Breslau Oder Dom

rolf fröhlings reisereportagen

Breslau (Polen)

              

WAS IST SCHÖNER: RATHAUS ODER DOM?
- ein Besuch in der niederschlesischen Metropole

Rathaus Oder Dom? In Breslau sind das nicht zwei Alternativen, sondern gleich drei. Denn durch die alte Hauptstadt von Niederschlesien fließt die Oder, die weiter stromabwärts die Grenze zwischen Deutschland und Polen bildet. Seit Dezember 2007 eine offene Grenze – die Kontrollen wurden abgeschafft. Die Oder ist keine Trennlinie mehr, sondern eine Verbindungsnaht. Und so wächst auch die Zahl der deutschen Touristen im östlichen Nachbarland. Denn es gibt viel zu entdecken. Alte Städte strahlen in neuem Glanz. Neben Krakau und Danzig gilt das vor allem auch für Breslau (polnisch: Wrocław). Von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs ist kaum noch etwas zu sehen. Ein Großteil der historischen Altstadt wurde liebevoll wiederaufgebaut. Rathaus und Dom inklusive. Was schöner ist, lässt sich auf Anhieb gar nicht beantworten – das Rathaus oder der Dom? Oder gar die barocke Universität? Oder etwa doch die Oder?

Breslau Oder Dom
Titelfoto: Blick über die Oder auf den Dom
Breslau Oder St. Peter und Dom
Blick über die Oder auf die Kirche St. Peter und Paul (links) und den Dom (rechts)
Breslau Bootsverleih
Bootsverleih am Oderufer
Breslau Haus unter den Greifen
Das "Haus unter den Greifen" an der Westseite des Rings
Breslau Hänsel und Gretel
Die historischen Häuser "Hänsel und Gretel" an der Elisabethkirche
Breslau Fechter Brunnen
Fechter-Brunnen vor der Universität
Breslau Fensterputzer
Fensterputzer am modernen Gebäude gegenüber der Universität
Breslau Jesuskirche außen
Jesuskirche am Universitätsplatz
Breslau Dominsel Nachtaufnahme
Blick von der Sandinsel auf die Dominsel bei Nacht
Schild mit Aufschrift in polnischer Sprache
Wer etwas Polnisch kann, ist eindeutig im Vorteil

Reportagen (rbb-INFOradio, 08.11.2008; Radio hr-iNFO, 15.11.2008; hr4, 07.03.2009):

KULTURAUSTAUSCH

ein deutsch-polnischer Stadtspaziergang

Breslau Rathaus außen
Titelfoto: Rathaus

                  

 

Ist Breslau/Wrocław eher eine deutsche oder eher eine polnische Stadt? Diese Frage wird seit 1945 auf beiden Seiten heftig diskutiert. Fest steht: Im frühen Mittelalter gründeten böhmische Slawen die Stadt und nannten sie Wratislawia. Lange Zeit gehörte sie dann zum Machtbereich polnischer und böhmischer Fürsten, kam aber schon im 11. Jahrhundert durch Einwanderung zunehmend unter deutschen Einfluss. Im 16. Jahrhundert  wurde Breslau habsburgisch, im 18. preußisch. Nach dem zweiten Weltkrieg fiel Breslau an Polen und wurde offiziell umbenannt in Wrocław. Es folgte eine Phase, in der die kommunistischen Machthaber alle Symbole der deutschen Vergangenheit auszulöschen versuchten. Denkmäler wurden zerstört, Inschriften an Gebäuden entfernt. Erst seit der Wende 1989 erinnert man sich allmählich wieder der gemeinsamen Geschichte. Der jahrhundertelange Kulturaustausch kann also weitergehen. Nur die Sprache wird oft zum Problem. Wer als Besucher aus Deutschland ein paar Brocken Polnisch beherrscht, ist eindeutig im Vorteil.

Breslau Grünes Band Herbst
Grünes Band
Breslau Synagoge außen
Synagoge
Breslau Elisabethkirche Turm
Elisabethkirche
Breslau Elisabethkirche Altarraum
Altarraum in der Elisabethkirche
Breslau Elisabethkirche Epitaph
Epitaph in der Elisabethkirche
Breslau Elisabethkirche Kapelle Rafal Kalinowski
Kapelle des Hl. Rafał Kalinowski in der Elisabethkirche
Breslau Elisabethkirche Büste Johannes Paul II.
Büste von Papst Johannes Paul II. in der Elisabethkirche
Breslau Skytower Entwurf
Geplanter Wolkenkratzer "Skytower"
Breslau Universität außen nah
Fassade der Universität
Breslau Universität Nobelpreisträger
Breslauer Nobelpreisträger in der Universität
Breslau Universität Ausblick
Blick vom Dach der Universität über die Stadt
Breslau Sandinsel Blick zum Dom
Uferpromenade auf der Sandinsel mit Blick zur Dominsel
Breslau Jugendliche
Jugendliche "chillen" an der Uferpromenade der Sandinsel
Breslau Sandinsel Mahnmal
Mahnmal vor der Kirche St. Maria auf dem Sande
Breslau Maria auf dem Sande innen
Blick durch die Kirche St. Maria auf dem Sande
Breslau Maria auf dem Sande Krippe
Ganzjährige Weihnachtskrippe in der Kirche St. Maria auf dem Sande
Breslau Brücke Sandinsel Dominsel
Brücke von der Sandinsel zur Dominsel
Breslau Dom Türme
Doppeltürme des Doms
Breslau Dom Marienaltar
Marienverehrung im Dom

Reportage (rbb-INFOradio, 08.11.2008; gekürzte Fassung für Radio hr-iNFO, 15.11.2008):

Originalton 13:37

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Dźien dobry i serdecznie witamy we Wrocławiu.
Das heißt: Guten Tag und willkommen in Breslau. Aller Anfang ist schwer, aber Norbert Kulpiński, unser polnischer Begleiter, wird uns über alle Sprachbarrieren hinweghelfen. Er ist im Hauptberuf Deutschlehrer und im Nebenberuf Stadtführer, denn er kennt Breslau wie seine Westentasche. Wir beginnen unseren Spaziergang am südlichen Rand der Altstadt, genauer gesagt: am historischen Festungsgraben. Er ist gesäumt von einer idyllischen Parkanlage – ein grünes Band, das Sympathie weckt.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Das ist eine der längsten Promenaden in ganz Europa. Fast vier Kilometer lang ist diese Promenade, und die Entstehung ist mit den Kriegen gegen die Franzosen verbunden. Und zwar 1807 haben die Franzosen die Stadt Breslau besetzt, und die Franzosen ließen dann die Stadtmauer also abtragen. An dieser Stelle wurde die schöne Promenade angelegt, und die umkreist die Innenstadt."

Wir aber umkreisen sie nicht, sondern gehen schnurstracks mitten hinein. Auf unserem Weg passieren wir das Opernhaus, das zu den renommiertesten in Polen gehört, und streifen die ehemalige Schule von Gerhart Hauptmann. Der schlesische Dramatiker und Literaturnobelpreisträger hat im modernen Breslau würdige Nachfolger gefunden.

(O-Ton Norbert Kulpiński:)
"Heute haben wir noch in der Stadt einige sehr gute Schriftsteller, und einer von ihnen, das ist zum Beispiel Marek Krajewski. Also, der schreibt so sehr interessante Bücher von einem Kommissar, der heißt Eberhard Mock. Das ist solche Geschichte vom alten Breslau sozusagen, von einem polnischen Schriftsteller geschrieben. Und er ist hier wirklich sehr populär, der Autor, und er hat auch viele Literaturpreise erhalten."

Norbert zeigt uns die Residenz der preußischen Könige, er führt uns zur Synagoge, die einst religiöses Zentrum von rund 20.000 Breslauer Juden war, und in einer engen Gasse weist er uns auf das schön restaurierte Rybisch-Haus aus dem 16. Jahrhundert hin. Die deutsche Inschrift an der Fassade hat als einzige Krieg und Nachkriegszeit überdauert.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"In diesem Haus hat Heinrich Rybisch gelebt. Das war der Kaiserrat, das war auch einer der ersten Protestanten hier in der Stadt und auch der wohlhabendste Mann. Viele Leute haben ihn beneidet, weil er so reich ist. Deswegen hier jetzt so was: 'Es kümmert sich mancher um dies und um das und weiß nicht was. Bist du aber fromm, ohne Neid und Hass, so baue ein besseres (also Haus) und lass’ mir das.'

Breslau Festungsgraben
Grünes Band am Festungsgraben
Breslau Oper außen
Renommiertes Opernhaus
Breslau Salzmarkt
Blumenstände auf dem Salzmarkt

Schritt für Schritt nähern wir uns dem Stadtkern. Einer seiner schönsten Plätze ist der Salzmarkt, gesäumt von ehemaligen Patrizierhäusern – teils erhalten, teils liebevoll wieder aufgebaut und in den verschiedensten Farben verputzt. Sie bilden den bunten Rahmen für die noch farbenprächtigeren Blumenstände, die übrigens rund um die Uhr geöffnet sind.

[O-Ton Blumenhändlerin Fela (auf polnisch):]
"Dafür gibt es ganz praktische Gründe", erzählt die Blumenhändlerin Fela, die seit Jahren auf dem Salzmarkt einen Stand betreibt. "Wie man sieht, haben wir hier sehr kleine Pavillons, und da ist im Inneren einfach zu wenig Platz, um alle Blumen darin aufzubewahren. Aber natürlich werden nachts auch viele verkauft, vor allem an Männer, die von den Discotheken oder von den Kneipen nach Hause gehen. Dann nehmen sie gerne Blumen mit."

Rynek.
Das heißt: Ring. So wird kurioserweise das große Rechteck in der Stadtmitte bezeichnet, welches das Rathaus umgibt. Hier herrscht geschäftiges Treiben. Einheimische und Touristen bevölkern den Marktplatz ebenfalls rund um die Uhr. Hier gibt es die größte Dichte an Kneipen und Restaurants. Auf diesem Platz schlägt das Herz Breslaus.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Hier befinden sich sehr viele schöne Häuser, viele von ihnen natürlich nach dem Krieg erst rekonstruiert, denn der Marktplatz war auch im Krieg sehr stark beschädigt, zerstört – über 70 Prozent. Und natürlich das Schönste hier, das ist das Rathaus, also, das ist die Perle der gotischen weltlichen Architektur."

Seine Ursprünge reichen ins 13. Jahrhundert zurück. In der Folgezeit wurde es ständig erweitert und umgestaltet. Wegen seiner Größe und seiner reichen Verzierungen an Giebeln und Fassaden zählt es zu den bedeutendsten Rathäusern in Europa.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Die Stadt hat sehr viele Privilegien von den Königen erhalten, und Breslau war zum Beispiel auch Mitglied der Hanse. Das Rathaus hat natürlich auch so eine Bedeutung, nicht nur als Handelssitz, sondern auch natürlich Verwaltung. Und die Breslauer Bürger, die wollten einfach zeigen, dass sie auch sehr reich sind. Deswegen so ein imposantes Gebäude mitten im Stadtzentrum."

Breslau Ring Nordseite
Schöne Häuser am Ring
Breslau Rathaus Giebel
Reich verzierte Rathaus-Fassade
Breslau Rathaus Sonnenuhr
Astronomische Sonnenuhr von 1580

Noch schnell ein Foto von der astronomischen Sonnenuhr geschossen, dann schlendern wir weiter über die Nordseite des Rings zur Elisabethkirche. Vor ihrem Eingang steht ein Denkmal für Dietrich Bonhöffer, den in Breslau geborenen Theologen und Widerstandskämpfer. Die Elisabethkirche war bis vor dem Krieg das Zentrum der evangelischen Christen in Breslau. Sie galt als Kirche der Reichen.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Früher waren hier die reichsten Menschen schon seit dem 16. Jahrhundert evangelisch, also die meisten, und diese Kirche hier, das war damals die größte, die schönste Kirche in der Stadt und deswegen wollten sie hier in der Nähe von dieser Kirche begraben werden, und deswegen haben sie hier auch sehr viele schöne Epitaphien gestiftet."

Heute ist St. Elisabeth eine katholische Kirche, denn es gibt nur noch eine Handvoll evangelische Christen in der Stadt. Reiche Leute allerdings gibt es immer noch – oder seit der Wende wieder. Und für die fehlt angemessener Wohnraum. Deshalb will Breslau hoch hinaus. Der Bau von mehreren Wolkenkratzern ist geplant. Eine Art "Mainhattan" an der Oder soll entstehen.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Einer von diesen Wolkenkratzern soll Skytower sein, sozusagen das höchste Wohnhaus in Polen. Vor allem Appartements, auch Büros, bisschen über 250 Meter hoch soll das Gebäude sein."

Vor der Wende hatte Breslau noch andere Sorgen. An diese Zeit erinnern etwa 80 Zwerge, die über die ganze Stadt verteilt sind. Auf unserem Spaziergang durch die Straßen und Gassen deutet Norbert immer wieder auf die kleinen Skulpturen am Wegesrand. Sie sehen lustig aus, haben aber einen ernsten Hintergrund.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"In den Achtziger Jahren – Polen war damals kommunistisch – da gab es hier solche Organisation, die hieß Orangenfarbene Alternative. Diese Leute – das waren vor allem Studenten – die haben Zwergenmützen getragen, und die haben verschiedene Happenings organisiert. Auf solche Weise haben sie gegen den Kommunismus gekämpft. Und deswegen ist im Jahre 2001 jemand vom Stadtrat auf die Idee gekommen, von diesen Zwergen einfach Symbol der Stadt zu machen."

Studenten spielen nach wie vor eine wichtige Rolle in Breslau – wenn auch keine politische. Mehr als 140.000 junge Leute besuchen die Hochschulen und Fachhochschulen der Stadt. Mehr als ein Viertel der gesamten Bevölkerung. Sie prägen das kulturelle Leben entscheidend mit und sorgen für ein jugendliches Flair. Studieren in Breslau macht offenbar großen Spaß:

Breslau Denkmal Bonhöffer
Bonhöffer-Denkmal vor St. Elisabeth
Breslau Zwerg
Zwerg als Symbol der Protestbewegung
Breslau Spiz Biergarten
Studenten vermitteln jugendliches Flair

[O-Töne Studentinnen (auf polnisch):]
"Breslau ist eine wunderschöne Stadt", meint Magdalena. "Ich studiere nur am Wochenende, bin also nur zwei Tage die Woche hier. Es ist sehr anstrengend, weil man in der kurzen Zeit so viele Vorlesungen besuchen muss. Aber trotzdem ist das Studium hier sehr angenehm. Hier gibt es auch sehr viele Clubs, und auch heute Abend gehen wir auf eine Party."
"Es gefällt mir hier wirklich sehr gut", sagt die Studentin Ewelina. "Es gibt hier so viele Studentenwohnheime, so viele Kneipen, Discotheken und so viele Partys, Kinos. Also, man kann hier wirklich sehr schön seine Zeit verbringen."

Universytet.
Das heißt natürlich Universität. Sie gehört zu den bedeutendsten Bauwerken Breslaus und erstreckt sich am südlichen Oderufer. Im 17. Jahrhundert wurde sie von Jesuiten gegründet. Stifter aber war der deutsche Kaiser Leopold I. Nach dem Habsburger ist auch der repräsentativste Saal benannt.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Das ist die Aula Leopoldina, also wirklich die Perle des Barock, also des Jesuiten-Barock. Und in diesem Raum werden die Studenten immatrikuliert. Also, das ist wirklich ein sehr tolles Erlebnis. Und dann nach dem Studium bekommen sie hier ihre Diplome."

Auch Norbert hat hier sein Diplom überreicht bekommen. Unter der herrlichen barocken Deckenmalerei und sozusagen unter den Augen der Stifterfigur, des Kaisers Leopold.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Der sitzt hier in dieser Aula unter dem Baldachin auf dem Thron, flankiert von zwei größeren Figuren, und das ist also mit dem Spiegel die Wahrheit und Klugheit und mit dem Bienenstock Fleiß und Wirtschaftlichkeit. Also, das waren seine Eigenschaften, und auch über solche Eigenschaften sollen die Studenten verfügen. Und an seinen Füßen, da sehen wir zwei kleinere Figuren. Das ist also Zwietracht und mit den Eselohren Dummheit. Also, solche Eigenschaften wurden von ihm verachtet. und sie sollen auch von den Studenten verachtet werden."

Bei solch hohen Ansprüchen ist es kein Wunder, dass die Breslauer Universität insgesamt elf Nobelpreisträger hervorgebracht hat. Angefangen von dem Historiker Theodor Mommsen über den Mediziner Paul Ehrlich bis hin zu dem Physiker Otto Stern. Ihnen ist eine kleine Ausstellung im Museum der Uni gewidmet. Dort treffen wir auch Besucher aus Deutschland, für die die Reise nach Schlesien eine Reise in die eigene Vergangenheit ist.

Breslau Universität Aula Leopoldina Totale
"Aula Leopoldina" in der Universität
Breslau Aula Leopoldina Nahaufnahme
Klugheit und Fleiß
Breslau Fotogalerie Nobelpreisträger
Nobelpreisträger der Uni Breslau

[O-Töne Touristen:]
"Ich glaub’, da war ich sieben Jahre alt, da hat mich mein Vater mal als Soldat auf dem Arm zu einem Schiff an der Oder getragen. Das sind so die Erinnerungen. Das Besondere war also schon, wie ich in meinen Geburtsort gekommen bin und dann mal in der Kirche war und man hat mir gesagt, hier bist du geboren. Dann lief das schon ein bisschen den Rücken runter."
"Ich bin jetzt nach 63 Jahren das erste Mal wieder hier. Ich bin '43 hier geboren. Die Straße ist zwar noch da, aber nichts mehr, wo wir gewohnt haben. War sehr interessant, aber meine Wurzeln sind nicht mehr hier."

Denn vieles hat sich verändert seither. Das können wir bestätigen, als wir auf den Turm der Universität steigen. Von der Aussichtsplattform hat man den schönsten Rundblick. Breslau ist nicht mehr die gleiche Stadt wie damals. Viele neue Gebäude haben die alten ersetzt. Aber einiges ist geblieben, wie es war.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Da sehen wir auch die Kirchtürme. Also, Breslau, das ist auch die Stadt der Kirchen. Wir haben ja bisschen über hundert Kirchen in der Stadt. Und auch der wunderschöne Anblick auf die Oder und auf die Inseln, denn wir haben heute zwölf Inseln in der Stadt."

Wyspa Piasek i Wyspa Tomski.
Sandinsel und Dominsel, die Keimzellen Breslaus. Von diesen beiden Oderinseln aus hat sich die Stadt seit dem frühen Mittelalter entwickelt. Heute beeindrucken sie besonders durch ihre Sakralbauten. Über eine eiserne Brücke spazieren wir von der Altstadt zur Sandinsel hinüber. Unser Ziel ist die mächtige gotische Kirche St. Maria auf dem Sande. Im Inneren birgt sie ein echtes Spektakel.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Schon in den Sechziger Jahren hat der Pfarrer eine kleine Weihnachtskrippe für die blinden und für die taubstummen Kinder gebaut, und es hat ihnen so gefallen, dass er dann diese Krippe umgebaut hat, und die ist ja heute wirklich sehr groß. Die ist heute ja geöffnet durch das ganze Jahr, also Weihnachten ist hier das ganze Jahr lang."

Da machen vor allem die Kleinen große Augen. Denn neben den Klassikern – Maria und Josef, Jesuskind, Ochs und Esel – ist diese Krippe voll gepackt mit Spielzeug aller Art. Wo sonst findet man Micky Maus oder ein Karussell vor Bethlehems Stall? Der Herr Pfarrer hat ein buntes Sammelsurium zusammengetragen, das die Krippe für blinde ebenso wie für gehörlose Kinder erlebbar machen soll.

Breslau Universität Panorama
Ausblick vom Turm der Universität
Breslau Maria auf dem Sande außen
St. Maria auf dem Sande
Breslau Dom innen
Blick durch den Dom

Hinter St. Maria im Sande führt eine weitere Brücke zur Dominsel und zum derzeit noch höchsten Gebäude der Stadt. Seine Doppeltürme ragen fast einhundert Meter in den Himmel hinein.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Der Dom hier, das ist die wichtigste Kirche in ganz Schlesien. Diese Kirche wurde als die Mutter der schlesischen Kirchen bezeichnet. Das war die erste Kirche in ganz Schlesien, die im gotischen Stil gebaut wurde, und das war natürlich immer die wichtigste Kirche, weil das war die Bischofskirche. Und das Bistum haben wir in Breslau schon seit dem Jahre 1000."

Am Ostermontag 1945, kurz vor Kriegsende, brannte der Dom nach einem russischen Bombenangriff völlig aus. Doch schnell wurde er wiederaufgebaut und konnte bereits 1951 wieder eingeweiht werden. Viele wertvolle Kunstwerke aus anderen zerstörten Kirchen fanden hier sozusagen ein neues Zuhause. So zum Beispiel ein Gnadenbild der Mutter Gottes.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Der polnische König Jan Sobieski, der hat die Türken bei Wien geschlagen, 1683, und ein paar Jahre später hat der Papst dem Sohn von dem polnischen König dieses Bild geschenkt, dass er das christliche Europa vor den Türken gerettet hat. Und sehr viele Leute beten vor diesem Bild. Auch Johannes Paul II., der polnische Papst, war hier in der Kirche und er hat hier auch gebetet."

Hier im Dom, der Johannes dem Täufer geweiht ist, endet unser Spaziergang durch Breslau. Stadtführer Norbert Kulpiński hat uns die schönsten und interessantesten Ecken der Odermetropole gezeigt – und nebenbei auch noch ein bisschen Polnisch beigebracht. Dann sagen wir doch: Dźiękuje – danke schön – und: cześć – tschüss – oder besser noch: Do widzenia – auf Wiedersehen!

 

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DER RING IST SEHR GELUNGEN

einer der schönsten Marktplätze Europas

Breslau Ring Westseite
Titelfoto: Nordseite des Rings

             

 

Er ist einer der größten und schönsten Marktplätze Europas. Der Breslauer Ring (eigentlich ein Rechteck) misst 212 mal 175 Meter und wird gesäumt von ehemaligen Patrizierhäusern der verschiedensten Stilepochen. Fast drei Viertel der Gebäude waren im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber inzwischen sind die meisten liebevoll restauriert oder möglichst originalgetreu wiederaufgebaut worden. Der Ring umgibt ein Karree, das aus dem Alten und dem Neuen Rathaus und dem ehemaligen Handwerkerviertel besteht. Auf dem "Rynek", wie die polnischen Bewohner ihn heute nennen, schlägt das Herz der niederschlesischen Metropole. Er allein ist schon eine Reise wert.

Breslau Ring Denkmal Aleksander Fredro
Denkmal des polnischen Dichters Aleksander Fredro auf dem Ring
Breslau Ring Westseite
Blick über das Aleksander-Fredro-Denkmal zur Westseite des Rings
Breslau Ring Haus zu den sieben Kurfürsten
Haus zu den sieben Kurfürsten
Breslau Haus unter den Greifen Giebel
Giebel des Hauses unter den Greifen
Breslau Ring Haus zur goldenen Sonne
Haus zur goldenen Sonne
Breslau Ring Südseite
Blick über den Springbrunnen auf die Südseite des Rings
Breslau Rathaus Südseite
Südseite des Rathauses
Breslau Rathaus Ostseite Nachtaufnahme
Ostfassade des Rathauses bei Nacht
Breslau Rathaus Südseite Nachtaufnahme
Südseite des Rathauses mit Eingang zum "Schweidnitzer Keller"
Breslau Schweidnitzer Keller Gedenktafel berühmte Gäste
Gedenktafel für die berühmten Gäste des "Schweidnitzer Kellers"

Reportage (Radio hr4, 07.03.2009):

Originalton 3:10

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Rauschen des Springbrunnens]

Der moderne Springbrunnen auf der Westseite des Rings mag so gar nicht in die historische Umgebung passen. Erst seit 2001 steht er hier und spaltet die Breslauer Bevölkerung. Die einen wollen ihn weghaben, die andern lieben ihn, weil er im Sommer für angenehme Kühle sorgt. Breslau entwickelt sich weiter und der Ring mit ihm. Schon im 13. Jahrhundert wurde er angelegt. Aus dieser Zeit stammt auch das Haus zu den sieben Kurfürsten. Seine auffällige Fassadenmalerei kam allerdings erst später hinzu.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Wir sehen hier den habsburgischen Kaiser, Leopold I., und auch sieben Kurfürsten, und das Portal hier ist auch wunderschön mit dem schwarzen Adler."

Stadtführer Norbert Kulpiński zeigt uns weitere prächtige Fassaden wie das "Haus unter den Greifen" oder das "Haus zur goldenen Sonne". Alles steinerne Zeugnisse früheren Wohlstands.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Breslau, das war immer eine sehr reiche Stadt. Das war Handelsstadt und zum Beispiel auch Mitglied der Hanse. Deswegen haben hier sehr viele reiche Leute gewohnt, und sie haben hier am Marktplatz ihre Bürgerhäuser, und hier, die westliche Seite, da haben sehr oft die Kaiser und die Könige geweilt."

Die anderen Seiten des Rings stehen der Westseite kaum nach. Eine Fassade schöner als die andere und alle in den unterschiedlichsten Farben verputzt. Ein buntes und doch harmonisches Gesamtbild. Auch andere deutsche Besucher sind beeindruckt:

[O-Töne Touristen:]
"Ich bin das erste Mal hier in Breslau, obwohl ich hier in der Nähe geboren bin. Aber ich bin überrascht über den guten Bauzustand hier. Man kann nur positiv sprechen."
"Ich bin auch sehr angenehm überrascht. Trotzdem ich gewusst hab’, dass sie das wiederaufgebaut haben, aber dass es so ordentlich ist und dass man trotzdem noch alte Gebäude sieht, das hatt’ ich nicht erwartet, weil das ja fast zerstört war, Breslau, damals im Zweiten Weltkrieg."

Breslau Ring Springbrunnen
Moderner Brunnen vor dem Rathaus
Breslau Haus zu den sieben Kurfürsten nah
Haus zu den sieben Kurfürsten mit Adler
Breslau Ring Ostseite Totale
Schöne Fassaden am Ring

Zum Glück kaum zerstört war das Alte Rathaus in der Ringmitte. Ein imposantes Bauwerk, eines der schönsten und bedeutendsten seiner Art in Europa.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Das Rathaus ist wirklich die Perle der gotischen weltlichen Architektur. Hier gibt es auch so eine wunderschöne astronomische Sonnenuhr. Diese Uhr, die stammt schon aus dem Jahre 1580. Das ist auch sozusagen das Wahrzeichen der Stadt. Im ersten Stock, da befand sich früher der Fürstensaal, da haben die schlesischen Stände Friedrich dem Großen gehuldigt. Und im Erdgeschoss befand sich früher der Gerichtssaal, und die Leute wurden dann am Pranger vor dem Rathaus bestraft."

Unter dem Rathaus ist der wahrscheinlich älteste Bierkeller der Welt. Er blickt auf eine mehr als 700-jährige Tradition zurück. Berühmte Leute wie Kaiser Sigismund, Goethe und Lessing waren schon zu Gast. Und die kamen nicht nur wegen des Biers. Der Schweidnitzer Keller wird auch für seine gute Küche gerühmt; sie vereint deutsche, polnische und böhmische Kochkunst.

Breslau Rathaus Giebel Nachtaufnahme
Eines der schönsten Rathäuser Europas
Breslau Schweidnitzer Keller außen Nachtaufnahme
Eingang zum Schweidnitzer Keller
Breslau Schweidnitzer Keller innen
Schon Goethe und Lessing waren da

[O-Ton Radosław (auf polnisch):]
"Unsere Spezialität, das ist das Eisbein", sagt Geschäftsführer Radosław. "Die Zubereitung dauert drei Wochen lang. Es wird dreimal gebacken. Wir wissen, die Deutschen sind Meister, wenn es um die Zubereitung von Eisbein geht, aber 70 Prozent der Gäste in unsrem Restaurant sind Deutsche, und sie sind wirklich sehr begeistert."

Also, dann: Smacznego – guten Appetit – und: Na zdrowie – prost!

 

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Meine Empfehlung: Das Brauhaus "Spiź"

Das Brauhaus "Spiź" nimmt die Pole-Position mitten auf dem Breslauer Ring ein. Es liegt direkt neben dem Alten Rathaus und dem traditionsreichen "Schweidnitzer Keller". Im Gegensatz zu Letzterem wird es allerdings weniger von älteren Touristen als von jungen Einheimischen frequentiert. Zum selbst gebrauten Bier gibt's kostenlos leckere Schmalzbrote. Unten im Keller läuft Sport auf den Monitoren, aus den Lautsprechern dröhnt fetzige Musik. Draußen im Biergarten hat man den schönsten Blick auf die herrliche Westseite des Rings mit dem "Haus zu den sieben Kurfürsten". Unbedingt ausprobieren!

 

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NAH AM WASSER GEBAUT

eine Schiffstour auf der Oder

Breslau Schiff Nereida Heck
Titelfoto: Fahrt durch die Zwierzyniecka-Brücke

              

 

Die Breslauer haben nah am Wasser gebaut – nämlich links und rechts der Oder, ihrer Nebenflüsse und auf den zahlreichen Inseln im Strom. Beim großen Hochwasser 1997 bekamen die Anwohner das auf sehr unangenehme Weise zu spüren, aber die Not hat sie zusammengeschweißt, heißt es. Erstmals hätten sich viele Menschen, die nach dem Krieg aus anderen Teilen Polens hier angesiedelt wurden, als echte Breslauer bzw. Wrocławer gefühlt. Und obwohl sie manchmal nasse Füße kriegen, lieben sie ihre Oder. Sie gehen am Ufer spazieren, picknicken oder grillen. Am Wochenende finden hier häufig die unterschiedlichsten Veranstaltungen statt. Der Strom ist Breslaus Lebensader, und die erlebt man am besten auf einer Schiffstour mit der "Weißen Flotte".

Breslau Sandinsel Bootsanlegestelle Nereida
Bootsanlegestelle an der Sandinsel
Breslau Nereida Blick auf Dominsel
Blick von der "Nereida" auf die Dominsel
Breslau Schiff Zlota Kaczka
Kleiner Flussdampfer am Oderufer

Reportage (Radio hr4, 07.03.2009):

Originalton 2:59

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

[Atmo: Schiffsglocke der "Nereida"]

Leinen los und die "Nereida" sticht in See – oder besser gesagt: in Fluss. Der Bootssteg an der Sandinsel wird langsam kleiner. Genauso wie das Gebäude der Universitätsbibliothek und die Marienkirche im Hintergrund. Wir schippern stromaufwärts, aber auch anders herum wäre es möglich:

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Die Oder ist schiffbar bis zur Ostsee. Also, mit dem kleinen Schiff, da können wir direkt nach Swinemünde fahren."

Stadtführer Norbert Kulpiński erlebt Breslau gerne vom Wasser aus, denn von hier hat man den schönsten Blick auf die Keimzelle der Stadt, auf die Dominsel. Wo heute die beiden Türme des Doms fast einhundert Meter hoch in den Himmel ragen, wurde im 10. Jahrhundert die erste Siedlung gegründet, denn zwei wichtige Handelsstraßen trafen hier aufeinander – die Bernsteinstraße und die Salzstraße.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Und die Dominsel, kann man so sagen, das war immer der kleine Vatikan in Breslau, denn fast alle weltlichen Leute haben die Insel verlassen, schon im Mittelalter, und hier auf der Insel sind dann nur die Geistlichen geblieben. Und das ist auch heute so, fast alles gehört zu der römisch-katholischen Kirche – also viele Kirchen, auch Klöster, Altersheime für Priester, auch Theologische Hochschule, Priesterseminar, Caritas und andere solche Objekte."

Auf unserer Fahrt entlang der Dominsel stellen wir fest, dass sie scheinbar gar kein Ende nehmen will. Kein Wunder, meint unser einheimischer Begleiter, denn schon seit 1811 ist sie gar keine richtige Insel mehr.

Breslau Nereida Norbert Kulpinski
Stadtführer Norbert Kulpiński
Breslau Kirche Peter und Paul außen
Peter-und-Pauls-Kirche auf der Dominsel
Breslau Nereida vor Dominsel
Dominsel ist nur noch eine Halbinsel

[O-Ton Norbert Kulpinski:]
"Die Dominsel, das ist jetzt nur sozusagen der historische Name. Also, hier floss noch früher diese so genannte Domoder, also ein Oderarm. Und ungefähr vor 200 Jahren wurde diese Domoder zugeschüttet, aber der historische Name ist geblieben, und wir sagen sowohl im Deutschen als auch im Polnischen, dass das eine Insel ist."

Der kleine Etikettenschwindel tut ihrer Schönheit keinen Abbruch. Und während wir die Doppeltürme des Doms langsam aus den Augen verlieren, macht uns Norbert Kupliński auf eine weitere Besonderheit aufmerksam:

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Wir haben hier einige Flüsse, deshalb haben wir auch viele Brücken, also insgesamt zusammen mit Eisenbahnbrücken und Stegen haben wir 112 Brücken in der Stadt."

Breslau Kaiserbrücke
Grunwaldzki- alias Kaiserbrücke
Breslau Passbrücke
Tier- alias Passbrücke
Breslau Sandinsel mit Baum
Zurück an der Sandinsel

Die eindrucksvollste ist die Grunwaldzki-Brücke, mit einer Spannweite von 210 Metern die längste Hängebrücke Polens. Früher hieß sie "Kaiserbrücke" und wurde am 10.10.1910 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht. Und während wir unter ihr hindurchtauchen, kommen diese Besucher aus dem fernen Großbritannien ins Schwärmen:

[O-Töne Touristen:]
"The boat-trip is fine…
Eine schöne Schiffstour. Es gibt so viel zu sehen. Ich mag die Flüsse und die vielen Kirchen. Wirklich sehr schön.
…yeah, it’s very nice."
"I think, it’s amazing…
Erstaunlich, wie sich die Stadt von den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg erholt hat. Ich habe alte Fotos gesehen, wie es damals aussah. Wie es dagegen heute aussieht, ist wirklich erstaunlich.
…where it is now. It’s amazing."

[Atmo: Schiffsglocke]

Nach rund anderthalb Stunden oderauf- und wieder -abwärts kehrt die "Nereida" zum Ausgangspunkt zurück. Und im Gegensatz zur Dominsel ist die Sandinsel auch heute noch eine richtige Insel!

 

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EBBELWOI-EXPRESS OHNE EBBELWOI

eine City-Tour mit der historischen Trambahn

Breslau historische Tram nah
Titelfoto: Historische Straßenbahn

             

 

Breslau/Wrocław weist erstaunlich viele Parallelen zu Frankfurt am Main auf – nicht nur weil die schlesische Metropole eine große Anzahl von Wolkenkratzern plant. Mit 640.000 Einwohnern ist Breslau fast genauso groß wie Frankfurt. Beide Städte liegen an einem bedeutenden Wasserweg, beide haben einen Dom, beide haben ein mittelalterliches Rathaus als Wahrzeichen, und in beiden Städten kann man sich auf eine nostalgische City-Tour mit einer historischen Straßenbahn begeben. Im Gegensatz zum Frankfurter "Ebbelwoi-Express" wird in Breslau allerdings kein "Stöffche" ausgeschenkt. Dafür startet die alte Tram an der Jahrhunderthalle – und eine solche gibt es ja auch in Frankfurt.

Breslau historische Tram weiter weg
Historische Tram nähert sich der Haltestelle Jahrhunderthalle
Breslau auf der Sandbrücke
Fahrt mit der Tram über die Sandbrücke

Reportage (Radio hr4, 07.03.2009):

Originalton 3:05

[zum Anhören klicken: komplette Reportage]

Die Jahrhunderthalle steht am Rande des Scheitniger Parks, der größten Grünanlage in Breslau, und ist fast einhundert Jahre alt. 1913 fertig gestellt, sollte sie an den Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig erinnern. Der gigantische Rundbau zählt heute zum Weltkulturerbe der Unesco, erzählt unser Stadtführer Norbert Kulpiński.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Die Halle wurde im Stil der Frühmoderne erbaut, und das war damals, also 1913, die größte Kuppel in der ganzen Welt, also 65 Meter breit ist sie. Das war wirklich eine sehr tolle Leistung damals. Und alles natürlich nur Stahl und Beton, also Stahl-Beton-Konstruktion."

Sie blieb im Krieg unzerstört, weil sie den Piloten der russischen Kampfbomber als Orientierungspunkt diente. Äußerlich etwas in die Jahre gekommen, wird sie noch immer als Kongress- und Messehalle genutzt, für Konzerte und Veranstaltungen aller Art. Hier, an der Jahrhunderthalle, besteigen wir die historische Straßenbahn für unsere nostalgische City-Tour.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Wir haben die Straßenbahnen in der Stadt schon seit dem Jahre 1893, und da gibt es bei uns hier auch viele alte Straßenbahnen, und auch solche historische Routen haben wir hier auch – wie diese hier. Da kann man von der Straßenbahn aus die schönsten Sachen hier in der Stadt bewundern."

Breslau Jahrhunderthalle außen
Kuppelbau der Jahrhunderthalle
Breslau historische Tram innen
Trambahn spartanisch eingerichtet
Breslau Einkaufszentrum außen
Modernes Einkaufszentrum

Unser einheimischer Begleiter rät allerdings davon ab, sich ebenfalls dem Kaufrausch hinzugeben. Das würde sich nicht lohnen, meint er.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Im Vergleich zu Deutschland, da haben wir fast gleiche Preise, leider, obwohl wir ja viel weniger verdienen, aber wenn es um Kleidung geht, dann kostet das ja alles fast gleich so viel wie in Deutschland. Billiger sind in Polen nur noch die Dienstleistungen."

Das trifft auch auf die Preise für öffentliche Verkehrsmittel zu. Die Fahrt mit der Straßenbahn kostet umgerechnet gerade mal um die 60 Cent. Eine günstigere Stadtrundfahrt bekommt man kaum irgendwo sonst geboten. Da bleibt noch genügend Geld übrig für ein schönes Souvenir.

[O-Ton Norbert Kulpinski:]
Da nehmen sehr viele Leute Wodka zum Beispiel – Büffelwodka sagen wir, mit Gras – das schmeckt wirklich sehr gut (lacht). Das ist nicht typisch für Breslau, aber für Polen: also Bernsteinschmuck. Das wird auch verkauft, auch in Breslau. Und wenn jemand mag, Silberschmuck, das ist auch etwas sehr Typisches für Polen."

Hinter der Einkaufsmeile nähern wir uns schon bald dem Zentrum. Linker Hand liegt die Dominsel. Diesmal sehen wir sie nicht vom Wasser aus, sondern von der anderen Seite. Eigentlich, meint Norbert, sollte man hier einen Zwischenstopp einlegen und die Gegend zu Fuß erkunden.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Heute ist die Insel wirklich die Oase der Ruhe hier in der Stadt. Dort kann man auch sehr schön Zeit verbringen, hier befindet sich der wunderschöne Botanische Garten, und hier auf der Dominsel werden zum Beispiel auch sehr viele Filme gedreht, denn die Architektur ist ja wirklich sehr schön und die Häuser wurden hier nur teilweise zerstört im Krieg und dann auch sehr schön rekonstruiert."

Breslau historische Tram Schaffner
Billig sind nur noch Dienstleistungen
Breslau Kloster St. Vinzenz außen
Ehem. Kloster St. Vinzenz
Breslau historisce Tram vor Oper
Endstation Opernhaus

Aber jetzt genießen wir erst mal unsere nostalgische Fahrt. Über die Sandinsel geht es an der Markthalle und dem ehemaligen Kloster St. Vinzenz vorbei in einem großen Bogen um den Ring herum. Schade, bis in die Neunziger Jahre hinein ist die Straßenbahn noch durch diese schönste Kulisse Breslaus gerumpelt. Dann mussten die Schienen weichen.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Vor ein paar Jahren hat man festgestellt, der Marktplatz soll einfach die Fußgängerzone sein. Jedes Jahr haben wir immer mehr Touristen in der Stadt, und das war auch für die Leute, die dort wohnen, nicht besonders gemütlich, es war wirklich viel zu laut für sie."

Auch die Schweidnitzer Straße, früher mal eine Hauptverkehrsachse von Breslau, ist heute großenteils Fußgängerzone. Hier endet unsere Fahrt mit der historischen Straßenbahn. Unmittelbar vor dem Opernhaus.

[O-Ton Norbert Kulpiński:]
"Das schöne klassizistische Gebäude wurde im 19. Jahrhundert als Stadttheater gebaut, und nach dem Krieg das ist schon die Stadtoper, und diese Oper hier, das ist wahrscheinlich die beste Oper in ganz Polen. Also, die Opern werden nicht nur in diesem Gebäude aufgeführt, sondern auch im Freien, zum Beispiel auf den Inseln oder in der Jahrhunderthalle."

Die Opern werden nicht nur in diesem Gebäude aufgeführt, sondern auch im Freien – zum Beispiel auf den Inseln – oder in der Jahrhunderthalle. Und so schließt sich der Kreis. Sollten wir noch Karten für die Jahrhunderthalle bekommen, dann wissen wir jetzt wenigstens, wie wir am günstigsten hinkommen.

 

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