Rolf Fröhlings Reisereportagen
Alaska (USA)
LOCKRUF DER WILDNIS
- Naturerlebnis am Polarkreis
Alaska ist fast fünfmal so groß wie Deutschland, hat aber kaum mehr Einwohner als Frankfurt am Main. Elche, Bären und Wölfe beherrschen auch heute noch weite Teile der grandiosen Bergwelten und endlosen Tundralandschaften im 49. Bundesstaat der USA. Eiskalte Winter am Polarkreis mit langen Nächten und kurzen Tagen fordern den Bewohnern einiges ab, aber in den Sommermonaten grünt und blüht Alaska auf. Touristen strömen ins Land, die dort ein echtes Naturerlebnis suchen und meist auch finden.
Jack London war der erste, der mit seinen Abenteuerromanen die Sehnsucht nach Alaska weckte. In jüngerer Zeit folgte dem "Ruf der Wildnis" ein gewisser Alexander Supertramp, mit bürgerlichem Namen Christopher McCandless. Doch sein Survival-Egotrip fernab der Zivilisation endete mit dem Hungertod. Trotzdem oder gerade deswegen wurde der junge Mann aus Virginia zum tragischen Helden, sein Leben und Sterben verfilmt. "In die Wildnis" (Originaltitel: "Into The Wild") von Starregisseur Sean Penn ist für viele Abenteurer und Naturfreaks vielleicht das geworden, was "Easy Rider" für Motorradfans ist. Doch wer dem Kultfilm erliegt und die Wildnis Alaskas bereisen will, muss es ja nicht gleich auf die harte Tour à la Alexander Supertramp versuchen. Im bequemen Wohnmobil (oder etwas kostengünstiger mit Auto und Zelt) kann auch "Otto Normaltourist" die Natur am Polarkreis erleben – und vor allem überleben!
Reportagen (Radio hr4, 05.03./20.08.2011; rbb-INFOradio, 02.06.2011):
Zu den beliebtesten Zielen für Alaska-Reisende gehört der Denali-Nationalpark. Mit fast 25.000 Quadratkilometern ist er das drittgrößte Schutzgebiet in den USA (und größer als beispielsweise das deutsche Bundesland Hessen!). Die einzige Zufahrt erreicht man nach etwa vier Autostunden auf halbem Weg zwischen den beiden größten Städten Anchorage und Fairbanks.
Der Park ist so beliebt wegen seines enormen Reichtums an Wildtieren – vor allem Bären, Elche und Karibus – aber besonders natürlich wegen seines Namensgebers, des Mount Denali (hierzulande besser bekannt als Mount McKinley nach dem 25. US-Präsidenten William McKinley, 1897-1901).
Der ganzjährig schneebedeckte Bergriese ist mit 6.193 Metern zugleich der höchste Gipfel Nordamerikas. Um ihn einmal mit eigenen Augen zu sehen, strömen Hunderttausende alljährlich in den Nationalpark zu seinen Füßen. Doch die meiste Zeit des Jahres versteckt sich der Berg hinter einem Wolkenschleier. Um tatsächlich einen Blick zu erhaschen, braucht es viel Glück und/oder viel Geduld.
Reportage (Radio hr4, 05.03.2011; rbb-INFOradio, 02.06.2011):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[O-Ton Park-Ranger:]
"Folks, you’re going to a really awesome place. Have a great trip out. Adios!" – "Thank you."
Nachdem uns der Park-Ranger an der Einfahrt ein großartiges Erlebnis versprochen hat, geht’s mit dem Shuttlebus mitten hinein in das autofreie Reservat. Unsere Augen schweifen nach links, denn da drüben muss sie irgendwo sein, die schneeweiße Nordwand des Bergriesen. Zu sehen ist allerdings nur eine dunkelgraue Wolkenwand. Bei einer kurzen Rast treffen wir andere deutsche Denali-Touristen, die schon wieder auf dem Rückweg sind, und wir wollen wissen, ob es ihnen besser ergangen ist:
[O-Töne Touristen:]
"Wir haben die Spitze von ihm gesehen auf der Fahrt hier raus, aber das war’s dann auch."
"Es is' schade, aber wir haben so viel Tiere gesehen, und die machen das lange wett."
Viele Tiere sehen auch wir auf unserer Weiterfahrt: einen einsamen Wolf und zwei Elche, direkt neben der Straße, eine Grizzly-Familie kreuzt den Weg, auch eine Karibu-Herde. Aber von Mount McKinley keine Spur. Und eine Statistik im Besucherzentrum Eielson macht wenig Hoffnung: Im langjährigen Mittel ist der Berg während der Sommermonate nur an acht (!) Tagen gänzlich frei von Wolken. Aber es gibt ihn wirklich, versichert uns eine Praktikantin der Parkverwaltung, sie habe ihn mit eigenen Augen gesehen:
"Yes, I have, yeah ...
Nicht jeden Tag, sagt die junge Kanadierin Magali. Ich bin seit vier Wochen hier. Wollt ihr wissen, wie oft ich ihn gesehen habe? Etwa fünfzehn mal. Das ist gut! Zum letzten Mal vor drei Tagen, und es war schön. Er ist da, genau da drüben. Wenn ihr ihn nicht seht, müsst ihr ein Gefühl dafür entwickeln, dann könnt ihr ihn euch vorstellen.
... just imagine it."
Abends auf dem Campingplatz am Wonder Lake gibt Rangerin Jamie Cleaver eine kleine Einführung in die Geschichte des Nationalparks. Dabei erfahren wir auch, dass Mount McKinley in Alaska offiziell umbenannt wurde in Mount Denali – so wie er schon immer bei den Athabaska-Indianern hieß. Doch es gibt einen Namensstreit.
[O-Ton Jamie Cleaver:]
"First of all, Mount McKinley …
Mount McKinley ist der bundesweite Name für den Berg, erklärt sie uns, in Alaska heißt er Denali. Die Namensänderung wurde beim Kongress in Washington beantragt, aber da gibt es Wiederstände, vor allem von Senatoren aus Ohio, dem Heimatstaat von Präsident McKinley. Für die US-Regierung heißt er weiterhin Mount McKinley. Deshalb nennen wir ihn mal so und mal so.
… so we use it interchangeable."
Ob nun McKinley oder Denali, für uns ist er bisher nur ein Phantom. Auch am nächsten Tag kein anderes Bild. Erst im Laufe des übernächsten tut sich eine Wolkenlücke auf und gibt einen Teil des Sechstausenders frei. Später wird die Lücke größer und größer. Die Enthüllung des höchsten Gipfels Nordamerikas, wir dürfen sie doch noch erleben:
[O-Ton Touristin:]
"Es waren 'n paar wenige Wolken da, nur so ganz auf der Spitze, und die zogen dann auch weg. Also, abends konnte man ihn wirklich sehen, schneebedeckt, gletscherbedeckt, es war schon großartig."
Geduld wird eben häufig belohnt. Diese Erfahrung lehrt uns der Berg auch gut zwei Wochen später außerhalb des Parks, in Talkeetna. Da starten wir noch mal einen Versuch von der Südseite. Und tatsächlich: nach einem Tag des Wartens lässt Mount McKinley plötzlich alle Hüllen fallen. Eine schneeweiße Pyramide vor strahlend blauem Himmel. Sie beschert uns ein weiteres großartiges Erlebnis, so wie es der Park-Ranger anfangs versprochen hat.
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Hinweis:
Nachdem Mount McKinley unter US-Präsident Barack Obama 2015 offiziell in Mount Denali umbenannt wurde, heißt er seit 2025 wieder offiziell McKinley. Als eine seiner ersten Amtshandlungen verfügte Präsident Donald Trump nach seiner Wiederwahl die Umbenennung des höchsten Berges Nordamerikas. Damit machte er die erste Umbenennung unter seinem Vorgänger rückgängig. Vorausgegangen war ein jahrelanger Streit. In Alaska selbst wurde der Name Denali favorisiert, was in der Sprache der athabaskischen Ureinwohner soviel heißt wie "Der Hohe". Für McKinley machte sich – wie oben erwähnt – vor allem der Bundesstaat Ohio stark, wo der durch einen Attentäter ermordete Präsident William McKinley herstammte. Der wiederum verdankte die Benennung des Sechstausenders dem Goldgräber William Dickey, der damals, Ende des 19. Jahrhunderts, in Alaska unterwegs war und McKinley verehrte. Dickeys zunächst inoffizielle Benennung wurde 1917 von den Bundesbehörden übernommen und damit offiziell (Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung)
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Video:
"Ich glaub' mich knutscht ein Elch!" – Elche an der Denali Park Road
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KATMAI PENINSULA
Bärenhunger auf Lachs
Bären sind die ungekrönten Könige der Tierwelt Alaskas. Zu den schönsten Naturerlebnissen gehört deshalb das bear watching auf der Katmai-Halbinsel im Südwesten. Das riesige unbewohnte Gebiet ist nur mit dem Boot oder dem Wasserflugzeug erreichbar. Dort gibt es unzählige große und kleine Flüsse, in denen Millionen von Lachsen zu ihren Laichplätzen schwimmen. Ein Schlaraffenland für Meister Petz, der hier fette Beute machen und seinen Bärenhunger stillen kann.
In Homer auf der benachbarten Kenai-Halbinsel werden geführte Touren zu den Fischgründen der Katmai-Bären angeboten. Klassiker dabei ist der Flug nach Brooks Camp, wo im Juli und September teils Hunderte Menschen auf einer Flussbrücke stehen und den Bären beim Fischen zuschauen. Es geht aber auch individueller: Emerald Air Service fliegt kleine Gruppen von Touristen während der gesamten Saison über da hin, wo die Bären gerade sind. Denn sie wandern umher und Emerald mit ihnen. Wegen des großen logistischen Aufwands ist bear watching auf Katmai ein teurer Spaß – es kann 600 Dollar und mehr kosten. Aber kaum irgendwo sonst gewährt Alaska so faszinierende Einblicke in seine Tierwelt.
Reportage (Radio hr4, 05.03.2011; rbb-INFOradio, 02.06.2011):
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[Atmo: startendes Wasserflugzeug]
Mit einem Wasserflugzeug starten wir vom Beluga Lake in Homer. Wir überqueren die Meeresbucht Cook Inlet, rechter Hand zwei schneebedeckte Vulkane. Nach gut einer Stunde erreichen wir die Katmai-Halbinsel. Unser Pilot legt eine butterweiche Landung hin.
[Atmo: landendes Wasserflugzeug]
Schon beim Aussteigen sehen wir unseren ersten Bär. Trotz der Entfernung von rund hundert Metern erkennen wir, dass es sich um einen ziemlich großen Burschen handelt.
[O-Ton Dave Bachrach:]
"The bears that we're gonna see ...
Die Bären, die wir heute sehen werden, sind Braunbären, sagt Dave Bachrach, unser Guide. Zu den Grizzlys im Denali-Nationalpark gibt es keinen genetischen Unterschied, aber sie sind größer, weil sie sich von Lachsen ernähren. Im Denali gibt's keine Lachse.
… to salmon like these do."
Unser pelziger Freund durchkämmt gerade das Gestrüpp nach süßen Früchtchen, denn Bären ernähren sich auch von Beeren, nicht nur von Lachsen. Da Eiweiß und Fett, hier Kohlenhydrate – so ausgewogen, als hätten sie ihren eigenen Ernährungsberater. Der Mensch allerdings, versichert Dave, steht nicht auf ihrem Speiseplan. Deswegen hat unser Guide auch kein Gewehr dabei.
[O-Ton Dave Bachrach:]
"Typically, when brown bears attack ...
Braunbären greifen nur an, um sich zu verteidigen – wenn wir sie überraschen oder erschrecken. Hier draußen können wir sie beobachten, und sie können uns sehen und riechen aus angemessener Entfernung. Hier wissen sie schon, dass wir da sind.
... know that we're here."
Wir sollen allerdings immer als Gruppe zusammenbleiben, wenn wir in ihrer Nähe sind, keine hastigen Bewegungen machen und beim Fotografieren nicht blitzen.
[Atmo: Klicken der Kameras]
Die Kameras sind ab sofort im Dauerbetrieb. Denn Bären gibt es hier im Überfluss. Von einer Anhöhe über dem Moraine Creek können wir sie aus kaum 20 Meter Entfernung beobachten. Zwei junge Bären balgen sich um einen Lachs, der Sieger schleppt seine Beute ans Ufer und verschlingt den noch zappelnden Fisch vor unseren Augen. Dabei ist er so gierig auf sein Frühstück, dass er von uns überhaupt keine Notiz nimmt. Ebenso wie alle anderen Bären, denen wir im Laufe des Tages immer dichter auf den Pelz rücken.
[O-Ton Touristin:]
"It is really marvellous. So many bears and so little people. And such a huge country. It is very special."
Es ist fantastisch, meint diese Tour-Teilnehmerin. So viele Bären und so wenig Menschen. Dazu so ein weites Land – etwas ganz Besonderes. Und eine andere Dame findet es aufregend, so nah bei ihnen zu sein, ohne sich gegenseitig zu stören.
[O-Ton Touristin:]
"It was exhilarating. To be so close to them, stand side by side without bothering each other."
Doch ein solches Refugium für Bären ist auch in Alaska keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Mensch engt den Lebensraum der Tiere zusehends ein. Unser Tourguide, ein engagierter Naturschützer, macht sich deshalb so seine Gedanken:
[O-Ton Dave Bachrach:]
"They're an indicator species …
Sie sind eine Indikator-Art. In Kalifornien gab's mal 10.000 Grizzlys, der einzige, der noch übrig geblieben ist, ist der auf der kalifornischen Flagge. Bären sind sehr leicht auszurotten, sie vermehren sich sehr langsam, sie brauchen viel Nahrung, und es ist sehr leicht für uns Menschen, ihnen das alles wegzunehmen.
… to take that away from them."
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Video:
"Nicht so verbissen sehen!" – junge Bären balgen sich
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Gletscher (wen wundert's?) gibt es zuhauf in Alaska. Hunderte, vielleicht sogar Tausende. Kleine, mittlere und große. Zu den größten zählt der Columbia-Gletscher in den Chugach Mountains, unweit der Hafenstadt Valdez. Der Eisriese mit einer Oberfläche von mehr als 1.100 Quadratkilometern (Stand 2010, Tendenz fallend) gehört zu den so genannten Gezeiten-Gletschern, denn er streckt seine Zunge in eine Meeresbucht des Prince William Sound hinein. Mit dem ständigen Wechsel von Ebbe und Flut werden Teile der Gletscherfront ausgeschwemmt und treiben in die Bucht hinein. Unzählige Eisschollen schwimmen dort herum und bilden das Ensemble für ein Naturschauspiel, dessen Dramatik durch den Klimawandel noch zugenommen hat. Wer es hautnah erleben will, tut dies am besten vom Paddelboot aus. In Valdez werden geführte Touren angeboten zu einer Art Kanuslalom um Eisschollen herum.
Reportage (Radio hr4, 05.03.2011; rbb-INFOradio, 02.06.2011):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
"So today we're all gonna using the same paddle ..."
Tourguide Sam Owen gibt noch letzte Anweisungen, wie wir das Paddel halten sollen, wenn es nachher ernst wird. Aber so weit sind wir noch nicht. Erst einmal besteigen wir ein Motorboot, das uns hinaus zur Columbia Bay bringt.
[Geräusch: Motorboot]
Rund anderthalb Stunden dauert die Fahrt durch den Meeresfjord, der Valdez vom eigentlichen Prince William Sound trennt. Unterwegs beobachten wir Seelöwen, die lässig auf einer Boje liegen. Als wir uns der Columbia Bay nähern, begegnen uns die ersten Eisschollen, und bald wird das Treibeis so dicht, dass für das Motorboot kein Durchkommen mehr ist. Wir steigen in die mitgebrachten Kajaks um, und Sam erklärt uns, wo das viele Eis herkommt:
[O-Ton Sam Owen:]
"First of all, Columbia Glacier ...
Erstens mal ist der Columbia-Gletscher der größte Gezeiten-Gletscher im Prince William Sound, außerdem schmilzt er am schnellsten von allen. Nachdem, was ich zuletzt gehört habe, brechen dreizehn Meter Eis pro Tag ab, manche sprechen sogar von gut dreißig Metern. Und die Front ist acht Kilometer breit. Dann versteht man, warum so viel Eis im Wasser schwimmt. Und das geschieht jeden Tag.
… happens every single day."
Obwohl er häufig hierher kommt, ist es für Sam gar nicht so einfach, den richtigen Kurs durch das Eislabyrinth zu finden.
[O-Ton Sam Owen:]
"Basically, what’s happening …
Was gerade passiert, all diese Eisschollen werden vom Meeresgrund aufgeschwemmt und geraten in Bewegung. Das wiederholt sich jeden Tag aufs Neue. Da muss man wirklich vorsichtig sein. Wenn man sich zu weit hineinwagt, kann es passieren, dass später der Rückweg versperrt ist. Dann muss man einen neuen Weg suchen, das kann manchmal lange dauern.
… sometimes it takes a while."
Gemütlich lassen wir die Kajaks durch das eiskalte Wasser gleiten. Über uns ein stahlblauer Himmel, die Eisschollen glitzern im hellen Sonnenschein. Alaska präsentiert sich von seiner allerschönsten Seite.
[O-Töne Paddler:]
"Ja, super, sehr schön."
"It’s lovely, it’s beautiful."
Der Columbia-Gletscher selbst ist noch meilenweit entfernt und aus unserer Perspektive kaum zu erkennen. Erst als wir eine Paddelpause einlegen und eine der seitlichen Moränen besteigen, können wir ihn sehen. Und es raubt uns fast den Atem:
[Atmo Paddler:]
"Boah, amazing!"
Nach der Pause will Sam uns noch Bären zeigen, die am Ufer der Bucht auf Lachsfang gehen. Zwei Stunden lang paddeln wir die Küste entlang, aber Meister Petz lässt sich nicht blicken. Dafür entdecken wir das Wappentier der USA, den Weißkopfseeadler. Auch er hat Appetit auf frischen Fisch. Erst am späten Nachmittag bringt uns das Motorboot wieder nach Valdez zurück. Ein wunderbares Erlebnis, da sind sich alle Paddeltour-Teilnehmer einig, und gar nicht mal sooo anstrengend.
[O-Ton Paddlerin:]
"In the beginning I got a backache but then we got out of the boat and then I’m fine now, just a little stretching of the legs."
Ihr tat nur zu Anfang der Rücken weh und jetzt muss sie die Beine ein bisschen strecken. Sonst fühlt sie sich gut. Wir alle werden morgen wahrscheinlich einen kleinen Muskelkater haben, aber das war es allemal wert!
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Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Alaska ein vergessenes Land, irgendwo weit weg am Polarkreis. Zwar hatten die Amerikaner es 1867 von den Russen gekauft, überließen es dann aber weitgehend sich selbst. Erst als dort Gold entdeckt wurde, rückte die ungeliebte Region in den Mittelpunkt des Interesses. Den größten wirtschaftlichen Schub jedoch erlebte Alaska nicht durch den Goldrausch, sondern durch die Entdeckung von gewaltigen Kupfervorkommen in den Wrangell Mountains. Im Zeitalter der Elektrifizierung war das "Rote Gold" von unschätzbarem Wert. Deshalb wurde mit Unterstützung millionenschwerer Investoren 1911 eine Eisenbahnlinie vom Hafenort Cordova an der Südküste bis hinauf in die Berge gebaut, um den Kupferabbau in großem Stil betreiben zu können. Die Mine am Fuße des Kennicott-Gletschers und das dazugehörige Hüttenwerk beschäftigten Tausende von Arbeitern. Um die alle unterzubringen, entstand ein paar Meilen flussabwärts der Ort McCarthy. Er entwickelte sich zum Sündenbabel voller Spelunken und Freudenhäusern, in denen die Minenarbeiter ihr sauer verdientes Geld verjubeln konnten.
Doch Ende der Dreißiger Jahre ging das Kupfererz zur Neige, die Mine wurde geschlossen. Kennecott und McCarthy mutierten zu Geisterstädten. Erst 1998 übernahm der Wrangell-St.-Elias-Nationalpark Kupferhütte, Kraftwerk und etliche Gebäude von privaten Eigentümern, um sie Touristen zugänglich zu machen. Mit seiner liebevoll konservierten bzw. restaurierten Wildwest-Romantik ist der verkehrsberuhigte Doppelort heute ein beliebtes Reiseziel. Und die Erben des Kupferrausches leben nicht schlecht davon.
Reportage (Radio hr4, 05.03.2011; rbb-INFOradio, 02.06.2011):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Ma Johnsons's Hotel würde eine gute Western-Kulisse abgeben. Das Relikt aus den Dreißiger Jahren ist für viele die erste Adresse, wenn sie McCarthy nach stundenlanger holpriger Fahrt über die ehemalige Eisenbahntrasse erreicht haben. Nicht nur außen, auch innen hat das Hotel viel vom alten Charme bewahrt:
[O-Ton Neil Darish:]
"It's known as a living museum …
Es ist ein lebendes Museum. Die Bettgestelle stammen aus verschiedenen Privathäusern oder aus dem Krankenhaus in Kennecott, erzählt Mitinhaber Neil Darish. Wir wollten so viel wie möglich wiederverwerten. Die Räume sind relativ klein im Vergleich zu neueren Hotels, nicht alle haben ein eigenes Bad, es gibt zum Beispiel auch keine Steckdosen in den Zimmern. Aber es ist eben als würden Sie bei Freunden übernachten statt im Hotel. Obwohl es ein modernes Haus ist, fühlen Sie sich zurückversetzt in eine andere Zeit.
… feel like a genuine step back in time."
Und das gilt für ganz McCarthy. Selbst halb verfallene Bruchbuden und rostige Autowracks im Ortsbild können den positiven Gesamteindruck nicht trüben.
(O-Töne Touristen:)
"Es erinnert einen 'n bisschen an den Wilden Westen und das ist halt die Alaska-Lebensart hier. Man ist frei, man macht, was man will, man lässt die Sachen auch mal 'n bisschen rumliegen. Aber es gibt wunderschöne Ecken, es gibt wunderschöne Blumen hier, der Saloon ist um die Ecke, also we will take it, as it is."
"Es ist absolut faszinierend. Es ist hier wirklich, wie wenn man in einer Geisterstadt ist, die aber gleichzeitig lebt sozusagen. Man wird zurückversetzt um hundert Jahre irgendwie. Es ist einfach faszinierend, traumhaft schön und unbeschreiblich irgendwo."
Vor hundert Jahren war von Romantik allerdings wenig zu spüren. Das erfahren wir bei einem Rundgang auf dem Gelände der ehemaligen Kupfermine in Kennecott. Es wurde rund um die Uhr geschuftet, nur an Weihnachten und am Nationalfeiertag standen die Räder still. Die Arbeiter erhielten zwar recht hohe Löhne, berichtet Minenführerin Molly Davis, aber sie führten auch ein raues und hartes Leben. Mit am schlimmsten sei der nie endende Lärm gewesen:
[O-Ton Molly Davis:]
"Imagine, it's your first day ...
Stellen Sie sich vor, sie sind den ersten Tag hier, die erste Nacht, Sie versuchen zu schlafen. Und die ganze Zeit hören Sie den Lärm aus dem Hüttenwerk, die ratternden Maschinen. Das war schon gewöhnungsbedürftig.
... an adjustment period."
Aber längst ist es still geworden, der Kupferrausch Geschichte, der Doppelort Kennecott/McCarthy ein letzter Außenposten der Zivilisation. Und ausgerechnet hier finden Touristen ein Restaurant der Extraklasse, wo zum abendlichen Dinner Menüs bis zu 20 (!) Gängen aufgetischt werden. In der traditionsreichen McCarthy Lodge, gleich gegenüber von Ma Johnson's Hotel, steht Spitzenkoch Joshua Slaughter am Herd und sorgt für Gaumenkitzel nach Alaska-Art.
[O-Ton Neil Darish:]
"All the salmon we've ever …
Sämtlicher Lachs, den wir hier servieren, ist roter Lachs aus dem Copper River, führt Gastronom Neil Darish als Beispiel an. Er legt den längsten Weg von allen Lachsen zurück, und er hat den höchsten Fettgehalt. Richtig zubereitet, zergeht er auf der Zunge, und unser Küchenchef weiß genau, was zu tun ist. Wenn sie davon gekostet haben, merken unsere Gäste, das ist was ganz Besonderes.
… really special going on there."
Aber so ein 20-Gänge-Menü muss erst mal verdaut werden. Da genehmigen wir uns doch einen Whisky gleich nebenan im Saloon und lassen die Wildwest-Atmosphäre von McCarthy so richtig auf uns wirken.
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Was für den Rest der USA der Super Bowl, das Endspiel um die Football-Meisterschaft, ist für Alaska das Iditarod Sled Dog Race – nämlich das größte sportliche Ereignis des Jahres.
Dieses längste Hundeschlittenrennen der Welt erinnert an den Iditarod Trail, einen historischen Postweg vom Hafenort Seward im Süden zur ehemaligen Goldgräbersiedlung Nome im Nordwesten. Das Spektakel startet am ersten Märzwochenende in Anchorage, dauert mindestens neun Tage und führt fast tausend Meilen weit durch die verschneite Wildnis Alaskas bis nah an den Polarkreis heran. Dabei stellt es höchste Anforderungen an Mensch und Tier. Kein Wunder also, dass die Athleten schon im Sommer kräftig trainieren müssen, auch wenn der Schlitten dann mangels Schnee durch eine Kutsche ersetzt werden muss.
In Seward, am Ausgangspunkt des historischen Trails, züchtet der frühere Iditarod-Sieger Mitch Seavey seinen Schlittenhunde-Nachwuchs heran. Dort kann man den jungen Alaskan Huskies beim Sommertraining zuschauen und sogar selbst bei einer Trainingsrunde mitfahren.
Reportage (Radio hr4, 05.03.2011):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
[Atmo: Hundegebell]
Mit freundlichem Gebell werden wir begrüßt. An die sechzig junge Huskys wissen genau, was jetzt kommt: Gassi-Gehen im Schnellzugtempo. Und alle können es kaum erwarten. Aber nur dreizehn von ihnen werden vor den Schlitten gespannt.
[O-Ton: Tim Pope:]
"You know sometimes ...
Manchmal, wenn wir vom Hof fahren, fangen alle an zu heulen. Ohh! Nehmt mich mit, nehmt mich mit! Aber keine Sorge, die kommen alle mal dran, bis zu sechsmal am Tag werden sie trainiert.
... plenty of exercise."
Unser Tourguide Tim Pope trainiert selbst für das Iditarod-Rennen und will 2012 erstmals teilnehmen. Aber er weiß, ohne die tierischen Athleten geht nichts, drum muss er sie schon früh auf ihre gemeinsame große Aufgabe vorbereiten.
[O-Ton Tim Pope:]
"Well, the puppies …
Wenn die Welpen ein Jahr alt sind, legen wir ihnen zum ersten Mal Zaumzeug an. Dann kommen sie in eine Trainingsgruppe. Das beste Athletenalter für Hunde liegt zwischen drei und acht. Ich hab auch schon zehnjährige Hunde beim Iditarod gesehen, aber die sind nicht mehr schnell genug, mit zehn Jahren schaffen sie keine tausend Meilen mehr.
… just too far for 'em."
Um den Schnee-Marathon überhaupt laufen zu können, brauchen sie täglich bestes Hundefutter, angereichert mit Fett, Vitaminen und Mineralien. Im Winter bekommen sie die doppelte Menge, während des Rennens sogar die dreifache.
[O-Ton Tim Pope:]
"These guys burn …
Die verbrennen bis zu 15.000 Kalorien am Tag – und dabei wiegen sie nur 50 Pfund. Manche Kreuzfahrt-Touristen versuchen diese Marke zu übertreffen, aber selbst die schaffen es nicht.
… can't even quite make it."
[Atmo:]
"One, two, three, allright!"
Und dann starten wir endlich. Zur Trainingsrunde auf dem gut drei Kilometer langen Parcours. Natürlich hat der "Schlitten" keine Kufen, sondern Räder, und außer Tim, unserem "Musher", können sechs Personen mitfahren. Doch die jungen Hunde rennen drauflos, als gälte es jetzt schon, den begehrten Pokal zu holen.
[O-Ton Tim Pope:]
"A lot of people ask us …
Viele Leute fragen uns, was wir tun müssen, damit die Hunde rennen. Ich hab’ keine Ahnung, ehrlich gesagt. Das Rennen liegt ihnen im Blut, sie lieben es einfach. Seit Tausenden von Jahren sind sie darauf abgerichtet, es macht ihnen Spaß. Denken Sie an einen Retriever, den können Sie nicht davon abhalten ins Wasser zu springen. Unsere Hunde wollen einfach rennen.
… our dogs just wanna run."
Auf halber Strecke gönnt er ihnen eine kurze Verschnaufpause, sie sollen sich ja nicht zu sehr verausgaben. Dennoch sind wir bereits nach einer knappen Viertelstunde wieder zurück im Zwinger.
[Atmo:]
"Hoh, hoh!"
Erschöpft, aber glücklich sehen sie aus, die jungen Athleten. Und wer weiß – vielleicht sind sie ja die künftigen Iditarod-Champions…
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ANCHORAGE
Kulturschau der Ureinwohner
Trotz Gold- und Kupferrausch: Die (weiße) Besiedelung von Alaska kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg so richtig in Gang. Die Amerikaner hatten die strategische Bedeutung ihres Territoriums am Ende der Welt erkannt und gründeten mehrere Militärbasen. Tausende von Soldaten mit ihren Familien sorgten für einen rapiden Einwohnerzuwachs. Die Ureinwohner, Indianer und Eskimos, wurden bald zur Minderheit im eigenen Land. Heute stellen sie gerade mal ein Sechstel der Bevölkerung. Fast die Hälfte von ihnen wohnt in den Städten und hat sich dem westlichen Lebensstil weitgehend angepasst. Eine knappe Mehrheit der Ureinwohner aber lebt noch immer weit verstreut in den entlegensten Winkeln des Landes, wo sie ihre angestammten Sprachen sprechen und ihre oft Jahrtausende alten Traditionen pflegen. Doch kaum ein Tourist verirrt sich je dorthin. Viel zu teuer wäre es und viel zu zeitaufwändig. Häufig gibt es keine Straßenverbindungen, keine Hotels, nicht mal einen Campingplatz.
Wer sich trotzdem über die unterschiedlichen Kulturen der Ureinwohner informieren will, hat im Alaska Native Heritage Center reichlich Gelegenheit. Das Zentrum in der größten Stadt Anchorage ist eine Art lebendiges Freilichtmuseum, wo Angehörige der verschiedenen Volksgruppen Einblicke in ihre traditionellen Lebensweisen gewähren. Und alle sind vertreten: von den Inupiat ganz im Norden über die Tlingit ganz im Süden bis hin zu den Aleuten im äußersten Westen Alaskas.
Reportage (Radio hr4, 20.08.2011):
[zum Anhören klicken: komplette Reportage]
Die Folklore-Gruppe von den Aleuten sagt musikalisch "Danke fürs Kommen". Die Menschen von der Inselkette im meist sturmgepeitschten Nordpazifik tragen pelzverzierte Mützen und bunte Gewänder mit zahllosen Troddeln. Nach der Show werden sie die traditionellen Kostüme wieder gegen Jeans und Pullover eintauschen. Das 21. Jahrhundert macht auch vor den Ureinwohnern Alaskas nicht halt:
[O-Ton Harold Wilson:]
"It's very hard not to go modern …
Es ist sehr schwer sich der modernen Zeit zu entziehen, gibt Harold Wilson, unser junger Museumsführer, zu. Wir haben natürlich Gewehre, Geländewagen, Schneemobile, aber unser Leben ist immer noch wie früher auf Jagen und Fischen ausgerichtet. Abgepackte Lebensmittel aus dem Supermarkt können sich viele von uns gar nicht leisten, weil der Transport in die abgelegenen Siedlungen die Kosten in die Höhe treibt. Deshalb sind die Menschen noch heute in verschiedenen Regionen Alaskas auf natürliche Ressourcen angewiesen.
... resources in the different regions."
Harold selbst gehört wie sein Vater dem Volk der Athabaska-Indianer an, die in Zentralalaska zu Hause sind. Aber seine Mutter entstammt einem Eskimo-Volk im hohen Norden. Die Inupiak gehen noch traditionell auf Walfang. Nicht zu kommerziellen Zwecken, sondern zur Selbstversorgung.
[O-Ton Harold Wilson:]
"The bowhead whale …
Der Grönlandwal zum Beispiel liefert rund sechzig Tonnen Fleisch, genug für ein ganzes Dorf. Die Haut wird separat verwertet. Das Fleisch wird gebraten, zu Eintopf verarbeitet oder sogar roh gegessen. Auch das Öl wird verwertet, als Lebertran, das ist sehr gesund, und um das Fleisch zu konservieren. Es dient auch als Stippsoße – wie Ketchup. Deshalb ist es ungeheuer praktisch Wale zu jagen, wie unsere Vorfahren es schon vor Tausenden von Jahren gemacht haben.
… for thousands of years."
Im Native Heritage Center sind die Kajaks und Geräte zum Jagen und Fischen ausgestellt. Harold und seine Kollegen führen vor, wie sie benutzt werden. Aber nicht nur die materielle Seite der verschiedenen Kulturen, sondern auch die spirituelle wird gezeigt. Sinnbild dafür ist ein zwölf Meter hoher Totempfahl der Eyak-Indianer. Ein geschnitztes Kunstwerk, das die Weltanschauung eines ganzen Familienverbandes widerspiegelt:
[O-Ton Harold Wilson:]
"At the very top …
An der Spitze haben wir den Familienältesten. Darunter sehen wir seinen Neffen in ehrerbietiger Haltung. Noch heute haben wir hohen Respekt vor den Älteren, weil wir von ihnen lernen können. In seinen Händen hält der Neffe den Deckel zur Büchse der Weisheit, die wir zu seinen Füßen sehen. Unter der Büchse der Weisheit sind die beiden Vögel der Liebe, der Adler und der Rabe. Das bedeutet, dass Heiraten nur zwischen verschiedenen Clans erfolgen sollen, um Inzest zu vermeiden. Ganz unten die beiden Kinder sollen ausdrücken, dass die Kultur an die junge Generation weitergegeben wird, damit sie fortbesteht.
… the culture will survive."
Und diesem Ziel hat sich auch das Native Heritage Center verschrieben. Deshalb hofft Harold Wilson, dass möglichst viele Menschen das Museum in Anchorage besuchen. Dann will er sie herzlich begrüßen, in der Sprache der Athabasken:
[O-Ton Harold Wilson auf Athabaskisch:]
"How are you today? ... I'm fine."
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