangen, von Tierärzten untersucht und dann tiefgefroren an die Stutenbesitzer verschickt. Das System scheint zu funktionieren. Frank Stecher, der Leiter der Besamungsstation, kann stolz sein auf einige seiner Schützlinge:
[O-Ton Frank Stecher:]
"Also der beste und vom Alter her, sag' ich jetzt mal, das ist der 'Adamello'. Der ist jetzt 20 Jahre, und der ist noch relativ fit, der hat auch noch 'ne gute Dichte und auch noch gutes Volumen. Und der beste Deckhengst, den wir haben, war dieses Jahr der 'Casscoltairo', das ist ein Springhengst, den haben wir gepachtet, und der hat die meisten Stuten dieses Jahr gedeckt."
Unter den Nachkommen der Dillenburger Deckhengste findet sich so mancher Champion. Ein gewisser "Don Turner", Sohn von "Dartagnan", gehörte sogar zur deutschen Dressur-Equipe bei den Paralympics in London. Und wer weiß, vielleicht wird ja eines Tages nicht nur auf der Hengstparade, sondern auf großer internationaler Bühne die deutsche Hymne für ihn gespielt…
[zum Anhören klicken: Atmo "Don Turner" bei der Hengstparade]
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HUFSCHMIED
- ein aussterbender Beruf?
Nein, ganz im Gegenteil, meint Otmar Schuch, seines Zeichens Hufschmied des Hessischen Landgestüts in Dillenburg. Und er hat natürlich alle Hände voll zu tun. Die Pferde des Gestüts müssen im Schnitt alle sechs bis acht Wochen beschlagen werden. Und jedes braucht sein ganz spezielles Hufeisen. Ein Fahrpferd wird anders beschlagen als ein Reitpferd, ein Springpferd wieder anders als ein Dressurpferd. Daneben erfüllt Otmar Schuch noch andere Aufgaben, zum Beispiel Kutschen und Schlepper reparieren. Das alles schafft er gar nicht alleine. Drum hat er einen Lehrling, der ihn unterstützt. Die Nachfrage ist groß, sagt er, sogar ein Mädchen habe er schon ausgebildet. Und er macht ein bisschen Werbung für seinen Beruf, der sehr vielseitig sei. Irgendwo zwischen Pferdeschuster und Fußdoktor stuft er sich ein. Auch um die Zukunft müsse keinem Hufschmied bange sein. Reiten liege im Trend, an zu beschlagenden Pferden herrsche kein Mangel, auch außerhalb des Landgestüts. Deshalb kann er jungen Leuten nur zuraten, seinen Beruf zu erlernen.
Was genau die Ausbildung zum Hufschmied beinhaltet, erklärt er hier:
[zum Anhören klicken: O-Ton Hufschmied Otmar Schuch]
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Mit historischen Altstädten ist das Dilltal reich gesegnet. Den besterhaltenen Stadtkern aber hat zweifellos Herborn aufzuweisen. Mehr als 400 Fachwerkhäuser bilden ein homogenes Ensemble, das weit und breit seinesgleichen sucht. Politisch stand Herborn lange im Schatten der nassauischen Residenzstadt Dillenburg, aber wirtschaftlich hatten die Herborner schon früh die Nase vorn. Wohlstand und Bürgerstolz fanden ihren Ausdruck in repräsentativen Bauten. Gutes Holz aus dem nahen Westerwald war reichlich vorhanden und günstig zu haben. So entschied man sich für die Fachwerk-Bauweise. Eine kluge Entscheidung, von der das Stadtbild noch heute profitiert. Und bei einem geführten Rundgang erfährt man auch viele interessante Dinge, die sich hinter der Fachwerkkulisse verbergen.
Reportage (Radio hr4, 22.03.2014):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Der heutige Marktplatz von Herborn war früher der Buttermarkt. Hier steht das stolze Rathaus der Stadt. Und als es gebaut wurde, Ende des 16. Jahrhunderts, haben die Bürger viel Geld reingebuttert. Das zeigt sich auch am so genannten Prunksaal, der "guude Stubb" von Herborn. Die wurde schon damals genutzt für festliche Empfänge aller Art. Einmal, berichtet Birgit Ernst vom Stadtmarketing, war sogar der Prinz von Oranien zu Gast.
[O-Ton Birgit Ernst:]
"Es musste dann bei der größten Familie im Ort eine Tischdecke ausgeliehen werden, weil das Rathaus selbst keine besaß in der Größe, und der Hausherr, dem diese Tischdecke gehörte, kam zufällig neben diesem Prinzen Wilhelm von Oranien zu sitzen, und als der leicht angesäuselte Prinz sich in dem Tischtuch verfing, sagte der Hausherr dann in breitestem hessischen Platt: 'Hier kannste ruhisch druffdobbeln, des schad naut.' Also, das schadet nix. War ja seine eigene Tischdecke, das wusste der Prinz natürlich nicht."
Das Rathaus allerdings versteckt sein Fachwerk hinter Schieferplatten. Der Westerwald ist eben eine raue Gegend, da wollen die Fassaden gegen Wind und Wetter geschützt werden. Dennoch liegt das Fachwerk bei den meisten Häusern offen. So auch bei dem Hotelgebäude, das einst die Hohe Schule beherbergte. In der Zeit nach der Reformation war sie die erste Akademie in Deutschland, die dem calvinistischen Glauben anhing. Und sie verlieh Herborn ein gewisses internationales Flair.
[O-Ton Birgit Ernst:]
"Dadurch dass es die einzige reformierte Einrichtung war, ist es eben zu einem starken Zustrom von Studenten aus verschiedensten Nachbarländern auch gekommen, natürlich auch viele deutsche Studenten, also insgesamt waren hier über 5000 junge Herren am Studieren im Laufe der Jahrhunderte, zwischen 1584 und 1817. In besten Zeiten über 200 Studenten."
Im Sog dieser Hohen Schule kam auch der Buchdrucker Corvin zu Ruhm und Ehre. Er brachte die erste reformierte Bibel heraus, benannt nach dem Herborner Theologie-Professor Piscator. Und damit nicht genug:
[O-Ton Birgit Ernst:]
"Der Schwiegersohn von Corvin, der hat versucht, das ganze Wissen seiner damaligen Zeit in ein Buch zu packen. Das wäre heute so wie Wikipedia, kann man sich vorstellen, wäre natürlich heute wesentlich dicker, das Buch, und das war die sogenannte 'Herborner Encyclopaedia'. Die ist auch hier zum Beispiel von Corvin dann gedruckt worden.
Das Anwesen der Familie gehört zu den größten und schönsten Fachwerkbauten der Stadt. Nur ein einziges altes Bürgerhaus ist aus Stein: das "Staanern Haus" in der Hauptstraße. Aber auch hier stand ursprünglich ein Fachwerkgebäude:
[O-Ton Birgit Ernst:]
"In diesem Haus war früher ein Krämergeschäft untergebracht, und der Ladenbesitzer hatte im ganzen Haus Waren gelagert verschiedenster Art und dummerweise auch ein Fässchen Schwarzpulver. Das explodierte dann, als ein kleines Feuer ausbrach, und da flog das ganze Dach weg und das Haus brannte dann ab."
Das Unglück geschah Anfang des 19. Jahrhunderts. Holz war inzwischen knapp geworden, und so wurde das Haus in Stein wieder aufgebaut. Die Epoche des Fachwerks ging zu Ende. Zum Glück wird die Erinnerung daran in Herborn bis heute liebevoll bewahrt.
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FRIEDE SEI IHR ERST GELÄUTE
das Glockenmuseum auf der Burg Greifenstein
Die Glockengießerei Rincker in der Gemeinde Sinn an der Dill ist eine der letzten ihrer Art. Und in der Nachkriegszeit hat ihr Besitzer Glocken aus ganz Deutschland zusammengetragen. Seine Sammlung bildete den Grundstock für das Deutsche Glockenmuseum. Es ist in einem ehemaligen Geschützturm der Burg Greifenstein untergebracht, die hoch oben über dem Dilltal thront. Das Museum bietet Klangerlebnisse der besonderen Art und gewährt Einblicke in das uralte – und bis heute kaum veränderte – Glockengießerhandwerk. Da werden natürlich auch Erinnerungen an Schiller wach:
Reportage (Radio hr4, 22.03.2014):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Ausschnitt aus Schillers "Lied von der Glocke":]
"Festgemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muss die Glocke werden,
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!"
Keiner hat die Entstehung einer Glocke so wortgewaltig beschrieben wie der Dichterfürst Friedrich Schiller. Anhand von Modellen im Museum auf Burg Greifenstein können die Besucher nachvollziehen, wie viel Arbeit und Kunstfertigkeit drinsteckt. Von wegen "Loch in Erde, Bronze 'rin, Glocke fertig, bim bim bim"!:
[O-Ton Michael Kreckel:]
"Man hob erstmal eine Grube aus, hat dann den Kern der Glocke aus Lehmziegeln aufgemauert. Dieser Kern wurde dann eingefettet. Auf diesen Kern kam dann ein Modell der Glocke aus Ton, glatt gestrichen, dann hat man auf diese Tonglocke eine Schicht aufgebracht, die nennt sich Mantel – das ist auch Lehm, gemischt mit Pferdehaaren. War die dann trocken, konnte man jetzt diesen Mantel von der eingefetteten Modellglocke abheben, konnte die Modellglocke von dem eingefetteten Kern abheben, setzt den Mantel wieder oben drauf, und dann hat man diesen Hohlraum hier entstehen lassen, die so genannte verlorene Glocke, und dieser Hohlraum wurde dann mit flüssiger Bronze gefüllt."
[Ausschnitt aus Schillers "Lied von der Glocke":]
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.
Denn darauf kommt es an, meint auch Michael Kreckel vom Museumsverein. Das heißt: auf das richtige Verhältnis von Kupfer und Zinn. Das Material beeinflusst den Klang. Einen Ton gibt auch eine Glocke aus Gussstahl von sich, viel mehr aber nicht.
[Atmo: Glockenklang]
[O-Ton Michael Kreckel:]
"Das klingt ziemlich dumpf und auch kaum nach. – Die jetzt hier hat einen hohen Zinnanteil. Die ist ziemlich schrill, würd' ich mal sagen, klingt auch ein bisschen länger nach, während 'ne richtige Bronzeglocke folgenden Sound von sich gibt. – Da merken Sie, wie lang das nachschwingt, der Ton."
Leider sind Kanonen und Kanonenkugeln aus demselben Material. Deshalb wurden Glocken in Kriegszeiten immer wieder eingeschmolzen. Auch darauf weist das Museum hin.
[O-Ton Michael Kreckel:]
"Der umgekehrte Weg – aus der Kanone 'ne Glocke machen – ist ganz selten passiert. Es gibt so ein Beispiel: in Wien, im Stephansdom, hängt die große 'Pummerin', die ist 1683 aus türkischen Kanonen gegossen worden."
Schwerter zu Pflugscharen, Kanonen zu Kirchenglocken! So ist's recht und wohl auch ganz im Sinne von Friedrich Schiller:
[Ausschnitt aus Schillers "Lied von der Glocke":]
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt.
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute!
[Atmo: Friedensgeläut]
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LIEBES FRÄULEIN, DARF ICH WAGEN?
eine Tour durch die Goethe-Stadt Wetzlar
Von Friedrich Schiller war schon die Rede – da darf natürlich auch Johann Wolfgang Goethe nicht fehlen. In Wetzlar, wo die Dill in die Lahn mündet, hat Deutschlands größter Dichterfürst tiefe Spuren hinterlassen. Kaum vier Monate verbrachte er hier, aber sie gehörten zu den intensivsten seines Lebens. Gerade 23 geworden, absolvierte Goethe im Sommer 1772 ein Praktikum am Wetzlarer Reichskammergericht (vergleichbar etwa dem heutigen Bundesgerichtshof). In dieser Zeit traf er seine erste große Liebe Charlotte Buff. Was er mit dem schönen Fräulein erlebte, verarbeitete Goethe in seinem Erstlingsroman "Die Leiden des jungen Werthers" und wurde damit schlagartig weltberühmt. Bei einer geführten Goethe-Tour durch die malerische Lotte-Stadt werden der junge Dichterfürst und seine ebenso romantische wie tragikomische Liebesgeschichte wieder lebendig.
Reportage (Radio hr4, 22.03.2014):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Komm' ich zu spät? Ich bitte zu verzeihen. Mein Studieneifer trägt die Schuld, denn, sehen Sie, ein Praktikant am Wetzlarer Reichskammergericht hat unentwegt zu lernen."
Dabei würde sich der junge Johann Wolfgang Goethe doch viel lieber mit Literatur und Poesie beschäftigen. Nur seinem Vater zuliebe hat er Jura studiert.
"Ich hasse die Juristerei! Wäre die Justiz ein Arzt, sie wäre schlimmer noch als die Krankheit."
Also begibt er sich auf Abwege, widmet sich den schönen Dingen des Lebens.
[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Justitia muss auf meinen Minnedienst verzichten. Stattdessen nehme ich meine Bücher und meinen Zeichenblock und wandere in die Natur. Ich schaue, staune, lese, zeichne, und mit einem Mal verwandelt sich mein Leben selbst in Dichtung."
In dieser schwärmerischen Stimmung lernt er bei einem Ball die schöne Lotte kennen.
[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Als sie sich dann dem Tanzvergnügen überließ und die Reihe gar an mir war, sie fürs Tanzen zu umfassen, hat sie mich völlig erobert. Schlimmer noch: Ich verlor den Takt und verirrte meine Füße, dass es drunter ging und drüber und schließlich Lottes ganze Gegenwart vonnöten war, bis sie mit ziehen und mit zerren alles wieder in die Ordnung brachte."
Tags darauf will er sie daheim im Deutschordenshof abholen und findet sie inmitten ihrer vielköpfigen Geschwisterschar. Wieder ist er verzaubert – von ihrer Anmut und von dem Familienidyll:
"Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen ringsherum jedem sein Stück nach Proportion des Alters und Appetits, gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein Danke, indem es mit den kleinen Händchen in die Höhe reichte, wie es herabgeschnitten war, um dann entweder vergnügt davonzuspringen oder nach seinem stilleren Charakter gelassen zum Tore zu gehen, um die Fremden und die Kutsche zu sehen, darinnen ihre Lotte wegfahren sollte."
Vorerst bleibt es bei einer harmlosen Schwärmerei. Denn die Angebetete ist schon einem anderen versprochen. Doch eines Tages lässt Goethe sich hinreißen und wagt es das schöne Fräulein zu küssen.
[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Da stößt Lottchen mich von sich, als hätte sie der Wurm gestochen. Ich falle rücklings um, Lottchen springt vom Kanapee, erklärt mir, dass ich nichts zu hoffen habe. Dann rafft sie ihren Rock und springt über mich hinweg, geradewegs in ihre Kammer."
Aus und vorbei, die schöne Schwärmerei. Goethe sucht sein Heil in der Flucht.
[O-Ton Christopher Opel alias Johann Wolfgang Goethe:]
"Ja, mein Entschluss steht fest: Ich gehe fort von Wetzlar, fort vom Hof des Deutschen Ordens, fort von den lieben Kleinen, die mich gestern ein letztes Mal bis zum Tor begleitet haben, und auch fort von ihr."
Dennoch behält er die Stadt an Lahn und Dill zeitlebens in bester Erinnerung.
"Meiner Profession, der Literatur, der bin ich mir hier bewusst geworden. Für Ihre Teilnahme dankend, ferneres Vertrauen in meine Werke hoffend, bleibe ich unwandelbar der Ihrige – Johann Wolfgang Goethe. Lesen Sie wohl!"
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"PAH, WAS FÜR EIN GESTANK!"
- Goethes erster Eindruck von Wetzlar
Wetzlar ist heute eine geschäftige Industriestadt von etwas mehr als 50.000 Einwohnern. Der historische Kern mit dem mächtigen Dom, den schmucken Fachwerkhäusern und barocken Palais lockt mit Recht viele Touristen an. Doch zu Goethes Zeiten sah es dort etwas anders aus. Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts war Wetzlar ein kleines schmutziges Nest von ca. 4.000 Einwohnern, Freie Reichsstadt zwar seit dem Mittelalter und Sitz des bedeutenden Reichskammergerichts seit 1689, aber dennoch alles andere als der Nabel der Welt. Johann Wolfgang Goethe war immerhin in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen, hatte in Leipzig und Straßburg studiert. Er war trotz seines jugendlichen Alters beinahe so etwas wie ein Mann von Welt für die damalige Zeit. Nun wurde er ausgerechnet in das winzige Wetzlar geschickt, einer (juristischen) Familientradition folgend, denn dort hatten schon sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater ihre Praktika am Reichskammergericht absolviert. Außerdem wohnte eine Tante seiner Mutter dort, die Hofrätin Susanne Lange, die ihm für ein paar Monate Logis bieten konnte. Doch als Goethe in Wetzlar eintraf, war es für ihn wie ein Kulturschock!
Was genau er empfand bei seiner Ankunft, hören Sie hier in ungekürzter Version:
[zum Anhören klicken: O-Ton Christopher Opel alias Goethe]
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Hinweis:
*) Der längste Nebenfluss der Lahn ist übrigens die Ohm mit 58 km.
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